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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.01.2025

Erinnerungen

Unmöglicher Abschied
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Die Ich-Erzählerin Gyeongha, eine depressive junge Frau, die kaum ihr Bett verlässt, reist nach einem Anruf ihrer langjährigen Freundin Inseon zuliebe, die im Krankenhaus liegt, von Seoul zu deren Haus ...

Die Ich-Erzählerin Gyeongha, eine depressive junge Frau, die kaum ihr Bett verlässt, reist nach einem Anruf ihrer langjährigen Freundin Inseon zuliebe, die im Krankenhaus liegt, von Seoul zu deren Haus auf der Insel Jeju, um ihren Vogel Sama zu versorgen. Auf der beschwerliche Reise durch unwirtliches und winterliches Gebiet, die sie mit Flugzeug, Bus und zuletzt zu Fuß durch die Nacht unternimmt, überfallen sie eigene und erzählte Erinnerungen an das Jeju-Massaker 1948, über das bis heute nicht gesprochen werden darf. Auch Gyeonghas und Inseons Familien sind davon betroffen.

„Sogar die Säuglinge?
Ja, weil es das Ziel war, sie alle auszurotten.
Wen auszulöschen?
Die Roten.“ (S.147)

Nach und nach enthüllt sich eine Geschichte des Grauens.

Meine Meinung:

Wenn ein Autor oder eine Autorin den Literaturnobelpreis erhält, muss sein bzw. ihr Werk nicht immer alltagstauglich sein. Das ist mir beim Lesen dieser Geschichte spontan in den Sinn gekommen.

Han Kang widersetzt sich dem Tabu, dieses Massaker zu verschweigen. Das finde ich zunächst einmal wichtig, obwohl es, wie es scheint, nicht ganz ungefährlich ist. Auch über die Opferzahlen, des von der Regierung als kommunistischer Aufstand deklarierte Massaker, gibt es widersprüchliche Angaben. Man nimmt an, dass zwischen 30.000 und 60.000 der rund 300.000 Einwohner der Insel ermordet worden ist. Dieses unbekannte Kapitel der südkoreanischen Geschichte ist in Han Kangs Roman verpackt, denn im Westen weiß man sehr wenig über Korea. Nordkorea ist wegen seines verhaltensauffälligen Diktators immer wieder in den Schlagzeilen, Südkorea, bislang eine scheinbar stabile wirtschaftliche Größe, erregt aktuell durch seine Turbulenzen in der Regierung Aufmerksamkeit. Aber, das tun andere Nationen auch.

Der Schreibstil ist, gemessen an der Tragödie des Massakers, fast zu poetisch und spricht mich persönlich nicht ganz an. Manches ähnelt den Erinnerungen von Überlebenden der Shoa. Nicht immer kann ich unterscheiden, was Traum(a) oder Wirklichkeit der beiden Protagonistinnen ist.

Fazit:

Die Idee, die Geschichte rund um die beiden Frauen, deren Familien Überlebende des Massakers von Jeju sind, ist grundsätzlich interessant. Die Umsetzung hat mir nicht ganz so gut gefallen, daher nur 3 Sterne.

Veröffentlicht am 06.01.2025

Hat mich leider enttäuscht

Haja oder Hanoi? Wehrles Detektivmobil
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Nikola Wehrle ist Putzfrau des Polizeipostens in Schönweil, einem fiktiven Ort, und träumt schon länger davon, selbst Ermittlungen anzustellen. Es scheint, dass sich der Traum vom eigenen Detektivbüro ...

Nikola Wehrle ist Putzfrau des Polizeipostens in Schönweil, einem fiktiven Ort, und träumt schon länger davon, selbst Ermittlungen anzustellen. Es scheint, dass sich der Traum vom eigenen Detektivbüro erfüllt, als sie von ihrer Tante Ilse einen orange lackierten VW-Bulli und ein Sparguthaben erbt. Kurz entschlossen kündigt sie ihren Job. Die Freude am Erbe verfliegt recht schnell, als sich herausstellt, dass Tante Ilse ermordet worden ist.

Wer hat ein Motiv, die gesellige Frau, die in einer privaten Senioren-WG lebt zu ermorden?

Nik, wie sie genannt wird, beginnt sich in der Senioren-WG umzuhören und stößt auf einige Ungereimtheiten. Auch Heimleiterin Anke hat so ihre Geheimnisse und damit ist sie nicht alleine.

