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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.05.2018

Hat mich nicht vollends überzeugt

Die Reise des Zeichners
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Autor Christian Schärf nimmt uns mit in das Jahr 1777, in dem Goethe seine erste Reise in den Harz unternimmt. Sein ehrgeiziges Ziel: Erstbesteigung des Brockens im Winter.
Schärf zeigt in seinem historischen ...

Autor Christian Schärf nimmt uns mit in das Jahr 1777, in dem Goethe seine erste Reise in den Harz unternimmt. Sein ehrgeiziges Ziel: Erstbesteigung des Brockens im Winter.
Schärf zeigt in seinem historischen Roman einen grübelnden und unzufriedenen Goethe. Ständig denkt er an seine kürzlich verstorbene Schwester Cornelia, mit der er eine innige, schon fast inzestuöse Beziehung hatte.

Auf seiner Reise in den Harz gibt er sich als Zeichner aus. Warum, erschließt sich mir nicht ganz. Außerdem verplappert er sich ein paar Mal, so dass es mich wundert, dass sein Inkognito nicht doch gelüftet wird. Da läge Spannung darin, die nicht genutzt wird.

Die Reise selbst wird wenige aufregend geschildert, obwohl böse Überraschungen stets vorhanden sind. Die Szene, in der er dem Scherenschleifer begegnet, der ihn in eine verlassene Einsiedelei begleitet, nur um ihn dort auszurauben, erscheint mir als Räuberpistole und hanebüchen. Die Rettung durch einen wild um sich schießenden Pater, ein wenig an den Haaren herbeigezogen.

Interessant finde ich die Reaktionen der Menschen auf seinen „Werther“, die von Begeisterung bis hin zur Ablehnung reicht.
Dass er vom Vergleich mit Klopstock genervt ist, kann ich verstehen.

Die Beziehung zu Jakob Lenz, der im „Sturm und Drang“ genauso zu seinen Freunden zählte wie Cornelias Mann Johann Georg Schlosser, wird hier nur gestreift. Seinem Schwager gibt er die Schuld am Tod seiner Schwester. Das passt mir so gar nicht zu einen wissenschaftlich und rational denkenden Goethe.

Der Schreibstil ist an einigen Stellen ein wenig langatmig. Die Sprache selbst ist dem Zeitalter angepasst. In einigen Abschnitten läge durchaus Spannung in der Luft. Diese zu einzusetzen, verstreicht ungenutzt. Schade!

Fazit:

Leider konnte mich dieser historische Roman, der einige biografische Elemente aus Goethes Leben enthält, nicht wirklich fesseln, daher nur 3 Sterne.

Veröffentlicht am 26.04.2018

Es war einmal in Königsberg

Letzte Fahrt nach Königsberg
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Ulrich Trebbin entführt uns in seinem Debütroman nach Königsberg.
In mehreren Zeitebenen verfolgen wir die Geschichte der Ella Aschmoneit. Sie wächst als Tochter eines gut situierten Weinhändlers und ihrer ...

Ulrich Trebbin entführt uns in seinem Debütroman nach Königsberg.
In mehreren Zeitebenen verfolgen wir die Geschichte der Ella Aschmoneit. Sie wächst als Tochter eines gut situierten Weinhändlers und ihrer abergläubischen Mutter Alice auf. Bis zum plötzlichen Tod des Vaters fehlt es Ella und ihren Geschwistern an nichts. Doch dann ist es plötzlich mit Beschaulichkeit und dem Wohlstand vorbei. Spekulanten nehmen der unbedarften Witwe die gut gehende Weinhandlung ab. Die Familie zieht in ein kleines Haus um, die Mädchen müssen die Schule und die Universität verlassen. Alice verfällt in depressive Trauer und misst dem aufkeimenden Nationalsozialismus keine Bedeutung bei.

