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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.08.2023

Schwere Kost

Gebranntes Kind sucht das Feuer
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„Das Mädchen hatte schon immer gewusst, dass etwas mit ihm nicht stimmte.
Sie war nicht wie andere. Mit ihr war ein Geheimnis verknüpft, ein sündiges, schamvolles, dunkles Geheimnis. Es war nicht ihre ...

„Das Mädchen hatte schon immer gewusst, dass etwas mit ihm nicht stimmte.
Sie war nicht wie andere. Mit ihr war ein Geheimnis verknüpft, ein sündiges, schamvolles, dunkles Geheimnis. Es war nicht ihre eigene Sünde und Scham; sie war hineingeboren worden, auserwählt für das, weshalb sie ausgesondert, ausgegrenzt und ausgeschlossen wurde.
Und darin fand sie ihren Stolz, um nicht zu sagen Hochmut. Wer ausgesondert, ausgegrenzt und ausgeschlossen wurde, der war auch auserwählt! Auserwählt — wozu?“

Mit diesen Worten beginnt die Lebensgeschichte von Cordelia Edvardson (1926-2012), die 1986 erstmals erschienen. Darin erzählt die Autorin in drei Teilen über ihre Kindheit als unehelich Geborene in Deutschland bis zu ihrer Deportation zuerst nach Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz, dem Überleben dort und der Befreiung sowie ihres weiteren Lebens in Schweden.

Das Buch wirkt seltsam distanziert, spricht die Autorin doch von sich als in der dritten Person, als „das Mädchen“. Das beginnt schon vor der Deportation, dieses in die Anonymität abgleiten, dieses Unsichtbarmachen, denn sie will alles, nur nicht auffallen. Daher fällt es ihr nicht allzuschwer in Auschwitz als „Schutzhäftling A 3709“ jeder Würde
und Persönlichkeit beraubt zu sein. Nur als man ihr die Haare schert, fühlt sie sich verloren.

Die Zeit im KZ ist durch zahlreiche andere Bücher schon hinreichend beschrieben worden, daher stören die sparsamen Einblicke in den grausamen Lageralltag nicht. Über Selektionen, Menschenversuche von Mengele und Ähnliches ist schon mehrfach berichtet worden.

Was dieses Buch so besonders und so besonders bedrückend macht, ist das toxische Verhältnis von Mutter und Tochter. Cordelias Mutter ist die Schriftstellerin Elisabeth Langgässer (1899-1950), den Nürnberger Gesetzen nach selbst eine halbe Jüdin, die sich schon recht früh zu einer fast besessenen Katholikin entwickelt. Langgässers Versuche, ihre Tochter durch eine Adoption zur spanischen Staatsbürgerschaft zu verhelfen und damit retten zu wollen, erscheinen halbherzig.

Letztlich werden sich Mutter und Tochter 1949 das einzige und letzte Mal nach der Befreiung Cordelias sehen.

Sehr einfühlsam und gut gelungen ist Daniel Kehlmanns Nachwort.

Fazit:

Diese Lebenserinnerungen der Cordela Edvardson sind keine leichte Kost. 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 22.08.2023

Hat mich nicht ganz gepackt

Der Frühling ist in den Bäumen
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Ich habe alle bislang von Jana Revedin geschriebenen Bücher, die immer einige auto- bzw. familienbiografische Züge aufweisen, gelesen. Dieser hier dreht sich um ihre Mutter Renina, die vor ihrer Hochzeit ...

Ich habe alle bislang von Jana Revedin geschriebenen Bücher, die immer einige auto- bzw. familienbiografische Züge aufweisen, gelesen. Dieser hier dreht sich um ihre Mutter Renina, die vor ihrer Hochzeit Assistentin beiMartin Heidegger war. Verheiratet ist Renina mit dem Atomphysiker Fred, dem Neffen von Marlene Dietrich, der im NS-Regime einige zweifelhafte Forschungen betrieben hat. Der Missbrauch diverser Drogen wie Pervitin (heute besser als Crystal Meth bekannt) ist für ihn nicht einmal ein Kavaliersdelikt.

