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Veröffentlicht am 23.01.2019

Prächtig illustrierter und gut geschriebener Detail-Überblick

Deutsche Geschichte
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Die Bücher von Dorling Kindersley sind bekannt für ihre herausragend bildhafte und farbige Ausstattung. Jedes Buch, das ich bisher von DK las, war schon ein visuelles Vergnügen. So ist dies genau der ...

Die Bücher von Dorling Kindersley sind bekannt für ihre herausragend bildhafte und farbige Ausstattung. Jedes Buch, das ich bisher von DK las, war schon ein visuelles Vergnügen. So ist dies genau der richtige Verlag für eine Bild-Enzyklopädie der deutschen Geschichte. Das Buch ist recht groß und schwer, so soll sich ein richtiges Buch anfühlen. Jede Doppelseite widmet sich chronologisch einem Thema der deutschen Geschichte; unterteilt ist das Buch in sieben Hauptabschnitte, die meines Erachtens eine gute Gliederung der historischen Epochen darstellen. Jedem dieser sieben Abschnitte ist eine Zusammenfassung dieser Epoche vorangestellt, gefolgt von einer chronologischen Zeitleiste. Auch diese ist sehr schön gestaltet und bereits mit zahlreichem Bildmaterial versehen.

Selbstverständlich strahlt auch jede Doppelseite dem Leser schon farbenfroh entgegen. Zahlreiche Abbildungen auf jeder Seite sorgen für Anschaulichkeit, passende Zitate im Großdruck oder biographische Übersichten reichern den Haupttext weiter an. Jede dieser Doppelseiten verfügt über eine "Vorher" und eine "Nachher"-Box, die das Thema historisch einordnet, einen Ausblick und Rückblick bietet und auch Zusatzinformationen liefert. Manche Doppelseiten sind fast ausschließlich großformatigen Abbildungen mit kürzeren Erklärungen gewidmet, wie zB eine Limes-Rekonstruktion, der Westfälische Frieden oder der Kniefall Willy Brandts in Warschau. Andere Doppelseiten enthalten Biographien bedeutsamer Deutscher, wieder andere bieten einen Fotoüberblick über prägende Gegenstände der Epoche. So hat man ein gut zusammengestelltes Kaleidoskop aus verschiedenen Informationen. In den doppelseitigen Artikeln geht es vorwiegend, aber nicht nur, um die historischen Entwicklungen, Herrscher, Kriege. Auch Lebensbedingungen, gesellschaftliche Entwicklungen, Kultur oder andere Alltagsthemen haben hier ihren Platz, wie es im Vorwort auch versprochen wird ("Geschichte ist aber viel mehr als das, weil sie letztlich von menschlichen Existenzen berichtet, von Höhen und Tiefen, Großem und Kleinem.").

Natürlich kann ein Buch, das auf 400 Seiten die gesamte deutsche Geschichte behandeln möchte, kein Detailwissen liefern. An manchen (wenigen) Stellen fehlen leider Erklärungen und/oder Hintergründe zu Erwähntem - eigentlich möchte ich nach der Lektüre nicht im Internet nachschauen müssen, worum es genau ging. (Und warum in den Artikeln über die Nachkriegskultur neben zahlreichen Schriftstellernamen einer der wirklich großen literarischen Chronisten unserer neueren Geschichte, Walter Kempowski, überhaupt nicht erwähnt ist, würde mich sehr interessieren).
Für einen Überblick aber ist das Buch hervorragend gelungen, letztlich ist es durchaus mehr als ein Überblick, bietet erstaunlich viele Hintergrundinformationen, Details und erklärt vor allem Zusammenhänge oft prägnant einleuchtend. Ich habe hier sogar zu einigen Themen, mit denen ich mich schon eingehender beschäftigt habe, noch neue Informationen erhalten; zu mir nicht so vertrauten Themen eine erstklassige Einführung.

Deshalb kann ich dieses sowohl informative wie auch wunderbar gestaltete Buch jedem empfehlen - dem Geschichtsneuling, der sich informieren möchte, wie auch dem tiefer Geschichtsinteressierten, der hier immer noch Neues finden wird, oder eben auch Vertrautes, gut dargestellt.

Veröffentlicht am 23.01.2019

Der Typ auf der Party...