Während die beiden älteren Schwestern bereits verheiratet sind und der einzige Sohn Hans beim Militär eine Fliegerausbildung macht, bleibt Ella sich ein wenig selbst überlassen. Geschickt umgeht sie Vorhaltungen der nach wie vor trauernden Mutter und übersiedelt zu ihrer Schwester nach Potsdam.
Man ist schon mitten im Krieg als sich zwischen Victor Jacoby und Ella so etwas wie eine Romanze entspinnt. Heiraten wird Ella allerdings den etwas älteren Hinrich, einen angehenden Historiker.
Um ihre eigene Familie, Ella und Hinrich haben inzwischen zwei Kinder, und die ihrer Schwester mit Nahrungsmitteln zu versorgen, entschließt sich Ella eine letzte Fahrt nach Königsberg zu machen. Denn, in ihrem alten Haus sind wahre Schätze versteckt: Eingerexte Köstlichkeiten, Mahlzeiten von denen die Menschen nur noch träumen können.

Meine Meinung:

Die Grundidee zu diesem Roman enthält einen wahren Kern und ist Teil der Familiengeschichte des Autors. Geschickt vermengt Ulrich Trebbin Wahrheit und Fiktion. Durch den häufigen Perspektivenwechsel, der auch mit mehreren Zeitebenen einhergeht, kann man sich diese bewegende und teilweise entbehrungsreiche Zeit sehr gut vorstellen.

Wir erhalten Einblick in den Alltag der Frauen, die ihre Kinder ohne Väter aufziehen müssen, die teilweise in Ruinen hausen und um jedes Lebensmittel anstehen müssen. Es sind immer die Frauen und Kinder, die unter Kriegshandlungen am meisten zu leiden haben.
Einfühlsam wird die Jugend gezeigt, die außer den Führer-Kult, Durchhalteparolen und die Vereinnahmung durch BDM und HJ nichts kennt. Viele Kinder sind indoktriniert und haben lieber einen toten Vater, der für den Führer gefallen ist, als einen lebenden, der mit dem Leben davongekommen ist, weil er rechtzeitig den Kopf eingezogen hat.

Der Schreibstil ist angenehm zu lesen. Kriegsszenen und Gräueltaten werden mit Augenmaß und nicht sensationslüstern beschrieben.

Die Charaktere wirken authentisch und haben Ecken und Kanten. Da vor allem Ella, die zwar mit beiden Beinen im Leben steht, aber auch manchmal ein wenig naiv zur Sache geht. Allerdings muss man ihr zugutehalten, dass sie natürlich auch auf die Propaganda der Regierung hereingefallen ist. Ella hat ihre lebensuntüchtige Mutter vor Augen und will eben anders sein. Dafür geht sie, z. B. mit der Fahrt nach Königsberg ein enormes Risiko ein. Dass es Alice letztendlich auch gelingt aus Königsberg vor der Ankunft der Roten Armee zu verlassen, grenzt schon an ein Wunder.

Gut gefällt mir, dass die Leser völlig unaufgeregt und unterschwellig historische Tatsachen und Details erfahren, ohne dass hier ein „oberlehrerhafter“ Ton herrscht.

Die Beschreibung der Städte, der alltäglichen Probleme und die sehr facettenreiche und immer wieder überraschende Ella machen den Charme dieses Buches aus.

Fazit:

Ein Autor, den man sich merken wird müssen, denn ich hoffe, in Zukunft wieder von Ulrich Trebbin lesen zu dürfen. Gerne gebe ich diesem Debüt 5 Sterne.

Veröffentlicht am 26.04.2018

Wie aus einem örtlich begrenzten Konflikt der 30-jähirge Krieg wurde

Die Reiter der Apokalypse
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Historiker Georg Schmidt hat mit diesem ausführlichen Buch über den Dreißigjährigen Krieg ein umfassendes Werk zu Papier gebracht.
Auf 800 Seiten (davon 695 Seiten reiner Text, danach Anhang, Literaturverzeichnis ...

Historiker Georg Schmidt hat mit diesem ausführlichen Buch über den Dreißigjährigen Krieg ein umfassendes Werk zu Papier gebracht.
Auf 800 Seiten (davon 695 Seiten reiner Text, danach Anhang, Literaturverzeichnis und Personenregister) wird dem interessierten Leser erklärt, wie es zu diesem mehr als 30-jährigen Konflikt kommen konnte.

