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Veröffentlicht am 06.01.2022

Mit einer Charme-Offensive manilulieren Narzissten ihren Partner oder Partnerin um ihre Ziele zu erreichen

Die perfiden Spiele der Narzissten
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Wer kennt sie nicht, die Zeitgenossen, über die entschuldigend gesagt wird, "ach, die sind etwas eigen und haben ihre Marotten". Doch wo liegt die Grenze zum Narzissmus?

Der Autor gibt in diesem Buch ...

Wer kennt sie nicht, die Zeitgenossen, über die entschuldigend gesagt wird, "ach, die sind etwas eigen und haben ihre Marotten". Doch wo liegt die Grenze zum Narzissmus?

Der Autor gibt in diesem Buch Aufklärung darüber, denn es ist sein Spezialgebiet. Am Ende weiß man als Leser, dieses Gebiet ist vielschichtiger als gedacht. Besonders gegen die Charme-Offensiven, mit denen viele Narzissten ihre Wünsche in der Partnerschaft durchsetzen, fühlen sich ihre Opfer machtlos. Angst vor Abwendung ist eine starke Triebfeder, die eine eingenständige Befreiung dauerhaft blockieren kann. Mit ihrer Unfähigkeit Grenzen zu ziehen, und einem zu großen Toleranzverhalten fördern die Opfer noch das Ausbreitungsbestreben des Narzissten. Wie ein Schauspieler braucht ein Narzisst die Bühne und sucht Ruhm. Sein Leitsatz: "Ich verdiene diese Anerkennung". (S.55)

Bei dem Opfer führt ein übergroßer Wunsch nach Geborgenheit und Versorgung, leicht zu starker Abhängigkeit (S.76). Tatsächlich ist das in uns Menschen angelegte Bedürfnis nach Zugehörigkeit stärker als das nach Autonomie. (S.41) Angst bestimmt immer die Richtung, in die Konflikte gelebt werden. Das gilt für alle Konflikte in uns. (S.39) All das spielt einem Narzissten in die Hände. Er genießt seine Macht.

Das sind einige der wichtigsten Sätze des Kapitels "Das Spiel um Autonomie", die sehr viel über das Verhältnis von Narzissten und deren Opfer - die sich oftmals gar nicht als Opfer empfinden - beschreiben. Sie sind leidensfähig.

Dr. med. Pablo Habemeyer stellt in diesem Buch mehrere Beispiele von narzistischen Beziehungen aus seiner Praxis vor. In keiner der vorgestellten Beziehungen outet sich der Partner von Anfang an als Narzisst. Im Gegenteil! Anfangs scheint alles perfekt. Der Narzisst entwickelte nach und nach sein Machtstreben, umgarnt anfangs seine Mitmenschen und nimmt immer mehr Besitz von seiner Partnerin, bis sie nicht mehr weiter weiß und sich fragt: Wer bin ich?

Nehmen wir das Kapitel 4, "Das Spiel um Macht".

Die Kraft, die im Verborgenen wirkt: Macht!. Dabei macht es uns krank, wenn wir uns hilflos ausgeliefert fühlen (S. 101). Oftmals wird der falsche Weg eingeschlagen, die Flucht nach innen (S.102) Das Opfer sucht die Schuld bei sich selbst. Wenn ich etwas netter gewesen wäre, dann.... Wenn ich ihm mehr Verständnis entgegengebracht hätte, dann....... Die Argumente zielen immer darauf ab, die eigene Person oder Handlungsweise infrage zu stellen - nie den Partner.

Wer glaubt, Narzissten würde man nur in Beziehungen begegnen, der irrt. Man findet diese Spezis Mensch auch unter Vorgesetzten. "Kritik wird als Angriff gegen die eigene Person gewertet, denn Kritik gefährdet die persönliche Großartigkeit. Die eigenen Spielregeln werden nicht hinterfragt."