Nachkriegsland. Eine Spurensuche
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...der einem dem ganzen Abend im Brustton der Überzeugung erzählt, warum "das System" falsch ist, nur er es durchschaut und er überhaupt genau weiß, wie das alles so läuft, den kennen wir wahrscheinlich ...

...der einem dem ganzen Abend im Brustton der Überzeugung erzählt, warum "das System" falsch ist, nur er es durchschaut und er überhaupt genau weiß, wie das alles so läuft, den kennen wir wahrscheinlich alle. Beim Lesen dieses Buches fühlte ich mich ein wenig wie auf solch einer Party.

Ich gebe zu, daß ich mir von dem Buch an sich etwas anderes erwartet hatte: mehr Informationen, weniger Politisiererei. Es interessiert mich, wie die Nachkriegsgeneration jene Zeit erlebt hat, wie der Umgang mit den Eltern war, wie diese Eltern mit ihren Erlebnissen, Traumata und auch ihrer Schuld umgegangen sind. Ich habe mehrere Bücher gelesen, in der die Nachkriegsgeneration auf die Suche geht und das Gespräch mit oder wenigstens Informationen über die Eltern sucht. "Was haben meine Eltern im Krieg gemacht?" - eine sehr wichtige Frage für diese Generation.

Ein wenig davon gibt es in diesem Buch auch. Die fünf Kapitel von Buch 1 ("Unsere Mütter und Väter") beschreiben die Familiengeschichte, die manchmal ein wenig zu sehr in allgemeine Banalitäten abgleitet, aber im Ganzen doch recht interessant zu lesen ist. Michael Brenner berichtet hier gut, wie wichtig es ihm war, herauszufinden, welche Rolle der Vater im Krieg gespielt hat, ob und wie er sich schuldig machte. Er recherchiert hier gründlich und auch das ist interessant zu lesen, insbesondere, wenn man selbst Ahnenforschung betreibt und sich für die Möglichkeiten, an Informationen zu kommen, interessiert. Schön ist auch, wie der Autor hier differenziert. Er kennt den Vater nur von einer sehr unangenehmen, lieblosen Seite, aber er betrachtet hier - und auch später im Buch - das ganze Bild, überlegt, warum der Vater so ist, was ihn seelisch derart verkrüppelt hat (dies tut er auch bei vielen anderen aus jener Generation). Angesichts der schlimmen Kindheit, die Michael Brenner durch diesen Vater erlebte, ist das bemerkenswert und war sicher auch schwer.
In diesem ersten Abschnitt beginnt aber leider auch schon eines der Dinge, die mich am Buch leider zunehmend genervt haben: die Wiederholungen.

Es gibt zahlreiche Wiederholungen im Buch, fast alles wird mehrfach erwähnt. Das fällt zB gerade sehr in den Kapiteln über die Schule auf. So wird im Kapitel über die Lehrer letztlich immer wieder das Gleiche erzählt - keiner war offen Altnazi, aber die meisten ließen durch ihre Geschichten und Aussprüche erkennen, welches Geistes Kind sie waren. Die deutsche Schuld, die Naziverbrechen werden nicht thematisiert. Das sind relevante Punkte und auch ein wichtiges Merkmal der 50er und frühen 60er, aber der Leser hat diese Aussage schon nach den ersten drei Erwähnungen mehr als verstanden.
Im Kapitel "Auslese und Unterwerfung" geht es um das elitäre Selbstverständnis des Gymnasiums, das der Autor besucht. Auf Seite 129: "sollten unsere Eltern, besonders diejenigen aus dem ärmeren Stadteilen, doch so einsichtig sein, ihre Kinder schnell wieder von der höheren Lehranstalt zu nehmen."
Seite 136: "Schnell hatten die Lehrer uns vermittelt, daß es besser sei, in den bürgerlichen Stadtteilen (...) zu wohnen. Wer in ärmlicheren Stadtteilen lebte, erhielt am Kirchenpauer-Gymnasium weniger Chancen und wurde schlechter behandelt."
Seite 138: "In den Klassenbüchern stand hinter unseren Namen immer auch der Beruf unserer Eltern, damit die Lehrer uns schneller einordnen konnten."
Seite 138: "Hauptaufgabe meiner Schule war die soziale Selektion." leitet einen ganzen Absatz ein, in dem dies erneut ausführlich erklärt wird.
Seite 139: "Wenn Eltern aus der Mittelschicht stammten, (...) wurden ihre Kinder besser behandelt."
Diese Neigung, bereits Gesagtes immer auf's Neue zu wiederholen, zieht sich leider durch das ganze Buch.

