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Venatrix

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Veröffentlicht am 21.03.2021

Einblick in die unbekannte Welt der chassidischen Juden

Eine ganze Welt
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Autorin Goldie Goldblum lässt uns mit diesem Roman in eine fremde Welt eintauchen: in die Lebenswelt der orthodoxen Juden.

Surie Eckstein, geachtete Ehefrau eines Rabbis in Brooklyn, zehnfache Mutter, ...


Autorin Goldie Goldblum lässt uns mit diesem Roman in eine fremde Welt eintauchen: in die Lebenswelt der orthodoxen Juden.

Surie Eckstein, geachtete Ehefrau eines Rabbis in Brooklyn, zehnfache Mutter, Großmutter von 32 Enkeln und angehende Urgroßmutter, erfährt mit 57 Jahren, dass sie mit Zwillingen schwanger ist. Ein Schock für die Frau, die eine Brustkrebserkrankung überstanden hat. Obwohl sie eine gute und liebevolle Beziehung zu ihrem Mann Ydel hat, verheimlicht sie die Schwangerschaft.

Val, die Hebamme, wird ihr zur großen Stütze und ermuntert Surie als Dolmetscherin auf der gynäkologischen Station des Krankenhauses zu arbeiten. Wieso also Dolmetscherin? Die strenggläubigen Frauen sprechen nur jiddisch, manche ein paar Brocken englisch. Sie dürfen nur eingeschränkt ihre Wohnungen verlassen und bewegen sich ausschließlich in ihren eigenen orthodoxen Kreisen.

Durch die Arbeit im Krankenhaus öffnet sich für Surie eine neue Welt, die sie einerseits fasziniert und die ihr andererseits auch Angst macht.

Meine Meinung:

Goldie Goldblum entführt ihre Leser in eine bizarre Welt der Ver- und Gebote.
Chassidische Juden müssen extra strenge Regeln befolgen bzw. fragen wegen jeder Kleinigkeit den Rabbi, ob erlaubt oder nicht erlaubt.

Den Mädchen wird häufig weiterführende Schulbildung verwehrt. Sie sollen sich um die Familie kümmern, mehr braucht es nicht. Doch auch die Jungs haben es nicht leicht, wie das Beispiel von Suries Sohn Lipa zeigt. Er ist schwul, hat AIDS und wird aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Selbst nach seinem Tod darf sein Name nicht mehr genannt werden. Er gilt als Schande für die Familie, die auf ihre Reputation bedacht ist. Surie erfährt lediglich durch ihre alte, blinde Schwiegermutter so etwas wie Anteilnahme.

Der Schreibstil ist eindringlich, sorgt manchmal für Staunen, Kopfschütteln und Wut. Wut deshalb, weil ich Fanatismus und Orthodoxie in jeder Form ablehne. Ich beschäftige mich schon länger mit den unterschiedlichen Richtungen innerhalb des Judentums. Frauen werden häufig nur als Gebärmaschinen gesehen. Je mehr Kinder, desto besser. Das stärkt das Ansehen der Männer. Wenn man die vielen Vorschriften für das Eheleben kennt, wundert es nicht, dass fast jeder Beischlaf zu einer Schwangerschaft führt und zehn, zwölf Kinder eher die Regel als die Ausnahme.

Ich lebe in Wien und bin in der Leopoldstadt, jenem Bezirk mit den meisten jüdischen Einwohnern, aufgewachsen. Regelmäßig begegne ich jüdischen Familien. Den Frauen, die mit kaum 20 Jahren schon vier, fünf Kinder geboren haben, die aufgrund der strengen Kleiderordnung und den Perücken sofort als orthodoxe Juden identifizierbar sind und ihren Männern, die entweder doppelt oder dreifach so alt sind wie die Frauen selbst, oder ähnlich jung sind. Auch leicht zu erkennen an ihren Kniebundhosen, den weißen Strümpfen, den Schläfenlocken und dem mit Biberpelz besetzten großen Hut.

Mich hat das Buch sehr berührt, zumal ich am Vortrag eine Doku über jüdische Frauen in Israel gesehen habe, die sich scheiden lassen wollten und denen ihre Männer dieselbe aus unterschiedlichen Gründen verweigern.

Deborah Tannens Buch „Unorthodox“ wartet noch darauf gelesen zu werden, was ich nun angehen werde.


Fazit:

Ein interessanter Einblick in eine unbekannte Welt. Gerne gebe ich diesem Roman 5 Sterne.

Veröffentlicht am 20.03.2021

Fesselnd bis zur letzten Seite

Das Grab in den Schären
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Dieser 10. Fall für Thomas Andreasson ist für mich der erste aus dieser Reihe. Von der Autorin habe die beiden weihnachtlichen Kurzkrimis „Weihnachten auf Sandhamn“ gelesen, die mir nicht so gut gefallen ...

Dieser 10. Fall für Thomas Andreasson ist für mich der erste aus dieser Reihe. Von der Autorin habe die beiden weihnachtlichen Kurzkrimis „Weihnachten auf Sandhamn“ gelesen, die mir nicht so gut gefallen haben. Der Klappentext zu diesem Krimi hat mich verführt, das Buch zu lesen.

