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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.02.2018

Beklemmendes Szenario

Goldstein
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Man schreibt das Jahr 1931.
Die Braunhemden werden immer mehr und die Schlägertrupps der SA liefern sich nach wie vor mit den Kommunisten Straßenschlachten. Doch immer öfters geraten jüdische Mitbürger ...

Man schreibt das Jahr 1931.
Die Braunhemden werden immer mehr und die Schlägertrupps der SA liefern sich nach wie vor mit den Kommunisten Straßenschlachten. Doch immer öfters geraten jüdische Mitbürger und Geschäfte in den Fokus der Nazis. Die Wirtschaftskrise steuert auf ihren Höhepunkt zu.


Auch die „hauseigenen“ Rivalitäten der Berliner Ringvereine machen der Polizei zu schaffen.


Gereon Rath wird mit der heiklen, aber undankbaren Aufgabe betraut, Abe Goldstein, einen Gangsterboss aus den USA, zu observieren. Man vermutet, dass er Goldstein als Auftragskiller in Berlin sein Unwesen treiben wird. Doch die Motive des Amerikaners sind anderer Natur, trotzdem ist er in gewaltsame Auseinandersetzungen involviert.


Während Rath sich mit Goldstein beschäftigen muss, passieren im Berliner Polizeipräsidium einige Merkwürdigkeiten. Nicht immer ist alles so, wie es scheint. Es scheint, als gäbe es einen Maulwurf in Reihen der Polizei.


Charlotte „Charly“ Ritter, Gereons „leider-immer-noch-nicht-Verlobte“ ist wieder mit dabei. Sie hat nun ihre Ausbildung beendet und soll als Kommissaranwärterin bei der Berliner Polizei arbeiten. Als sie eine Schwarzfahrerin während einer Vernehmung entwischen lässt, tangieren sich Gereons und ihre Ermittlungen und führen zu einem veritablen Krach…


Meine Meinung:

Volker Kutscher gelingt es auch diesmal die Stimmung in Berlin bestens einzufangen. Was mich allerdings wundert ist, dass von den handelnden Personen niemand die herauf dräuende Gefahr durch die Nazis erkennt. Alles fokussiert sich auf Sozialisten und Kommunisten – in diesen politischen Gesinnungen sieht man die Bedrohung.


Gespenstisch ist für mich auch die langsame, aber stetige Unterwanderung der Polizei mit Nazis, die demnächst zur Katastrophe führen wird.

Fazit:

Ein beklemmendes Szenario, das in verschiedene Kriminalfälle verpackt, sehr realistisch dargestellt wird.

Veröffentlicht am 18.02.2018

Toller Auftakt einer neuen Krimiserie

Der nasse Fisch
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Mit diesem Buch ist Volker Kutscher ein toller Auftakt zu einer besonderen Krimi-Reihe gelungen.

Berlin, in den späten 1920 Jahren, ist der Schauplatz. Es ist eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. ...

Mit diesem Buch ist Volker Kutscher ein toller Auftakt zu einer besonderen Krimi-Reihe gelungen.

Berlin, in den späten 1920 Jahren, ist der Schauplatz. Es ist eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Das Land und die Leute haben sich noch immer nicht mit dem verlorenen Großen Krieg abgefunden. Die Arbeitslosigkeit ist groß, die Angst vor dem Kommunismus noch größer, die vaterländische Front rüstet auf und die SA-Schlägertrupps beginnen Ausländer und Juden zu tyrannisieren. Das wirkt sich in allen Gesellschaftsschichten aus. Und eben in diese Zeit platziert der Autor seinen Krimi.

1. Mai 1929: die Kommunisten und Sozialisten veranstalten trotz Verbote Mai-Aufmärsche. Es kommt zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei, bei denen es mehrere Tote gibt. Auch Gereon Rath, ehemaliger Mordermittler aus Köln, wegen eines Todesschusses aus seiner Dienstwaffe, nach Berlin zur Sitte versetzt, ist mitten im Chaos. Weil die Berliner Mordkommission chronisch unterbesetzt ist, soll Rath aushelfen. Er ermittelt auf eigene Faust. Doch damit macht er sich weder am Alexanderplatz noch in der Demi-Monde von Berlin Freunde. Mit den Berliner Gepflogenheiten im Nachtleben nicht vertraut, tritt er so manchem auf die Zehen.

Gereon Rath ist nicht ganz unkompliziert. Er muss sich von seinem übermächtigen Vater emanzipieren, der ständig aus dem fernen Köln, seine Fäden zieht.
Dummerweise kokst der Herr Kommissar manchmal und hat auch schon das eine oder andere Mal mit kriminellen Mitteln Ergebnisse erzielt.

Volker Kutscher stellt zeitweise ihm Charlotte „Charly“ Ritter an die Seite. Charly ist eigentlich Stenotypistin im Alexander und protokoliert an den Tatorten. Ihr großes Ziel ist, selbst Kommissarin zu werden. Das Zeug dazu hätte sie.