• Prolog
• Spuren
• Dreißig Jahre
• Der Frieden
• Epilog
• Anhang

Das Buch ist gut gegliedert und umfasst neben Prolog und Epilog drei große Kapitel, die jeweils noch unterteilt sind, sodass man diese komplexen Vorgänge in kleinen Happen lesen kann. Hin und wieder wird der aufmerksame Leser das eine oder andere nachschlagen müssen, da der Autor doch einiges an Wissen voraussetzt.

Die ersten 107 Seiten befassen sich mit der politischen Vorgeschichte. Nicht verschwiegen werden die gesellschaftlichen Auf- und Umbrüche, die ebenfalls den Ausbruch des Krieges förderten. So nimmt Georg Schmidt den Aberglauben der Menschen, die in einem Kometen Unheil sahen, und die damit verbundenen Hexenverfolgungen in seinen Bericht auf. Auch die „Kleine Eiszeit“, die zu Ernteausfällen und Hungersnöten führte, werden beschrieben. Das 17. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Bedrohung Europas durch die Osmanen.

Was als örtlich begrenzter Konflikt zwischen dem Wahlkönigreich Böhmen und der Erbmonarchie des Hauses Habsburg beginnt, endet im Flächenbrand über ganz Europa. Mit dem berühmten Prager Fenstersturz im Mai 1618 beginnt ein gewaltiger Krieg, der bis 1648 Millionen Menschenleben fordern.

Mehrmals haben es die beteiligten Herrscher in der Hand den Krieg zu beenden und Frieden zu schließen. Aus Ignoranz und auch mit falschen (oft geistlichen) Ratgebern unterlassen sie dies und so dauert der Konflikt eben die bekannten 30 Jahre.

Detailliert legt der Autor dar, warum der Krieg nicht zu beenden war.

Meine Meinung:

Auffallend ist, dass im letzten Jahr noch zwei Bücher zum Dreißigjährigen Krieg erschienen sind: „Der Dreißigjährige Krieg: Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648“ (Herfried Münkler, 20.10.2017) und „Der Dreißigjährige Krieg: Eine europäische Tragödie“ (Peter Wilson, 09.10.2017).
Bis heute ist diese bis dahin beispiellose historische Katastrophe von Mythen und Schauermärchen überwuchert. Georg Schmidt gelingt es, als großem Kenner dieser Epoche, aus Anlass des 400. Jahrestages des Beginns dieser Auseinandersetzung eine, auf dem neuesten Stand der Forschung basierende Gesamtdarstellung des Dreißigjährigen Krieges, darzustellen.

Georg Schmidt legt eine übersichtliche, auch für den interessierten Laien gut lesbare Gesamtdarstellung vor. Immer wieder gelingt es ihm auch, Brücken in die Gegenwart zu schlagen.

Neben der Darstellung der Ursachen, werden auch die oft wechselnden Bündnisse, Bewaffnung und Taktikausführlich erörtert und dargelegt.

So findet das Nichteingreifen des englischen Königs zugunsten seines kurpfälzischen Schwiegersohns Friedrich V., der als „Winterkönig“ die böhmische Krone annimmt und sich damit gegen Kaiser und Reich stellt, Niederschlag. Wir erfahren von Schlachten und Kämpfen, in deren bekannteste Gestalt wohl Albrecht von Wallenstein (auf Seiten des Kaisers und der Katholischen Liga) war. Auf der Gegenseite sind der Schwedenkönig Gustav II. Adolf und die Könige Christian III. und IV. von Dänemark zu finden.

Der Schreibstil ist einem Sachbuch angemessen. Manchmal scheint der Autor ein wenig detailverliebt, was aber verzeihlich ist. Dennoch ist das Werk nicht populärwissenschaftlich und bedarf einer gewissen Aufmerksamkeit beim Lesen. Er Beschreibt eben sehr genau Ursachen und Verlauf des Krieges. Manches hat Auswirkungen bis heute.

Besonders anspruchsvoll ist das Cover: Es zeigt einen Ausschnitt aus dem Bild „Triumph des Todes“ Pieter Bruegel d. Ä. (um 1560/62). Überhaupt ist die Aufmachung und Ausstattung des Buchs gediegen: gebunden und mit Lesebändchen. Die Schriftgröße des Anhangs ist ein wenig zu klein geraten, doch das ist Jammern auf allerhöchstem Niveau.