Worum geht’s?

Auf Telegrafenholmen, einer der Schäreninseln, werden Skelettteile gefunden. Leider sind nur kleine Fragmente erhalten, weil die Baufirma für die Aushubarbeiten Sprengstoff verwendet hat. Dabei sollte diese Schäreninsel überhaupt unbebaut bleiben - aber, das wäre eine andere spannende Geschichte.

Das Team um Thomas Andreasson überprüft zunächst die Vermisstenanzeigen. Tatsächlich bleiben zwei Frauen im Raster hängen: die damals 17-jährige Astrid und die 35-jährige Siri.

Während Thomas und sein Kollege Aram den Spuren der vermissten Frauen nachgehen, beginnt Staatsanwältin Nora Linde auf eigene Faust in dieser Causa zu ermitteln. An sich nicht unüblich, doch leider ist Nora aufgrund einer Belastungsstörung krankgeschrieben. Sie leidet an Albträumen, weil sie in ihrem letzten Fall versagt hat. Um ihr Gewissen zu beruhigen, versucht sie die Hintergründe zu Astrids und Siris Verschwinden herauszubekommen und begibt sich in große Gefahr. Denn es gibt jemanden, der die Zusammenhänge kennt und seit zehn Jahren eisern schweigt....

Meine Meinung:

Obwohl ich die Vorgänger nicht kenne, habe ich mich recht gut zurechtgefunden. Dennoch werde ich wohl die anderen Teile dieser Reihe „nachlesen“.

Viveca Sten präsentiert mehrere Verdächtige, doch wer ist wirklich der Täter? Und noch wichtiger, wessen Überreste hat man hier gefunden? Ist Astrid oder Siri das Opfer oder vielleicht beide?

Interessant ist der häufige Perspektivenwechsel, der uns in die unterschiedlichen Zeiten und Ereignisse eintauchen lässt. So lernen wir Siri, Astrid, Nora und Thomas sowie ihr Umfeld kennen. Dass es mit diversen Partnerschaften nicht zum Besten steht, erhöht die Spannung, die am Ende eine unerwartete Auflösung bietet.

Fazit:

Eine komplexe Geschichte, die durch mehrfachen Perspektivenwechsel bis zur letzten Seite spannend bleibt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 18.03.2021

Eine Hommage an einen großen Künstler

Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt
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Stefan Sprang hat mit diesem Buch einem beinahe Vergessenen ein Denkmal gesetzt: Joseph Schmidt, Beruf: Tenor.

Joseph Schmidt hat ein typisches jüdisches Schicksal erlitten. Geboren am 04.03.1904 in Dawideny, ...

Stefan Sprang hat mit diesem Buch einem beinahe Vergessenen ein Denkmal gesetzt: Joseph Schmidt, Beruf: Tenor.

Joseph Schmidt hat ein typisches jüdisches Schicksal erlitten. Geboren am 04.03.1904 in Dawideny, in der Bukowina, die damals Teil der Donaumonarchie war. Der Sohn jüdischer Eltern lässt sich in Berlin zum lyrischen Tenor ausbilden. Aufgrund seiner geringen Körpergröße (er ist nur 1,54m groß), bleibt ihm die große Opernkarriere verwehrt. Allerdings profitiert er vom boomenden Rundfunk und nimmt mehrere Platten auf. Joseph Schmidt hat weltweit Erfolg und zahlreiche Liebschaften.

Wie viele andere Juden unterschätzt er die Gefahr durch den NS-Staates. Anstatt Europa den Rücken zu kehren und in Amerika zu blieben, reist er wieder nach Deutschland. Dann beginnt seine Flucht über Österreich, Belgien nach Frankreich und von dort illegal in die Schweiz, wo er 1942 in einem Internierungslager stirbt.

Meine Meinung:

Die Lebensgeschichte ist gut und atmosphärisch erzählt. Manchmal lässt der Autor seinen tragischen Helden in seinen Erinnerungen ein wenig durch Zeit und Raum springen.

Sehr eindrucksvoll, fast schon poetisch, obwohl die Wirklichkeit im Schtetl alles andere als rosig ist, schildert Stefan Sprang das Leben der jüdischen Bevölkerung in Dawideny. Sehr interessant ist die enge Bindung Joseph Schmidts
zu seiner Mutter „Mamitschka“, um die er sich bis zuletzt sorgt.

Seine größten Erfolge sind bis heute unvergessen: "Ein Lied geht um die Welt", "Heut´ ist der schönste Tag in meinem Leben" oder "Ein Stern fällt vom Himmel".

Fazit:

Eine Hommage an einen fast vergessenen Künstler, der wie so viele Juden, ein Opfer des NS-Regimes wurde. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 15.03.2021

Hat mir gut gefallen

Idole sind weiblich
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Autorin und Journalistin Christine Dobretsberger hat 18 erfolgreiche Frauen aus Österreich interviewt und sie nach ihren weiblichen Vorbildern befragt. Diese achtzehn Frauen sind:

Helga Rabl-Stadler
Brigitte ...

