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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.07.2023

Eine gelungene Fortsetzung

Perlenbach
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Dieser zweite Band, der im Dorf Wollseifen und der Stadt Monschau, die wir schon aus „Ginsterhöhe“ kennen, spielt, ist zeitlich die Vorgeschichte dazu.

Wir lernen Luise, Jacob und Wilhelm, drei Kinder ...

Dieser zweite Band, der im Dorf Wollseifen und der Stadt Monschau, die wir schon aus „Ginsterhöhe“ kennen, spielt, ist zeitlich die Vorgeschichte dazu.

Wir lernen Luise, Jacob und Wilhelm, drei Kinder unterschiedlicher Herkunft kennen, die alle drei durch den Wunsch aus dem Gefüge der Zeit und dem Ort ausbrechen zu können, verbunden sind. Luise, Tochter eines Arztes, will in seine Fußstapfen treten, was im 19. Jahrhundert Mädchen und Frauen verboten ist. Jacob soll die Fabrik des Vaters übernehmen und Wilhelm, der jüngste Sohn eines Schafbauern soll entweder als Knecht am elterlichen Hof oder im nahe gelegenen Bergwerk arbeiten, denn die Landwirtschaft erbt der älteste Sohn.

Die Jahre vergehen und während Luise mithilfe ihrer Hauslehrerin ihrem Ziel, doch noch Medizin studieren zu dürfen in kleinen Schritten näher kommt, muss Jacob ins Internat nach Aachen und Lehrjahre in der Fabrik eines väterlichen Freundes verbringen. Wilhelm, so scheint es, hat es gut getroffen, denn er wird als Lehrjunge in der Fabrik von Jacobs Vater aufgenommen, wo er so richtig aufblüht.

Doch dann nimmt das Verhängnis seinen Lauf, als ein im Zorn dahin gesagter Satz Wilhelms, beinahe Jacobs Geheimnis aufdeckt ....

Meine Meinung:

Wie schon in „Ginsterhöhe“ ist dieser historische Roman penibel recherchiert und gekonnt erzählt. Die Autorin verquickt Fakten mit Fiktion und zeichnet so ein stimmiges Bild der „guten alten Zeit“, die so gut gar nicht war.

Meistens sind die rigiden Zwänge und Einschränkungen, denen Frauen unterworfen waren Thema historischer Romane. Dass auch Männer unter dem Klüngel der Zeit gelitten haben, wird nicht so häufig dargestellt. Hier erleben wir am Schicksal Wilhelms, wie es kaum möglich ist, die eigene Herkunft hinter sich zu lassen und sich emporzuarbeiten. Doch auch der Fabriksbesitzerssohn Jacob hat es nicht einfach. Zum einen ist er aufgrund eines Unfalls in der Kindheit beeinträchtigt und zum anderen macht er sich wenig aus Frauen.

Im letzten Drittel des Romans begegnen wir dann den italienischen Bauarbeitern, die den Staudamm für das Kraftwerk bauen. Von ihnen ist ja in „Ginsterhöhe“ zu lesen.

Der Schreibstil ist flüssig und der historische Roman gut zu lesen. Wir verfolgen die drei Kinder auf ihren Lebenswegen bis ins hohe Alter. Einzig der Titel gebende Perlenbach kommt für mich zu kurz.

Fazit:

Eine sehr gut gelungene Fortsetzung der unterschiedlichen Lebenswelten am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 23.07.2023

Ein furioses Final

Die Totenärztin: Schattenwalzer
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Hier ist er nun, der vierte und letzte Band rund um Fanny der Totenärztin Goldmann, der den Lesern ein furioses Finale bietet. Nicht nur, dass ein skrupelloser Mörder in Wien von 1909 sein Unwesen treibt, ...

Hier ist er nun, der vierte und letzte Band rund um Fanny der Totenärztin Goldmann, der den Lesern ein furioses Finale bietet. Nicht nur, dass ein skrupelloser Mörder in Wien von 1909 sein Unwesen treibt, wird Fannys Zukunft auf den Kopf gestellt.

Fanny und Max wollen heiraten. Während sie eine kleine Feier bevorzugt, schwebt Max ein imposantes gesellschaftliches Ereignis vor.