Besonders gut gefiel mir: "Ihr Chef nervt durch ständige Besserwisserei und Selbstüberschätzung. Im Extremfall haben sie es mit dem Dunning-Krueger-Effekt zu tun: vollkommener Blödheit bei subjektiver Überzeugung genial zu sein. (S.124)

Im Volksmund nennet man solche Leute auch Blender oder Schaumschläger, die sich selbst für ganz Großes wähnen, im Grunde aber nur Dilettanten sind und dies auf die oben beschriebene Art überspielen. Man muss genau hinschauen und hinhören. Diese Sinne werden beim Lesen sensibilisiert.

Wer sich auf dieses Buch von Pablo Hagemeyer tiefergehend einlässt und die einzelnen Kapitel durcharbeitet, der lernt auch solche Leute zu erkennen, sieht ihre Schwächen, die sie unbedingt verbergen wollen und lernt auch vor solchen Blendern keine Angst mehr zu haben und mit ihnen umzugehen. Wie der Autor an verschiedenen Stellen ausführt, muss man solche Menschen mit den eigenen Waffen schlagen und in speziellen Fällen auch mal auf Schmeichelei zurückgreifen. Auch dafür gibt er Beispiele.

Was allen Narzissten gleich ist, das ist die emotionale Erpressung, die sie ohne schlechtes Gewissen anwenden, wenn es ihnen Vorteile verschaffen kann. Der Autor nennt dies Mißbrauch. Diese Mechanismen zu erkennen, hilft dieses Buch.

In Kapitel 6 "Das Spiel um Identität" führt er den Fall von Emma an, die es schafft, sich von den Jahren an Emils Seite zu erholen und sich ein eigenes Leben aufzubauen. "Man muss erst mit sich selbst klarkommen, bevor es mit anderen Menschen funktioniert", sagte mal einer seiner Patienten. (S.178) Der Autor ermutigt: "Stellen Sie sich selbst einmal die Frage: Wer bin ich? Aus welchen Selbsanteilen bestehe ich? Welche Rollen spiele ich im Leben? In meinem eigenen und im Leben der anderen." (S. 179) Der Autor zitiert David McClelland, der davon sprach, dass der eigene Erfolg und Misserfolg bis zu 95 % von den Menschen in unserem Umfeld abhängt. (S. 184) Und immer wieder kommt die Aufforderung Grenzen zu setzen und deren Einhaltung auch von den Mitmenschen einzufordern.

Dieses Buch "Die perfiden Spiele der Narzissten" von Dr. med. Pablo Hagemeyer ist eine der besten Anleitungen die ich bisher las, die Menschen im (persönlichen) Umfeld zu erkennen und mit ihnen umzugehen, toxische Beziehungen - egal ob in einer Beziehung oder in einer Tätigkeit - rechtzeitig als solche zu erfassen und eigene Grenzen setzen, bevor man in eine ungesunde Abhängigkeit, bzw. in ein Gespinst aus Boshaftigkeit gerät.

Der Autor schreibt in einer auch für Laien verständlichen Ausdrucksweise und die einzelnen Kapitel sind zudem übersichtlich nach Themen aufgebaut. Ein Rat von ihm gefiel mir gesonders gut: Man soll nicht darauf hoffen und warten, dass sich der Narzisst ändert - man muss sich selbst ändern. Sei es die Beziehung zu beenden, sich psychologische Hilfe zu holen, eigene Wege zu gehen usw. Auf jeden Fall ist es wichtig selbst aktiv zu werden und nicht in der Dulderrolle zu verharren.

Dieses Buch kann ich nur jedem empfehlen .


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Veröffentlicht am 16.12.2021

Die Kinder von "Lebensborn" auf der Such nach ihren Vätern und wie sie mit krimineller Energie daran gehindert werden.

Rassenwahn
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Als bekennender Nicht-Krimi-Fan muss ich mich nach der Lektüre dieses Krimis "Rassenwahn" von Jörg S. Gustmann meine Meinung revidieren. Was für ein tolles Buch!

Dieser Roman hat alles, was ich von einem ...

Als bekennender Nicht-Krimi-Fan muss ich mich nach der Lektüre dieses Krimis "Rassenwahn" von Jörg S. Gustmann meine Meinung revidieren. Was für ein tolles Buch!

