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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.10.2025

Beruht auf wahren Begebenheiten

Die verschwundenen Jahre
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Während der Aufstieg der Nationalsozialisten und der anschließende Zweite Weltkrieg längst Eingang in die Belletristik gefunden haben, so habe ich den Eindruck, der Spanische Bürgerkrieg und die Franco-Diktatur ...

Während der Aufstieg der Nationalsozialisten und der anschließende Zweite Weltkrieg längst Eingang in die Belletristik gefunden haben, so habe ich den Eindruck, der Spanische Bürgerkrieg und die Franco-Diktatur sind (noch) nicht so präsent. Astrid Töpfner schafft hier durch diesen historischen Roman ein wenig Abhilfe.

Marina, die Enkelin der 102-jährigen Clara, ist TV-Journalistin und soll eine Reportage rund um die Exhumierung und neuerliche Beisetzung von Spaniens Diktator Francisco Franco vorbereiten. Noch weiß sie nicht, wie der Bürgerkrieg ihre eigene Familie betroffen hat. Klar ist nur, dass sowohl das Verhältnis zwischen Großmutter Clara und ihrem Sohn Ivo (Marinas Vater) zerrüttet ist als auch ihre eigene Beziehung zum Vater ein gespanntes ist, denn Ivo ist voll Wut. Auf Frauen im allgemeinen, auf seine beiden Ex-Frauen, seine Tochter, auf die Politik und vermutlich auch auf sich selbst. Obwohl Marina in ihrem Job selbstbewusst ist, muss sie sich eingestehen, dass keine ihrer Beziehungen Bestand hat. Hat das alles mit den Ereignissen von 1936 zu tun? Eine Art epigenetisches Trauma?

In den langen Gesprächen mit Clara werden wir in die Zeit ab 1936 zurückkatapultiert, in eine Zeit, die nach wie vor nicht aufgearbeitet worden ist und unsägliches Leid über Spaniens Familien gebracht hat.

Astrid Töpfner pendelt geschickt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart hin und her. Die Ereignisse von 1936 erzeugen eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Die Autorin hat penibel recherchiert und erzählt nicht nur über die Grausamkeiten des Regimes sondern auch eine Familiengeschichte, die von verpassten Chancen, Missverständnissen, Neid, Trauer, Liebe, Schuld und Vergebung zerrissen ist.

Der Roman wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, sodass hier eine spannende wie tragische Geschichte, in der nicht klar ist, wer Freund oder Feind ist, entstehen kann.

Die Charaktere sind sehr gut herausgearbeitet. Wie sehr die Ereignisse die Menschen prägen, ist an der Figur Ivo zu sehen. Mit einer Mutter, die vor Trauer um ihren Mann kaum lebensfähig ist, die weil sie als Regimegegnerin gilt, weder Lebensmittelmarken, Arbeit noch eine Witwenrente erhält, kann das Kind Ivo keine gesunde Entwicklung nehmen. In der Schule verachtet und verprügelt, wird er, um weiter nicht aufzufallen, zu einem Opfer der Indoktrination durch Lehrer sowie Mitschüler und zu einem fast fanatischen Anhänger Francos.

Wie schon erwähnt, weiß ich über den Spanischen Bürgerkrieg und seine bis heute bestehenden Nachwirkungen und die immer wieder aufpoppenden Konflikte (ETA, Autonomie- bzw. Abspaltungsbestrebeungen) zu wenig Bescheid. Meine bisherige Lektüre hat sich eher mit den Internationalen Brigaden, der Legion Condor oder der Rolle der Intellektuellen wie Picassos (Stichwort Guernica) beschäftigt. Ich weiß zwar, dass man Familien, die im Verdacht gestanden sind, Regimegegner also Kommunisten und Sozialisten zu sein, die Kinder weggenommen hat, um sie in Klöstern und/oder regimetreuen Familien zu linientreuen Untertanen zu erziehen. Wie viele Kinder betroffen waren und sind, lässt sich nicht genau eruieren, weil der Wille diese Grausamkeiten der Franco-Diktatur aufzuarbeiten, (noch?) nicht vorhanden ist. Es braucht mehr solcher Kriegsenkel wie Marina, die ihre Familientraumata begreifen und verarbeiten wollen.

Fazit:

Dieser historische Roman, der auf wahren Begebenheiten beruht, steht stellvertretend für alle jene Familien, die während und nach der Franco-Diktatur unsägliches Leid erfahren haben. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 05.10.2025

Schatten der Vergangenheit

Das geplünderte Nest
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Erst vor kurzem ist der Ich-Erzähler aus Beirut in seine Heimat nach Alpach in Tirol zurückgekehrt. Im Gepäck hat er zahlreiche Eindrücke des vom Bürgerkrieg geschüttelten Landes, von Toten und Verwundeten, ...

