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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.01.2021

Ein weihnachtlier Krimi - very british

Das Geheimnis von Dower House
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Dieser Krimi ist ein englischer Krimi-Klassiker, der vom Klett-Cott-Verlag in ansprechender Ausführung neu aufgelegt wurde.

Nigel Strangeways ist ein Hobby-Detektiv aus der besseren Gesellschaft und wird ...

Dieser Krimi ist ein englischer Krimi-Klassiker, der vom Klett-Cott-Verlag in ansprechender Ausführung neu aufgelegt wurde.

Nigel Strangeways ist ein Hobby-Detektiv aus der besseren Gesellschaft und wird von seinem Onkel, dem stellvertretenden Polizeichef Londons gebeten, ganz privat und sehr diskret einige Drohbriefen nachzugehen. Ein Unbekannter droht Fergus O‘Brien, einem hoch dekorierten Fliegerass aus dem Großen Krieg, mit dessen Ermordung am zweiten Weihnachtstag.

O’Brien, ganz Kriegsheld, will seinem zukünftigen Mörder ins Gesicht sehen und lädt alle dafür infrage kommenden in das Dower House ein. Als neutrale Beobachter soll auch Nigel anwesend sein.

Es kommt, wie es kommen muss, und O’Brien wird wie angekündigt tot aufgefunden. Was zunächst wie ein Selbstmord aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als gefinkelter Kriminalfall, bei dem allerdings ein handfestes Motiv zu fehlen scheint.

Meine Meinung:

Wer die typischen „closed room“-Krimis aus England mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Alle sind verdächtig, selbst das Spülmädchen und die calvinistische Köchin. Die Rangordnung in der Liste der Verdächtigen ändert sich mehrfach und es dauert eine geraume Weile und ein weiteres Todesopfer, bis Nigel die Vorgänge so richtig durchschaut.

Wie in diesen englischen Krimiklassikern üblich ist, gibt es exaltierte Ex-Geliebte des Opfers, beinahe bankrotte Snobs, ehemalige Militärs, die den Kommandoton noch immer nicht abgelegt haben und einen unerschütterlichen Butler.

Mir gefällt diese Art Krimis, weil man so herrlich miträtseln kann. Auch die heute übliche hektische Betriebsamkeit und „Action“ fehlt, was durch ausgefeilte Sprache durchaus wettgemacht wird. Der Schreibstil ist gehoben und mit zahlreichen lateinischen Zitaten gespickt.

Nicholas Blake ist das Pseudonym von Cecil Day-Lewis (1904–1972), der von der Queen zum Hofdichter ernannt wurde. Wie viele britische Gelehrte hat er zahlreiche Krimis geschrieben.

Fazit:

Ein ruhiger englischer Krimi-Klassiker, dem ich gerne 4 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 17.01.2021

Von den Anfängen der Kinderheilkunde

Kinderklinik Weißensee - Zeit der Wunder (Die Kinderärztin 1)
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Marlene und Emma Lindow wachsen nach dem Tod ihrer Mutter in einem Waisenhaus auf, denn der Vater der Mädchen ist unbekannt. Anders als in vielen ähnlich gelagerten Fällen werden die Schwestern nicht ...

Marlene und Emma Lindow wachsen nach dem Tod ihrer Mutter in einem Waisenhaus auf, denn der Vater der Mädchen ist unbekannt. Anders als in vielen ähnlich gelagerten Fällen werden die Schwestern nicht getrennt und dürfen sogar das Abitur ablegen. Eine eher ungewöhnliche Vorgangsweise, die auch während ihrer Ausbildung zu Kinderkrankenschwestern zu allerlei Spekulationen Anlass gibt. Ist vielleicht der Chef der neu eröffneten Kinderklinik der Vater?

Meine Meinung:

Dieser historische Roman lässt sich leicht und flüssig lesen. Man fliegt als Leser nur so durch die Seiten. Die Autorin hat penibel recherchiert, denn die Kinderklinik gab es von 1911 bis 1977 wirklich.

Was ich interessant finde ist, dass die Ausbildung zur Kinderkrankenschwester nur wenige Wochen umfasst und die Prüfung gerade einmal eine Stunde dauert. Das erscheint ein wenig unglaubwürdig. Doch wer weiß, vielleicht war es wirklich so, zumal einige der jungen Frauen ja eher einen Ehemann als eine Anstellung suchen.