Renina wacht eines Morgens nackt zwischen einem ebensolchen, aber fremden Paar, mit Unterleibsschmerzen auf. Quasi zum Frühstück erfährt sie von ihrem Mann Fred, dass er sie mit Drogen gefügig gemacht und dem Paar als Lustobjekt zur Verfügung gestellt hat. Empört und verletzt verlangt sie von ihm die Scheidung. Doch wie es in den 1950er-Jahren üblich ist, ist das nicht so einfach. Als sie am selben Abend noch von Fred halb tot geprügelt wird, setzt ihre Familie Himmel und Hölle in Bewegung, um ihr zu helfen, Freds Tante Marlene Dietrich inklusive.

Meine Meinung:

Dieser Roman erzählt nicht nur einige Episoden aus Reninas Leben, sondern beleuchtet auch auf die soziale Stellung der Frau in den 1950er-Jahren, die Wirtschaftswunder hin oder her, voll von Arroganz und patriarchalischer Gewalt ist. Wenn der Roman durch die die heutige Brille gelesen wird, erzeugt er Kopfschütteln. Daher ist es notwendig, sich in die 1950er-Jahre zurückzuversetzen. Das Alter der Volljährigkeit liegt bei 21 Jahren. D.h. junge Frauen kommen aus der Abhängigkeit der Eltern in jene des Ehemanns, weil der die Vormundschaft von Gesetztes wegen übertragen bekommt. Denn der Ehemann verfügt nicht nur über ein etwaiges Vermögen seiner Frau, bestimmt über den Wohnsitz, erlaubt ihr arbeiten zu gehen oder eben auch nicht, sondern hat ihr gegenüber sogar ein Züchtigungsrecht, was so mancher Ehemann, wie Fred, auch für sich „in Anspruch“ nimmt.

Die geschilderten Ereignisse spielen sich innerhalb eines Tages ab. Das ist sowohl Stärke als auch Schwächer des Romans. Die Autorin packt unheimlich viel in diesen einen Tag, in dem sich die Ereignisse überstürzen. Als Rahmenhandlung dient die gescheiterte Ehe zwischen Renina und Fred und in der Mitte die Gründung Reninas Zeitschrift „Lady“, die genau diese patriarchalischen Strukturen aufzeigt. Dieser Teil kommt für mein Verständnis zu kurz, obwohl ihm viele Seiten gewidmet sind. Das klingt nach einem Widerspruch.

Leider hat mich dieser Roman nicht wirklich gepackt, denn vieles wird, wie damals üblich, nicht klar ausgesprochen, sondern nur verklausuliert dargeboten. Ich bin ja ein Mensch der klaren Worte, auch wenn ich damit manchmal anecke.

Fazit:

Ein Roman, der mich leider nicht ganz erreicht hat und deshalb nur 3 Sterne erhält.

Veröffentlicht am 21.08.2023

Einblick in ein fremdes Land

Neue Weltmacht Indien
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Klappentext:

„An Indien scheiden sich die Geister. Obwohl oder gerade weil kaum jemand im Westen dieses widersprüchliche Land versteht. Zwischen Slums und Prunk, zwischen Yoga und Hightech, zwischen Bollywoodkultur ...

Klappentext:

„An Indien scheiden sich die Geister. Obwohl oder gerade weil kaum jemand im Westen dieses widersprüchliche Land versteht. Zwischen Slums und Prunk, zwischen Yoga und Hightech, zwischen Bollywoodkultur und Kastenwesen ist uns das Land, dessen Bedeutung für die Weltgemeinschaft immer größer wird, ein Rätsel geblieben. Oliver Schulz liefert einen tiefen Einblick in die verschiedenen Facetten der indischen Gesellschaft und Kultur und gibt uns einen Überblick über die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsperspektiven der neuen Supermacht, die immer deutlicher ihre Ansprüche auf eine Führungsrolle in der Welt erhebt. Wie tickt dieses Land wirklich? Was hält es zusammen? Wie verlässlich ist es als Partner? Und wie bedrohlich könnte sein Aufstieg für die Weltgemeinschaft werden?“

Dieses Sachbuch hat mir sehr gut gefallen, obwohl meines Erachtens der Autor seine eigenen Fragen nicht erschöpfend beantwortet hat. Es ist ihm aber hier wenig Vorwurf zu machen, denn niemand kann voraussehen, was die Politiker eines so komplexen Landes vorhaben.