In der zweiten Hälfte des Buches begleiten wir den Autor durch seine Jugend- und Erwachsenenzeit. Dies geschieht durch eine etwas ungeordnete Mischung von Liedzitaten (die auch mal einen ganzen Absatz einnehmen können), historischen Informationen, ein paar eigenen Erlebnissen und eigener Meinung. Die historischen Informationen waren recht sprunghaft und meines Erachtens nicht gut dargebracht, da sie oft bekannte Ereignisse wie zB den Mauerfall so berichteten, als ob man noch nie davon gehört hätte. Vielleicht wären hier Fußnoten hilfreicher gewesen, so daß der historisch nicht so informierte Leser bei Bedarf nähere Informationen dort hätte einsehen können. Manche Kapitel lasen sich so nämlich wie ein halbherziger geschichtlicher Überblick. Warum dann ein nach eigener Darstellung so kritisch Hinterfragender hier auch noch behauptet, in der DDR wären die Nazis konsequent bestraft worden und hätten keine hohen Posten erreicht, wundert mich doch sehr. Daß diese Behauptung der DDR nicht stimmt, ist mittlerweile hinreichend bekannt.

Mit seiner Meinung hält der Autor nicht hinter den Berg, was in einem Buch über das auch politische Erwachen und eine Zeit gesellschaftlicher Umbrüche durchaus seinen Sinn hat. Leider geschieht die Meinungsäußerung fast durchweg polemisch. Im Nachwort weist der Autor noch darauf hin, daß er mit Absicht die politisch korrekte Sprache vermieden hat, was ja auch in Ordnung ist, aber zwischen (Zitat aus dem Nachwort) "ritualartigen Sprachübungen" und platter Polemik liegt noch sehr viel Spielraum. Da hätte man sich vielleicht eher ein Beispiel an Willy Brandt nehmen können, der direkt und ehrlich sprach, anstatt sich auf das Niveau der im Buch so oft - zu Recht - kritisierten Bild-Zeitung zu begeben (Polemik anderer zu kritisieren und sich ihrer dann selbst zu befleißigen wirkt nicht sehr ehrlich). So gehen leider viele Ansichten in dieser Polemik unter und werden zudem nicht erklärt, sondern auf Art des oben erwähnten Typen auf der Party mit der "ich schlau, alle anderen blöd"-Methode in den Raum geworfen. Schade. Ein "Gschmäckle" bekommt das Ganze, wenn die RAF mit einem lapidaren "Einerseits soll man nie töten, aber irgendwie..." verharmlost wird.
Und wenn dann - wieder mE zu Recht - die heuschreckenartige Ausweidung des Ostens nach der Wiedervereinigung kritisiert wird, kommt plötzlich ein "Für ein anderes Unternehmen gehörte ich zu denjenigen, die (...) das Ostland nach Beute durchkämmten. Glücklicherweise war ich nur ein kleines Licht und muss mich für nichts schämen."
Diese "ich war ja eigentlich nur am Rande dabei, ich habe mir nichts vorzuwerfen"-Entschuldigung also.... Im Rahmen des sonstigen Buchtextes durchaus interessant, ein wenig entlarvend.

Am Buch interessant war die Familiengeschichte und der Umgang des Autors damit, ebenso wie die Aussagen seiner Altergenossen zu ihrer Kindheit. Auch das erwachende politische Bewußtsein, die gesellschaftlichen Umwälzungen und die Erklärungen, warum dies alles Ende der 60er / Anfang der 70er aus den jungen Leuten so herausbrach, war lesenswert und informativ. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. Das war aber leider nur ein sehr kleiner Teil des Buches.

Veröffentlicht am 23.01.2019

Prinzessinnen sind nicht zu beneiden

Skandal bei Hof
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In "Skandal bei Hof" (den Titel finde ich persönlich zu effektheischerisch) geht es wie im Buch "Ungeliebte Königin" um unglückliche Ehen und Lebensgeschichten der europäischen Königshöfe. Ich habe beide ...