Dieser Roman hat alles, was ich von einem guten Buch erwarte: Neben einer fesselnden Geschichte, die anschaulich und vor allem in einem guten Deutsch erzählt wird erwarte ich auch Denkanstöße und neue Einsichten - Informationen die mich neugierig machen tiefer zu graben und so wissbegierig zu werden dass ich mich mit einem Thema näher beschäftigen will. All das vereinte dieser Krimi.

Alle Kapitel sind nach Datum geordnet, wodurch eine chronologische Abfolge geschildert wird, die es dem Leser vereinfacht der Handlung zu folgen. Mal befinden wir uns im Jahre 2010 und dann springt der Autor, wenn es den Ablauf der Handlung erfordert, wieder ins Jahr 1944 zurück.

Sicherlich haben die meisten unserer Nachkriegsgeneration schon von den Lebensbornheimen der Nazizeit gehört oder gelesen, in denen nicht nur Mütter mit ihren unehelichen Kindern geholfen wurden. Ein ganz groß anvisiertes Ziel war, dass von reinrassigen, also arischen Männern - meist höhere SS-Offiziere - für den Führer eine besondere Rasse Mensch gezeugt werden sollte. Doch nicht jedes Kind geriet so wie geplant.

Nach dem Prolog, der im Jahre 2010 angesiedelt ist, geht es im ersten Kapitel zurück ins Jahr 1944 in ein Lebensbornheim. Ein Vater besucht seine Tochter, die seinen Erwartungen ganz und gar nicht entspricht. Er, Arier und SS-Offizier soll so ein unwertes Leben gezeugt haben? Keine Frage, dieses dunkelhaarige Kind durfte nie mit ihm in Verbindung gebracht werden. Hitler durfte das nie erfahren. So begann die Odyssee eines kleinen Mädchens.

Nach diesem Kapitel sind wir schon im Jahr 2010. Kommissar Pohlmann wird aus seinem Domizil in Südamerika zurück nach Hamburg beordert. (Seite 153): "Nicht alle Träume entpuppten sich als lebenswert". Dieser kurze Satz zeigt auf, weshalb Pohlmann sein Paradies verließ um in Hamburg einen Mörder zu fassen. Ist es ein Serientäter? Welches Motiv steht dahinter? Anfangs will nichts so recht zusammen passen. Diese verrückte Alte, mit der man kaum ein Wort reden kann scheint eine Schlüsselfunktion zu haben, diesen Fall zu lösen.

Das, was alle 5 Morde miteinander verbindet sind die Lebensbornheime der Nazi-Zeit. So taucht Kommissar Pohlmann ein, in eine längst vergessene Welt des Rassenwahns und nimmt den Leser auf diese düstere Reise mit. Die Täter von einst sind heute angesehene Leute - Richter, Ärzte, Keiner von ihnen fühlte sich je schuldig und wurde auch nie für das was sie taten belangt. Die Spuren ihrer Gesinnung und Taten wurden von ihnen so verwischt, dass es Pohlmann und seinem Team nur unter Aufbietung ihres ganzen kriminalistischen Spürsinns gelingt, einen roten Faden zu finden. Beim genauen Hinsehen stellt Pohlmann fest, dieser Wahn von einst lebt in diesen Köpfen weiter und wurde an die nächste Generation weiter gegeben. .

Was mir an diesem Buch besonders gefällt ist, es geht nicht nur um Morde und die Aufklärung dieser Verbrechen. Immer wieder wird die Frage aufgegriffen, wie fühlt es sich für einen Menschen an zu wissen, speziell für den Führer und seine Idee gezeugt worden zu sein. Wie geht man mit der Gewissheit um, dass der Vater ein hoher SS-Offizier war? Was macht es mit einem Menschen damit konfrontiert zu werden und mit dem Wissen leben zu müssen, dass sein Vater ein Massenmörder war? Wenn man sich voll auf dieses Buch einlässt, schaut man als Leser nicht mehr nur von außen zu sondern ist mitten in der Handlung und einem Gefühlswirrwarr. Mal ganz ehrlich, wer hat jemals groß darüber nachgedacht, was aus diesen Lebensborn-Kindern wurd?

