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Venatrix

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Veröffentlicht am 01.04.2024

Ein gelungener hist. Roman aus der NS-Zeit

Beelitz Heilstätten
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Autorin Lea Kampe entführt uns mit ihren historischen Roman in das von der Arbeiter-Versicherungsanstalt Berlins 1898 errichtete Lungensanatorium Beelitz-Heilstätten.

Die junge Biologie-Studentin Antonia ...

Autorin Lea Kampe entführt uns mit ihren historischen Roman in das von der Arbeiter-Versicherungsanstalt Berlins 1898 errichtete Lungensanatorium Beelitz-Heilstätten.

Die junge Biologie-Studentin Antonia Marquardt hat einen unklaren Befund ihres Tuberkulinpflasters und wird 1938, weil ihre Mutter an Tbc verstorben ist, zur Beobachtung und Rekonvaleszenz nach Beelitz geschickt. Antonia ist als Studentin hier die Ausnahme. Die anderen Frauen sind Ehefrauen von Arbeitern, die mit ihren Kindern in feuchten Wohnungen leben, von Armut geprägt sind und zum Teil ihre Nahrungsmittel für die Kinder aufsparen. Sie alle müssen sich nun dem strengen Reglement unterwerfen. Mehrmals Fieber messen pro Tag, das Sputum in den „Blauen Heinrich“ spucken, Liegekuren, Wechselduschen und nahrhaftes Essen. Was wie das Paradies klingt, ist für manche schwer zu ertragen, denn so manche Krankenschwester legt einen Kasernenhofton an den Tag.

Obwohl man versucht, alles die Politik von den Kranken fern zu halten, sickern natürlich Informationen durch. Außerdem leben auch einige Frauen, die dem NS-Regime fanatisch folgen.

Als Antonia als geheilt entlassen wird, sattelt sie von Biologie auf Medizin um. 1942 kehrt sie kurz vor Studienabschluss als Praktikantin nach Beelitz-Heilstätten zurück. Der Ton ist rauer geworden, was vor allem an Schwester Martina und Dr. Franke, beides glühende Nazis, liegt. Was daraus folgt, ist klar. Sterbenskranke Patientinnen, die sich nicht unterordnen oder an der Politik zweifeln, werden in eine der zahlreichen Sonderanstalten überstellt.

Neben dem Handlungsstrang rund um Antonia, gibt es noch zwei weitere: Den um die Familie Berggruen. Der Vater, ein Sozialist, der es geschafft hat, unter dem Radar des Regimes zu bleiben, und die beiden ungleichen Söhne. Ronny, dem die Gemeinschaft der HJ so gut gefällt, dass er mit Freude und Hurra-Geschrei an die Front geht und Joachim, genannt Jojo, der lieber Bücher liest, als an Wehrsportübungen teilzunehmen.

Der dritte Handlungsstrang, der nicht ganz so ausgeprägt ist, betrifft Antonias Freundin Christian, die mit Gleichgesinnten dem NS-Regime Widerstand leistet und Flugblätter verteilt. Es kommt, wie es kommen muss, Christiane wird verhaftet und ihre kleine Schwester Leni flüchtet zu Antonia, die zwar bei den Aktionen der der Widerstandsgruppe nicht aktiv mitmachen wollte, aber nun im Ernstfall sich als kreative Stütze erweist.

Meine Meinung:

Über Tuberkulose-Kranke liest man häufig in Zusammenhang mit gut Betuchten wie Thomas, die in Davos auf Kur weilen oder von schwindsüchtigen Charakteren in diversen Opern wie Mimi in La Bohème oder als „Wiener Krankheit“ in den Elendsvierteln der Arbeiterinnen im 19. und 20. Jahrhundert. Die Tbc hat bis zur Entwicklung von Antibiotika bis nach dem Zweiten Weltkrieg als unheilbar gegolten. Die vorbeugende Impfung ist zwar seit den 1930-er Jahren bekannt, aber auf Grund des Impfunglücks von Lübeck, bei dem Neugeborenen verunreinigter Impfstoff verabreicht wurde und 77 Babys an Tbc starben, ausgesetzt.

