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Veröffentlicht am 13.11.2021

Es gibt nicht nur die Prostituierte sondern auch die Frau Manuela

Herbertstraße
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Wer glaubet, in dem Buch "Herbertstraße" von Manuela Freitag irgendwelche ausgefallenen Anleitungen zu Sexpraktiken zu finden, der wird enttäuscht sein - es sei denn, Mann träumt davon nackt und mit einem ...

Wer glaubet, in dem Buch "Herbertstraße" von Manuela Freitag irgendwelche ausgefallenen Anleitungen zu Sexpraktiken zu finden, der wird enttäuscht sein - es sei denn, Mann träumt davon nackt und mit einem Hundehalsband um den Hals, an einer Leine auf allen Vieren gehend, im Park ausgeführt zu werden.

Auch Voyaristen kommen nicht auf ihre Kosten, denn dieses Buch ist eher eine nüchterne Milieustudie, bzw. Biographie.

Manuela erzählt von ihrer Kindheit in Pflegefamilien oder auch im Kinderheim. Sie war 13 Jahre alt, als sie erstmal von einem Erzieher sexuell missbraucht wurde. Lag da der Anfang ihres Werdegangs? Schon sehr früh lernt sie, wie schnell man Geld verdienen kann wenn man seinen Körper verkauft. Sie erliegt der Verlockung des Geldes. Für Manuela, die in ihrer Kindheit und späteren Jugend immer hin und her geschubst wurde, war dies auch ein Weg in die eigene, vermeintliche Unabhängigkeit und wie sie glaubt auch in die Freiheit.

Dass sie nun von Zuhältern abhängig ist, die sie nicht immer gut behandeln, wird ihr erst später bewusst. Das Leben auf der Straße ist sehr hart, aber sie beißt sich durch und lässt sich nicht unterkriegen.

Irgendwann macht sie sich auf die Suche nach ihrer Familie. Wer war meine Mutter? Habe ich noch Verwandte, Großeltern? Doch als sie endlich die Familie ihrer Mutter kennenlernte, war die Ernüchterung groß. Man wollte nichts von dem Kind der "gefallenen Tocher" wissen.

Ihre Mutter, so erfuhr Manuela nach und nach von anderen Prostituierten, ging auch schon auf die Reeperbahn anschaffen. Als diese ungewollt schwanger wurde, ließ sie nach der Entbindung ihr Kind in der Klinik zurück und machte sich aus dem Staub. Für Manuela ein schwieriger Anfang in ein eigenes Leben.

Durch Detektivarbeit fand sie nach Jahren das Grab ihrer Mutter. Heute lebt sie in der Nähe des Friedhofs. Seite 100: "Früher warst du so unerreichbar für mich, Mama, und jetzt liegst du hier nebenan, denke ich manchmal, wenn ich an dem Friedhof vorbeifahre. Aber nur manchmal, ich bin ja nicht gefühlsduselig".

Sie steht zu ihrem Leben und allem was darin gut oder auch schlecht verlief. So schnell sie das Geld verdiente, so schnell gab sie es auch wieder im Spielkasino aus. Als sie bemerkt, dass es so nicht weiter gehen konnte, ließ sie sich selbst im Kasino sperren. Dem Leser gibt sie viel Einblick in ihr Leben.

Heute ist sie die dienstälteste Domina auf der Reeperbahn.

Doch hinter all dem Schillernden offenbart sie dem Leser auch den Menschen Manuela Freitag. Sie ist eine Mutter, wie viele andere Mütter auch, die für ihren Sohn immer das Beste wollte und dafür sorgte, dass er Abitur machte und studieren konnte. Ihr ganz großer Wunsch ist, dass er ein gutes Leben hat.

In der bürgerlichen Welt schaut man gerne auf Prostituierte herab. Doch Prostituierte gibt es nur deshalb, weil es Freier gibt, Männer die in der bürgerlichen Welt, ausbrechen und für die Dienste dieser Damen bezahlen. Wie Manuela schreibt, hat sie etliche feste Kunden, die in ihrem privaten Leben - viele sind verheiratet - dies nie zugeben würden. Anwälte, Fabrikbesitzer, Unternehmer usw. Die Bandbreite ist groß. Zu einigen hat sie fast schon ein persönliches Verhältnis, kennt deren geheimsten Wünsche, ihre persönlichen Sorgen und aus Erzählungen auch deren Familie.

In der Mitte des Buches gibt es einen Bildteil, in dem Manuela in ihrem Studio und dort in ihrer Berufsbekleidung mit Zubehör gezeigt wird. Direkt dahinter kommen private Bilder von dem einstigen Schulmädchen, einer unauffälligen jungen Frau und auch einer Mutter mit ihrem Sohn, die sich ein schönes Wochenende machten.