Auf Seite 165 gehtes um die Namensgebungsfeier Lebensborn. "Mit dem Zeigefinger auf dem Blatt suchend, fand er (Pohlmann) den Eintrag, der ihn weiterbringen würde: Im Rahmen dieser an die christliche Taufe angelehnten Zeremonien wurden die Säuglinge unter den Schutz der Sippengemeinschaft der SS gestellt. Männer aus den Reihen der SS übernahmen die Patenschaften für ein Kind".

Allein dieser kurze Abschnitt beschreibt die perfide Idee hinter diesem Rassenwahn. (Seite 202): "Armer Gregor Mendel", dachte Martin. "Der Mann würde sich im Grabe umdrehen, wüsste er, zu welch perversen Gedanken seine Lehren missbraucht worden waren".

Während Pohlmanns Recherchen in Berlin: "...Haben sie schon einmal was von der Aktion T4 gehört?"

Martin nickte. "Die Aktion T4 beinhaltete die Ermordung von circa 100.000 Psychiatriepazienten oder behinderten Menschen durch SS-Ärzte und Pflegekräfte....Diese Ärzte standen wohl den KZ-Ärzten in nichts nach. Ohne Skrupel experimentierten diese Unmenschen an gesunden Kindern, nur weil sie nicht einer altersgemäßen Größe entsprachen. Unter der Leitung von Dr. Mengele ließ man diese Kinder zu Tausenden , wie er es nannte. Man injizierte ihnen Phenol direkt ins Herz. ..."

"Woher stammt der Begriff T4 eigentlich?"

"Der Name T4 entstammt der Berliner Bürozentrale, einer Villa der Tiergartenstraße 4. Während der NS-Zeit befand sich in dieser Villa die Zentrale für die Leitung der Ermordung behinderter Menschen im gesamten Deutschen Reich."

In diesen Krimi eingebettet, wird dem Leser sowohl die Denkweise als auch das Lebensgefühl einer düsteren Epoche vermittelt. Und ein Kapitel weiter lesen wir, wie solche Lebensbornkind mit solch einer Last ihr Leben gestalten und meistern mussten. Die Schuld der Väter ließ sie zu Suchenden werden. "Lebensborn" sagt vielen Menschen heute nichts mehr. Manche wollen auch nichts mehr davon wissen. Doch dies ist und bleibt ein Teil unsere Vergangenheit. Zwar können wir diese nicht mehr ändern, jedoch sollte man wissen, was damals geschah.

Ich weiß nicht, wieviele Krimis ich gelesen habe, bis ich die Nase voll davon hatte. Oftmals gleichen sie sich, sind weder gut geschrieben noch kann man einen anderen Sinn als banale Unterhaltung darin erkennen. Vielleicht hat mich deshalb dieser Krimi so fasziniert, weil er völlig aus dem üblichen 08/15 Angebot heraus sticht.

Ich denke, nur eine überschaubare Zahl von Thrillern oder Krimis passt in die Kategorie, mehr als nur Unterhaltung zu sein. Diesem Autor ist es gelungen einen Krimi zu schreiben, der weitaus breiter angelegt ist und demzufolge auch mehr zu bieten hat als banale und spannende Unterhaltung.


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Veröffentlicht am 13.12.2021

Trauer und Freude sind untrennbar miteinander verbunden

Was bleibt, wenn wir sterben
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"Was bleibt wenn wir sterben" von der Autorin Louise Brown ist ein stark durch persönliches Erleben bestimmtes Buch über den Tod, das Sterben, die Hinterblienen und die Trauer..

Wie kommt man vom Beruf ...

"Was bleibt wenn wir sterben" von der Autorin Louise Brown ist ein stark durch persönliches Erleben bestimmtes Buch über den Tod, das Sterben, die Hinterblienen und die Trauer..