Meine Meinung:

Gleich vorweg, dieser Krimi hat mir nicht gefallen. Das beginnt schon beim Titel, der nur für Kenner des schwäbischen Dialekts so richtig verständlich ist. Dass es sich mit „Hanoi“ nicht um die Hauptstadt Vietnams handelt, kommt erst bei der Übersetzung der Dialektpassagen heraus. Eigentlich mag ich Wortspielereien.

Obwohl ich auch gerne Krimis lese, die eher gemächlich daherkommen und keine Nerven aufreibende Spannung aufweisen, ist mir die Handlung hier zu lau und die der Protagonistin Nikola erscheinen mir ziemlich unüberlegt.

Am letzten Arbeitstag entdeckt sie in der Asservatenkammer des Polizeipostens einen Käfig mit zwei Hasen und nimmt die beiden Fellknäuel aus Mitleid kurzerhand mit. Das wird nicht die einzige etwas unbedachte Handlung sein. Nik irrlichtert durch den Krimi, verdächtigt alle Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sowie die Heimleiterin.

Nik wirkt auf mich wie eine Pubertierende, dabei ist sie schon 45, hat eine erwachsene Tochter und gescheiterte Ehe hinter sich.

Der Klappentext verspricht einen humorvollen Krimi. Wenn der daraus besteht, dass eine Möchtegern-Ermittlerin mit zwei Hasen, die sie Ha Ja und Ha Noi, nennt (womit der Bogen zum Titel geschlagen wird) durch die Geschichte stolpert, ist diese Art von Humor leider nichts für mich. Schade!

Das orangefarbene Cover sticht aus den vielen dunklen Cover, die aktuell Krimis zieren, heraus.

Ich kannte den Namen Lili Lemberg, hinter dem sich die Autorin Linda Graze verbirgt, bislang nicht und bin nicht sicher, ob ich einen weiteren Krimi von Lemberg/Graze lese werde.

Fazit:

Leider hat mir der Krimi gar nicht gefallen, daher gibt es diesmal nur 2 Sterne.

Veröffentlicht am 05.01.2025

Fesselnd bis zur letzten Seite

Stumme Knochen
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Als Bauarbeiter eine kleine Kapelle, die an die Rettung einer Wintersportlerin erinnert, versetzen sollen, entdeckt der Baggerfahrer beim Ausheben des Betonfundamentes menschliche Knochen. Durch die Bodenbeschaffenheit ...

Als Bauarbeiter eine kleine Kapelle, die an die Rettung einer Wintersportlerin erinnert, versetzen sollen, entdeckt der Baggerfahrer beim Ausheben des Betonfundamentes menschliche Knochen. Durch die Bodenbeschaffenheit sind Teile der Leiche gut erhalten. Die Vermutung, dass es sich um die Überreste der seit 47 Jahren vermissten Annalise Jansen handelt, liegt nahe. Die damals 16-jährige ist nach einer Party ebenso verschwunden wie ihr nur wenig ältere Nachhilfelehrer. Bis in die Gegenwart ist unklar, ob die beiden gemeinsam durchgebrannt sind oder ob der junge Mann das Mädchen ermordet hat.

Detective Jane Munro erhält diesen Cold-Case-Fall übertragen. Sie scheint dafür geeignet, da ihr Verlobter vor einigen Monaten während einer Bergtour spurlos verschwunden ist und sie die Emotionen der zurückbleibenden Familienangehörigen nachvollziehen kann. Zudem ist sie im sechsten Monat schwanger.

Jane Munro beginnt mit dem Studium der alten Akten. Dabei stößt sie auf die „Shoreview Six“, jene eingeschworene Highschool-Gruppe, der auch Annalise angehört hat. Deren Aussagen von damals gleichen sich auffällig. Was haben die Mitglieder dieser Gruppe, die nun in den Sechzigern und respektable Geschäftsleute sind, zu verbergen?

Meine Meinung:

Dieser Krimi ist geschickt aufgebaut. Erzählt wird er aus verschiedensten Persepektiven: Aus der Sicht von Ermittlerin Jane, der Forensikerin Dr. Ella Quinn, die eine weit reichende Entdeckung an der Leiche macht, und der TV-Journalistin Angela Sheldrick sowie den Mitgliedern der „Shoreview Six“. Mit zahlreichen Rückblenden zu den Ereignissen vor 47 Jahren wird die Spannung häppchenweise aufgebaut bis sie schlüssig, aber überraschend aufgelöst wird.