Erst vor kurzem ist der Ich-Erzähler aus Beirut in seine Heimat nach Alpach in Tirol zurückgekehrt. Im Gepäck hat er zahlreiche Eindrücke des vom Bürgerkrieg geschüttelten Landes, von Toten und Verwundeten, verfeindeten Clans und als krassen Gegensatz dazu rauschend Partys, bevor die nächsten Granaten einschlagen sowie einer aktiven Graffiti-Szene. Bei der Bearbeitung des Fotomaterials in seinem, vom Großvater Ludwig geerbten, Haus, erinnert er sich an seine eigene Jugend, in der er selbst als Sprayer unterwegs gewesen ist, und an Hugo Lenz, jenen einarmigen Berliner Maler, der 1944, also lange vor seiner Geburt, nach Alpach gekommen ist und dem man nachsagte, ein Spion zu sein. Später hat Lenz ihn unter seine Fittiche genommen hat, um ihm alles über die Malerei beizubringen. Dazu haben die beiden ausgedehnt Spaziergänge unternommen, bei denen auch Gerüchte über die Rolle Ludwigs in der NS-Zeit zur Sprache gekommen sind.

Als der Ich-Erzähler wenig später den Historiker Martin Reischer kennenlernt, der über Partisanen in Tirol schreibt, muss er sich wohl oder übel mit der Vergangenheit seines Großvaters, der Aufseher im nahe gelegenen Kriegsgefangenenlager gewesen sein soll. Hat er mit dem Verschwinden des ukrainischen Gefangenen Artem zu tun?

Meine Meinung:

Autor Robert Prasser schickt in diesem interessanten Roman einen Enkel (den Ich-Erzähler) auf die Spuren seines Großvaters und dessen Rolle im Zweiten Weltkrieg. Wie häufig, wurde in den Familien nicht über die NS-Zeit gesprochen. Sei es, dass man von der Verfolgung betroffen oder daran beteiligt war.

Mir hat der Roman recht gut gefallen. Leider greift Robert Prasser zur modernen Unsitte, keine Redezeichen bei der direkten Rede zu verwenden.

Spannend zu lesen ist, wie der Ich-Erzähler langsam, in die Vergangenheit des Großvaters eintaucht, um Gerüchte Halbwahrheiten und Tatsachen zu erfahren, die Auswirkungen bis in seine aktuelle Gegenwart haben.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser interessanten Spurensuche, die so oder so ähnlich häufig vorkommt, 4 Sterne.

Veröffentlicht am 05.10.2025

Hat mich nicht ganz überzeugt

Festlich morden
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24 weihnachtliche Kurzkrimis sind wie Vanillekipferl oder Anisbögen in einer Keksdose. Einzeln köstlich, wenn man zu viele davon nascht, ist man leicht übersättigt.

So ähnlich ist es mir hier ergangen. ...

24 weihnachtliche Kurzkrimis sind wie Vanillekipferl oder Anisbögen in einer Keksdose. Einzeln köstlich, wenn man zu viele davon nascht, ist man leicht übersättigt.

So ähnlich ist es mir hier ergangen. Einzelne Krimis habe ich gut bzw. witzig gefunden, andere hätten ohne die weihnachtliche Verbrämung zu jeder Jahreszeit an jedem Ort stattfinden können, wie z.B. jener mit den Lovescammern, die sich an einsame ältere Frauen heranmachen. Manche bedienen Klischee und andere wiederum bilden die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich manchmal zu Abgründen verwandeln, ab.

Anerkennen muss wieder, dass es gar nicht so leicht ist, auf nur wenigen Seiten, eine spannende Geschichte zu schreiben. So haben Krimi-Koryphäen wie Volker Kutscher, Tatjana Kruse oder Jennifer B. Wind einen Beitrag geleistet.

Leider hat mir diese Sammlung von Festtagskrimis nicht so ganz gefallen, so dass es nur für 3 Sterne reicht.

Veröffentlicht am 03.10.2025

Hat mich gut unterhalten

Advent im Grandhotel
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Ernestine Kirsch und Anton Böck haben eine Einladung zu einer Kunstausstellung erhalten, bei der das eine oder andre Bild zugunsten einer Hilfsorganisation für Kriegswaisenkinder versteigert werden soll. ...

Ernestine Kirsch und Anton Böck haben eine Einladung zu einer Kunstausstellung erhalten, bei der das eine oder andre Bild zugunsten einer Hilfsorganisation für Kriegswaisenkinder versteigert werden soll. Die Veranstaltung findet am Semmering im legendären Südbahnhotel statt, das nicht ganz so mondän wie das Panhans ist, in den sich Ernestine und Anton kennengelernt haben. Und weil Antons Tochter Heide in wenigen Wochen das zweite Kind erwartet, nehmen die beiden Antons Enkelin Rosa und ihren Freund Fritzi mit, denn die Aussicht auf Zuckerwatte, Lebkuchen und eine winterliche Schlittenfahrt, lassen auf ein gemütliches Wochenende schließen.

Wer Beate Maly kennt, kann sich ausrechnen, dass es nicht ganz so gemütlich wird, denn zum einem gibt es Reibereien unter den Ausstellern, nörgelnde Hotelgäste und antisemitische Sprüche und zum anderen verschwinden zwei jener Bilder, die versteigert werden sollen.