Wie kommt man vom Beruf der Journalistin zur Trauerrednerin? L. Brown gibt in diesem Buch Antwort auf diese Frage. Nie im Leben hätte sie früher daran gedacht, diesen Beruf der Trauerrednerin zu ergreifen. Doch dann verstarben innerhalb weniger Monate ihre beiden Elternteile. Und plötzlich war ihre Welt anders. Nach einem solchen Verlust ist niemand mehr der, der er zuvor war. (S.108) Welcher Sinn lag in diesem Sterben (ihrer Eltern)? "Vielleicht ist es ein Versuch, in meinem Verlust, der mir damals nur schmerzhaft und sinnlos erschien, einen Sinn zu erkennen. Ein Versuch, den Tod das Sterben und alles, was damit zusammenhängt, zu verstehen". (S.48)

Jeder Mensch erlebt Trauer anders. Ein Richtig oder Falsch gibt es nicht, stellt sie fest. Trauer ist immer individuell. Die vielen von ihr ausgewählten Fallbeispiele spiegeln die ganze Bandbreite ihrer einfühlsamen Arbeit wider.

Seite 38: "Es ist schon paradox, dass wir in den Nachrichten täglich mit Geschichten von Leid und Verlust konfrontiert werden, in unserem Alltag aber nie wirklich dafür gewappnet zu sein scheinen, dass ein geliebter Mensch eines Tages sterben könnte." Dabei gehören Trauer und Freude zusammen.

In dem Kapitel: "Was bleibt - Zärtlichkeit" (S. 77) geht es um das Trauergespräch mit den Hinterbliebenen. "Oft fehlen Details, weil sie von den Verstorbenen zu Lebzeiten nicht preisgegeben wurden. Weil man als Angehöriger nicht danach gefragt hat. Weil wir zu selten unseren Eltern usw. die Fragen stellen, die nach deren Tod in uns brennen. Warum hast du das getan? Was macht die glücklich? Wie waren deine Lebensträume? Wovor hattest du Angst?"

Die Autorin führt viele Beispiele von Verstorbenen, ihrem Lebensweg und ihrem Tod an, für die sie eine Trauerrede hielt. Wichtig ist ihr immer, auf Besonderheiten der Menschen einzugehen. (S. 120) "Als würde ein traditioneller Rahmen inhaltlich mehr Individualität erlauben, darf auch die Rede mehr als eine Huldigung sein. Gerade die speziellen Seiten, die wir Briten als eines Menschen umschreiben würden, dürfen genannt werden: die Spleens unserer Liebsten, die wir erst nach deren Tod zu schätzen lernen. Aber auch die konfliktreichen Seiten eines Menschen...."

Als Trauerrednerin muss sie all diese Geschichten aushalten können, egal ob die Beziehung zwischen Verstorbenem und seiner Familie harmonisch oder spannungsgeladen war. Auch dafür muss sie bei der Trauerfeier die passenden Worte finden.

Es gibt wohl eine Frage, die sich nahezu alle Hinterbliebenen stellen. Die Frage nach dem Warum? (S. 161) Am schlimmsten ist es wohl, wenn junge Menschen nach langem Krebsleiden versterben. "Der Tod kennt keine Gerechtigkeit," schreibt sie auf Seite 162. Die Menschen versterben quer durch alle Altersgruppen und soziale Schichten.

In der Vergangenheit habe ich schon viele Bücher über den Tod gelesen, von den unterschiedlichsten Autoren. Jedoch bin ich mir ziemlich sicher, keines war so persönlich wie dieses. Die Autorin öffnet sich dem Leser in ihrem Blick auf die eigene Trauer, die sie anfangs zu zerreißen drohte und irgendwann angenommen und in ihre Leben integriert wurde. Darüber schreibt sie mit einfühlsamen Worten, dass man als Leser glaubt mit ihr durch die Natur zu gehen und Antworten zu ihrer Trauer und den Gefühlen zu finden. "Während ihrer täglichen Runden löste sich etwas in ihr". (S.175)

Dieses Buch ist weder ein Sachbuch, noch ein Ratgeber "wie gehe ich mit Trauer um". Es ist aber auch keine Aneinanderreihung von persönlichen Erfahrungen. Und doch ist es von allem etwas.