Bislang war mir die kanadische Autorin Loreth Anne White unbekannt. Nach diesem Krimi, der mich bis zur letzten Seite gefesselt hat, werde ich weitere Bücher von ihr lesen. Ob es eine Fortsetzung zu Detective Jane Munro geben wird? Immerhin ist das Schicksal ihres Verlobten unklar.

Ein winzigen Kritikpunkt habe ich bezüglich des Covers: Wenn ich nicht explizit einen Krimi, der in Kanada spielt, gesucht hätte, hätte ich dieses Buch links liegen gelassen. Das Cover beeindruckt überhaupt nicht. Auf mich wirkt es „selbstgestrickt“.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Krimi, der mich bis zu seiner überraschenden, aber schlüssigen Auflösung gefesselt hat, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 04.01.2025

Libanon - Mon Amour

Barfuß in Tetas Garten
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Wann immer in den Nachrichten vom Libanon die Rede ist, denkt man an die verheerende Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020, an Korruption und Vetternwirtschaft, an die Hisbollah sowie an instabile ...

Wann immer in den Nachrichten vom Libanon die Rede ist, denkt man an die verheerende Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020, an Korruption und Vetternwirtschaft, an die Hisbollah sowie an instabile Machtverhältnisse. Dass es auch noch einen anderen Blickwinkel auf dieses Land, das am Mittelmeer liegt und an Syrien und Israel grenzt, gibt, zeigt uns Journalistin und Autorin Aline Abboud, deren Vater aus dem Libanon stammt und zum Studium in die DDR gereist ist. Dort hat er seine Frau kennengelernt. Als die Mauer fällt, ist Aline drei Jahre alt. Dennoch bleibt die Familie aus finanziellen Gründen im Ost-Berliner Stadtteil Pankow wohnen. Sie geht dort aufs Gymnasium, nicht gerne, wie sie schreibt.

„Dass ist ein Pfund, dass du arabisch sprichst. Bau das ruhig aus. Daraus solltest du etwas machen.“

Die Kenntnisse der arabischen Sprache öffnet ihr die Türe zu ihrem Beruf als Journalistin und Moderatorin.

Aline Abboud entführt uns in ein Land, in dem Familie über alles geht. In ein Land, das sie, obwohl sie es zunächst nur während der Sommerferien kennengelernt hat, geprägt hat. Abboud stellt uns den Libanon aus Sicht des Kindes, der Jugendlichen und als Erwachsene vor. Schmunzeln musste ich, als sie über den Besuch des berühmten Zedernwaldes als Pubertierende erzählt. Die Zeder - einst haben dichte Wälder das Gebiet bedeckt bevor Phönizier, Römer und ander Völker dieses Holz für den Schiffsbau entdeckt haben, ist zentraler Teil der libanesischen Flagge und Identität.

Aline Abboud berichtet aber auch über Ängste, die sie und ihre in ganzen Welt verstreute Familie, ausstehen, wenn sie die Schreckensnachrichten aus Radio und TV hören und, die im Libanon verbliebenen Angehörigen tagelang nicht erreichen.

Sie geht auch der Frage nach, warum so viele junge Menschen den Libanon verlassen. Gleichzeitig berichtet sie von opulenten Hochzeiten mit Stretchlimousinen und eleganten Kleidern. Und überhaupt, kleiden sich die viele Libanesinnen und Libanesen in teure Designerware. Ein Mittel des Trotzes gegen das Regime? Oder ein Statement für die Selbstachtung in schwierigen Zeiten? Das erinnert mich daran, dass sich die Pariserinnen, als ihre persönliche Art des Widerstandes, während der deutschen Besatzung chic gekleidet haben.

Aufgeben ist für viele Libanesen keine Option, obwohl zahlreiche junge Menschen das Land verlassen. So haben Dutzende Geschäftsleute nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut 2020 wenig später ihre Geschäfte an anderer Stelle wieder eröffnet.

Fazit:

Dieser sehr persönliche Einblick in den Libanon hat mich sehr beeindruckt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 31.12.2024

Wow was für eine Geschichte!

Wintertöchter Trilogie
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„Wintertöchter“ ist eine spannende, emotionale und fesselnde Familiensaga über mehrere Generationen hinweg, die hier in einer Gesamtausgabe vorliegt.

Im ersten Buch erfahren wir das Schicksal von Marie, ...

„Wintertöchter“ ist eine spannende, emotionale und fesselnde Familiensaga über mehrere Generationen hinweg, die hier in einer Gesamtausgabe vorliegt.