Das Buch endet mit folgenden Worten: "Wer sich hingegen mit den scheinbar bewährten historischen Einschätzungen zufriedengibt, für den bleiben die alten Mythen wie die Urkatastrophe und das Trauma des deutschen Volkes unvergängliche Wahrheiten." (S. 695)
Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Fazit:

Mit diesem Werk entzaubert Georg Schmidt den Dreißigjährigen Krieg von Mythen und Verklärung. Er liefert hier eine solide Gesamtdarstellung des Dreißigjährigen Krieges. Gerne gebe ich 5 Sterne.

Veröffentlicht am 22.04.2018

Wo ist der Menschenverstand geblieben?

White Rabbit oder Der Abschied vom gesunden Menschenverstand
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Ich muss zugeben, dass ich Matthias Matussek als Österreicherin und nur gelegentliche Spiegel-Leserin nicht wirklich kenne. Daher konnte ich völlig unvoreingenommen an dieses Buch herangehen.

Der Autor ...

Ich muss zugeben, dass ich Matthias Matussek als Österreicherin und nur gelegentliche Spiegel-Leserin nicht wirklich kenne. Daher konnte ich völlig unvoreingenommen an dieses Buch herangehen.

Der Autor spricht vieles an und aus, was viele Menschen über die derzeitige Politik denken. Das kommt bei seinem Arbeitgeber nun nicht so toll an und Matussek fliegt aus der Redaktion.
Warum man ihn aus dem Spiegel hinausgeworfen hat? Aus verschiedene Gründen. Zum einen ist es Matusseks Hinwendung zum Katholizismus und seine Abwendung von der Sympathie den Linken und deren Willkommenskultur von 2015 gegenüber.

Man zeiht ihn des rechten Gedankenguts, stellt in die Ecke von Pegida und AfD und macht ihn zum Outlaw. Nur deshalb, weil er sich vom gesunden Menschenverstand leiten lässt. Dieser ist ja leider längst abhandengekommen. Für Medien zählen nur Auflagen und nochmals Auflagen. Seriöse Berichterstattung, das Prüfen von Gerüchten auf deren Wahrheitsgehalt sind schon längst nicht mehr Teil des guten Journalismus. Intrigen, Fehden und Feindschaften sind seit je her Bestandteil der Medien, das ganze Ausmaß hat mich dennoch sehr überrascht.

Mit Beispielen aus sein umfangreichen Archiv liefert er treffende Beweise dafür, dass "Lügenpresse" keine bloße Behauptung ist und dennoch besser „Lückenpresse“ genannt werden soll(te). Das Weglassen und Hinzufügen von relevanten Details führt verfälschten Nachrichten im Sinne der jeweiligen Regierung. Dies scheint wieder salonfähig geworden zu sein. Was nicht ganz passend ist, wird eben passend gemacht.

Der Autor zitiert Franz Werfel, der in seinem 1946 erscheinen Roman „Stern des Ungeborenen" folgendes schreibt: „„Zwischen Weltkrieg II und Weltkrieg III drängten sich die Deutschen an die Spitze der Humanität und Allgüte. Und sie nahmen das, was sie unter Humanität und Güte verstanden, äußerst ernst. Sie hatten doch seit Jahrhunderten danach gelechzt, beliebt zu sein. Und Humanität schien ihnen jetzt der bessere Weg zu diesem Ziel. Sie fanden diesen Weg sogar weit bequemer als Heroismus und R*wahn. So wurden die Deutschen die Erfinder der Ethik der selbstlosen Zudringlichkeit.“ (S. 220)

Franz Werfel – ein Visionär? Immerhin war Werfel Jude und mit Alma Mahler, einer bekennenden Antisemitin verheiratet.