Für mich sehr interessant war der geschichtliche Rückblick, der gut zwei Drittel der 224 Seiten in Anspruch genommen hat. Ich finde ja, man muss die Vergangenheit kennen, um in der Zukunft bestehen zu können. Die Schilderung der aktuellen Situation in Indien und ein möglicher Ausblick in die Zukunft hätten von mir aus gerne jeweils ein wenig länger ausfallen dürfen.

Der komplexe Staat Indien, der selbst jede Menge Zündstoff für Konflikte in seinen unterschiedlichen Ethnien, Religionen und dem zwar verbotenen, aber dennoch nach wie vor existierenden Kastenwesen, birgt, wird sich im Zweifelsfall immer auf seine eigene Seite schlagen und jene Allianzen schließen, die Indien im Augenblick am meisten nützlich erscheinen. Auch wenn das tags darauf schon wieder anders sein könnte. Das hat mit Unzuverlässigkeit nicht viel zu tun, sondern mit dem ehernen Gesetz, „das Hemd ist mir näher denn der Rock“.

Fazit:

Ein interessanter Einblick in ein Staatengefüge, das für uns Mitteleuropäer doch ziemlich fremd erscheint. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 20.08.2023

Eine Hommage an eine große Künstleriin

Artemisia Gentileschi
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Diese Biografie der Barockmalerin Artemisia Gentileschi ist schon längst überfällig. Da es nur wenige authentische Quellen gibt, ist es nicht einfach, sich auf Artemisias Spuren zu heften. Susanna Partsch ...

Diese Biografie der Barockmalerin Artemisia Gentileschi ist schon längst überfällig. Da es nur wenige authentische Quellen gibt, ist es nicht einfach, sich auf Artemisias Spuren zu heften. Susanna Partsch gelingt es hervorragend, aus den wenigen Dokumenten und Briefen der Malerin ein fesselndes Buch zu schreiben.

Wer war sie nun, die Artemisia Gentileschi?

In zwölf Schritten zeichnet Susanna Partsch den Lebensweg der Barockmalerin nach, die von sich selbst sagte:

„Ich arbeite schnell und ununterbrochen.“

1. Rom um 1600
2. Kindheit und Jugend in Rom
3. Der Prozess
4. Artemisia in Florenz
5. Rückkehr nach Rom
6. Venedig
7. Neapel
8. Zwischenspiel London
9. Rückkehr nach Neapel
10. Nachleben
11. es werden immer mehr - Künstlerinnen der Barockzeit
12. Literarische, filmische und künstlerische Rezeption

Autorin Susanna Partsch ist Kunsthistorikerin. Sie lässt alte (männliche?) Deutungsansätze hinter sich und präsentiert uns hier eine außergewöhnliche Künstlerin. Aufgrund der dürftigen Quellenlage bleibt hier und da ein weißer Fleck im Leben der Artemisia Gentileschi bestehen. Der Mut zur Lücke ist jedenfalls besser, als mit Halbwahrheiten ein verzerrtes Bild zu zeichnen.

Bei der Betrachtung von Artemisia Gentileschis Bildern ist mir aufgefallen, dass die von ihr gemalten Hände besonders sorgfältig dargestellt werden. Die Proportionen der Hände und die Feingliedrigkeit der Finger passen sehr gut zur Gesamtkomposition der Figuren, was bei anderen berühmten Malern nicht so ist. Da kümmert sich der Maestro eher um das Porträt oder die Landschaft im Hintergrund und die Hände, die doch einiges einer Persönlichkeit aussagen, werden stiefmütterlich behandelt.