Doch bevor es dazu kommt, müssen Fanny und ihr Kollege Franz einen Angestellten der englischen Botschaft sezieren. Der Mann, er wurde nackt und in einem Meer von Rosen grotesk aufgebahrt, weist einige alte Spuren von Prügeln auf, die jedoch nicht an dessen Tod Schuld haben. Der Ring, den Franz und Fanny in seinem Magen finden, trägt eine Inschrift, der auf das österreichische Militär hinweist. Es scheint, als wäre der Mann vergiftet worden. Nur womit und von wem? Fanny, deren Lebensmotto ist, den Toten eine Stimme zu geben, hat alle Hände voll zu tun, denn ihr Verlobter Max scheint mit seinen eigenen Agenden beschäftigt zu sein.

Dann verschwindet Fannys Cousin Schlomo, der an Liebeskummer, der von einem geheimnisvollen Rosenkavalier verursacht scheint, leidet. Auf der Suche nach Schlomo und der Todesursache des Engländers bekommt Fanny unerwartete Hilfe von ihrem ärgsten Feind.

Meine Meinung:

Jetzt heißt es Abschied nehmen von Fanny, der Totenärztin, die den Toten eine Stimme geben will.

Autor René Anour zieht wieder alle Register. Geschickt verquickt er die sauber recherchierten Fakten mit einer gehörigen Portion Fiktion. Der kurze Auftritt von Oberst Redl und seinem weinroten Austro-Daimler zu Beginn hat meine Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung gelenkt.

Wie wir es schon aus den drei Vorgängern gewöhnt sind, benötigt eine Geschichte, die im Fin de Siècle spielt, jede Menge Personal - liebenswürdige genauso wie abstoßende Charaktere. Jeder, selbst der kleinste, ist gut herausgearbeitet. Anhand von Fannys Freundin Tilde, die in ihren letzten Kriminalfall schwer verletzt worden ist, wird gezeigt, dass es nicht auf äußerliche Schönheit ankommt. Während Tilde aus der Katastrophe gereift hervorgeht und selbst der eitle Fatzke Dr. Clemens Valdéry diesmal einen Anflug von Sympathie zeigt, entwickelt Max den einen oder anderen enttäuschenden Charakterzug.

Der Schreibstil ist großartig und die Seiten fliegen nur so dahin. Hin und wieder sind Dialektpassagen eingeflochten, die den Krimi authentisch machen.

Wer sich in die großbürgerliche Welt von Wien um 1900 begeben möchte, ist in dieser historischen Krimi-Reihe bestens aufgehoben. Ich empfehle mit Band zu beginnen, um die Entwicklung, die die Protagonisten durchmachen, genau verfolgen zu können.

Fazit

Mit diesem furiosen vierten Band ist René Anour ein sehr stimmiges, abgerundetes Finale gelungen, dem ich gerne 5 Sterne und eine Leseempfehlung gebe.

Veröffentlicht am 23.07.2023

Penibel recherchiert und opulent erzählt

Der Choral der Hölle
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Obwohl in diesem historischen Roman zahlreiche, höchst unterschiedliche Charaktere in mehreren Handlungssträngen auftreten, ist der tragische Star dieses Romans ein anderer: nämlich der Vulkan Krakatau, ...

Obwohl in diesem historischen Roman zahlreiche, höchst unterschiedliche Charaktere in mehreren Handlungssträngen auftreten, ist der tragische Star dieses Romans ein anderer: nämlich der Vulkan Krakatau, der 1883 spektakulär ausgebrochen ist, die Insel in drei Teile zerbrechen hat lassen sowie Feuer, Tod und Verderben über die Menschen gebracht hat. Dabei hat er alle Standesunterschiede beiseitegeschoben - im Tod sind alle gleich.

Doch von Beginn an:

Der junge Hamburger Seemann Leonhard Mahler will im fernen Indonesien sein Glück versuchen und reist zu seinem Onkel Ludger nach Java. Dort angekommen, muss er erkennen, dass das Bild vom erfolgreichen Onkel Ludger doch einige Kratzer abbekommen hat, denn längst ist nicht alles so, wie es scheint.

