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Venatrix

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Veröffentlicht am 30.01.2019

30 Jahre Architekturgeschehen

Karl Schwanzer – Spuren / Traces
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Rechtzeitig zu Karl Schwanzers 100. Geburtstag ist dieser Bildband erschienen. Auf den der Einleitung folgenden Seiten stellen die Autoren den (architektonische) Lebenslauf des Geburtstagskindes sowie ...

Rechtzeitig zu Karl Schwanzers 100. Geburtstag ist dieser Bildband erschienen. Auf den der Einleitung folgenden Seiten stellen die Autoren den (architektonische) Lebenslauf des Geburtstagskindes sowie seine Arbeitsphilosophie dar. Da dieses Buch für ein internationales Publikum gedacht ist, in deutscher und englischer Sprache.

Wie es sich für Architekturfotografie gehört, sind die Bilder unerhört detailreich und plastisch. So gibt es Fotos, die sich mich Details wie dem Anschluss Fußboden an Wand beschäftigen Ein immer wieder vernachlässigtes Bestandteil eines Bauwerks, dem selten Beachtung geschenkt wird, aber wenn es schlampig oder lieblos ausgeführt wird, den Gesamteindruck eines Raumes/Gebäudes völlig zerstören kann.

Die verschiedensten Fotografinnen (ja, Schwanzer hat mehrheitlich mit Frauen zusammengearbeitet) haben seine Werke aus unterschiedlichen Perspektiven fotografiert. In Schwanzers Nachlass finden sich mehrere Tausend Bilder.

Karl Schwanzer (1918-1975) hat 30 Jahre die internationale Architektur geprägt. Als Nachkriegsarchitekt verwendet er häufig Stahlbeton, der häufig roh, ja beinahe archaisch, verarbeitet wird. Kein bunter Schnickschnack, kein Ornament oder Verkleidung durch spiegelnde Fassadenplatten verunziert die Fassaden. (siehe Philips-Haus, die österr. Botschaft in Brasilia oder BMW-Zentrale). Bei einigen Bauten wie dem Zubau zum MAK (Museum für Angewandte Kunst bzw. Akademie für Angewandte Kunst) oder der Pfarrkirche Auferstehung Christi in Wien-Donaustadt verwendet er sowohl außen als auch innen Sichtziegel als Gestaltungselemente.

Dazu gibt es eine Fotostrecke über Karl Schwanzer als Möbeldesigner. Die Architekten dieser (und der vorhergehenden) Generationen haben hier eine Art „Gesamtkunstwerk“ zu errichten versucht. Gebäude zu bauen ohne auf Interieur zu achten, ist damals fast unvorstellbar. So entwirft Schwanzer, wie Carl Auböck, Roland Rainer oder Clemens Holzmeister u. a. gleich passende Möbel.

Das großformatige Buch ist in einer hochwertigen Aufmachung erschienen. Ein, im wahrsten Sinne des Wortes, einprägendes haptisches Erlebnis ist die, in den in sattem rot gehaltenen Buchdeckel eingeprägte Schnecke.

Fazit:

Ein würdiges Geburtstagsgeschenk für einen Architekten, der beinahe vergessen ist. Gerne gebe ich für diesen prächtigen Bildband 5 Sterne.

Veröffentlicht am 24.01.2019

Qualitätsjournalismus gegen Fake-News

Reporter
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Seymour M. Hersh ist DER amerikanische Enthüllungsjournalist. Er kann von sich mit Fug und Recht behaupten, „Es gab noch nie einen Präsidenten, der mich leiden konnte. Ich nehme das als Kompliment.“

Nun ...

Seymour M. Hersh ist DER amerikanische Enthüllungsjournalist. Er kann von sich mit Fug und Recht behaupten, „Es gab noch nie einen Präsidenten, der mich leiden konnte. Ich nehme das als Kompliment.“

Nun hat er mit diesem Buch eine Art Memoiren vorgelegt, in dem er seinen Werdegang als Sohn einer jüdischen Familie zu eben jenem Journalisten erzählt, vor dem eine Menge Leute zittern mussten. Dabei geht er mit vielen Präsidenten Amerikas hart ins Gericht. Er berichtet aus dem reichen Schatz an Reportagen über verlogene, gefälschte und verschwiegene Machenschaften aus und im Weißen Haus. Er erzählt über seine Arbeitsweise und gibt tiefe Einblicke in seine großen Reportagen: über Kissinger, die Mafia-Connections der Kennedys bis zu den Hintergründen der Massaker von Vietnam. Von Militärs, die tausende Soldaten im Vietnamkrieg opfern und Untersuchungen behindern.