Meine Meinung:

Sprachlich ist das Buch gut gelungen. Viele ausgewählte Zitate unterstreichen, dass Matussek ein Vollblutjournalist ist. Allerdings kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Passage ein wenig wehleidig klingt. Matthias Matussek kennt die Medien und ihre Zwänge vom Qualitätsmagazin bis zur Klatschpostille. Da sollte er doch um die Mechanismen Bescheid wissen. Ohne ihm nahe treten zu wollen, denke ich, dass er in seiner langen Laufbahn vielleicht dem einen oder anderen ans Bein gepinkelt haben wird. Nun rächst man sich eben auf diese Weise. In Zeiten der digitalen Medienverbreitung ist ein unüberlegter Satz blitzschnell draußen, das Einfangen desselben ist kaum möglich.

Was mich aber wirklich sehr gestört hat, ist das inflationäre Auftreten von Gilbert K. Chesterton, so als wäre der bereits verstorbene, geistige Vater von Pater Brown Matusseks Alter Ego.

Vermisst habe ich auch die apostrophierte Ironie. Allerdings kann das daran liegen, weil ich die Interna der deutschen Politik nicht gut genug kenne.

Es bleibt nur zu hoffen, dass das weiße Kaninchen doch noch den gesunden Menschenverstand wiederfindet.

Fazit:

Ein interessantes Buch, das vielen Leuten aus der Seele spricht und trotzdem oder genau deshalb polarisiert.


Veröffentlicht am 20.04.2018

Eine beeindruckende Biografie

Theoderich der Große
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Historiker Hans-Ulrich Wiemer wagt sich nach Alexander dem Großen (erschienen 2015) an den nächsten antiken Herrscher: Theoderich dem Großen, Herrscher über das (West)Römische Reich von ca. 471 – 526 n. ...

Historiker Hans-Ulrich Wiemer wagt sich nach Alexander dem Großen (erschienen 2015) an den nächsten antiken Herrscher: Theoderich dem Großen, Herrscher über das (West)Römische Reich von ca. 471 – 526 n. Chr..

In vierzehn schön gegliederten Kapiteln erfahren wir vom wechselvollen Schicksal der (Ost)Goten vom späten 4. Jh. Bis zum Untergang ihres Reiches um 552 n. Chr..

Zu Beginn wird versucht die Herkunft der West- und Ostgoten anhand von Zuwandererströmen und Landkarten herzuleiten.
Kein einfaches Unterfangen, da die Anfänge nicht wirklich schriftlich dokumentiert sein. Die meisten bekannten Tatsachen (?) sind aus zweiter, manchmal auch aus dritter Hand. Nicht zu vergessen, dass die Goten kein Volk im genetischen Sinne sind. Sie gehören unterschiedliche Clans an, die sich im Bedarfsfall zu einer Kriegergemeinschaft zusammenschlossen.

Obwohl es recht spannend ist, wie sich Theoderich der Große (Es gab mehrere gotische Fürsten dieses Namens, was leicht zur Verwirrung beitragen kann.) vom Anführer einer, nun sagen wir es deutlich, reitenden Räuberbande bis zum König über das Weströmische Reich entwickelt, wirkt die Person recht farblos auf mich. Ja, er erschlägt Odovaker (Wiemer wählt den latinisierten Namen) eigenhändig und beendet die duale Herrschaft.

Was Theoderichs Herrschaft so interessant macht, ist eine Art „Gewaltenteilung“. Die Goten sind für die Sicherung der Grenzen und die Außenpolitik zuständig, die besiegten Römer für die Verwaltung inkl. Steuereinhebung und den wirtschaftlichen Wohlstand. Er akzeptiert die Römischen Lebensart und fordert dies auch von seinen Kriegern.

„Denn euch nützt es, wenn die Römer in Ruhe leben: Während sie unsere Kassen füllen, vervielfachen sie eure Donative“ (S. 226).

Mit diesem Balanceakt verschaffte er dem Weströmischen Teil des Imperiums noch einmal eine Zeit der politischen und ökonomischen Stabilität.

Theoderich gewährt die im weitesten Sinne Religionsfreiheit (ausgenommen hiervon sind nur heidnische Kulte), die auch die Juden miteinschließt denn,
„Wir können das Bekenntnis (religio) nicht befehlen, weil niemand sich zwingen lässt, gegen seinen Willen zu glauben.“ (S. 509)

Welch eine Einsicht! Allerdings darf dies nicht als „Toleranzpatent“ oder ähnliches gesehen werden. Theoderich wollte keinen Glaubenskrieg in seinem Reich.

