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Venatrix

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Veröffentlicht am 23.04.2023

Das älteste Memoire einer Frau in deutscher Sprache

Ich, Helene Kottannerin
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Dieses interessante Buch ist zweiteilig. Im ersten kommt Helene Kottannerin (ca. 1400 - 1475) mit ihren „Denkwürdigkeiten“ selbst zu Wort. Im zweiten Teil wird das historische Umfeld bzw. die Bedeutung ...

Dieses interessante Buch ist zweiteilig. Im ersten kommt Helene Kottannerin (ca. 1400 - 1475) mit ihren „Denkwürdigkeiten“ selbst zu Wort. Im zweiten Teil wird das historische Umfeld bzw. die Bedeutung der „Denkwürdigkeiten der Helene Kottannerin“ beleuchtet.

Worum geht’s im ersten Teil?

Man schreibt das Jahr 1439. Der Habsburger Erzherzog von Österreich und König von Ungarn, Albrecht II, stirbt plötzlich an der Ruhr. Seine Ehefrau, Elisabeth von Luxemburg, ist gerade schwanger und hofft auf einen Sohn. Um dessen Machtanspruch auf die Königskrone Ungarns zu festigen, beauftragt Elisabeth ihre Vertraute, die Kammerfrau Helene Kottannerin, die ungarische Krone aus der Festung Plintenburg (heute Visegrad) zu stehlen. Soweit der Auftrag. In ihrem Bericht beschreibt die Kottannerin den Diebstahl und die abenteuerliche sowie gefährliche Reise von Plintenburg nach Komorn, wohin sich Elisabeth geflüchtet ist.

Das Glück ist Elisabeth hold und in der Nacht vom 21. auf den 22. Februar 1440 wird der Knabe geboren, der Ladislaus Postumus genannt wird. Am 15. Mai 1440 wird Ladislaus mit der geraubten Krone in Stuhlweißenburg (heute Székesfehérvár) zum König von Ungarn gekrönt.

Im zweiten Teil wird der autobiografische Bericht der Helene Kottannerin unter die Lupe genommen.

„Die Denkwürdigkeiten der Helene Kottannerin“ gelten als älteste Memoiren einer Frau in deutscher Sprache. Sie wurden um 1450 niedergeschrieben. Ob von Helen Kottannerin persönlich oder einem professionellen Schreiber, kann nicht mehr eruiert werden. Behutsam wurden die Fragmente in ein heutiges Deutsch transkribiert. Dabei wurde jene Lücken im Text beibehalten, die bereits im ursprünglichen Manuskript vorhanden bzw. durch die Brüchigkeit des Pergaments später entstanden sind.

Die Autorinnen ergänzen historische Angaben, die den Lesern bislang vielleicht noch nicht bekannt waren. Wir erfahren einiges aus der komplexen Situation rund um die Erbfolge, in der neben den Habsburgern auch die Luxemburger, die Jagellonen auch Hunyadis und Cillis eine Rolle spielen.

Wissenswert ist auch die Darstellung der Symbolkraft der Krone und ihre Geschichte. Über die anderen Reichsinsignien (Szepter und Schwert) wird im allgemeinen wenig gesprochen.

Daneben erhält der interessierte Leser durch dieses einmalige Dokument einen detaillierten Einblick in die Lebens- und Glaubenswelt einer Kammerfrau aus dem 15. Jahrhundert.
Der Schreibstil des zweiten Teils passt gut zu einem historischen Sachbuch, das eine ausführliche Bibliografie sowie zahlreiche Abbildungen wie Karten und den Stammbaum des Ladislaus Postumes enthält.