Dieser historische Roman schildert wie zahlreiche andere Romane Details aus der NS-Zeit, die vielleicht nicht ganz so bekannt sind. Mag sein, dass die Heilanstalt - zumindest zu Beginn der Zweiten Weltkriegs eine kleine selige Blase in einer grausamen Welt der Vernichtung gewesen ist. Der gutgemeinte Appell an Linde, sich keiner Schwangerschaft mehr auszusetzen, kann ich auch nicht ganz glauben. Man hat hier nicht lange gefackelt und die Frauen wie Männer einfach unter sterilisiert.

So nimmt denn auch die Liebesgeschichte zwischen Dr. Henrik Westphal und Antonia Marquardt einen großen Raum ein.

Der Roman wirkt auf mich insgesamt ein wenig „weichgespült“. Es sind einfach zu viele aufrechte Charaktere an einem Platz. Es gibt zwar neben der schon genannten Schwester Martina und Dr. Franke, mit Prof. Hartmann eine weitere üble Person, der den Studentinnen nachstellt und Antonia mit schlechten Noten zu erpressen versucht, sollte sie nicht mit ihm „Abendessen“ gehen. Doch Antonia, ist in ihrer Rolle als Mitwisserin bzw. als Initiatorin ist nie wirklich in Gefahr.

Aus anderer Literatur kenne ich da ganz andere Gepflogenheiten wie z. B. in der Wiener Kinderklinik Am Spiegelgrund: Austausch des gesamten Personals und barbarische medizinische Versuche an Kindern, die letztlich ermordet worden sind.

Wer ein realistische Bild der medizinischen Versorgung von Langzeitkranken in der NS-Zeit lesen will, muss zu anderen Büchern greifen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der die grausame NS-Zeit in nur einer winzigen Dosis verabreicht, 4 Sterne.

Veröffentlicht am 01.04.2024

"Ohne Frauen ist kein Staat zu machen"

Frauenbewegung und Feminismus
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„Ohne Frauen ist kein Staat zu machen“ aus dem „Manifest für eine autonome Frauenbewegung“ (Verfasserin Ina Merkel)

Nach einer Einleitung in der relevante Termini erklärt werden, wendet sich Ute Gerhard ...

„Ohne Frauen ist kein Staat zu machen“ aus dem „Manifest für eine autonome Frauenbewegung“ (Verfasserin Ina Merkel)

Nach einer Einleitung in der relevante Termini erklärt werden, wendet sich Ute Gerhard der Entwicklung der Frauenbewegung und dem Feminismus zu:

Zeitenwende in den Geschlechterbeziehungen: Die Französische Revolution
Die Freiheitsbewegungen um die 1848-er Revolution
Die hohe Zeit der Frauenbewegungen und ihre Organisationen
Zwischen und nach den Weltkriegen: 1919 bis 1949
Die Neue Frauenbewegung
Feminismen nach 1989

Beginnend mit den Forderungen der Frauen gemäß dem Schlachtruf nach der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zeigt Ute Gerhard den steinigen Weg der Frauen für Gleichstellung und Frauenrechte auf. Für zwei der bekanntesten Frauenrechtlerinnen in Frankreich erfüllen sich ihre Forderungen nach Gleichstellung, doch leider anders als erhofft: Sowohl Olympe de Gouges (1749-1793) als auch Jeanne-Marie „Manon“ Roland de La Platière, besser bekannt als Madame Roland (1754-1793) sterben wie Tausende andere unter der Guillotine. Unter dem Fallbeil der Jakobiner sind die Frauen den Männern gleichgestellt.

Spannend zu lesen ist, dass der vielgerühmte „Code Civile“ von Napoleon Bonaparte, den Frauen jene Rechte für die sie Seite an Seite mit den Männern gekämpft haben, verweigert. Das patriarchalische System des „Code Civile“ wird zu Blaupause für zahlreiche Gesetzestexte in ganz Europa. In Frankreich wird er Frauen bis 1944 (!) das Wahlrecht verweigern.

So erfahren für jede Epoche welche Frauen sich besonders für ihre Rechte eingesetzt haben. Neben bekannten Namen wie Karoline Perin, Luise Otto, Clara Zetkin bis hin zu Alice Schwarzer spannt sich der Bogen der kämpferischen Frauen.