Geschickt verquickt die Autorin die Lehr- und Lerninhalte in die Handlung. So erhalten wir Einblick in die damaligen Behandlungsmethoden.

Gut gelungen sind die Charaktere der beiden Schwestern. Die ältere, Marlene, die, als die Mutter starb, schon mit sechs Jahren die Verantwortung für ihre jüngere Schwester übernommen hat, ist die zielstrebigere der beiden. Marlene will unbedingt Kinderärztin werden und das in Berlin, wo erst seit 1908 Frauen zum Medizinstudium zugelassen worden sind. Für ihren Traum arbeitet sie hart.

Emma hingegen hat nicht so hochfliegende Pläne. Sie findet heraus, dass Spiele, Denksportübungen und Kuscheltiere die Ängste der Kinder vor dem Krankenhaus mildern können. Hier ist sie zu Hause und gut aufgehoben.

Die persönlichen Gefühle bzw. Liebschaften sind mir persönlich einen Hauch zu Platz greifend. Hier hätte es ein wenig weniger auch getan.

Gut herausgearbeitet sind die Intrigen zwischen den Elevinnen. Doch auch die eine oder andere ausgelernte Schwester scheint nicht immun gegen Eifersüchteleien zu sein. Guter Geist ist der Pförtner, der manchmal ein Auge zudrückt, wenn Emma oder Marlene es mit dem Ausgang nicht ganz so genau nehmen.

Nicht vernachlässigt wird auch der Standesdünkel, der viele plagt und die wechselnden Koalitionen zwischen den Schülerinnen. Stellenweise ist dieser historische Roman ziemlich sozialkritisch, was mir gut gefällt.

Im Laufe der Zeit erfährt der Leser, wer und warum die schützende Hand über die Schwestern gehalten hat. Doch das Geheimnis, wer der Vater von Marlene und Emma ist, wird vielleicht erst im nächsten Band gelüftet.

Fazit:

Ein gelungener historischer Roman, der in einer Zeit des Umbruchs spielt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 16.01.2021

Penibel recherchiert und grandios erzählt

Krone der Welt
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„Krone der Welt“ ist ein opulenter historischer Roman, der in vier Teilen erzählt wird. Beginnend in den Jahren 1585/88 endet er 1617 just vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieg (1618-1648). Schauplatz ...

„Krone der Welt“ ist ein opulenter historischer Roman, der in vier Teilen erzählt wird. Beginnend in den Jahren 1585/88 endet er 1617 just vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieg (1618-1648). Schauplatz ist Amsterdam. Es ist die Zeit der Glaubenskriege, in der sich Katholiken und Calvinisten bis aufs Blut bekämpfen. Doch nicht der Glaube spielt eine Rolle, sondern auch handfeste wirtschaftliche Gründe befeuern die Grausamkeiten. England und Spanien kämpfen um die Vorherrschaft auf See und die Franzosen wechseln immer wieder die Seiten. Schlechte Ernten lassen die Menschen verarmen.

So ist auch Wim Ardzoon, ein bekannter Architekt in Antwerpen, betroffen. Er verliert sein Haus und muss mit seinen drei Kindern, Ruben, Vincent und Betje nach Amsterdam fliehen. Dort wird er, als er endlich Fuß gefasst ermordet. Für die Kinder beginnt eine ungewisse Zeit, die sie zum Teil im Waisenhaus verbringen müssen. Vincent , der älteste will wie sein Vater Architekt werden, Ruben träumt von der Seefahrt und Betje wird zur Köchin ausgebildet.

Immer wieder kreuzen die alten Widersacher den Weg der Kinder. Manchmal versteckt, manchmal offen. Liebe, Hass, Intrigen und Lügen sowie die ewig schwärenden Religionskonflikte machen dem Trio das Leben in Amsterdam nicht leicht. Dennoch schaffen sie es, sich durchzuschlagen und mit mancher unerwarteter Unterstützung sowie wie Fleiß und Rechtschaffenheit, ihren Weg zu gehen.

