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Veröffentlicht am 03.02.2019

Ungewöhnlich, aber auch unentschlossen und etwas halbherzig

Die Leuchtturmwärterin
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Die Geschichte ist ungewöhnlich, dies schon alleine daher, daß sie Anfang des letzten Jahrhunderts auf einem abgelegenen Leuchttum spielt - das war vielversprechend, denn das ist eine Welt, von der ich ...

Die Geschichte ist ungewöhnlich, dies schon alleine daher, daß sie Anfang des letzten Jahrhunderts auf einem abgelegenen Leuchttum spielt - das war vielversprechend, denn das ist eine Welt, von der ich gar nichts weiß. Natürlich wird auf dem Klappentext noch ein "Geheimnis" angekündigt - ohne Geheimnis scheint es bei historischen Romanen kaum noch zu gehen.

Es läßt sich alles recht vielversprechend an - die Protagonistin Trudy berichtet als Ich-Erzählerin und das in einem flotten Schreibstil, durch den immer wieder mal intelligenter, gut beobachtender Humor durchblitzt. Man merkt schnell, Trudy ist ein helles Köpfchen, offen für Ungewöhnliches. In der ersten Hälfte des Buches erfahren wir abwechselnd von Trudys neuem Leben auf dem Leuchtturm und in Rückblenden von ihrem Hintergrund als Tochter aus gutem Hause. Das ist abwechslungsreich und der stetige Wechsel ist gut gemacht und liest sich angenehm. Wie diese aufgeweckte aber behütete junge Frau sich mit ihrem neuen Ehemann auf dieser einsamen Leuchttuminsel und mit den dort wohnenden Kollegen zurechtfindet, ist interessant, auch die Lebensumstände sind gut erklärt. Bei Trudys Rückblicken auf ihr früheres Leben merkt man dann aber schon das, was letztlich das Lesevergnügen immer mehr beeinträchtigt: die Geschichte plätschert ein wenig unentschlossen vor sich hin. Man liest ein wenig über Trudys Collegedasein, ein wenig über das Leben mit ihren Eltern, ein wenig über ihre Pläne, aber alles kommt nicht richtig in Gang, nirgendwo wird wirkliches Interesse geweckt. Was sie genau möchte, was sie antreibt, erfahren wir eigentlich nicht. In einer Szene möchte sie ganz dringend lernen, wie man ein Schiff fährt - warum sie das möchte, erfährt oder spürt man nicht. Als sie auf dem Schiff ist, langweilt es sie eigentlich und man fragt sich während der ganzen Szene, welchen Sinn diese nun eigentlich hat (abgesehen von dem, daß man erfährt, daß Trudy eine gute Beobachtungsgabe hat).

Trudy hat einen Verlobten, aber man weiß schon aus den Leuchtturmkapiteln, daß sie diesen letztlich nicht geheiratet hat. Nun sind aber sowohl ihr Verlobter als auch der Mann, den sie letztlich heiratet so blaß gestaltet, daß man weder sieht, warum sie den einen verläßt, noch warum sie sich zu dem anderen hingezogen fühlt. Den Charaktern fehlt das Leben, sie sind halbherzig gestaltet. Auch der Wechsel von einem Mann zum andren geschieht nebenbei - vorher wird zwar angedeutet, was für einen furchtbaren Skandal Trudy damit ausgelöst hat, aber beim Lesen merkt man davon nichts.
Weitere Erlebnisse Trudys auf dem Weg zum Leuchtturm, wo ihr Ehemann arbeiten wird, werden zwar ausführlich erzählt, eine lange Zugfahrt, einig Tage Aufenthalt in San Francisco, aber auch hier geschieht letztlich nicht viel, alles plätschert vor sich hin und trägt auch zur eigentlichen Geschichte sehr wenig bei.