In "Skandal bei Hof" (den Titel finde ich persönlich zu effektheischerisch) geht es wie im Buch "Ungeliebte Königin" um unglückliche Ehen und Lebensgeschichten der europäischen Königshöfe. Ich habe beide Bücher kurz nacheinander gelesen und das war aufgrund teils unterschiedlicher Interpretationen der Autorinnen ganz interessant.

Thea Leitner berichtet hier von fünf Frauenschicksalen, die fast alle irgendwie verwandtschaftlich verbunden sind (wie in der europäischen Königswelt auch kaum anders möglich), so daß uns manche Personen durchaus öfter begegnen, was eine ganz angenehme Kontinuität in das Buch bringt. Alle Frauen wurden gegen ihren Willen oder zumindest ohne ihr Einverständnis verheiratet, alle erlebten ihre ganz persönliche Ehehölle, dies ist ein weiteres verbindendes Element der Kapitel und überhaupt der Töchter europäischer Adelshäuser jener Zeit. Abgesehen davon sind die Schicksale sehr unterschiedlich, so bekommen wir unter anderem einen Blick in die jahrzehntelange Gefangenschaft der Sophie Dorothea von Hannover; den Geschehnissen am dänischen Königshof, die einem übertriebenen Historienschinken entstammen könnten, oder dem befremdlichen Haß von George IV auf seine Ehefrau.

Dies ist meist in einem recht flotten Schreibstil berichtet und beinhaltet auch einen Blick auf die Elterngeneration oder das generelle Familienumfeld, so daß man recht umfassend informiert wird. An einigen Stellen fehlte mir die Neutralität der Autorin etwas. Oft wurde mir zu sehr in Details oder Nebensächlichkeiten verweilt, gerade das Kapitel über Wilhelmine von Preußen, welches ich auch vom Inhalt her weniger interessant fand als die anderen Kapitel, zog sich sehr - detaillierte Zitate von Wilhelmines Tagebuchaufzeichnungen und minutiöse Berichte, wer wann wohin reiste oder wer wem wann was sagte / schrieb, lasen sich mir zu zäh. Dies fiel mir auch im letzten Kapitel über Karoline von Braunschweig-Wolfenbüttel öfter auf. Obwohl die Kapitel alle in etwa gleich lang sind, kamen mir diese beiden Kapitel länger vor als die anderen.

So erhält man im Ganzen einen recht abwechslungsreichen Überblick über die verschiedenen, teilweise bedenklich verhaltensgestörten, Herrscher diverser europäischer Länder und des Leides, welches die dynastisch orientierte rücksichtslose Ehepolitik verursachte. Eine straffere Erzählweise hätte aber an mehreren Stellen nicht geschadet.

Veröffentlicht am 23.01.2019

Wundervoll, einzigartig, geistreich - perfekt

Ein Gentleman in Moskau
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Das Lesen dieses Buches war für mich ein kleines Experiment. Ich war besorgt, dass es eines dieser "style over substance" Bücher sein würde, die nur aus prätentiöser Sprache bestehen. Dieses Buch aber ...

Das Lesen dieses Buches war für mich ein kleines Experiment. Ich war besorgt, dass es eines dieser "style over substance" Bücher sein würde, die nur aus prätentiöser Sprache bestehen. Dieses Buch aber ist wirklich in wundervollem Stil geschrieben, ohne dabei je prätentiös zu sein. Es zu lesen ist wie ein luxuriöser Genuß; schafft es der Autor doch, die Welt des Grafen, des Hotels und des Sowjetrusslands so zu gestalten, dass man sich darin verlieren kann.

Der Großteil des Buches findet über 32 Jahre in einem Hotel statt. Um jedoch aus dem Buch zu zitieren: "Es war ohne Frage der kleinste Raum, den er in seinem Leben eingenommen hatte, aber irgendwie war die Welt innerhalb dieser vier Wände gekommen und gegangen." Und wir sehen wirklich die ganze Welt im Hotel. Während der Hauptcharakter, der Graf, es im Laufe dieser 32 Jahre nur zweimal hinterlässt, hat er unzählige Begegnungen und Beziehungen zu den Menschen, die im Hotel arbeiten oder wohnen. Einige geben nur einen kurzen Einblick in das Leben anderer Menschen, wie das junge Paar auf einem Rendezvous, andere begleiten den Grafen - und uns - durch die ganze Geschichte. Es gibt hart arbeitende Hotelangestellte, internationale Journalisten, eine Filmschauspielerin, Genossen (einige wahre Gläubige, einige opportunistische) und Touristen, und Amor Towles webt ein wunderbares Netz, das sie alle zu einer erfreulichen Geschichte verbindet.