Besonders gefällt mir das Cover. Dieses erinnert mich an einen überlieferten Teil einer Trauerrede der Navajos Indianer.



":.. Und wenn du im Morgengrauen erwachst,

bin ich der Vogel der himmelwärts fliegt,

aus dem Schwarm der ruhig seine Kreise zieht...."

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Veröffentlicht am 11.12.2021

Die unbezwingbare Julieta

Ungeborene Hoffnung
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Wer weiß schon, wie es in einer Frau aussieht die feststellen muss, dass ihr größter Wunsch - ein Kind zu bekommen - nicht in Erfüllung gehen wir? Elodie Lopez gibt in diesem Buch "Ungeborene Hoffnung" ...

Wer weiß schon, wie es in einer Frau aussieht die feststellen muss, dass ihr größter Wunsch - ein Kind zu bekommen - nicht in Erfüllung gehen wir? Elodie Lopez gibt in diesem Buch "Ungeborene Hoffnung" Wie Unfruchtbarkeit das Leben verändert, tiefe Einblicke in dieses ganz persönliche Thema.

Es ist ein recht junges Buch, geschrieben für junge Paare, die das gleiche Schicksal teilen. Doch das sollte ältere Leser und auch Leserinnen nicht daran hindern, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen. Wer weiß, vielleicht ist in der eigenen Familie oder im Freundeskreis jemand der ebenfalls dieses Schicksal teilt und einen Menschen braucht der zuhört, versteht und die passenden Worte findet.

Elodie und Egar kennen sich schon viele Jahre, wissen, dass sie zusammen durchs Leben gehen wollen, als sich der Wunsch nach einem Kind einstellt. Anfangs gehen sie es noch locker an, denn sie sind ja jung und haben noch viel Zeit. Doch das Leben besteht nicht nur aus Glitzer und Zuckerwatte. Das müssen sie lernen, als sich ihr Kinderwunsch nicht erfüllt.

Als Julieta betreibt die Autorin einen Blog und schreibt darüber, dass ihr Körper nicht funktioniert wie erwartet und von ihrem Kummer der Kinderlosigkeit. Viele Follower schreiben ihr, teilen ihr die eigenen verlorenen Hoffnungen mit und die Trauer darüber. Erst da wird ihr bewusst, dass sie nicht alleine mit diesem Kummer ist. Ein sehr berührender Teil dieses Buches.

Auf Seite 26 beschreibt sie ihre Empfindungen folgendermaßen: " Ich hatte diese gebrochene Liebe lange Zeit gespürt. Es war wie eine Liebe, die ziellos in der Luft flog, etwas, das ich in mir hatte. Eine Energie, die ich verschenken musste und von der ich nicht wirklich wusste, was ich damit machen sollte. Ich fühlte die Mutterliebe in mir, diese bedingungslose Liebe, doch sie fand kein Ziel."

Allerdings, in der modernen Zeit mit der modernen Medizin kann man so viel ausbügeln, was einem die Natur verwehrt. Elodie beschreibt akribisch ihre Odyssee von Gynäkologe zu Gynäkologe bis hin zur passenden Kinderwunschkliniken.

Alle Freundinnen wurden nach und nach schwanger, bekamen ihr erstes und dann auch ihr zweites Kind. Nur Elodie und Egar bliebt dies versagt. Der seelische Druck ging soweit, dass Elodie den Kontakt zu diesen glücklichen Müttern zeitweise abbrechen musste, da es für sie alles zu viel wurde und sie dieses Glück ihrer Freundinnen vor Augen, das Zusammensein mit deren Kindern, nicht mehr ertragen konnte. Doch es sind echte Freundinnen, die Elodie verstehen und ihren Rückzug akzeptieren.