Meine Meinung:

Der historische Roman schildert das Leben der Menschen während des ausgehenden 16. bzw. Des beginnenden 17. Jahrhunderts. Mittelpunkt sind die Lebensgeschichten des Trios und die Entwicklung von Amsterdam, die eng mit dem aufstrebenden Architekten Vincent verknüpft ist.

Wie wir es von Sabine Weiß gewöhnt sind, verbindet sie Fakten und Fiktion geschickt miteinander. Ihr unterschwelliger Geschichtsunterricht mag ich auch gerne, denn der Leser erfährt - so ganz nebenbei - Wissenswertes aus einer kriegerischen Epoche. Der Sieg der Engländer unter Sir Francis Drake über die Spanische Armada mag ja noch bekannt sein, die vielen anderen Scharmützel sind in der breiten Öffentlichkeit sicherlich nicht. Viele historische Fakten, wie die Gründung der Niederländischen Ostindien Company haben Auswirkungen, die Jahrhunderte anhalten. Diese historischen Ereignisse sind penibel recherchiert und gekonnt in den Roman eingeflochten.

Für alle jene, die mit den niederländischen Begriffen und dem nautischen Fachvokabular nicht so vertraut sind, gibt es im Anhang ein Glossar. Zu Beginn hilft ein ausführliches Personenverzeichnis, fiktive von historischen Personen zu unterscheiden. Zu guter Letzt findet sich auch eine Stadtplan von Amsterdam aus dem Jahre 1600.

Die Charaktere sind sehr sorgfältig herausgearbeitet, wobei die Bösen immer einen Hauch lebendiger erscheinen.

Fazit:

Ein opulent erzählter und penibel recherchierter historischer Roman, dem ich gerne eine Leseempfehlung und 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 15.01.2021

Fesselnd bis zur letzten Seite

Trümmerschatten
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Dieser Krimi spielt im Winter 1949 in und rund um Bonn, der neuen Hauptstadt des in vier Besatzungszonen geteilten Deutschlands. Das Alte und seine Gesinnungen sind noch nicht ganz weg und das Neue ist ...

Dieser Krimi spielt im Winter 1949 in und rund um Bonn, der neuen Hauptstadt des in vier Besatzungszonen geteilten Deutschlands. Das Alte und seine Gesinnungen sind noch nicht ganz weg und das Neue ist noch nicht ganz da. In diesem Spannungsfeld muss Kommissar-Anwärter Eugen Kranzel ermitteln.

Was ist passiert?

Der Lehrer eines Dorfes nahe Siegburg wird erschlagen aufgefunden. Für die Dorfbewohner (und den reaktivierten Dorfpolizisten) ist sonnenklar, dass ein Landstreicher der Täter sein muss. Weil sein Partner, der alkoholkranke Kommissar Bräuer, noch nicht eingetroffen ist, versucht sich Kranzel ein Bild zu machen, und fragt im Dorf herum. Schon bald kommen ihm und den später eintreffenden Bräuer erste Zweifel an der Theorie des Landstreichers als Täter, zumal der wie vom Erdboden verschluckt ist.

Im Zuge der Ermittlungen geben die verschlossenen und abweisenden Dorfbewohner doch das eine oder andere Geheimnis preis. Doch erst als Kranzel die Bedeutung eines, scheinbar chiffrierten, Notizzettel erfasst, der eigentlich ein klassisches Rechenbeispiel ist, fällt der Groschen. Doch bis der tatsächliche Mörder gefasst wird, müssen noch weitere Personen sterben.

Meine Meinung:

Die Nachkriegszeit ist reich an klein- und großkriminellen Akteuren. Sei es, dass es um Schmuggel, Schwarzmarkt oder noch während der NS-Zeit begangener Verbrechen geht. Jetzt ist vertuschen bzw. Legalisierung angesegt. Und in genau dieser Zeit, in der das Alte noch nicht zur Gänze verschwunden ist (Wann wird dieses Gedankengut überhaupt verschwunden sein?) und die neue Bundesrepublik noch nicht allzu fest verankert ist, lässt der Autor sein Krimi-Debüt spielen. Sehr geschickt lässt Gerald Orthen viele kleiner und größere historische Details in seine Ermittlungen einfließen. Die Leser können sich ein umfassendes Bild jener Zeit machen.