In der Herbertstraße darf nicht jede Prostituierte arbeiten. Es gibt klare Regeln, an die sich jeder hält. Der Leser bekommt in diesem Buch einen informativen Einblick in das Milieu auf der Reeperbahn, speziell in dieser Straße.

Störend empfand ich beim Lesen die vielen Zeitsprünge, die oftmals ohne Übergang mitten in einem Leseabschnitt erfolgen.


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Veröffentlicht am 02.10.2021

Vieles kann brennen

Der Brand
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Von Büchern aus dem Diogenes Verlag wurde ich bisher noch nie enttäuscht. Sie hielten noch immer, was sie versprachen. So auch dieser Roman "Der Brand" von Daniela Krien.

Bücher dieses Verlages erkennt ...

Von Büchern aus dem Diogenes Verlag wurde ich bisher noch nie enttäuscht. Sie hielten noch immer, was sie versprachen. So auch dieser Roman "Der Brand" von Daniela Krien.

Bücher dieses Verlages erkennt man sofort am Format und auch am Cover. Dieses Taschenformat passt in so gut wie jede Handtasche und kann somit bequem überall hin mitgenommen werden - auf Reisen mit Bahn oder Flugzeug, zum Arzt oder in die Mittagspause usw.

"Der Brand" würde ich als ein Buch für lebenserfahrene Leser bezeichnen, denn von Romantik ist es weit entfernt. Meist kommt der Roman eher nüchtern daher - vielleicht auch ernüchternd. "Ehen werden im Himmel geschlossen, aber auf Erden gelebt", besagt ein altes deutsches Sprichwort. Genau diese Lebensweisheit vermittelt die Autorin mit ihrem Buch. Trotzdem ist es anrührend zu lesen.

Vordergründig handelt dieser Roman von einem Ehepaar (Rahel und Peter) das gemeinsam älter geworden ist. Noch nicht richtig alt, aber auch nicht mehr jung. War es am Anfang die junge Liebe die alles schaffte - im Laufe der Jahre haben sie sich dann doch auseinander gelebt. Nicht so sehr, dass eine sofortige Trennung angesagt wäre, doch jeder geht seiner eigenen Wege. Das Verständnis für einander ist ihnen abhanden gekommen. Sie sind nicht unglücklich, doch richtig glücklich sind sie auch nicht mehr. Erzählt wird aus der Sicht von Rahel und sie spricht es auch laut aus - so weiter machen wie bisher geht nicht. Doch der Roman ist viel mehr als nur eine Paarbeziehung, die in die Jahre gekommen ist.

Tatsächlich packt einen dieser Roman erst dann, wenn man sich voll und ganz darauf einlässt. Erst dann entdeckt man die vielen Nebenthemen und unterschiedlichsten Lebens-Schauplätze. Wie war es, in der ehemaligen DDR aufzuwachsen, sich das Leben einzurichten und plötzlich damit konfrontiert zu werden, dass alles woran man glaubte nicht mehr wahr sein konnte? Mit der Wiedervereinigung änderte sich nicht nur was man verändert haben wollte, sondern der komplette Alltag. Niemand kann neu bei Null anfangen. Jeder nimmt sein altes Leben mit, egal wohin man geht oder wie sich die Welt gerade verändert. Auch für Rahel und Peter.

Da ist die neuere Erfahrung von Peter mit einer Studentin die ihn verbal attackiert, da er sie nach alt hergebrachter Manier mit "Frau" anspricht, obwohl sie sich geschlechtsneutral sieht und ihren Literaturprofessor für seine Anrede verhöhnt und der Lächerlichkeit an der Uni preisgibt. Die Studentin empfindet ihr Aufbegehren als ihr Recht, für Peter ist diese Reaktion Arroganz und Überheblichkeit. Dabei ist "jung sein" lediglich ein Privileg das sich automatisch mit der Zeit verflüchtigt - keine Leistung wie ein Professor dies von einer Studentin erwartet. Ein Generationenkonflikt.

Doch Rahel und Peter sind nicht nur ein älter werdendes Ehepaar, nein sie sind auch Eltern einer Tochter und eines Sohnes.