Wer einen historischen Roman zu diesem als „Raub der Stephanskrone“ in die Geschichte eingegangenen Ereignis lesen möchte, dem empfehle ich Beate Malys Roman „Raub der Stephanskrone“.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Sachbuch, das sich mit der beeindruckenden Persönlichkeit der Helene Kottannerin beschäftigt, 5 Sterne

Veröffentlicht am 23.04.2023

Ein gelungener Reihenauftakt

Mörderkirtag
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In Bad Höfstein, einem beschaulichen Kurort im Salzburger Pongau findet der alljährliche Kirtag statt. Jung und alt vergnügt sich feucht fröhlich. Noch weiß niemand, dass bald nichts mehr so sein wird ...

In Bad Höfstein, einem beschaulichen Kurort im Salzburger Pongau findet der alljährliche Kirtag statt. Jung und alt vergnügt sich feucht fröhlich. Noch weiß niemand, dass bald nichts mehr so sein wird wie vorher. Ein Schwammerlsucher findet zur selben Zeit den reichen Steinbruchbesitzer Federmayer erschossen mit offenem Hosentürl im Wald.

Die Bestürzung über den Mord hält sich im Dorf in Grenzen, denn der Tote war ein Ekelpaket ersten Ranges, dem es diebisches Vergnügen bereitet hat, seine Mitmenschen zu demütigen. Die Liste der Verdächtigen ist lang, das Motiv klar und der Besuch des Kirtags bei den meisten das wackelige Alibi. Während sich das LKA Salzburg auf den Schischul-Toni als Täter einschießt, verfolgt Postenkommandant Alfred Distl, noch andere Spuren.

Vier Tote später ist der Fall geklärt. Der Täter ist ...?? Nein, das verrate ich nicht.

Meine Meinung:

Hans Christ ist in seinem Brotberuf Tierarzt und kennt dörfliche Strukturen recht gut. Mit der Gestalt des, Pfeife rauchenden und manchmal mürrischen, Postenkommandanten Alfred Distl hat er einen kauzigen Ermittler geschaffen, der häufig aneckt.

„Der Distl und Papierkram, das verhält sich so ähnlich harmonisch wie barfuß und Glasscherben.“

Distl wird, ob seiner gemütlich erscheinenden Art mitunter unterschätzt. Er wollte auch gar nicht Postenkommandant werden, sondern hat sich mit seinem Vorgesetzten auf den „provisorischen“ Kommandanten geeinigt. Doch wie man weiß, haben Provisorien in Österreich 99 Jahre Bestand.

Auch die anderen Charaktere sind sehr gut gezeichnet. Manche davon erregen fast schon Mitleid, andere wiederum sind ähnlich gestrickt wie der Federmayer. Ein besonders Ehrgeiziger ist der Polizist Reinhard Larisch, der unbedingt der dörflichen Enge sowie dem Distl entfliehen und zur Kripo will.

„Reinhard Larisch hält nicht viel von seinem Vorgesetzten, der weiß das auch, aber es ist ihm wurst, so wie ihm eigentlich alles wurst zu sein scheint.“

Der Schreibstil passt gut zur dörflichen Struktur. Man kennt sich, mag sich oder eben nicht. Der Leser wird durch direkte Ansprache immer wieder in das Geschehen einbezogen.

Schmunzeln musste ich über Distls Verballhornung mancher Begriffe. So wird aus dem „Kapazunder“ gleich einmal ein „Kapuziner“.

Fazit:

Ein gelungener Reihenauftakt, dem ich gerne 4 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 23.04.2023

Eine gelungene Fortsetzung

Mordsglück
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Der Direktor des Oberstufenrealgymnasiums in Bad Höfstein sieht sich dem ultimativen Albtraum aller Lottospieler gegenüber: Das Euromillionenlos, das er für den Maturaball gespendet hat, hat den Hauptgewinn ...

Der Direktor des Oberstufenrealgymnasiums in Bad Höfstein sieht sich dem ultimativen Albtraum aller Lottospieler gegenüber: Das Euromillionenlos, das er für den Maturaball gespendet hat, hat den Hauptgewinn von 37 Millionen Euro erzielt. Blöderweise ist das Los verschwunden. Der Dieb hat das Los gleich eingelöst und den Gewinn eingestreift. Buchsberger verdächtigt die Schulsekretärin und wird wenig später erschlagen in seinem Büro aufgefunden und er wird nicht der einzige Tote bleiben.