Im ersten Buch erfahren wir das Schicksal von Marie, die zunächst glücklich mit ihrem Mann Anton auf dem Julianenhof in dem kleinen Bergdorf Forstau im Salzburgischen lebt. Es ist Anfang Jänner 1940 und ein strenger Winter mit meterhohem Schnee als bei Marie die Wehen einsetzen. Sie schickt Anton ins Dorf hinunter, um ihre Ziehschwester, die Hebamme Barbara, zu holen. Doch Anton wird das Dorf nie erreichen und Marie bringt ihre Tochter Anna alleine zur Welt. Recht bald bemerkt Marie, dass Anneli, wie sie ihre Tochter nennt, jene Gabe mitbekommen hat, über die Barbara verfügt wie die Urahnin Juliana. Eine Gabe, die nur über die weibliche Linie weitergegeben werden kann und sorgsam gehütet werden muss.

Mehrere Jahre leben Marie und Anneli im Rhythmus der Jahreszeiten im Sommer auf dem Berg, im Winter im Tal. Doch als der charmante, dunkelhaarige Roman auftaucht, ändert sich das Leben der beiden von Grund auf. Er ist zunächst fürsorglich, doch bald zeigt er sein wahres Gesicht: Als sich Marie weigert, ihm den Julianenhof, der ihr von ihrer Urahnin Juliana einst vererbt worden ist, zu überschreiben, wird er Mutter und Tochter gegenüber gewalttätig. Die Frauen können sich nicht wehren. Die Leidensgeschichte, in deren Verlauf die minderjährige Anneli Zwillinge bekommt, endet erst als Roman zu einer Bergtour aufbricht und nicht wiederkommt.

Wir erfahren wie es mit Anneli und Barbara weitergeht. Nach einem Brand im Dorf, bei dem drei Jugendliche und Elsbeth, ein behindertes Mädchen, ums Leben kommen. lüftet Barbara dem ermittelnden Polizisten ein kleines Zipfelchen ihres Geheimnisses

„Ich überlasse es dir, ob du mir glaubst und was du damit anfängst, Sepp. Wir nennen es die Gabe und nur die Frauen unserer Familie sind damit behaftet. Doch es wäre gut, wenn du uns daraus hältst. Niemand weiß davon und so soll, so muss es auch bleiben!“

Im dritten Band machen wir einen großen Sprung durch Zeit und Raum in das Jahr 2004 nach Heidelberg zu den Zwillingen Christina und Helena, die in Aussehen und Wesen unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine dunkelhaarig und unstet, die andere weißblond und, nun ja, super intelligent, aber anders.

Dann erhält Helena mehrere handgeschriebene Tagebücher anonym zugesendet. Nach deren Lektüre und einem Eklat bei der Geburtstagsfeier der Zwillinge, brechen die beiden auf, um sich auf die Spuren der geheimnisvollen Autorin zu begeben.

Meine Meinung:

Wow, was für eine Geschichte! Ich habe die 1.243 Seiten an einem Wochenende verschlungen!

Zunächst bleibt die Gabe ja ein wenig nebulös. Es gibt Andeutungen, dass sie neben Kräuter- und Heilkunde auch so etwas das „Zweite Gesicht“ bedeutet. Die Gabe ist auch unterschiedlich stark ausgeprägt. Barbara hat die Einführung in das alte Wissen von Juliana gelernt bzw. erklärt bekommen, bei Marie ist sie kaum ausgebildet und bei Anneli ziemlich stark ausgeprägt. Im dörflichen Umfeld denken sich manche ihren Teil, sprechen aber öffentlich nicht darüber. Diese Gabe muss sorgfältig gehütet werden, da sie vielen Menschen Angst einflößt.

Das Buch ist fesselnd geschrieben. Es entwickelt eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Das Verhalten mancher Dorfbewohner, die sehr wohl mitbekommen haben, was sich auf dem Julianenhof abspielt und betreten geschwiegen haben, ist erschreckend, kommt aber leider heute auch noch vor. Ob aus Angst davor, Verantwortung zu übernehmen oder Bequemlichkeit, ist nicht leicht zu beurteilen.

Das Buch beschäftigt sich mit Ausgrenzen und ausgegrenzt werden sowie mit lange zurückliegenden Traumata aus der Kindheit. Die sollen nicht als Entschuldigung für Verbrechen dienen, können aber eine Erklärung sein.

Fazit:

Eine komplexe Familiengeschichte, die mich in den Banne gezogen hat, weshalb ich ihr 5 Sterne und eine Leseempfehlung gebe.