Sehr interessant sind auch die Betrachtungen der beiden Weltkriege. Im Ersten Weltkrieg werden Frauen zu Lückenbüßerinnen, fahren Straßenbahnen, Autobusse, halten in den Fabriken die (Kriegs)Wirtschaft am Laufen und übernehmen medizinische Pflege für Kinder, Alte und Soldaten nur um nach der Kapitulation sofort wieder hinter den drei Ks (Kirche, Küche, Kinder) zu verschwinden. Im Zweiten Weltkrieg ist es nicht viel besser. Zuvor werden noch jene, die nicht der NS-Propaganda entsprechen (Jüdinnen, Sozialistinnen, Kommunistinnen, Gleichgeschlechtlich Liebende oder einfach Intellektuelle) verfolgt, zur Emigration gezwungen und ermordet. Trotz des Frauenüberschuss von 7 Millionen, gibt es kaum Änderungen in den Bürgerlichen Gesetzen. Erst 1977 wird das Familienrecht adaptiert. Zuvor musste eine Frau ihren Ehemann um Erlaubnis fragen, ob sie eine Erwerbstätigkeit annehmen darf.

Da nehmen sich die Streitereien um Binnen-I und Gendersternchen als völlig deplatziert aus.

Für mich als Österreicherin interessant, weil zu wenig bekannt, ist die Situation der Frauen in der DDR. Sie scheinen mehr Rechte als ihre westdeutschen Geschlechtsgenossinnen gehabt zu haben, Allerdings um den Preis, dass die allgemeinen Bürgerrechte insgesamt eingeschränkt waren. Also, eine Nivellierung nach unten? Dass die Frauenverbände der DDR der Vereinigung der beiden Deutschland skeptisch gegenüber gestanden sind, leuchtet ein.

Ute Gerhard beschließt ihre Betrachtungen der Frauenbewegung und des Feminismus mit folgenden Worten:

„Der Feminismus und seine Anliegen sind noch lange nicht erledigt.“

Binnen-I und Gendersternchen sind zu wenig, um Gleichstellung und Gleichberechtigung der Frauen zu erreichen.

„Die Geschichte belegt: Es gibt sie, die Frauen, die selbstbewusst und klug genug sind, die anstehenden Herausforderungen anzupacken. Die mehr als 200-jährige Geschichte des Feminismus stellt dafür einen großen Schatz an Wissen und Erfahrungen, an Einsichten und kritischen Analysen bereit, die zu kennen und zu erinnern sich lohnt.“

Dem ist wohl wenig hinzu zu fügen.

Fazit:

Eine fesselnde Geschichte der über 200-jährigen Geschichte der Frauenbewegung und des Feminismus, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 01.04.2024

Vom Umgang mit dem Bösen

Dämonen – Wissenschaftsbuch des Jahres 2025
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Wer glaubt, dass „Teufelsaustreibungen“ längst Vergangenheit und Aberglauben sind, sollte dieses Buch lesen.
Gerhard Ammerer, Nicole Bauer und Carlos Watzka untersuchen in zehn Kapiteln war es mit dem ...

Wer glaubt, dass „Teufelsaustreibungen“ längst Vergangenheit und Aberglauben sind, sollte dieses Buch lesen.
Gerhard Ammerer, Nicole Bauer und Carlos Watzka untersuchen in zehn Kapiteln war es mit dem Glauben an Dämonen und Teufeln auf sich hat,

Neben einer Einleitung gliedert sich das Buch wie folgt:

Grundlagen der europäischen Dämonologie: Hellenismus, Judentum, Neues Testament
Der Kampf gegen die bösen Geister vom Frühmittelalter bis zum Erscheinen des Hexenhammers
Ein Zenit der Dämonisierung: Besessenheit während der „Glaubensspaltung“
Besessenheit und Austreibungspraxis im Barock und das „Rituale Romanum“ von 1614
Die dämonische Besessenheit in der Kritik - die Aufklärungszeit
Teufelsglaube zwischen politischer Marginalisierung und populärer Alltäglichkeit im Biedermeier
Zwischen Beschwörung und Bannung: Dämonen im „Kulturkampf“ des Pressewesens
Symbolische Präsenzen. Praktiken der Teufelsaustreibung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Abschied vom Teufel? Besessenheit und Exorzismus im späten 20. Jahrhundert
Rückkehr des Teufels? Globalisierung und Dämonisierung seit den 1990er-Jahren

Mit einem Resümee und Ausblick schließt das Buch, das neben einem Anhang zahlreichen Abbildungen enthält.