Nun ist der Spürsinn von Ernestine wieder gefragt ...

Meine Meinung:

Wie mir Autorin Beate Maly, die ich am vergangenen Wochenende bei einer Lesung getroffen habe, erklärt hat, ist dieser historische Roman kein Krimi sondern eine Adventgeschichte. Daher wird mehr Wert auf das vorweihnachtliche Ambiente gelegt, denn auf Spannung. Wir streifen durch das Südbahnhotel, das seine besten Jahre schon hinter sich hat . Direktor Silberstein erhofft sich von der Veranstaltung neues Klientel. Wie wir unschwer erraten können, erfüllen sich seine Erwartungen nicht, denn im Jahr 1926 haben die wenigsten Leute Geld für Urlaub.

Natürlich dürfen Rosa und Fritzi ihren Beitrag zur Aufklärung beitragen. Eine Nebenhandlung beschäftigt sich mit dem harten Los der Dienstmädchen sowie den Übergriffen, denen Balletttänzerinnen ausgesetzt sind.

Das Cover passt mit seinen an den Jugendstil angelehnten Elementen perfekt zur Krimi-Reihe.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem vorweihnachtlichen Roman, der uns in die Zwischenkriegszeit auf den Semmering entführt, 4 Sterne. Für mich hätten es durchaus ein paar Seiten mehr sein dürfen.

Veröffentlicht am 03.10.2025

Auf den Spuren der Vergangenheit

Alte Wut
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Caroline Caro Matzko, die im deutschen Fernsehen bekannte Moderatorin, hat in ihrem Leben bereits einige Therapien gemacht, Klinikaufenthalte inklusive, um unter anderem ihre Magersucht, ihre Depression ...

Caroline Caro Matzko, die im deutschen Fernsehen bekannte Moderatorin, hat in ihrem Leben bereits einige Therapien gemacht, Klinikaufenthalte inklusive, um unter anderem ihre Magersucht, ihre Depression und ein Burn-out in den Griff zu bekommen.

Zudem herrscht in der Familie eine angespannte Stimmung in der der Vater, Jahrgang 1934, wie ein Feldwebel agiert. Während ihr zehn Jahre älterer Bruder recht bald auszieht, muss die kleine Caro den Vater aushalten. Ungefragt erzählt er jedem, über seine Flucht als Zehnjähriger aus Ostpreußen, erzählt, wie er mehrmals dem Tod gerade noch entkommt, wie er in die Mündung eines deutschen und auch eines russischen Gewehrs schauen muss und was er alles auf der Flucht erlebt hat. Er erzählt, dass sein Vater von den Russen abtransportiert worden ist. Jahre später kommt eine trockene Karte mit der Meldung über seinen Tod in einem Arbeitslager. Das kann ein Kind kaum verarbeiten, zumal man vor allem den Jungs damals Emotionen abtrainiert hat. Der „Erfolg“? Eine Generation von Kriegskindern und in weiterer Folge Kriegsenkel, die ihre Traumata mit sich herum schleppen und mehrheitlich nicht wissen, warum sie so sind, wie sie sind.

Es scheint, als wären die vererbten Traumata ihres Vaters, eine der Ursachen von Caros eigenen Problemen. Nach Rücksprache mit einer ihrer Therapeutinnen packt Caro Matzko ihren Mann Rainer, die Tochter Fanny sowie den Familienhund und begibt sich auf ein dreiwöchige Reise zu den Orten, die ihr Vater einst als Heimat bezeichnet hat.

Stadt für Stadt, Dorf für Dorf bereisen sie seine Fluchtroute in die Vergangenheit zurück, bis sie in Osterode ankommen, wo Ekkehart Matzko mit seiner Familie gelebt hat und just in dem Hotel absteigen, das gegenüber dem 2016 abgerissenen Hotels der Matzkos errichtet worden ist und in dessen Treppenhaus das alte Hotel als Fototapete grüßt.

Die Reise ist für Caroline Matko nicht ganz einfach, hat sie doch selbst einige Vorurteile ihres Vaters im Gepäck, obwohl sie dessen politische Ansicht und Meinung nicht teilt. Doch beinahe überall begegnet sie Menschen, die ihr weiterhelfen, so wie die 90-jährige Roza, die einst Rosemarie hieß und ihren Namen in die polnische Variante ändern musste, um nicht vertrieben zu werden.

Wie es Touristen häufig machen, nimmt Caro Matzko ein paar Steine, die sie für Überreste des alten Hotels hält, sowie ein Sackerl voll (Heimat)Erde mit nach Hause, ohne zu wissen, dass sie damit ihrem Vater seinen Herzenswunsch erfüllt.

Nach der Rückkehr nach Deutschland, schreibt sie dieses Buch, in dem sie auch über Therapieansätze und Erfolge berichtet. Es scheint, dass sich dabei einige Knoten bei ihr gelöst haben.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem schnörkellosen und dennoch emotionalen Einblick in eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung 5 Sterne.