In der zweiten Hälfte des Buches findet die Handlung nur noch auf der Leuchttuminsel statt. Hier sind nun aber die neuen Lebensumstände auch schon hinreichend geschildert und es schleicht sich auch hier dieses Halbherzige, Unentschlossene ein. Trudys Ehemann bleibt blaß, ihre Beziehung zueinander ebenfalls. Trudy macht ein wenig hiervon, ein wenig davon. Sie beginnt, sich für die Meereslebewesen zu interessieren, was eine große Leidenschaft von ihr werden soll, aber auch hier merkt man diese Leidenschaft überhaupt nicht. Sie erleidet eine Fehlgeburt, auch dies eigentlich nebenbei. Dann wird allmählich das so groß angekündigte Geheimnis aufgedeckt und auch hier liest man und denkt "Aha. Und nun? Das ist jetzt das Geheimnis?" Der blasse Ehemann ist plötzlich Feuer und Flamme und zeigt im letzten Viertel des Buches endlich etwas Profil, aber auch hier kann man seine plötzliche Leidenschaft für ein Thema nicht wirklich nachempfinden. Man bekommt mitgeteilt, welche Emotionen die Charaktere haben, aber man fühlt sie nicht. Ganz zum Ende kommt tatsächlich dann mal für einige Seiten ein wenig Spannung auf, aber so richtig fühlt man auch da nicht mit. Wenn man das Buch schließt, denkt man nur, daß hier eine Geschichte mit Potential so halbherzig erzählt wurde, daß die Möglichkeit verschenkt ist. Das ist besonders schade, da der Schreibstil zeigt, daß hier eigentlich mehr möglich gewesen wäre.

Veröffentlicht am 03.02.2019

Nicht besonders gut erzählte Geschichte im 08/15-Gerüst

Am dunklen Fluss
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Anna Romer nimmt die schon unzählig oft benutzten Bausteine solcher Bücher: zwei Frauen in zwei verschiedenen Zeiten; Tagebuch und Briefe, welche der modernen Protagonistin ein dunkles Geheimnis verraten. ...

Anna Romer nimmt die schon unzählig oft benutzten Bausteine solcher Bücher: zwei Frauen in zwei verschiedenen Zeiten; Tagebuch und Briefe, welche der modernen Protagonistin ein dunkles Geheimnis verraten. Natürlich hat die moderne Protagonistin, Ruby, einen kleinen Buchladen - irgendwann wurde es zum festen Bestandteil vieler Frauenromane, daß die Hauptperson Inhaberin eines originellen kleinen Buchladens ist und davon natürlich problemlos leben kann. Selbstverständlich fehlt am Ende auch nicht die Szene, in der der Bösewicht noch detailreich seine dunklen Pläne erklärt und danach überwältigt wird. Dies alles haben wir schon unzählige Male gelesen und es überrascht mich immer wieder, daß so viele Autoren immer noch diesem 08/15-Gerüst folgen.

Nun wäre das halb so schlimm, wenn man dieses Gerüst mit einer interessanten gut geschriebenen Geschichte ummanteln würde. Leider gelingt auch das hier nicht. Die Ansätze sind durchaus da - Australien ist eine nette Abwechslung von all den englischen Landhäusern oä, in dem junge Frauen sonst die Dokumente mit dunklen Geheimnissen entdecken. Die unwirtliche Natur, das Leben der Maori, ihre Rechtlosigkeit, der Rassismus - das alles sind noch recht unverbrauchte Themen, relevant und interessant dazu. Es beginnt auch alles ganz vielversprechend. Wir begleiten abwechselnd Ruby in der heutigen Zeit und Breann im Jahre 1898. Ruby hat ihre Schwester durch einen Unfall (so sagt man ihr jedenfalls) verloren, war damals sogar dabei, hat durch eine Amnesie aber keine Erinnerung und merkt jetzt allmählich, daß irgendwas an der Geschichte nicht stimmt. Dann hat sie noch einen schmierigen Freund mit weiterem Konfliktpotential. (Hier leider auch schon eine irritierende Schludrigkeit, denn des Freundes Augen sind braun, zwei Seiten später dann blau). Die Schmierigkeit des Freundes wird dann so überdeutlich dargestellt, wie auch später im Buch viele weitere Dinge. Der Leser hat im ganzen Buch keine Möglichkeit, eigene Schlüsse zu ziehen, alles wird mehrfach überdeutlich auf dem Silbertablett serviert und zur Sicherheit später noch mal zusammengefaßt.