Elodie und Egar taten alles, was ihnen die Ärzte sagten. Doch jede erneute Monatsblutung wurde belastender. Mit der Liebe genau nach dem Kalender, der ganzen Anspannung und den Enttäuschungen fühlten sie sich überfordert. Seite 85: "Das Bemühen um eine Schwangerschaft hatte unsere Beziehung morsch werden lassen." Das Paar trennte sich für einige Monate, als dies alles zu viel und ihre Beziehung brüchig wurde. Elodie war soweit, Egar frei zu geben und ihm so zu ermöglichen, mit einer anderen Frau glücklich zu werden und ein Kind zu bekommen. Wie heißt es in der Bibel, "die Liebe übersteht alles". So auch bei diesem Paar. Ihre Liebe war stärker und überwand auch diese Krise, ließ sie in langsamen Schritten wieder zusammenfinden. Sie versuchten es erneut.

"Die unbezwingbare Julieta", schrieb jemand in ihren Blog.

Was ich da über die Möglichkeiten schwanger zu werden las, raubte mir den Atem. Wer damit nicht vertraut ist, der hat sicherlich genau wie ich nur eine ungenaue Vorstellung, was eine künstliche Befruchtung alles mit sich bringt. Die ganzen Spritzen, Eingriffe und Medikamente forderten bei Elodie ihren Tribut. Diese Kapitel 15 und 16 sollte man wirklich ganz genau lesen. Bei der Autorin ging es soweit, dass man um ihr Leben bangen musste, da diese Eingriffe doch nicht immer so harmlos sind, wie man die Paare glauben macht. Die Protagonistin lässt den Leser an ihrem Schmerz, ihrem Leid und Niedergeschlagenheit teilhaben, schreibt sehr offen, was sie alles durchmachen und erdulden musste, ihr Wunschkind zu bekommen. Alles umsonst. Monatelang dauerte danach ihre Genesung.

Es ist wirklich heftig zu lesen.

Am Ende blieb ihnen nur, sich mit der Kinderlosigkeit zu arrangieren. Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert. Auch dieser Weg zur Akzeptanz des Unabänderlichen beschreibt die Autorin mit emotionalen Worten.

Elodie und Egar sind nun glücklich miteinander, treffen sich auch wieder mit ihren Freunden und deren Kindern. Elodie sitzt mit den Kindern auf dem Boden und spielt mit ihnen deren Lieblingsspiele. Anschließend gehen sie und Egar zufrieden nach Hause. Sie haben sich mit ihrem Schicksal arrangiert und ausgesöhnt.

Dieses Buch ist kein Ratgeber. Trotzdem kann es anderen Paaren in gleicher Situation helfen, ihr Schicksal zu akzeptieren und ihren ganz eigenen Weg finden, damit umzugehen.

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Veröffentlicht am 13.11.2021

"Ich war wie eine Stadt, die zweiundzwanzig Jahre lang besetzt gewesen war. (S.229)

Der Panzer des Hummers
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Von den Büchern des Diogenes Verlages bin ich allein schon vom Format begeistert. Diese Größe eines Buches passt so gut wie in jede Handtasche und lässt sich bequem überall hin mitnehmen.

Bei dem Buch ...


Von den Büchern des Diogenes Verlages bin ich allein schon vom Format begeistert. Diese Größe eines Buches passt so gut wie in jede Handtasche und lässt sich bequem überall hin mitnehmen.

Bei dem Buch "Der Panzer des Hummers" mache ich jedoch eine Einschränkung.

Vorausschicken muss ich, dass mich dieser Roman auf dem völlig falschen Fuß erwischte. Normalerweise lese ich die Seiten nur so weg. Doch diesmal konnte ich nur in kurzen Etappen schmökern, weshalb ich mich nicht richtig in dieses Buch einfand und immer wieder den roten Faden verlor. Es gibt so viele handelnde Personen, die zwar alle in einem Personenverzeichnis aufgeführt sind, aber trotzdem für viel Verwirrung meinerseits beim Lesen führte.

Deshalb mein Fazit: Dieses Buch erfordert viel Konzentration und sollte nicht in kurzen Abschnitten gelesen werden, da man dabei leicht den Überblick verliert. So erging es jedenfalls mir. Der rote Faden, der mich normalerweise in einer Geschichte begleitet, konnte ich immer nur kurzzeitig entdecken um später wieder von vorn zu beginnen die Verbindung der Personen miteinander zu suchen.