Meine Meinung:

Die rituelle Teufelsaustreibung hat in Österreich eine lange Geschichte, ich möchte fast sagen „Tradition“. An Hand von durch Protokolle und Akten belegten Exorzismen beschreiben die drei Autoren das Procedere.

Wenn es nicht so traurig und brutal wäre, müsste man fast schmunzeln, wenn man liest, dass bei der Teufelsaustreibung, die man 1783 an dem Ötztaler Bauernmädchen Johanna Scheiber vollzogen hat, ein Tirolerisch sprechender Teufel mit angeblich Millionen (?) anderer Teufel ausgefahren sei. Man stelle sich bitte den höllischen Stau vor.

Diese Teufelsaustreibung ist heute noch als „Wunder von Seefeld“ bekannt und hat Seefeld zum Wallfahrtsort gepusht. Ein Schelm, der hier Böses vermutet, wenn durch Wallfahrer viel Geld in die Kassen der Kirche gespült worden ist.

Skeptische Geister haben die Darstellung schon damals angezweifelt. Immerhin ist auch in Österreich das Zeitalter der Aufklärung angebrochen. Kaiser Joseph II. regiert und hat, wie man weiß zahlreiche kontemplative Klöster aufgehoben. Man nähert sich zahlreichen, bislang rätselhaften Phänomenen inzwischen mit dem Blick der Naturwissenschaft.

Die Autoren – der Historiker Gerhard Ammerer, die Religionswissenschafterin Nicole Bauer und der Soziologe Carlos Watzka – spannen einen weiten Bogen: von antiken Kobolden und Zwischenwesen, halb Mensch, halb Gott, über die jüdischen Totengeister sowie Unholde der muslimischen Welt bis hin zum dämonischen Personal der christlich-katholischen Lehre. Vor allem bei Letzterer, weil in Österreich die Religionsgemeinschaft mit den meisten Gläubigen, spielt die Erzählung von gefallenen Engeln, deren Chef der Teufel ist, der ein Heer von Dämonen befehligt, eine große Rolle. Nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der jüngsten Zeit. Hierzu gibt es interessante Stellungnahmen sowie Zeitungsberichte aus 2011 bzw. 2023.

Wenn man sich so manchen Politiker, der wild gestikulierend und mit bis zur Grimasse verzerrten Gesicht seine Botschaft verkündet, ansieht, könnte man fast an Dämonen glauben. Aber nur fast!

Fazit:

Gerne gebe ich diesem interessanten Werk der Autoren Ammerer, Bauer, Watzka, das einen wisssenschaftlichen Einblick auf Österreichs Geschichte in Bezug auf Dämonen und Teufel gibt, 4 Sterne.

Veröffentlicht am 01.04.2024

EIne Leseempfehlung!

Acqua alta
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Isabelle Autissier stellt in ihrer Dystopie die Zerstörung Venedigs im Jahre 2021 durch ein gewaltiges Naturereignis dar. Doch ist es wirklich das Zusammenspiel zwischen Sturm und Wasser, das auf die maroden ...

Isabelle Autissier stellt in ihrer Dystopie die Zerstörung Venedigs im Jahre 2021 durch ein gewaltiges Naturereignis dar. Doch ist es wirklich das Zusammenspiel zwischen Sturm und Wasser, das auf die maroden Mauern der Serennissa, die die Stadt zerstören? Oder ist es vielmehr die Gier nach noch mehr Umsatz, noch mehr Gewinn in Kombination von Ignoranz und Korruption? Mahner, die zum Schutz der Stadt und der Lagune aufrufen, gab und gibt es schon lange. Hat die Technikgläubigkeit der Menschen nun ein Ende?