In einem weiteren Handlungsstrang lernen wir Femke, die Tochter des Richters kennen, die sich um die Konventionen wenig schert und dabei nicht bedenkt, dass sie ihren Vater desavouiert, wenn sie mit dem Taschendieb Bimo durch den Hafen streift.

Daneben bekommen es Leonhard, Femke und Bimo mit gerissenen Geschäftsleuten, die nichts anderes im Sinn haben, ihre Geschäftspartner übers Ohr zu hauen zu tun. Als Leonhard entdeckt, dass auch sein Onkel Ludger zu diesen gehört, ist es fast zu spät, denn der wenig beachtete Krakatau bricht aus. Nun ist der reine Kampf ums Überleben angesagt.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman über unerfüllte Hoffnungen, Wünsche und Pläne, die durch eine Naturkatastrophe ungeahnten Ausmaßes, scheitern, hat mir sehr gut gefallen. Die hautnahe Schilderung des Ausbruchs und zuvor die Erkundigungen durch Geologen, die von den Niederländischen Behörden in den Wind geschlagen werden, klingt authentisch. Anders als beim Ausbruch des Tambora 1815 erfährt die Welt vom Bersten des Krakatau innerhalb kurzer Zeit. Die Telegrafie ist schon erfunden und damit auch die schnelle Nachrichtenübermittlung.

Gut gelungen ist Autor André Milewski die Schilderung der Lebensbedingungen auf den indonesischen Inseln. Die Niederländer als „Staatsmacht“, die sich auf Kosten der Javanesen bereichern und ziemlich korrupt erscheinen, sind sehr gut dargestellt. Auch dass die Frauen und Töchter sich den strengen Konventionen beugen müssen, die ihnen durch die Zeit auferlegt werden, ist sehr gut herausgearbeitet.

Fazit:

Ein gelungener historischer Roman, in dem nicht nur Menschen, sondern der Vulkan Krakatau im Vordergrund steht.
Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 23.07.2023

Eine unbedingte Leseempfehlung!

Der Angriff
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Seit über 500 Tagen tobt der Krieg in der Ukraine. Eine „Invasion, die Putin als „Militäroperation“ bezeichnete und die nur ein paar Tage oder höchstens ein paar Wochen dauern sollte, wurde zum größten ...

Seit über 500 Tagen tobt der Krieg in der Ukraine. Eine „Invasion, die Putin als „Militäroperation“ bezeichnete und die nur ein paar Tage oder höchstens ein paar Wochen dauern sollte, wurde zum größten konventionellen Krieg in Europa seit 1945.“

Die Nachrichten sind voll von ausländischen Expertenberichten und voll von Propaganda beider Seiten. Nun kommt
mit Serhii Plokhy ein ukrainischer Historiker zu Wort, der die schwierige aktuelle Lage der Ukraine, die nicht erst am 24. Februar 2022 begonnen hat, sehr gut beurteilen. Wie schon in seinem 2022 erschienen Buch „Das Tor Europas. Die Geschichte der Ukraine “ stellt der Autor und Historiker die Fakten des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine in 13 Kapiteln, wenn auch mit viel Herzblut, aber dennoch sachlich dar:

Der Kollaps eines Imperiums
Demokratie und Autokratie
Nukleare Implosion
Das neue Osteuropa
Der Eröffnungszug: die Krim
Aufstieg und Fall von »Neurussland«
Putins Krieg
Vor den Toren Kiews
Ostfront
Das Schwarze Meer
Gegenoffensive
Die Rückkehr des Westens
Die Hinwendung nach Asien

Der Epilog lässt leider für einen baldigen Frieden oder zumindest einen Waffenstillstand wenig Hoffnung. Die Kritik am lethargischen Westen, der sich von Putins Russland an der Nase herumtanzen ließ und lässt, ist wohl berechtigt.