Einer der Abschnitte der mir besonders gefiel ist die Aussprache mit ihrer Tochter Selma, die aus ihrer Beziehung aussteigen will (Seite 117): "Ihr seid solche.... solche....". "Spießer?", fragt Peter schmunzelnd und fügt hinzu: "Wir sind deine Eltern , Selma, nicht deine Freunde. Unsere Aufgabe ist es nicht, dir nach dem Mund zu reden, sondern auch mal Dinge anzusprechen, die dir missfallen." Wie wahr! Mütter stellen sich gerne vor, die Freundin ihrer Tochter zu sein. Doch der Status einer Freundin ist ein ganz anderer, als der einer Mutter. Das bringt die Autorin in dieser kurzen Passage klar zum Ausdruck.

Ein weiterer Satz den ich mir notierte steht auf S. 182: ..." Die Art der Erziehung war Gegenstand heftiger Diskussionen, und manche Verbindung mit allzu lässigen Eltern und ihren schuldlos unsympathisch gewordenen Kindern ließ sich nicht aufrechterhalten". Wer kennt sie nicht, die Kinder denen vergessen wurde Grenzen zu setzen und die kein Gespür dafür haben, dass ihre eigenen Bedürfnisse nicht der Mittelpunkt der Welt sind und denen man als Außenstehender Abneigung entgegen bringt.

Wahrscheinlich stimmt es nicht in allen Fällen, aber eine gewisse Wahrheit enthält es doch ( S. 224): " Satte Zeiten bringen schwache Kinder hervor". Das Leben zu leben will auch gelernt werden.

Ein anderer Aspekt dieses Romans ist, wie es sich anfühlt nicht zu wissen, wer der eigene Vater ist, weil die Mutter sich bis zu ihrem Tod darüber ausschweigt. So ergeht es Rahel.

Dies ist ein vielschichtiger Roman, geschrieben in kurzen prägnanten Sätzen. Keine weitschweifigen Ausführungen. Und trotzdem schafft es die Autorin, ganz viel gelebtes Leben als auch Gedanken darüber in diesem Buch unter zu bringen.

Mir gefiel dieser Roman, in dem es keinerlei Längen gibt, sehr gut,

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Veröffentlicht am 12.09.2021

In diesem Buch gehen Tragik und Hoffnung Hand in Hand

Ein erhabenes Königreich
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"Ein erhabenes Königreich" von Yaa Gyasi aus dem Dumont Verlag ist ein außergewöhnliches Buch. Das fängt schon mit dem Cover an. Bereits bei meinem ersten Blick darauf sprang der Funke über. Ich weiß nicht ...

"Ein erhabenes Königreich" von Yaa Gyasi aus dem Dumont Verlag ist ein außergewöhnliches Buch. Das fängt schon mit dem Cover an. Bereits bei meinem ersten Blick darauf sprang der Funke über. Ich weiß nicht mehr wie oft ich dieses Buch in Händen hielt und mir immer wieder das Äußere anschaute. Das Cover schlägt einen Bogen zum Inhalt des Romans und wenn ich mit den Händen darüber strich, war es für mich Begreifen im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Mittelpunkt des Romans steht Gifty, eine Neurowissenschaftlerin und Doktorantin an einem Institut in San Francisco. Während sie ihre Labor-Mäusen trainiert, süchtig macht, später deren Schädel öffnet, das Gehirn verkabelt und erforscht wie die Hirnströme fließen, erfahren wir als Leser die Geschichte ihrer Familie.

Ihre Familie stammt aus Ghana. Die Mutter (Nana) war das dortige arme Leben leid und träumte vom finanziellen Glück und war die treibende Kraft bei der Auswanderung in die USA. Sie landeten in einem überwiegend von Weißen bewohnten Staat. Doch es war nicht zu übersehen, die Familienmitglieder sahen anders aus als die meisten in der neuen Heimat - sie hatten eine schwarze Hautfarbe. Und dieser soziale Aspekt gibt dem Buch das Besondere. Wir lesen nicht nur wie es ist in einer weißen Welt schwarz zu sein, nein, als Leser schlüpfte ich oftmals in die Person Gifty, fühlte wie sie sich anpasste, klein machte und manchmal nicht gesehen werden wollte.

An dieser Stelle muss ich vielleicht ausführen, dass mich Romane von dunkelhäutigen, afrikanischen Frauen schon seit längerer Zeit begeistern. Graue Haare kann man färben wenn man damit nicht auffallen will. Aber eine schwarze Hautfarbe kann man nicht verstecken. Sie bleibt gleichermaßen schwarz. Dunkelhäutige Frauen haben nicht nur die normalen Alltagsprobleme aller Frauen, nein, sie gehen durch ihr Leben und werden auch noch angestarrt, weil sie in einer weißen Welt auffallen, obwohl sie das nicht wollen. Dieses Gefühlt lese ich auch aus diesem Roman.