Der Krimi liest spannend und zeichnet ein authentisches Abbild des Lebens in der Millionenstadt Berlin.
Erschreckend für mich war zu lesen, wie die Beamtenschaft und die Offiziere von Heer und Polizei von rechtsradikalem Gedankengut durchsetzt waren. Muss natürlich so sein, sonst hätte es Hitler 1933 nicht so leicht gehabt.

Bin schon auf die nächsten Fälle gespannt. Sie liegen schon bereit.

Ach ja, den Titel sollte ich noch auflösen: als „nasser Fisch“ bezeichnen die Kriminalisten ungeklärte Fälle - eine schöne Metapher.
Ein supertolles Cover, das sich durch das Schwarzweiß-Foto aus der Masse der Krimis hervorhebt und neugierig auf dem Inhalt macht - gut gelungen .

Veröffentlicht am 18.02.2018

Es braut sich etwas zusammen

Der stumme Tod
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'Den Ewiggestrigen schwammen die Felle davon; die Stummfilmanhänger stünden bald auf verlorenem Posten.'

Berlin 1930: die Konflikte zwischen Kommunisten und Vaterländischen treten diesmal in den Hintergrund, ...

'Den Ewiggestrigen schwammen die Felle davon; die Stummfilmanhänger stünden bald auf verlorenem Posten.'

Berlin 1930: die Konflikte zwischen Kommunisten und Vaterländischen treten diesmal in den Hintergrund, denn die Berliner Filmbranche wird vom Tod mehrerer Schauspielerinnen erschüttert. Was zuerst als folgenschwerer Unfall bei einem Dreh aussieht, entpuppt sich als eiskalter Mord. Doch wie passen die anderen toten Schauspielerinnen hier ins Bild? Immerhin wurden die beiden akkurat geschminkt und inszeniert in alten, aufgelassenen Kinos ohne Stimmbänder vorgefunden.
Hängen diese grausamen Morde mit dem Niedergang des Stummfilms zusammen?

Gereon Rath ermittelt in seinem zweiten Fall wieder auf eigene Faust. Er gerät mehr und mehr mit seinen Vorgesetzten aneinander.

Zusätzlich zu seinen dienstlichen Recherchen erhält er von seinem Vater den Auftrag, einer Erpressung nachzugehen. Rath senior spukt wieder einmal recht fest in Gereons Leben herum. Er kann es einfach nicht lassen, seinen Sohn zu gängeln.
Ich halte das für problematisch und vermute, dass Gereons Schwierigkeiten mit seinen Chefs, dem Verhalten seines Vaters geschuldet sind, kann er es ihm ja niemals recht machen. Wir erfahren auch einiges aus der Familie Rath.

Schön, dass Charly wieder mit von der Partie ist.
Die Vaterländischen werden jetzt häufiger bei ihrem richtigen Namen (Nazis) genannt.
Nicht ganz so toll wie der erste Fall, dennoch empfehlenswert.

Veröffentlicht am 18.02.2018

Das schwere Erbe einer Familie

Und was hat das mit mir zu tun?
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Der Autor entstammt dem bekannten ungarischen Adelsgeschlecht, der Batthyanys, das in der Donaumonarchie einige großartige Persönlichkeiten hervorgebracht hat.

Er selbst ist Jahrgang 1973 und lebt als ...

Der Autor entstammt dem bekannten ungarischen Adelsgeschlecht, der Batthyanys, das in der Donaumonarchie einige großartige Persönlichkeiten hervorgebracht hat.

Er selbst ist Jahrgang 1973 und lebt als Journalist in der Schweiz.

Mit seinen prominenten Vorfahren hatte er bislang wenig zu tun, bis er durch eine Kollegin auf einen Artikel über seine Großtante Margit Thyssen-Batthyany aufmerksam gemacht wird. Sie soll im März 1945 auf ihrem Schloss in Rechnitz (Österreich, nahe der ungarischen Grenze) ein Fest für allerlei Nazi-Bonzen gegeben haben, bei dem dann als „Belustigung“ rund 180 Juden erschossen wurden.

Vorsichtig fragt er in der Familie nach. Er erhält ausweichende Antworten, einige Abfuhren, den Auftrag die Vergangenheit doch endlich ruhen zu lassen und „die Familienehre“ nicht zu beschmutzen. Doch alle diese seltsamen Verhaltensweisen stacheln seine Neugierde an. Er begibt auf Spurensuche und stößt auf die Titel gebende Frage „Und was hat das mit mir zu tun?“. Eine solche Vergangenheit hat „alles und nichts“ mit einem zutun.

Persönlich kann der Autor für die Taten der Großtanten nichts, doch lastet auf ihm nicht doch die Verantwortung eines langen Adelsgeschlechts? Und genau in dem Spannungsfeld befindet sich der Autor.

Batthyany fragt den eigenen Vater, der ihm eigentlich zeitlebens fremd ist, erfährt das dessen Vater Ferenc (also sein Großvater) zehn Jahre im russischen Gulag als Kriegsgefangener verbracht hat.