Rubys Kapitel wurden leider zunehmend langweilig. Sie bestehen aus unzähligen inneren Monologen, ständigen Wiederholungen dessen, was wir schon gelesen haben, wirren Träumen und Erinnerungen und sehr vielen völlig überflüssigen Szenen. Man hätte problemlos 200 Seiten aus dem Buch entfernen können, ohne daß es Einfluß auf die Geschichte gehabt hätte.

Breanns Kapitel sind interessanter, auch Breann selbst ist interessanter als die unentschlossene, konturlose Ruby. Hier gibt es auch eine Handlung, die lesenswert ist - leider fasert sie auch ein wenig aus und leidet an den ständigen Wiederholungen und Erklärungen des Offensichtlichen, aber immerhin sind diese Kapitel nicht zu 80% irrelevantes Füllmaterial wie Rubys Kapitel. Breanns Geschichte alleine wäre ein ganz gutes Buch gewesen. Leider schlägt sich aber auch hier ein weiteres Problem des Buches nieder: die ständigen Beschreibungen. Jeder Raum, jede Person, jede Landschaft, alles wird beschrieben, wir erfahren wo jeder einzelne Stuhl steht, wo welcher Baum wächst, usw. Für die Geschichte ist es selten relevant, für die Gestaltung der Atmosphäre viel zu viel. An manchen Stellen wird die Handlung nach jedem Absatz für eine Beschreibung unterbrochen.

Ich habe an diese "Frau entdeckt Unterlagen mit dunklem Geheimnis"-Bücher keine großen Erwartungen. Es ist nette Zwischendurch-Lesekost; wenn man Glück hat, mit spannend dargestellter interessanter Geschichte. Hier wurden aber sogar meine überschaubaren Erwartungen enttäuscht und das Lesen wurde zunehmend unerfreulicher. Die große Auflösung des dunklen Geheimnisses war dann auch nicht so spektakulär, daß es sich gelohnt hat, sich durch das Dickicht von Wiederholungen, Beschreibungen, Füllszenen und öden inneren Monologen zu kämpfen. Man hätte hier aus der Grundidee ein passables Buch machen können, aber das ist leider danebengegangen.

Veröffentlicht am 03.02.2019

Informativ und gut geschrieben

Ostpreussen
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Es gelingt Andreas Kossert auch in dieser abgespeckten Version seines Buches, das Wesentliche über die ostpreussische Geschichte sehr gut zu vermitteln. Er hat einen angenehmen Schreibstil, zurückhaltend ...

Es gelingt Andreas Kossert auch in dieser abgespeckten Version seines Buches, das Wesentliche über die ostpreussische Geschichte sehr gut zu vermitteln. Er hat einen angenehmen Schreibstil, zurückhaltend und doch packend. Das Buch läßt sich leicht lesen und vermittelt Geschichte auf lebendige Weise.

Die Ursprünge und frühe Geschichte Ostpreussens sind hier sehr knapp gehalten, da hätte ich tatsächlich gerne etwas mehr gelesen, aber die Beck-Reihe ist ja bewußt als kurze Einführung in Themen gedacht. Mehr als die Hälfte des Buches widmet sich der Zeit des Dritten Reiches und der Nachkriegszeit. Im ganzen Buch gelingt Andreas Kossert eine gute Verbindung von großer Politik und dem alltäglichen Leben. Die geistigen Strömungen innerhalb des Landes, das von der bemerkenswerten geistigen Offenheit des 18. und 19. Jahrhunderts im 20. Jahrhundert in dumpfen Nationalismus verfiel und den Nazis begeistert den Weg freiräumte, sind gut geschildert, auch die Gründe hinter diesen Strömungen werden erläutert.

Die letzten Kriegsjahre und die Nachkriegszeit haben Ostpreussen und seiner Einwohner auf unglaubliche Weise gebeutelt. Nüchtern berichtet Kossert über ein grauenvolles Massaker an jüdischen Gefangenen noch im Januar 1945, den Grausamkeiten der sowjetischen Armee gegen die Zivilbevölkerung, den Ausgrenzugen, Vertreibungen, und "rassischen" Einstufungen im polnischen und russischen Teil Ostpreussens. Er nennt Zahlen und Vergleiche, die das Ausmaß des Grauens sehr verdeutlichen.