Der Graf ist eine absolut charmante Hauptfigur. Er zeigt, dass der Adel von Herzen kommt, nicht vom Titel, und das Wort Gentleman war so noch nie so passend. Er ist von Anfang an liebenswert und hatte mich schon bald ganz auf seiner Seite. Die Anmut, mit der er seine Umstände akzeptiert, der von Natur aus kultivierte und warmherzige Charakter, den er in der gesamten Geschichte zeigt, seine Fähigkeit, stets auf dem Laufenden zu bleiben und schnell zu handeln - aber niemals ohne Stil - ist bezaubernd.

Der Schreibstil schafft es, die ernsten und traurigen Aspekte des Lebens im Sowjetrußland mit einem feinen, witzigen Humor in Einklang zu bringen - eine schwierige Balance und so gut gestaltet. Ich wurde vom Kichern zur Traurigkeit geleitet, von Müßiggang zur Spannung. Fußnoten geben gelegentlich einen historischen Hintergrund oder informieren uns über das Schicksal einer Figur, wodurch sie die äußeren Ereignisse gut mit einbringen, ohne die weltabgeschiedene Umgebung des feinen Hotels zu stören.

Dieses Buch ist so eine feine Komposition aus erfahrenem und erfreulichem Schreibstil, lebendigen Charakteren, Geschichte und Stil. Sobald ich es beendet hatte, wollte ich alle meine Freunde anrufen und ihnen sagen, dass sie es sofort lesen müssen. In einer Zeit, in der schlecht geschriebene, billige Fanfiction zu einem Bestseller werden kann, ist es gut, Bücher wie "Ein Gentleman in Moskau" zu haben, die den Glauben an das gute Gefühl wiederherstellen, dass es immer noch gute Bücher gibt.

Veröffentlicht am 23.01.2019

Etwas ziellos und leider auch langatmig

Eine Frage der Höflichkeit
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Amor Towles' "Ein Gentleman in Moskau" ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe und so wollte ich nun auch sein Erstlingswerk kennenlernen. Dieses fand ich leider ausgesprochen enttäuschend.

Zu ...

Amor Towles' "Ein Gentleman in Moskau" ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe und so wollte ich nun auch sein Erstlingswerk kennenlernen. Dieses fand ich leider ausgesprochen enttäuschend.

Zu Beginn wird recht gut Spannung aufgebaut. Auf einer Fotoausstellung in den 1960ern entdeckt die Hauptperson Kate zwei Fotos eines Mannes aus ihrer Vergangenheit, Tinker, der offensichtlich im Zeitraum zwischen den Fotos einen sozialen Abstieg mitgemacht hat. Wir begleiten Kate auf einen Rückblick in das Jahr 1938, das Buch berichtet über ihre Erlebnisse des gesamten Jahres. Dies geschieht leider ausgesprochen detailreich und ereignisarm. Durch "Ein Gentleman in Moskau" wußte ich bereits, daß Amor Towles zum ruhigen Erzählen neigt, sich dem Atmosphärischen, den Charakterstudien mehr widmet als einer aufregenden Geschichte. Da er dies im "Gentleman" so ausgesprochen gut gemacht hat, habe ich mir Ähnliches auch hier erwartet - leider vergeblich.