Autorin und Journalistin Christine Dobretsberger hat 18 erfolgreiche Frauen aus Österreich interviewt und sie nach ihren weiblichen Vorbildern befragt. Diese achtzehn Frauen sind:

Helga Rabl-Stadler
Brigitte Bierlein
Emmy Werner
Elisabeth Gürtler-Mauthner
Uschi Pöttler-Fellner
Renate Holm
Erika Pluhar
Gerda Rogers
Petra Kronberger
Andrea Jonasson
Christina Schwarz
Lisl Wagner-Bacher
Maria Rauch-Kallat
Helene Klaar
Lou Lorenz-Dittlbacher
Heide Schmidt
Dagmar Schratter
Helga Kromp-Kolb

Viele dieser engagierten und innovativen Frauen Österreichs nennen ihre Mutter oder Großmutter als Vorbild, weil die in der schwierigen Zeit während des Zweiten Weltkrieges bzw. in der Zeit danach, die Familie zusammen gehalten haben.

Einigen dieser bemerkenswerten Frauen wie Dagmar Schratter, Helga Kromp-Kolb, Brigitte Bierlein, Maria Rauch-Kallat, Heide Schmidt, Erika Pluhar oder Helene Klaar bin ich auf diversen Veranstaltungen schon begegnet. Jede für sich ist eine starke Persönlichkeit und ich wünsche, dass es mehr davon gäbe.

Die 18 Porträts sind einfühlsam und einprägsam gestaltet. Daneben gibt es noch eine Auflistung zahlreicher Ehrungen, einen kurzen Blick auf die Lebensstationen und - was mit besonders gefällt - sechs Fragen, die jeder Frau gestellt werden:

Ich werde schwach bei ...
Ich tanke Kraft ...
Ich habe Angst ....
Ich werde ärgerlich bei ...
Ich glaube fest daran, dass
Ich würde mir wünschen, dass...



Fazit:

Gerne gebe ich diesen achtzehn Kurzporträts 5 Sterne.

Veröffentlicht am 15.03.2021

Provokant

Female Choice
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„FEMALE CHOICE ist ein Fachterminus aus der Biologie, der die Fortpflanzungsstrategie der allermeisten Lebewesen beschreibt.“

Nach einer längeren Einleitung stellt uns die Biologin in fünf großen Kapiteln, ...

„FEMALE CHOICE ist ein Fachterminus aus der Biologie, der die Fortpflanzungsstrategie der allermeisten Lebewesen beschreibt.“

Nach einer längeren Einleitung stellt uns die Biologin in fünf großen Kapiteln, die noch weiter unterteilt sind, ihre gewagten Thesen vor.

Meike Stoverock hat ein aufwühlendes Buch geschrieben. Es ist radikal und provoziert Männer wie Frauen. Damit geht sie augenzwinkernd („Ich ahne Ihr Augenrollen“ S. 13) und vorausschauend um und entkräftet Gegenargumente, die beim Lesen aufsteigen können.

Manches wirkt extrem und man muss nicht mit allem einverstanden sein, was sie schreibt. Die Empörung über ihr Bild von Männern und Frauen wird ebenso groß sein, wie über ihre Ablehnung der Ehe und das Nachdenken über alternative Beziehungsmodelle. Die Kritik an den diversen Religionen kann man gut nachvollziehen, da die Macht in den Glaubensfragen seit Jahrhunderten in den Händen der Männer liegt.

Doch genau in der Provokation liegt der Reiz, ihr Buch zu lesen. Es lässt sich trefflich über das Verhältnis von Männern und Frauen nachdenken und auch streiten. Damit wäre eine Strategie für das Zusammenleben wieder offen: miteinander reden, um die unterschiedlichen Sichtweisen anzugleichen.

Ein Gedanke macht besonders nachdenklich: Die Beobachtung, dass die sogenannten Incels, jene unfreiwillig zölibatär lebenden Männer, die keine (Ehe)Partnerinnen finden, in Zukunft gefährlich werden könnten. Angesichts der jahrelang propagierten Ein-Kind-Ehe in China, wo Millionen von weiblichen Föten abgetrieben worden sind, weil nur Knaben den Status der Eltern heben, und ein daher ein eklatanter Männerüberschuss = Frauenmangel herrscht, könnte es hier zu einer Änderung der Gesellschaft kommen. Eine Frau lebt mit mehreren Männern zusammen?

Eine Alternative wäre ein Krieg um die „Ressource“ Frau - auch keine schöne Vision, aber auch schon mindestens einmal dagewesen („Der Raub der Sabinerinnen“).

Fazit:

Man muss weder die Autorin noch das Buch mögen. Der eine oder andere absichtlich provokant ausgesprochene Gedanke lohnt allerdings ein Nachdenken. Für mich halten sich verstörende und interessante Statements die Waage. Restlos überzeugt hat mich das Buch nicht, daher bekommt es 3 Sterne.