Ergänzt wird die Darstellung durch zahlreiche Landkarten sowie Zitate, die für uns ziemlich schräg klingen.
„So verglich sich Putin nicht nur mit sowjetischen Führern wie Nikita Chruschtschow, , sondern auch mit den russischen Kaisern Peter I. von Russland, Alexander II. von Russland und Kaiserin Katharina II. von Russland. Deren Büsten und Porträts fanden ihren Weg in Putins Vorzimmer im Kreml, und sein Pressesprecher Dmitri Peskow, Dmitri bescheinigte seinem Vorgesetzten ein großes Interesse an Geschichte. »Putin liest ständig«, verriet Peskow einmal, »vor allem über die Historie Russlands. Er verschlingt Memoiren, die Erinnerungsbücher historisch bedeutsamer russischer Staatsmänner.« Während des Corona-Lockdowns 2020/21 hat Putin „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“ (Essay 2021) sich zweifellos noch mehr in die Geschichtslektüre vertieft. Und er las nicht nur, sondern griff auch selbst zur Feder.“ (siehe Kapitel 7)

Dieses Buch entstand zwischen März und Dezember 2022, im ersten Jahr des von Russland als „Militäroperation“ apostrophierten Angriffskrieg gegen die Ukraine. Es ist nicht klar wann und wie er enden wird. Es ist unklar, welche tiefgreifenden Änderungen auf die Ukraine, Europa und die übrige Welt zukommen werden.

“Die Weltordnung, die am Morgen des 24. Februar 2022 existierte, als Russlands Invasion begann, hat den Angriff überstanden, aber in dem umfassenden russisch-ukrainischen Krieg ist der sich abzeichnende Trend hin zu ihrer Transformation so deutlich zutage getreten wie nie zuvor. Statt den Weg zu der multipolaren Welt zu bahnen, auf die Russland seine Hoffnungen setzte, hat der Konflikt eine Rückkehr zur bipolaren Welt des Kalten Krieges vorgezeichnet, deren Zentren nun nicht mehr Washington und Moskau, sondern Washington und Peking heißen werden.“

Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Über den Autor (Quelle: Verlag/vlb)

Serhii Plokhy, Jahrgang 1957, ist Professor für ukrainische Geschichte in Harvard und Direktor des dortigen Ukrainian Research Institute. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur osteuropäischen Geschichte, darunter The Last Empire. The Final Days of the Soviet Union (2014), für das er den Lionel-Gelber-Preis erhielt, und Chernobyl. History of a Tragedy (2018), das mit dem Baillie-Gifford-Preis ausgezeichnet wurde. Auf Deutsch ist von ihm zuletzt „Das Tor Europas. Die Geschichte der Ukraine (2022)“ erschienen.


Fazit:

Diesem Sachbuch, das die komplexe Materie „Angriff auf die Ukraine“ sachlich und sehr gut verständlich erklärt, gebe ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 22.07.2023

Hat noch ein wenig Luft nach oben

Unterwegs zwischen Grenzen
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Ralf Grabuschnig nimmt seine Leser auf mehrere Reisen mit, auf denen er sprachlichen Minderheiten nachgeht. Dabei trifft er unter anderen auf die Jenischen, die aufgrund ihres fahrenden Lebensstils in ...

Ralf Grabuschnig nimmt seine Leser auf mehrere Reisen mit, auf denen er sprachlichen Minderheiten nachgeht. Dabei trifft er unter anderen auf die Jenischen, die aufgrund ihres fahrenden Lebensstils in der NS-Zeit verfolgt wurden, obwohl sie als Arier klassifiziert worden sind. Die Jenischen werden auch heute noch scheel angesehen und man vermietet ihnen, ähnlich wie den Roma und Sinti auf ihrer Wanderschaft, kaum Plätze, auf denen sie ihre Zusammenkünfte abhalten können.

Eine andere Reise führt ihn nach Bautzen, wo eine sorbische Minderheit lebt. Die Menschen schwanken wie andere Minderheiten zwischen Assimilation und Bewahren der eigenen Wurzeln. Nachdem die Großvätergeneration verfolgt, die der Väter assimiliert hat, besinnen sich die Enkel wieder ihrer slawischen Herkunft. Dazu gibt es zahlreiche Brauchtumsveranstaltungen, die manchmal zum Biertrinken (und Übergenuss) animieren.