Die Atmosphäre im Mikrokosmos des kleinen Ortes, in dem jeder jeden kennt, kein Geheimnis auf Dauer verborgen bleibt und die Dorfkaiser sich außerhalb der Gerichtsbarkeit wähnen, ist erstklassig dargestellt.

Die Charaktere, vor allem Bräuer und Kranzel, sind sehr gut gelungen. Besonders Bräuer, der vom NS-Staat gebeutelt worden ist, ist eindringlich geschildert. Entzückende finde ich, dass Kranzel eine mathematische Begabung hat. Der Notizzettel, den Kranzel gefunden hat, hat bei mir als Vermesserin sofort einen Verdacht ausgelöst, der sich später als richtig herausgestellt hat.

Die Krimihandlung selbst ist gut erdacht und mag reale Vorbilder haben. Ich will gar nicht wirklich wissen, wie oft solche Transaktionen stattgefunden haben. Doch nicht nur die unmittelbare Umgebung der Tat(en) wird sehr gut heraufbeschworen, sondern auch die sozialkritischen Töne, die auch rassistischen Tendenzen in der US-Army, beinhalten. Diese Betrachtungen machen den Krimi zu einem Highlight.

Die verschworene Dorfgemeinschaft bildet, gemeinsam mit dem tiefen Winter, eine denkbar mühsame Kulisse. Geschickt lenkt der Autor die Aufmerksamkeit der Leser in die eine oder andere Sackgasse. Der ermordete Lehrer war nicht der beliebteste Einwohner. Daher gibt es viele Verdächtige. Das kommentiert Bräuer ziemlich trocken so:

„Nur die Schafe scheinen mir bisher nicht als Täter in Betracht zu kommen.“

Fazit:

In diesem Krimi ist alles stimmig: Titel, Cover, Charaktere, Handlung und die Umsetzung des Themas. Daher gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 14.01.2021

Gelungene Architektur

Die Mitte und das Ganze
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Herwig und Andrea Ronacher ist ein bekanntes Kärntner Architektenpaar, das sich ganz dem Bauen mit und in der Natur verschrieben hat. Eines ihrer bevorzugten Baumaterialien ist Holz.

In fünf Kapiteln ...

Herwig und Andrea Ronacher ist ein bekanntes Kärntner Architektenpaar, das sich ganz dem Bauen mit und in der Natur verschrieben hat. Eines ihrer bevorzugten Baumaterialien ist Holz.

In fünf Kapiteln bringt uns das Autorenpaar ihre Philosophie des Bauens näher.

Die Mitte und das Ganze
Bauen im Kontext von Natur und Tradition
Die ökologische Herausforderung - Auftrag der Gegenwart
Feinstoffliche Aspekte - das Thema der Zukunft
Ausklang

In über dreißig Jahren haben die Architekten zahlreiche Schulen, Bürogebäude und vor allem Hotels neu gebaut oder Bestandsobjekte mehrfach behutsam umgestaltet.

Ein paar Beispiele gefällig? Das Landeskrankenhaus Laas in Kärnten (S. 101), Seminarhotel Kletzmayr (S 112), Schulzentrum Hermagor (S. 180) und viele andere.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel, wie Bestand und Neubau gut miteinander harmonieren und ökologisches Bauen kein Widerspruch sein muss, ist das Brückenbauwerk Malta (S. 192).

Interessant ist auch der philosophische Ansatz beim Bauen. Im vierten Kapitel begibt sich das Architektenpaar auf die feinstoffliche Ebene. Langsam wird auch das Wissen längst vergangener Tage wieder neu entdeckt. So wird auf Geomantie, die bei uns in den Alpen in grauer Vorzeit Verwendung gefunden hat und von der Technik des Stahl-Beton-Baus sowie der monotonen Architektur verdrängt worden ist, wieder mehr beachtet. Die Architektur des Bauens unterliegt dem Wandel der Zeit und was hindert die Menschen daran, klüger zu werden?

„Die Wissenschaft von heute ist der Irrtum von morgen“ (S. 210).

Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Fazit:

Dieses Buch macht Lust, die gezeigten Objekte zu besichtigen. Ich beneide diejenigen, die in diesen Gebäuden wohnen und arbeiten, denn die Gebäude strahlen Behaglichkeit und Harmonie aus. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.