Seine kluge Politik erstreckt sich auch auf eine, auf Hochzeiten basierende Bündnispolitik. Lange vor den Habsburgern und ihrer „Tu Felix Austria Nube“-Politik, weiß Theoderich um die Stärke familiärer Bindungen zu anderen Germanenreiche, vor allem im westlichen Mittelmeer. Auch mit dem Oströmischen Reich und seinem Basileus verbindet ihn, ein, wenn auch nicht ein rechtlich klares, zumindest friedliches Verhältnis. Fast dreißig Jahre herrscht besonnener Friede.

In den letzten Jahren seiner Herrschaft beginnen die Probleme, die letztlich zum Untergang seines Reiches in Italien führen: Da sind zum einen recht willkürliche Todesurteile gegen Römische Senatoren wie Boethius (524 n. Chr.) und Symmachus (526 n. Chr.), die die Oberschicht gegen ihn aufbringen. Auch der Tod des Papstes Johannes I. in seiner Gefangenschaft, stößt die katholische Kirche vor den Kopf.
Einige seiner, durch Heiraten zustande gekommenen, Bündnisse mit anderen Germanenstämmen, scheitern Das Unvermögen, rechtzeitig einen Nachfolger zu benennen und den aufzubauen tut ein Übriges dazu, dass das komplexe Machtgefüge – das Reich erstreckt sich immerhin auch auf Südfrankreich und Spanien – in zwei Jahrzehnten nach Theoderichs Tod wieder zerfällt.

Was bleibt also von Theoderich dem Großen?

1. Das Papsttum wird unter Theoderichs Herrschaft vom Ostrom unabhängig. Er gewährt Religionsfreiheit, wahrscheinlich deswegen, weil er und seine Goten im Sinne der Katholische Kirche eigentlich als Ketzer gelten.
2. Er ist einer der wenigen, deren Leben in die Sagenwelt eingeht. Als „Dietrich von Bern“ ist er vielen ein Begriff. Die deutsche Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts adoptierte ihn quasi als „Vorläufer“ eines deutschen Herrschers, ähnlich wie Arminius.

3. Seine Bautätigkeit nicht nur in Ravenna, aber besonders dort. Millionen von Touristen bestaunen jedes Jahr Theoderichs Grabmal und die von ihm errichteten Sakralbauten wie Sant’Apollinare Nuovo.

Meine Meinung:

Der Autor beschreibt das wechselvolle Schicksal der (Ost)Goten vom späten 4. Jh. bis zum Untergang ihres Reiches in Italien 552 n.Chr. detailliert und gekonnt und bleibt sehr nahe an den überlieferten Texten der Quellen, wie z. B. die Schriften von Cassiodor.

Der Schreibstil ist einem Sachbuch angemessen – nüchtern und schnörkellos. Auf Basis der für Theoderichs Zeit gut überlieferten Schriftzeugnisse, präsentiert der Autor eine Vielzahl von Fakten. Das geht natürlich zu Lasten der Lebendigkeit. Ein Ereignis nach dem anderen wird aufgezählt, die Dramatik, die dahintersteckt, ist nur ansatzweise zu ahnen.

Fachleute dieser Epoche werden ihre Freude mit diesem Werk haben, der interessierte Laie könnte unter Umständen ein wenig Mühe mit dem Detailreichtum haben. Gut gefällt mir, dass viele Fotos, Abbildungen und Karten das Buch ergänzen.
Ein ausführliches Literaturverzeichnis, Anmerkung und Stammtafeln ergänzen dieses umfangreiche Werk.

Die Biografie Theoderichs hätte sich eine weite Verbreitung verdient. Doch es ist allerdings zu befürchten, dass dies aufgrund der akribischen Detailverliebtheit des Autors nicht so einfach sein wird.

Fazit:

Ich finde das Buch sehr interessant und gebe ihm gerne fünf Sterne.