Hersh gilt als unbestechlicher Journalist, der sich nichts und niemandem beugt. Nicht alles, was er erfahren hat und weiß, gibt er preis. Er schützt seine Informanten. Damit vermasselt er sich einige Male eine Karriere bei diversen Zeitungen. Allerdings nimmt er dies in Kauf, um weiter als Enthüllungsjournalist arbeiten zu können.

Hersh macht sich auch Gedanken, wohin sich der Journalismus entwickelt. In Zeiten der Rund-um-die-Uhr-Nachrichten werden Berichte und Stories häufig nur mehr oberflächlich oder gar nicht geprüft. Es scheint al wären die „goldenen Zeiten“ des Enthüllungsjournalismus vorbei. Redaktionen scheuen die Kosten für ordentliche Recherchen und fürchten juristische Schritte.

Meine Meinung:

Mit seinem ungeheuren Wissen über die Zusammenhänge in der großen Weltpolitik und der etwas kleineren des Journalismus, bringt uns der Autor die Zahlen, Daten und Fakten der Reportagen näher. Hersh verkörpert wie kein anderer die „vierte Macht im Staat“. Seine kritischen Fragen haben reihenweise Politiker ins Schwitzen gebracht und manche vor den Kadi.

Wir erhalten in diesem Buch viele persönliche Einblicke in Leben und Arbeit des berühmten Investigativ-Journalisten und spannende Hintergrundinformationen und pointierte Anekdoten. Seymour Hersh gibt mit diesem Buch, das eine Pflichtlektüre für alle Journalismus-Studenten und angehende Reporter sein muss, ein glühendes Bekenntnis zur Pressefreiheit und Qualitätsjournalismus.

„Ich war immer der Ansicht, einer Zeitung ginge es darum, die Wahrheit herauszufinden, und nicht lediglich über die Diskussionen darüber zu berichten.“

Fazit:

Ein Buch, das man vor allem in Zeiten wie diesen, unbedingt lesen muss „Qualitäts-Journalismus im Kampf gegen Fake News und Populismus“. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 24.01.2019

Müßiggang ist nicht Faulheit

Die Welt des Dr. Hohenadl
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Dr. Hohenadl ist einer von drei Brüdern, die aufgrund des familiären Reichtums finanziell unabhängig sind und dem Müßiggang frönen können. Doch so richtig glücklich ist er nicht, im Gegenteil, er wird ...

Dr. Hohenadl ist einer von drei Brüdern, die aufgrund des familiären Reichtums finanziell unabhängig sind und dem Müßiggang frönen können. Doch so richtig glücklich ist er nicht, im Gegenteil, er wird von Existenzängsten geplagt. Er dreht jeden Euro mehrmals um, bevor er ihn ausgibt, lebt sparsam um nicht zu sagen geizig. Neben diesen Überlegungen ist Dr. Hohenadl noch zusätzlich im Korsett der Konventionen gefangen. Mit Frauen hat er kein Glück, kreisen doch seine Gedanken doch immer wieder darum, wie verschwenderisch eine Partnerin sein könnte.

Plötzlich nimmt die Geschichte rund um Dr. Hohenadl einen unvorhersehbaren Verlauf …

Meine Meinung:

Das Buch ist schwer einzuordnen. Ist es ein Roman oder eine Satire?

Müßiggang – wer kann sich dem in unserer heutigen hektischen Welt noch hingeben? Aber Achtung! Müßiggang ist nicht mit Faulheit zu verwechseln. Denn Dr. Hohenadl liegt nicht tatenlos auf dem Diwan, sondern ersinnt Erfindungen. Den Gang zum Patentamt scheut er allerdings, da dies erstens mit persönlichem Aufwand und zweitens mit (hohen) Kosten verbunden ist.

Herrlich sind die Bemühungen des Dr. Hohenadls möglichst preiswert durchs Leben zu kommen, beschrieben. So kauft er für Fahrten mit den Bundesbahnen nur Tickets für Teilstrecken und stellt sich schlafend. Interessant, dass er damit durchkommt.
Einige seiner Marotten sind liebenswürdig, dass er einer möglichen zukünftigen Partnerin einen Kaktus schenkt, weil der am billigsten ist, ist allerdings echt schräg.

Sprachlich ist das Buch ein Hochgenuss, denn Autor Werner Thuswaldner ist Kulturjournalist bei den „Salzburger Nachrichten“ und hat uns schon mit dem Buch „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ erfreut.

Fazit:

Ein unterhaltsamer Einblick in eine österreichische Seele, der ich gerne 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 24.01.2019

Gut recherchiert

Land der Skandale
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Wenn man dieses Buch liest, könnte man den Eindruck haben, eine Auswahl an Drehbüchern von Thrillern vor sich zu haben. Weit gefehlt! Alles echt - nichts erfunden. Autor Wolfgang Fürweger breitet die zehn ...