Um autochthone Sprachinseln zu entdecken, hätte der Autor gar nicht so weit reisen müssen: Er ist Kärntner, dessen Familie die slowenischen Wurzeln zwar nicht verleugnet, aber als Familiengeheimnis nicht offenbart.

Meine Meinung:

Ich muss zugeben, etwas anderes erwartet zu haben, zumal der Autor viel Wert auf sein Interesse und sein Studium der Geschichte legt. Das Wort „Grenze“ wird außer im Titel nicht allzu oft gebraucht. Dabei gäbe es über Grenzen eine Menge zu sagen: Grundstücksgrenze, Landesgrenze, Staatsgrenze, Grenze des guten Geschmacks, grenzenlos, Schengen-Grenze etc.. Wobei Grenzen hat es schon immer gegeben, einfach um eigenes Territorium von anderem abzugrenzen. Ralf Grabuschnig ist im quasi grenzenlosen Europa aufgewachsen. Die etwas älteren von uns werden sich auf dem Weg in den Urlaub an Kontrollen an den Staatsgrenzen Deutschlands, Österreichs oder Italiens erinnern, die stundenlange Wartezeiten bedeutet haben. Nur „Ausgrenzung“ schwingt immer wieder mit, wenn Ralf Grabuschnig über das Verhältnis Mehrheit/Minderheit schreibt.

Mir ist nicht ganz klar, was der Autor mit seinem Buch sagen will. Dass er Menschen getroffen hat, deren Muttersprache eigentlich eine andere als Deutsch ist? Die sich, um im Alltag keine Nachteile zu haben, seit Jahrhunderten an die Mehrheit angepasst haben? Dass sie ihre Wurzeln verleugnet oder vergessen haben und die (über)nächste Generation sich ihrer Herkunft wieder?

Von Zuwanderern wird erwartet, dass sie rasch die Sprache jenes Landes lernen, in das sie eingewandert sind und ihre Herkunftssprache (und Gebräuche) möglichst unsichtbar machen. Gleichzeitig wird bedauert, dass vor Jahrhunderten Eingewanderte sich nicht auf ihre Wurzel besinnen. Ist es ein scheinbarer oder echter Widerspruch? Oder nur eine Frage der zeitlichen Distanz?

Leider erfahren wir wenig über die Aussiedlergeschichten von jenen Volksgruppen, die unter ihren Herrschern wie z.B. Friedrich II, und/oder Maria Theresia aufgrund ihrer Religion oder wegen anderer politischer Interessen in, wegen Seuchen und Kriegshandlungen, entvölkerten Landstrichen angesiedelt worden sind. Da hätte der Historiker sicherlich einiges erzählen können.

Der Schreibstil ist stellenweise ziemlich flapsig, was gut zu einem Reiseblog passt. Mir persönlich fehlt ein bisschen die wissenschaftliche Aufarbeitung. Immerhin gibt es in Österreich sechs anerkannte autochthone Sprachgruppen, nämlich die kroatische, die slowenische, die ungarische, die tschechische und die slowakische Volksgruppe sowie die Volksgruppe der Roma.

Obwohl der Autor mehrmals betont, wie wichtig ihm Geschichte ist, (er hat ja Geschichte studiert), gibt es kaum wissenschaftliche Analysen oder Statistiken, sondern lediglich Eindrücke eines jungen Reisenden, der (gefühlt) oft aus dem Staunen nicht herauskommt und an den oft bierseligen Festen teilnimmt.

Für jene Leser, die sich bislang weder mit Sprachinseln oder den Jenischen beschäftigt haben, ist dieses leider nur 139 Seiten dünne Buch ein sehr guter Einstieg. Es kann den einen oder anderen neugierig machen, mehr über sprachliche Minderheiten zu erfahren. Da trägt die Form des Reiseblogs mit der Aufzählung der Abenteuer beim Bahnfahren mit der DB bei. Für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema muss wohl zu anderen Büchern gegriffen werden.

Fazit:

Abenteuerliche Reisen zwischen den verschwommenen Grenzen von Minderheit und Mehrheit. Gerne gebe ich hier 3 Sterne, da das Buch noch ein wenig Luft nach oben hat.