Im letzten Kapitel des Buches geht es um die Ostpreussen, denen ihre Heimat genommen wurden und die oft gar nicht einmal um sie trauern durften. Er läßt hier auch ehemalige Ostpreussen zu Wort kommen, zitiert Dönhoff, Lenz und andere. Dadurch wird auch die menschliche Seite beleuchtet, was mE zu einem umfassenden Geschichtswerk immer dazugehört.

All dies, die guten Informationen über Jahrhunderte ostpreussischer Geschichte, wichtige Hintergrundinformationen zum Verständnis, die Stimmen der Menschen, die dort lebten und vertrieben wurden, einen Überblick über Kultur, Kunst, Philosophie, immer neuer Kriegswirren, Krankheiten, Vertreibungen und noch mehr findet sich auf 121 Seiten. Es ist beeindruckend, wie gut so viele Informationen hier auf kleinem Raum verpackt wurden. Ein rundum informatives und angenehm zu lesendes Buch.

Veröffentlicht am 03.02.2019

Informativ, aber von Stil und Gewichtung her nicht so überzeugend

Schillers Doppelliebe
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"Schillers Doppelliebe" enthält zweifellos eine Fülle an Informationen und man erfährt viel über die von Lengefeld-Schwestern, über die es sonst eher wenig Literatur gibt. Es wurden - worauf im Vorwort ...

"Schillers Doppelliebe" enthält zweifellos eine Fülle an Informationen und man erfährt viel über die von Lengefeld-Schwestern, über die es sonst eher wenig Literatur gibt. Es wurden - worauf im Vorwort sehr explizit hingewiesen wird - sehr viele Quellen studiert und dies merkt man auch, vom reinen Informationsgehalt ist sehr viel vorhanden. Schade fand ich es allerdings, dass die Gewichtung der Informationen manchmal nicht meinen Erwartungen entsprach. Dass die Rezeptliste der Lengefeld-Mutter und das Hauhaltsinventar der Familie mehr Raum einnimmt als die Beschreibung von Schillers Tod, ist schon etwas seltsam. Auch ist eine ausführliche Auflistung von Bettlaken und Tischdecken nicht sonderlich aufschlussreich oder interessant zu lesen und wäre vielleicht in den Anmerkungen besser aufgehoben. Dies ist nur ein Beispiel von mehreren Momenten, in denen Nebensächlichkeiten sehr ausführlich behandelt wurden, während Themen, die für die Schiller-Charlotte-Beziehung relevant und interessant waren, in einem Nebensatz abgehandelt wurden. Überhaupt ist für ein Buch, welches sich sicher auch verkaufswirksam "Schillers Doppelliebe" nennt, relativ wenig Schiller drin. Es wird im Vorwort schon erwähnt, dass es vorwiegend um die Schwestern geht, nicht um Schiller, und letztlich ist es auch eine Biographie der Schwestern, deren Leben nicht nur aus Schiller bestand. Trotzdem fand ich auch hier die Gewichtung manchmal etwas unausgeglichen, und die meisten werden eben vorwiegend wegen der Schiller-Beziehung Interesse an den Schwestern haben.

Die Erzählweise ist natürlich Geschmacksache, mir sagte es nicht sehr zu, dass die Autorinnen teilweise sehr subjektiv waren und auch häufig ihre kleinen tadelnden Kommentare mit Ausrufezeichen einstreuten, wenn ihnen ein berichtetes Verhalten nicht zusagte. Ferner liest sich das Buch an einigen Stellen nicht flüssig, es wird viel aneinandergestoppelt. Ich habe direkt danach noch einmal Safranskis wundervolles "Goethe und Schiller" begonnen und den Unterschied gemerkt - jenes liest sich wie aus einem Guß und dadurch viel angenehmer (auch Safranskis Objektivität fällt nun besonders angenehm auf).

Weitere Punkte, die mir nicht unbedingt zusagten, waren die teilweise doch häufigen Spekulationen, die zwar nicht als bewiesen behauptet wurden, aber auch wieder sehr deutlich die Meinung der Autorinnen durchscheinen liessen. Die Sympathien und Antipathien waren mir ebenfalls zu spürbar. Auch blieb die Schiller-Charlotte Beziehung seltsam blass - hier habe ich aus anderen Büchern tatsächlich mehr erfahren. Unerfreulich fand ich, wie kurz Schillers Tod abgehandelt wurde, wie wenig über Charlottes Reaktion / Gefühlen darüber erwähnt wird, gerade eben im Vergleich zu den vielen detailliert behandelten Nebensächlichkeiten.

