"Ich war wie eine Stadt, die zweiundzwanzig Jahre lang besetzt gewesen war. (S.229)
Der Panzer des Hummers
Von den Büchern des Diogenes Verlages bin ich allein schon vom Format begeistert. Diese Größe eines Buches passt so gut wie in jede Handtasche und lässt sich bequem überall hin mitnehmen.
Bei dem Buch ...
Von den Büchern des Diogenes Verlages bin ich allein schon vom Format begeistert. Diese Größe eines Buches passt so gut wie in jede Handtasche und lässt sich bequem überall hin mitnehmen.
Bei dem Buch "Der Panzer des Hummers" mache ich jedoch eine Einschränkung.
Vorausschicken muss ich, dass mich dieser Roman auf dem völlig falschen Fuß erwischte. Normalerweise lese ich die Seiten nur so weg. Doch diesmal konnte ich nur in kurzen Etappen schmökern, weshalb ich mich nicht richtig in dieses Buch einfand und immer wieder den roten Faden verlor. Es gibt so viele handelnde Personen, die zwar alle in einem Personenverzeichnis aufgeführt sind, aber trotzdem für viel Verwirrung meinerseits beim Lesen führte.
Deshalb mein Fazit: Dieses Buch erfordert viel Konzentration und sollte nicht in kurzen Abschnitten gelesen werden, da man dabei leicht den Überblick verliert. So erging es jedenfalls mir. Der rote Faden, der mich normalerweise in einer Geschichte begleitet, konnte ich immer nur kurzzeitig entdecken um später wieder von vorn zu beginnen die Verbindung der Personen miteinander zu suchen.
Lt. Klappentext stehen die Geschwister Sidsel, Niels und Ea im Mittelpunkt, die sich auseinander gelebt haben und durch den Tod ihrer Eltern wieder neu zu einander Stellung beziehen müssen. Durch die vielen kurzen Abhandlungen wurde dieser rote Faden immer wieder durchschnitten und als Leser sah ich mich gezwungen, die losen Enden aus den etlichen Nebenschauplätzen immer wieder zu suchen und erneut zusammen zu fügen.
Was mich jedoch bei der Stange hielt, war diese Sprache. Caroline Albertine Minor drückt das, was sie dem Leser vermitteln will, derart präzise und treffend aus, wie es nur wenige Autoren der Unterhaltungsliteratur vermögen.
Beispiel: Es geht um die Beziehung von Bee und Pauline, die zerbrochen ist und Bee nun aus dem Haus ausziehen muss und nicht weiß wohin. Sie hatten gemeinsame Freunde, aber Bee keine eigenen.
(Seite 124/125) Über die Freunde: "Bee weiß, wo sie tanzen gehen und wo ihre Familien ein Sommerhaus sich ausleihen kann. Sie weiß ungefähr, welchen Wein sie bevorzugen und wer was nicht isst, aber sie käme nicht - niemals im Leben - auf die Idee, sie anzurufen und um Hilfe zu bitten.
Dieses Recht hat sie verloren, als sie Pauline verlor. So ist es.
Eine einzelne Birne brennt durch, und die ganze Lichterkette ist dahin."
Plastischer kann man es nicht ausdrücken wie es kommt, wenn eine Beziehung zerbricht und ein Partner erkennt, dass sein eigenes Leben immer vom Dasein des Partners abhängig war und durch ihn/sie gestützt wurde. Man hat niemanden mehr, auf den man bauen kann. Alle Freunde sind die Freunde des verlorengegangenen Partners.
Oder auf Seite 229. Loretta beschreibt sich und ihre Situation nach der Scheidung von ihrem 2 Ehemann. Drei Söhne hatte sie großgezogen und stand am Ende mit leeren Händen da.
(Seite 229): "... Genau wie mein Mann war er nie richtig in die Erziehung involviert, als die Jungen klein waren. Ich gebe niemandem die Schuld, es kam einfach so. Einer von uns musste das Geld verdienen, was zur Folge hatte, dass mein erster Mann nach der Scheidung mehr oder weniger da weitermachn konnte, wo er fünfzehn Jahre vorher aufgehört hatte, wohingegen ich kaum noch wusste, wer ich selbst war, nachdem mein Jüngster von zu Hause ausgezogen war. Die Kinder hatten mich förmlich invadiert. Ich war wie eine Stadt, die zweiundzwanzig Jahre lang besetzt gewesen war, vollkommen entfremdet von meinen alten Sitten und Gebräuchen..."
Genau so fühlt es sich wohl an, wenn eine Ehepartner nach der Scheidung die Scherben zusammenkehrt und sich wieder neu finden muss. All die Jahre war sie fremdbestimmt, "besetzt" wie sie es ausdrückt - und ihr stellt sich die Frage: Wer bin ich heute?
Ich könnte noch zig ander Passagen des Buches aufführen, in denen die Autoren mit solch plastischen Worten die Empfindungen der handelnden Personen beschreibt. Das finde ich phantastisch.
Trotzdem gebe ich nur 3 Sternchen: Die unterschiedlichen Handlungsstränge sind in viel zu kurze Teile zerstückelt, dass ich immer wieder den Faden verlor. Sobald ich wieder im Lesefluss war, wechselte das Thema sowie die Handelnden und ich musste mich erneut auf andere Personen einstellen. Bis zum Schluss war mir nicht ganz klar, wo außer der Tatsache, dass es sich bei Sidsel, Niels und Ea um Geschwister handelte, deren Gemeinsamkeiten zu finden waren, die lt. KLappentext den Sinn dieses Buches ausmachen sollte.
Wie schon eingangs erwähnt, ich konnte nur in kleinen Etappen lesen und dies sollte man bei diesem Roman tunlichst vermeiden.