Das LKA Salzburg schickt wieder die üblichen Beamten, den Jerry und den Roten, die darüber ziemlich erstaunt sind, dass der inzwischen pensionierte, Pfeife rauchende ehemalige Postenkommandant Alfred Distl, der immer wieder Wortspiele zu besten gibt, bei dem Ermittlungen mitmischt. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er diesen Fall, in dem wenig so ist, wie es scheint, löst.

Meine Meinung:

Der Krimi ist wie gewohnt leicht zu lesen und lebt von seinen kauzigen Charakteren. Allen voran dem nunmehr pensionierten Alfred Walz, der im letzte Fall beinahe einem Mordanschlag nicht überlebt hat.

„Der Walzig zwar kein Distl-Jünger, aber jünger als der Distl. Und wenn dir plötzlich ein von den Toten Wiederauferstandener ins Zimmer geschneit kommt, dann bist du natürlich momentan völlig dings.“

Wieder mit dabei sind auch die beiden Ermittler des LKA Salzburg, der Jerry und der Rote. Die Spitznamen haben sie aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit dem FBI-Agenten Jerry Cotton bzw. der roten Haare wegen.

Der Jerry und der Rote sind wieder einmal unterwegs nach Höfstein.
»Eigentlich müsste der Kübel inzwischen den Weg von alleine finden!«, mault der Rote, »außer uns, glaub’ ich, fährt nur noch der Leichenwagen öfter daher!«
»Und der Postautobus! Was wollen wir denn eigentlich hier schon wieder?«

Fazit:

Eine gelungene Fortsetzung, der ich 4 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 22.04.2023

Intrigen und Mord im KLoster

Hildegard von Bingen und das Siegel des Königs
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Das frühe Mittelalter mit seinen unklaren Herrschaftsansprüchen, um Macht und Einfluss wetteifernde Klöster sowie Frauen, die zwangsverheiratet werden (sollen), sind immer eine dankbare Kulisse für historische ...

Das frühe Mittelalter mit seinen unklaren Herrschaftsansprüchen, um Macht und Einfluss wetteifernde Klöster sowie Frauen, die zwangsverheiratet werden (sollen), sind immer eine dankbare Kulisse für historische Romana und Krimis.

Diesmal ist der Hintergrund die Regelung der Thronfolge, bei der sich auch Hildegard von Bingen einzufinden hat. Mit in ihrem Gefolge ist Elisabeth, eine sehr kluge Novizin, die vor ihrer Zwangsheirat mit einem Ungustl ins Kloster eingetreten ist. Schauplatz in das Kloster Disibodenberg, in dem Hildegards Konvent ursprünglich gelebt hat, bis sie vom missgünstigen Abt vertreiben worden sind. Und genau dieser, kocht nun sein eigenes Süppchen. Dazu passt auch, dass kurz nach der Ankunft der Nonnen ein Mord geschieht und wenig später ein weiterer Mann vergiftet wird. Blöderweise glauben die Mönche, dass nur Frauen mit Gift morden, und Hildegard wird in den Keller gesperrt. Doch niemand hat mit der gewitzten Elisabeth gerechnet, die alles dafür tut, Hildegard vom Mordverdacht reinzuwaschen.

Meine Meinung:

Ich mag diese Mittelalterkrimis! Natürlich leben sie von zahlreichen Klischees. Dieser hier verquickt sehr geschickt Fakten mit Fiktion. Dass Hildegard von Bingen eine einflussreiche und ungewöhnliche Frau war, ist unbestritten. Manchmal musste ich schmunzeln, wenn Hildegard oder Elisabeth eine kurze Breitseite gegen den missgünstigen Abt ausgeteilt haben.