Interessant war es, mehr über das Leben von Charlotte und ihren Kindern nach dem Tod Schillers zu erfahren, und auch die allgemeinen Verhältnisse und die Gesellschaft in Weimar und Jena wurden sehr gut und informativ geschildert. Wie Schiller und Charlotte sich in diesen Kreisen jeweils einfügten - oder eben nicht einfügten - habe ich sonst noch nicht so detailliert und interessant gelesen.

Es ist sicher für jeden, der an Schiller und seiner Charlotte, am Jena und Weimar der Schiller-und-Goethe-Zeit interessiert ist, ein empfehlenswertes Buch. Nur haben die erwähnten Mankos für mich das Lesevergnügen doch sehr vermindert.

Veröffentlicht am 28.01.2019

Der tiefe Süden, in bezaubernder Sprache erzählt

Die Grasharfe
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Die Geschichte, die Capote in "Die Grasharfe" erzählt, ist ein wenig skurril. Collin wächst bei seinen Tanten auf, die in ihrem Wesen grundverschieden sind - die rationale, fast schon kalt wirkende, Verena, ...

Die Geschichte, die Capote in "Die Grasharfe" erzählt, ist ein wenig skurril. Collin wächst bei seinen Tanten auf, die in ihrem Wesen grundverschieden sind - die rationale, fast schon kalt wirkende, Verena, die ein gutes Auge für das Geldverdienen hat, und die weltfremde Dolly. Dolly verdient ein wenig Geld mit einer Kräutermedizin, Verena erkennt das Potential dieser Medizin und möchte sie im großen Stil vermarkten. Hier prallen die verschiedenen Lebensansichten der Schwestern aufeinander und Dolly verläßt mit Collin und ihrer Freundin Catherine das schwesterliche Haus und zieht in ein Baumhaus. Hier spielt sich nun allerlei ab, es kommt zu Begegnungen mit ihnen Wohlgesinnten aus dem Ort, leider aber auch immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den sogenannten respektablen Bürgern, die in Verenas Auftrag Dolly wieder zurückholen möchten.

Es sind gar nicht so sehr diese äußeren Geschehnisse, die das Buch so besonders machen, sondern die Charaktere, die sich hier entfalten. Capote erweckt sie alle ganz hervorragend zum Leben, flechtet Hintergrundinformationen über sie ein, ebenso wie kleine Details über Aussehen und Charakter - humorvoll, hintergründig, gelungen. So merkt man gerade bei den Hauptpersonen, wie vielschichtig sie sind. Da ist zum Beispiel Riley Henderson, der uns zuerst auf der Jagd begegnet, eine Kette blutiger Eichhörnchen um sich herum geschlungen, und so bei mir schon mal einen denkbar ungünstigen ersten Eindruck hinterläßt. Er wird von Collin mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung beschrieben und wirkt auf den Leser zuerst wie ein rauhbeiniger Egoist, aber schon schnell bemerkt man, daß hinter Riley viel mehr steckt und gerade er ist mir dann richtig ans Herz gewachsen. Der vom Leben enttäuschte Richter ist auch hervorragend gezeichnet, der alte Südstaatengentleman, unkonventioneller, als man denken würde, auf bezaubernd unschuldige Weise in Dolly verliebt. Dolly selbst, die zu Beginn arg beschränkt wirkt, sich aber auf eine entrückte Weise als durchaus lebensklug entpuppt.

Auch das kleine Südstaatenstädtchen wird bildhaft geschildert, man sieht sowohl die liebenswerten Leute mit den Werten des Alten Südens, wie auch die bigotten Rassisten, die jede Abweichungen von der Norm verteufeln und verfolgen. Schließlich entdecken wir sogar bei der fast im ganzen Buch recht vage gebliebenen kühlen Verena noch andere Seiten. Es macht Spaß, all diese Charaktere kennenzulernen und dazu schreibt Capote in einer wundervollen Sprache - elegant und humorvoll, scharfsinnig und poetisch. Es ist ein Genuß, eine solche Sprache zu lesen.