Lt. Klappentext stehen die Geschwister Sidsel, Niels und Ea im Mittelpunkt, die sich auseinander gelebt haben und durch den Tod ihrer Eltern wieder neu zu einander Stellung beziehen müssen. Durch die vielen kurzen Abhandlungen wurde dieser rote Faden immer wieder durchschnitten und als Leser sah ich mich gezwungen, die losen Enden aus den etlichen Nebenschauplätzen immer wieder zu suchen und erneut zusammen zu fügen.

Was mich jedoch bei der Stange hielt, war diese Sprache. Caroline Albertine Minor drückt das, was sie dem Leser vermitteln will, derart präzise und treffend aus, wie es nur wenige Autoren der Unterhaltungsliteratur vermögen.

Beispiel: Es geht um die Beziehung von Bee und Pauline, die zerbrochen ist und Bee nun aus dem Haus ausziehen muss und nicht weiß wohin. Sie hatten gemeinsame Freunde, aber Bee keine eigenen.

(Seite 124/125) Über die Freunde: "Bee weiß, wo sie tanzen gehen und wo ihre Familien ein Sommerhaus sich ausleihen kann. Sie weiß ungefähr, welchen Wein sie bevorzugen und wer was nicht isst, aber sie käme nicht - niemals im Leben - auf die Idee, sie anzurufen und um Hilfe zu bitten.

Dieses Recht hat sie verloren, als sie Pauline verlor. So ist es.

Eine einzelne Birne brennt durch, und die ganze Lichterkette ist dahin."

Plastischer kann man es nicht ausdrücken wie es kommt, wenn eine Beziehung zerbricht und ein Partner erkennt, dass sein eigenes Leben immer vom Dasein des Partners abhängig war und durch ihn/sie gestützt wurde. Man hat niemanden mehr, auf den man bauen kann. Alle Freunde sind die Freunde des verlorengegangenen Partners.

Oder auf Seite 229. Loretta beschreibt sich und ihre Situation nach der Scheidung von ihrem 2 Ehemann. Drei Söhne hatte sie großgezogen und stand am Ende mit leeren Händen da.

(Seite 229): "... Genau wie mein Mann war er nie richtig in die Erziehung involviert, als die Jungen klein waren. Ich gebe niemandem die Schuld, es kam einfach so. Einer von uns musste das Geld verdienen, was zur Folge hatte, dass mein erster Mann nach der Scheidung mehr oder weniger da weitermachn konnte, wo er fünfzehn Jahre vorher aufgehört hatte, wohingegen ich kaum noch wusste, wer ich selbst war, nachdem mein Jüngster von zu Hause ausgezogen war. Die Kinder hatten mich förmlich invadiert. Ich war wie eine Stadt, die zweiundzwanzig Jahre lang besetzt gewesen war, vollkommen entfremdet von meinen alten Sitten und Gebräuchen..."

Genau so fühlt es sich wohl an, wenn eine Ehepartner nach der Scheidung die Scherben zusammenkehrt und sich wieder neu finden muss. All die Jahre war sie fremdbestimmt, "besetzt" wie sie es ausdrückt - und ihr stellt sich die Frage: Wer bin ich heute?

Ich könnte noch zig ander Passagen des Buches aufführen, in denen die Autoren mit solch plastischen Worten die Empfindungen der handelnden Personen beschreibt. Das finde ich phantastisch.

Trotzdem gebe ich nur 3 Sternchen: Die unterschiedlichen Handlungsstränge sind in viel zu kurze Teile zerstückelt, dass ich immer wieder den Faden verlor. Sobald ich wieder im Lesefluss war, wechselte das Thema sowie die Handelnden und ich musste mich erneut auf andere Personen einstellen. Bis zum Schluss war mir nicht ganz klar, wo außer der Tatsache, dass es sich bei Sidsel, Niels und Ea um Geschwister handelte, deren Gemeinsamkeiten zu finden waren, die lt. KLappentext den Sinn dieses Buches ausmachen sollte.

Wie schon eingangs erwähnt, ich konnte nur in kleinen Etappen lesen und dies sollte man bei diesem Roman tunlichst vermeiden.

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