Zu Anfang gelingt es ihm noch recht gut, die New Yorker Welt Kates zu schildern. Sie wohnt in einer Pension, teilt ein Zimmer mit Eve, um Geld zu sparen. Das Geld ist generell knapp, die jungen Frauen in der Pension leihen sich gegenseitig Kleider, kalkulieren genau, in welchen Zeitabständen sie sich abends Drinks bestellen können, um mit der mageren Barschaft durch den Abend zu kommen. Eve, bildschön, eigensinnig und auch egoistisch, dem angenehmen Leben nicht abgeneigt, wird bildhaft charakterisiert, man kann sie sich gut vorstellen. Als die beiden jungen Frauen dann Tinker treffen, wird auch er mit wenigen treffenden Worten ausgezeichnet charakterisiert. Damit endet es aber leider auch schon - alle weiteren Charaktere bleiben blaß, unausgegoren, austauschbar. Dies beinhaltet seltsamerweise auch den Hauptcharakter Kate, die hier als Ich-Erzählerin fungiert. Ab und an blitzt bei ihr ein herrlich trockener Humor hervor, sonst aber erfährt man wenig über sie. Sie kann schnell tippen, liest gerne Klassiker, neigt manchmal zur Schroffheit - das war es dann letztlich. Sie wirkt nicht interessant, sondern eher langweilig. Das machte für mich dann auch einen Großteil des Buches nicht nachvollziehbar, denn seltsamerweise scheinen alle Menschen, die Kate begegnen, von ihr umgehend fasziniert zu sein. Problemlos wird sie in die eigentlich für Außenstehende nicht unbedingt offene Welt der Manhattener High Society aufgenommen. Jemand empfiehlt sie für eine anspruchsvolle Arbeitsstelle, ohne daß sie die nötige Erfahrung besitzt, jemand anderer vererbt ihr etwas, die Männer liegen ihr zu Füßen, Fremde starren sie in einem Restaurant an und suchen den Kontakt zu ihr. Das wirkt angesichts von Kates sprödem, etwas faden Charakter unglaubwürdig. Viele von diesen substanzlos rasch enstandenen Freundschaften und Bekanntschaften verschwinden dann kommentarlos wieder und man fragt sich, was hier überhaupt der Sinn war.

Auch das Atmosphärische läßt leider schnell nach. Zu Beginn wirkt der Einblick in das Manhattan der 30er Jahre noch abwechslungsreich, aber irgendwann haben wir die schäbigen Kneipen und Diners zur Genüge beschrieben bekommen, ebenso wie die schicken Apartmentgebäude, exklusiven Clubs und Bars. Die Geschichte um Kate und Tinker findet letztlich fast nur im ersten und letzten Viertel des Buches statt. Dazwischen lesen wir einen Barbesuch nach dem anderen, eine Party nach der anderen und insbesondere: eine detaillierte belanglose Unterhaltung nach der anderen. Die Unterhaltungen sind von entsetzlicher Langweiligkeit und bei den meisten Szenen habe ich mich gefragt, warum diese überhaupt im Buch ist und warum sie zudem noch so detailliert beschrieben wurde. Dauernd denkt man beim Lesen, daß sicher gleich etwas Bedeutendes passiert, aber das tut es fast nie.

So bleibt also letztlich alles blaß und unentschlossen. Die von George Washington aufgezeichneten Regeln der Höflichkeit, nach denen das Buch benannt ist und die im Buch häufiger erwähnt werden, spielen letztlich für die Geschichte auch kaum eine Rolle. Warum der Autor sie für sein Buch als Aufhänger nimmt, erschließt sich beim Lesen nicht. Am Ende frage ich mich, was der Autor mit diesem Buch eigentlich erreichen, sagen wollte. Die Geschichte um Kate und Tinker ist nicht uninteressant, aber auch nicht mitreißend. Sie hätte in 50 Seiten erzählt werden können. Als Gesellschaftsroman kann man das Buch auch nicht sehen, dafür bleiben Charaktere und Umfeld zu vage. Eine Art Entwicklungsroman könnte es sein, aber dafür sind Kates Erfahrungen zu unglaubwürdig und zu wenig nachvollziehbar. Mädchen einfacher Herkunft ohne sonderliche charakterliche Vorzüge gelingt es, diverse Mitglieder der New Yorker Society auf den ersten Blick um den Finger zu wickeln....das ist als Geschichte einfach nicht überzeugend.

Nun hat die Geschichte ab und an interessante Momente, der Blick ins damalige New York ist an mehreren Stellen gut gelungen und der Schreibstil oft sehr schön (aber nicht annähernd so gut wie im "Gentleman"). Anfang und Ende sind nicht übel, ein strafferer plausiblerer Mittelteil hätte zu einem guten Buch geführt. Für diese Punkte drei knappe Sterne.