Artemisia Gentileschis Biografie reiht sich als 6. nahtlos in die Serie „Reihenweise kluge Frauen“ der Verlagsgruppe Styria Verlag Molden ein.

Fazit:

Eine gelungene Biografie einer außergewöhnlichen Frau und Künstlerin, die ihrer Zeit weit voraus war. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 19.08.2023

Eine gelungene Fortsetzung

Mörderwalzer
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Das malerische Ambiente des geschichtsträchtigen Schlosses Leopoldskron ist diesmal der Schauplatz eines Mordes, der Martin Merana und sein Team auf den Plan ruft und ziemlich fordert.

Ausgerechnet während ...

Das malerische Ambiente des geschichtsträchtigen Schlosses Leopoldskron ist diesmal der Schauplatz eines Mordes, der Martin Merana und sein Team auf den Plan ruft und ziemlich fordert.

Ausgerechnet während einer Benefizveranstaltung wird die Aufdeckerjournalistin Leona Trill ermordet am Weiher im Schlosspark erschlagen gefunden. Die Anzahl der potenziellen Täter und Zeugen liegt bei 163, was Merana und Co. ziemliches Aufstöhnen verursacht, ist doch ein Teammitglied, nämlich Othmar, gerade auf Urlaub.
Welchem Skandal im Dunstkreis der Salzburger Musikszene ist die Trill auf der Spur? Oder hat ihre journalistische Arbeit rein gar nichts mit ihrem Tod zu tun?

Martin Merana und sein Team stellen die Frage, wer vom Tod der Journalistin profitiert. Die missgünstige Kollegin, die allerdings niemals als Nachfolgerin infrage kommen wird, weil ihr das journalistische Rüstzeug fehlt oder ist der Täter doch im privaten Umfeld der Trill zu finden?

Methodisch und akribisch nehmen die Polizisten die Teilnehmer der Benefizveranstaltung vor. Daneben darf das Schloss Leopoldskron, das 1918 von Regisseur Max Reinhardt, dem Mitbegründer der Salzburger Festspiele, in desolatem Zustand gekauft und penibel restauriert worden ist, eine gewichtige Rolle spielen.

Meine Meinung:

Ich bin ja ein Merana-Fan der ersten Stunde. Nicht nur wegen Meranas umsichtiger Ermittlungsarbeit, sondern vor allem wegen seiner Wertschätzung, die er seinem Team entgegenbringt. Wie wir es von Manfred Baumann gewöhnt sind, wird penible Polizeiarbeit als Team geleistet. Martin Merana kehrt nicht den besserwissenden Chef heraus. Er hält seinen Mitarbeitern den Rücken frei. Wären nur alle Chefs so!

Ein besonderes Merkmal dieser Krimi-Reihe sind auch die penibel recherchierten Schauplätze. Autor Manfred Baumann erzählt, dass er zuerst den Tatort entdeckt, sich von einer Location inspirieren lässt, um anschließend die Tat rundherum zu entwickeln.

Das Schloss Leopoldskron eignet sich ob seiner eigenen dramatischen Geschichte hervorragend als Tatort. Prunk- und geheimnisvoll steht es im Schlosspark. Leopoldskron ist bekanntlich eng mit Max Reinhardt verbunden. Der Regisseur und Mitbegründer der Salzburger Festspiele hat das Schloss 1918 in schlechtem baulichen Zustand gekauft, saniert und wieder zum Leben erweckt. Man feierte rauschende Feste bis die Nazis das Schloss 1938 konfiszierten. Max Reinhardt, der wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA geflohen ist, wurde enteignet. Max Reinhardt sollte sein Lebenswerk nicht wiedersehen. Er stirbt 1943 im Exil.

Wer, angeregt durch diesen Krimi, mehr über Schloss Leopoldskron und seine bewegte Geschichte wissen will, dem sei Johannes Hofingers Buch „Die Akte Leopoldskron“ empfohlen.

Fazit:

Auch in seinem elften Krimi ist der Spannungsbogen hoch. Der Blick hinter das Offensichtliche lässt mich wieder eine Leseempfehlung aussprechen und 5 Sterne vergeben.