Wenn man dieses Buch liest, könnte man den Eindruck haben, eine Auswahl an Drehbüchern von Thrillern vor sich zu haben. Weit gefehlt! Alles echt - nichts erfunden. Autor Wolfgang Fürweger breitet die zehn skandalösten Ereignisse vor seiner seinen Lesern aus:

• Der Fall Lucona
• Der AKH-Skandal
• Die Intertrading-Affäre
• Der Noricum Skandal
• Die Waldheim-Affäre
• Die Todesengel von Lainz
• die Konsum-Pleite
• Die BAWAG-Pleite
• Die BUWAOG-Affäre
• Die Pleite der Hypo Alpe Adria

Viele davon sind durch das verhängnisvolle Zusammenspiel von Geld, Macht und Politik zu dem geworden, was sie sind.

Selbst die Mordserie im Pflegeheim Lainz ist als grobes Versäumnis der Politik einzustufen. So hat man völlig überlastetem und kaum ausgebildetem Hilfspersonal die Betreuung von alten und kranken Menschen anvertraut. Immerhin daraus hat man eine Lehre gezogen.

Der aktuelle Skandal rund um das Krankenhaus Nord erinnert in vielen Facetten dem des AKH-Skandals. In beiden Fällen glaubte die Stadtregierung auf einen Generalunternehmer und Spitalsbauprofi verzichten zu können. Horrende Mehrkosten und mehrfache Verschiebung der Inbetriebnahme damals wie heute.

Fazit:

Ein gut recherchiertes Buch, das die Verstrickung von Politik und Geld offenlegt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 22.01.2019

Gasperlmaiers 6. Fall

Letzter Fasching
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Im Ausseerland herrscht Ausnahmezustand – es ist Faschingszeit und landauf landab regieren die Narren. Kurz vor dem großen Umzug erhält die Traditionsgruppe der Trommelweiber, unter deren Kitteln sich ...

Im Ausseerland herrscht Ausnahmezustand – es ist Faschingszeit und landauf landab regieren die Narren. Kurz vor dem großen Umzug erhält die Traditionsgruppe der Trommelweiber, unter deren Kitteln sich ausschließlich g’standene Mannsbilder verstecken, einen Drohbrief. Der Obmann befürchtet einen Mord. Gasperlmaier soll, obwohl er kein Mitglied ist, als Trommelweib getarnt mitmarschieren.

Leider kann er den Mord an Kurt Sagleitner, dem Chefkoch des Bio-Hotels nicht verhindern. Die Vernehmungen der anderen Trommelweiber gestalten sich als schwierig, weil kaum jemand nüchtern genug ist, der Polizei Rede und Antwort zu stehen. Auch das berufliche Umfeld des Toten lässt auf Verbotenes schließen. Daher wird es Gasperlmaier bald wieder zuviel und Frau Chefinspektor Dr. Kohlross vom Bezirkskommando Liezen übernimmt die Leitung der Ermittlungen.

Während Gaspermaier und Kohlross noch jeder kleinen Spur nachgehen, gibt es den nächsten Toten. Nichts ist, wie es scheint und so dauert es eine Menge Schnaps und Leberkäsesemmeln bis die losen Enden zusammengefügt werden können.

Meine Meinung:

Wie gewohnt ist der Krimi wieder in die Gemeinde Altaussee eingebettet. Schrullige und boshafte Dorfbewohner geben sich ein Stelldichein. Der Fasching ist eine Zeit in der viele ungestraft, weil unerkannt, ihre kleinen oder größeren Fehden ausführen können. Ganz nebenbei erfahren wir einiges über die lokalen Bräuche, die bisweilen archaisch anmuten und aus Tradition (?) nur Männern vorbehalten sind. Der emanzipatorische Versuch von Gasperlmaiers Tochter mit der letzten Männerbastion, den Trommelweibern, brechen zu wollen, löst einen ziemlichen Aufruhr aus.

Wie üblich hantelt sich Gasperlmaier von Leberkäsesemmel zu Leberkäsesemmel und muss sich zu Hause mehrfach mit veganem Essen zufrieden geben. Auch Maggy, die unvermeidliche Reporterin der Schilling-Zeitung findet ihren Platz.

Alles so wie immer? Nein, nicht ganz! Denn der Fall präsentiert sich als ein wenig komplizierter als gedacht. Herbert Dutzler ist es gelungen, durch verblüffende Wendungen und falsche Spuren den wahren Täter samt seinem Motiv recht lange zu verschleiern.

Fazit:

Ein gut gelungener Krimi aus dem steirischen Altaussee. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.