Er stellt sich die Frage, warum nur die Nazizeit als barbarisch dargestellt wird und die Stalin-Ära nicht? Er wundert sich, dass es Denkmäler für die Opfer des Holocaust gibt, für die Opfer des Stalinismus nicht.

Sacha Batthyany erhält nach dem Tod seiner Großmutter Maritta, deren Tagebuch. Aus dem geht hervor, dass sie zeitlebens von Schuldgefühlen „nicht wenigstens die Mandls gerettet zu haben“ geplagt wird.
Sacha Batthyany reist nach Südamerika und lernt Agnes, die Tochter eben jenes jüdischen Kaufmanns Mandl aus Rechnitz kennen, die nun hoch betagt im Kreise ihrer Familie in Uruguay lebt. Ihr und ihrem Bruder Sandor ist es mit Müh’ und Not gelungen, Auschwitz zu überleben.

Bei seinen Recherchen enthüllt sich eine Lüge, die seinen Großonkel und die Großtante schützen, aber die Familie von Agnes nun in größte Bedrängnis stürzen könnte – den gefälschten Eintrag in Sterbebuch von Rechnitz. Agnes’ Töchter und er beschließen dies vor Agnes zu verheimlichen. Doch für Mirta Kupferminc wird diese Enthüllung weit reichende Folgen haben.

Ich habe eine Verwirrung beim Autor wahrgenommen. Auf der einen Seite, kennt er die Inhalte von Geschichtsbüchern und Literatur, die zwar eindringlich, aber dennoch entfernt über die Schreckensherrschaft berichten und auf der anderen Seite, die Beteiligung seiner eigenen Verwandten, die niemals auch nur entfernt zur Rechenschaft gezogen wurden.

Der Befangenheit entsprechend springt der Autor durch Zeit und Raum, doch sind die einzelnen Sequenzen durch Überschriften gut gekennzeichnet. In seiner Unsicherheit begibt er sich in Psychoanalyse und versucht seine Gefühle einzuordnen. Doch auch der Analytiker hat sein Scherflein zu tragen – sein Vater hat versucht, verfolgte Juden aus Deutschland und Österreich zu retten.


Batthyany verquickt seine Familiengeschichte mit der Geschichte Europas. Die schrecklichen Ereignisse von vor siebzig Jahren, haben seine Familie geprägt.

Das Schloss der Batthyanys in Rechnitz wurde von den Russen niedergebrannt. Großtante Margit und ihr Mann Ivan flüchten knapp nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 aus Rechnitz in die Schweiz. Sie werden niemals zur Rechenschaft gezogen.

Die Überreste der 180 beim Bankett getöteten jüdischen Zwangsarbeiter sind nach wie vor nicht geborgen, da niemand über den Standort des Massengrabs eindeutige Angaben macht, obwohl er bekannt sein muss. Die letzten Augenzeugen, die Auskunft geben könnten, sind bald nicht mehr am Leben.

Der Tatort soll in unmittelbarer Umgebung des „Rechnitzer Kreuzstadels“ liegen, dessen Ruine heute eine Gedenkstätte zur Erinnerung an diese Gräueltat ist (www.kreuzstadel.net und www.refugius.at).

Für mich sind einige Fragen, offen geblieben. Wird sich der Autor weiter seiner Familiengeschichte stellen?

Veröffentlicht am 18.02.2018

Sagenhafte Bretagne

Bretonische Flut
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Der fünfte Fall für Kommissar Dupin beginnt mit seinem üblichen „So ein Scheiß!“ Diesmal wird weniger geflucht als üblich, obwohl er guten Grund dazu hätte.

Er muss sich um drei Todesfälle kümmern, die ...

Der fünfte Fall für Kommissar Dupin beginnt mit seinem üblichen „So ein Scheiß!“ Diesmal wird weniger geflucht als üblich, obwohl er guten Grund dazu hätte.

Er muss sich um drei Todesfälle kümmern, die augenscheinlich zusammenhängen. Allerdings weiß Dupin noch nicht wie. Die Ermittlungen gestalten sich als zäh, da die wortkargen Bretonen noch weniger sagen wollen als sonst.

Dafür wird der Leser durch die Vielfalt der Sagen und Mythen, der lukullischen Genüsse und der Beschreibung der traumhaften Landschaft entschädigt.

Commissaire Dupin steht als Pariser dem Meer skeptisch gegenüber und empfindet es als persönliche Beleidigung, wenn er zu seinen Amtshandlungen in ein Boot steigen muss.

Diesmal ist es nicht der lästige Präfekt, der ihm das Leben schwer macht, sondern Mr. Morin, der in der gesamten Bretagne als „Fischerkönig“ bekannt ist. Jeder weiß, dass er an kriminellen Machenschaften beteiligt oder sogar der Drahtzieher derselben ist, doch bislang konnte man ihm nie etwas nachweisen.

Das muss auch Dupin zähneknirschend zu Kenntnis nehmen. Für uns Leser birgt dieser Umstand Hoffnung auf den Fall Nummer 6. Dann wäre das halbe Dutzend voll.