Ob das mehr als sechs MilliardenEuro teure und jährlich rund 100 Millionen Euro an Unterhaltskosten verschlingende Sperrwerk Modulo Sperimentale Elettromeccanico (kurz MO.S.E.) Venedig wirklich schützen kann, wird die Zukunft zeigen.

Stadtrat Guido Malegatti irrt mit seinem Boot durch die Kanäle der zerstörten Stadt Venedig und lässt die Katastrophe Revue passieren, als müsse er sich noch einmal davon überzeugen, dass sie wirklich geschehen ist.

„Die Stadt, in der kein Stein mehr auf dem anderen liegt, wirkt abstoßend wie ein vor aller Augen verwesender Kadaver, wie ein geschändeter Körper. Mancherorts haben Gasexplosionen ganze Stockwerke zertrümmert und zusammen mit Kurzschlüssen anschließend Brände ausgelöst, deren Trümmer und rußige Holzbalken im Dunst aussehen, als würden sie noch immer qualmen. Hinter solchen Mauern haben Menschen gelebt, Pläne geschmiedet, Lust und Leid und großes Glück empfunden. Mit dem Einsturz ist nicht nur die prächtige Architektur verschwunden, sondern mit ihr auch das unscheinbare Leben, das die Stadt zusammengehalten hat.“

An jenem Abend, an dem sich die Katastrophe zusammenbraut, lassen sich die Tore des Sperrwerks nur halb aufrichten und der Chefingenieur spricht von Sabotage ...

Meine Meinung:

Die Zerstörung Venedigs durch Naturgewalten ist hier nur Fiktion. Doch was, wenn MO.S.E wirklich nicht hält? Es bliebe kaum Zeit, die Bevölkerung zu evakuieren.

Isabelle Autissier hat hier eine äußerst fesselnde Dystopie geschaffen. Sehr gut haben mir die Erklärungen von Professore Boldi gefallen, in denen er seine Studenten, darunter Léa auf die Schäden der Mauern der Palazzi hinweist, während alle Welt nur den Canaletto-Blick bewundert.

Während die Katastrophe Guido schwer verletzt auf der Terrasse überlebt hat, ist seine Ehefrau Maria Alba, Nachfahrin eines Dogen von der herabstürzenden Decke im Schlafzimmer getötet worden. Auf seiner Fahrt durch die Kanäle Venedigs können wir Leser die Geschichte bis zum Untergang miterleben. Wir erfahren aus der Sicht von Maria Alba, Guido und Léa was Venedig für jeden einzelnen von ihnen bedeutet. Maria Alba, die Traditionsbewusste, die fest an den Fortbestand Venedigs glaubt und Guido, der ausschließlich an den Profit denkt, den die Touristen mit ihren Kreuzfahrtschiffen erwirtschaften (wobei nachgewiesen ist, dass diese Besucher kaum einen Cent ausgeben innerhalb der Stadt ausgeben, sondern lediglich gaffen).

Wir erleben allerdings auch mit, wie aus einer Tochter aus gutem Haus, der an nichts gemangelt hat (außer vielleicht an Zuneigung) eine militante Gegnerin ihres Vaters wird, die sogar bereits ist, das Sperrwerk Mo.S.E. zu sprengen.

Fazit:

Isabelle Autissier gelingt es meisterhaft, das Katastrophenszenario realistisch darzustellen. Ob es den Verantwortlichen von Venedig gelingen wird, ähnliches in Zukunft zu verhindern? Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 01.04.2024

Ein gewohnt liebenswerter Blick auf Wien

Wie man die lebenswerteste Stadt der Welt überlebt
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Mit diesem Buch setzt Andreas Rainer, der als Wiener Alltagspoet bekannt ist, seine Betrachtungen im Wiener Alltag fort. Er schaut den Wienerinnen und Wienern aufs Maul.

Er nimmt die diversen Auszeichnung ...

Mit diesem Buch setzt Andreas Rainer, der als Wiener Alltagspoet bekannt ist, seine Betrachtungen im Wiener Alltag fort. Er schaut den Wienerinnen und Wienern aufs Maul.