Dieser Mittelalterroman ist flüssig zu lesen und zeigt deutlich, wie sehr, intelligente Frauen diskreditiert worden sind. Für Elisabeth ergibt sich dann doch noch eine ansehnliche Fügung des Schicksals.

Mehrere unvorhergesehene Wendungen machen diesen historischen Roman so richtig spannend.

Das hellblaue Cover mit seinem feinen gelben, an klösterliche Verzierungen erinnernden Muster, gefällt mir sehr gut.

Fazit:

Wer gerne historische Kriminalromane liest, die im Mittelalter spielen, ist hier genau richtig. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 22.04.2023

NIcht nur bildende, sondern auch Sprachkünstlerin

Am Fenster klebt noch eine Feder
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„Nur ein Lesender kann auch ein Schreibender sein oder werden“

Nicht nur bildende Künstlerin, sondern auch Wortkünstlerin - Maria Lassnig

Dieses schmale Buch, das von den drei Kärntnern, Peter Handke, ...

„Nur ein Lesender kann auch ein Schreibender sein oder werden“

Nicht nur bildende Künstlerin, sondern auch Wortkünstlerin - Maria Lassnig

Dieses schmale Buch, das von den drei Kärntnern, Peter Handke, Barbara Maier und Lojze Wieser, im Wieser-Verlag herausgegeben worden ist, zeigt, dass Maria Lassnig nicht nur mit Pinsel und Farbe virtuos umgehen konnte, sondern auch mit (Schreib)Feder und Buchstaben.

In Dutzenden Schreibheften und noch mehr Zettelchen hat sie ihre Gedanken aufgeschrieben. Kuratorin Barbara Maier ist es zu verdanken, dass diese Aphorismen erhalten geblieben sind. Gemeinsam mit Peter Handke und Lojze Wieser ist hier eine schöne Auswahl getroffen worden.

Der Titel dieses Buches, das sich sehr gut als Mitbringsel eignet, stammt aus der Beschreibung „Weihnachten, Turracher Höhe“ (S.22).

Für uns, die wir heute alles und jedes gendern, mutet es erstaunlich an, wie selbstverständlich Maria Lassnig von sich stets in männlicher Form spricht:

„Ein Handwerker des Wortes bin ich nicht. Viel eher nur ein Traumwandler zwischen den Worten.“ (S.47)

Mache Gedanken sind ziemlich philosophisch: „Ist die Literatur die Zwillingsschwester der Malerei?“

Wer war sie nun, diese Maria Lassnig?

Maria Lassnig (1919-2014) war eine österreichische Malerin, die als uneheliches Kind geboren und anfangs in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist. Nach der Hochzeit ihrer Mutter mit dem Bäcker Jakob Lassnig verbessern sich die Lebensumstände und die kleine Maria besucht die Klosterschule der Usulinen, die sie, ungewöhnlich für die damalige Zeit, mit Matura abgeschlossen hat. Schon als Kind hat sich ihre künstlerische Begabung gezeigt. Die Mutter fördert das Talent ihrer Tochter und so fährt Maria Lassnig mit dem Fahrrad nach Wien, um an der Akademie der Bildenden Künste Malerei zu studieren. Später wird sie unter anderem nach New York und Paris gehen, sich mit der modernen Malerei beschäftigen. Ab 1980 lehrt sie an der Hochschule für Angewandte Kunst als Professorin Malerei. Daneben beschäftigt sie sich mit den modernen Medien und gründet ein Trickfilmstudio. Der Goldene Löwe der Biennale von Venedig krönt 2013 ihr Schaffenswerk.

Dieser schmale Band mit Maria Lassnigs Gedanken laden herzlich ein, sich mit der Künstlerin näher zu beschäftigen.


Fazit:

„Nur ein Lesender kann auch ein Schreibender sein oder werden“ - dem ist wohl wenig hinzuzufügen. Gerne gebe ich dieser Sammlung von Gedankensplittern 5 Sterne.