Er nimmt die diversen Auszeichnung der Bundeshauptstadt ein wenig auf die Schaufel. Wien ist 2023 abermals zur „Lebenswertesten Stadt der Welt“ gewählt worden und erhält wenige Tage danach den Titel der „unfreundlichsten Stadt“.

Als Wienerin muss ich sagen: Beides stimmt, allerdings hängt es auch davon ab, WEN man fragt.

Mit seinen fünfzig Zitaten, die er in 13 Kapitel zusammenfasst, versucht Andreas Rainer die Widerspruche zu belegen bzw. zu erklären. In vielen Fällen stimme ich ihm zu, doch im Kapitel 10 „Wohnungssuche: Es ist überall gleich schlecht“ gehen unsere Meinungen auseinander.

In diesem Kapitel ortet er die Unflexibilität der (Ur)Wiener Bevölkerung, ihr bekanntes Territorium zu verlassen. Das stimmt meiner Ansicht nach nicht wirklich.

Hat man, nach längerer Suche endlich eine Wohnung gefunden, die dem Geldbörsel und Bedürfnissen wie kurze Wege in die Arbeit, Infrastruktur in der Nähe entspricht, verlässt man diese nicht leichtfertig. Das hat wenig mit Unflexibilität zu tun, sondern zeugt eher von Bodenständigkeit.

Andere, so wie ich, haben ihr Grätzl verlassen. Nach Rainers Diktion wäre ich schon eine Kosmopolitin, da ich im 9. Bezirk (Alsergrund) meine jüngere Kindheit verbracht habe. Nachdem das baufällige Biedermeierhaus behördlich gesperrt (und anschließend abgerissen worden ist), sind wir in den 2. Bezirk (Leopoldstadt) verpflanzt worden. Mit dreißig habe ich dann den Schritt über die Donau in den 22. Bezirk (Donaustadt) nach Essling, gewagt, was meinen Weg in die Arbeit von 10 Minuten Fußweg auf (damals) 1 Stunde 15h mit Öffis verlängert hat.

Und damit bin ich bei der folgenden Aussage von Andreas Rainer, der ich vehement widersprechen muss:

„Die 23 Wiener Gemeindebezirke sind [im Vergleich zu Berlin] in der Größe überschaubarer, und mit den Öffis erreicht man fast jeden anderen Punkt der Stadt innerhalb einer halben Stunde.“

Aber nur FAST. Wenn ich, nach einem Fußmarsch von 10 Minuten mein leistungsfähiges Öffi (Bus) erreiche und dann 30 Minuten fahre, bin ich nach wie vor im 22. Bezirk und gerade einmal bei der U-Bahn, die mich dann zugegeben schnell in die Innenstadt in die Arbeit bringt. So ähnlich geht es jenen KollegInnen, die aus den anderen Himmelsrichtungen Wiens ins Zentrum fahren. Das soll kein Raunzen oder Jammern sein, sondern ist einfach eine Feststellung, die sich leicht mittels Routenplaner der Wiener Linien (Wiener Verkehrsverbund) nachprüfen lässt .


Und ja, ich liebe Wien und sage das auch immer wieder öffentlich. Ich bin stolz darauf hier zu leben, stolz auf die funktionierende Infrastruktur vom köstlichen Hochquellenwasser an, der aus der Leitung rinnt, auf die Müllabfuhr, auf die Absperrgitter bei Baustellen, damit niemand in die Künette fällt (wie in Brüssel wo Baustellen vor allem auf Gehwegen oft nur mangelhaft abgesichert sind), die Straßenbeleuchtung, Kindergärten, Schulen bis hin zu den öffentlichen Verkehrsmitteln, auch wenn die manchmal nicht in der üblichen Taktfrequenz fahren oder wegen Instandhaltungsarbeiten manchmal gar nicht fahren.

Wien bietet seinen Bewohnerinnen und Bewohner mehr als nur das nackte „Überleben“.

Fazit:

Ein gewohnt liebevoll kritischer Blick auf Wien und seine Bevölkerung. Auch wenn nicht immer alles so ist, wie es scheint, gebe ich Andreas Rainers „Wien-Liebe to go“ wieder 4 Sterne.