Die Mutter von Gifty bekam die schlecht bezahlten Jobs. Oftmals mehrere gleichzeitig, damit das Geld reichte. Giftys Vater, ein großer stattlicher Mann, musste sich als Hausmeister oder mit sonstigen unterbezahlten Jobs rumschlagen und irgendwann hatte er dieses Leben in der westlichen Welt satt, ließ seine Frau, seine Kinder im Stich und floh zurück nach Hause, nach Ghana. Diese Passage hat mich besonders berührt. Das Leben, weshalb seine Frau ihr Geburtsland verließ, war für den Chin-Chin Mann, wie er genannt wird, nicht erstrebenswert. Irgendwie passt das nicht so richtig in unser Weltbild.

Zurück blieb die Mutter mit Gifty und deren Bruder, einem sehr talentierten Sportler. Und hier verläuft der rote Faden, der später das Leben aller trübt. Am Anfang stand die Sportverletzung und das Medikament Oxycodon. (S.157) Doch was anfangs nicht bekannt war, dieses Medikament macht nach kürzester Zeit süchtig. Heute ist dies ein ganz großes Thema in den USA, denn die Zahl derer, die durch dieses Schmerzmittel abhängig wurden ist immens groß. Viele Menschen kämpfen derzeit gegen diese, durch ein Schmerzmittel verursachte Sucht.

Ein anderes großes Thema dieses Romans ist auch Religion, die Zuflucht für Gifty und ihre Familie. Doch Gifty hinterfragte die Predigten, wurde kritisch bis ablehnend, bis sie die Pastorin hörte. (S.142) ".... Mein ganzes Leben wäre anders verlaufen, wenn ich in der Kirche dieser Frau aufgewachsen wäre statt in einer Kirche, die Intellektualität als eine Falle der säkularen Welt mied, weil sie angeblich den Glauben unterminierte. ...." Es ist die persönliche Entwicklung von Gifty, die hier im Mittelpunkt steht. Fortschritt als Entwicklung. "Ich meine fortschrittlich auf die natürliche Weise, auf die das Erlernen von etwas Neuem erfordert, etwas Altes loszuwerden...." (S. 143) " Wir lesen die Bibel, wie wir sie lesen wollen. Sie verändert sich nicht, aber wir verändern uns". (S. 144)

Das ganze Buch durchzieht sowohl Hoffnung als auch Tragik. Dieser wunderbare Bruder, den sie so liebte starb nach einer Überdosis.

"Die einzige sichere Möglichkeit Sucht zu vermeiden, ist, nie eine Droge zu probieren". (S. 253) Doch dies war Giftys Erkenntnis, mit der sie ihren Bruder nicht mehr erreichen konnte. Für ihren Bruder kam dies zu spät. Im Grund starb in allen Familienmitgliedern etwas mit dem Bruder.

Nana versank in einer nicht enden wollenden Depression. Für Gifty wurde es zu einem Ziel, mit ihrer Arbeit und Forschung anderen Menschen helfen zu können. An Mäusen erprobte sie, wie das Hirn auf Sucht reagiert.

Zitate: "Meiner Mum wird es besser gehen" sage ich zu...."
"Ich werde meine Arbeit zu Ende schreiben und promovieren, und in Jahren wird diese Arbeit etwas wert gewesen sein, wird für irgendjemanden wichtig sein, und meine Mutter wird es erleben, ja?"

Was für ein tiefgründiges und umwerfendes Buch!

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Veröffentlicht am 24.08.2021

Das Gestern fließt immer ins Heute

Als wir uns die Welt versprachen
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"Als wir uns die Welt versprachen" ist eine fiktive Geschichte, wie sie sich zum größten Teil tatsächlich hätte abspielen können. Das traurige Schicksal der Schwabenkinder wurde viele Jahre lang nicht ...

"Als wir uns die Welt versprachen" ist eine fiktive Geschichte, wie sie sich zum größten Teil tatsächlich hätte abspielen können. Das traurige Schicksal der Schwabenkinder wurde viele Jahre lang nicht wahr genommen. Es war zu unrühmlich, als dass man daran erinnert werden wollte.

Die Autorin hat sich dieses Themas angenommen und einen Roman daraus gemacht, der sowohl im Gestern als auch im Heute spielt.

Heute: Die 90jährige Südtirolerin Edna macht sich in Begleitung ihres Papageis auf den Weg, ein vor mehreren Jahrzehnten gegebenes Versprechen einzulösen. Edna entspricht so gar nicht der betagten alten Frau, wie man diese Generation sowohl in TV-Filmen, als auch in den Medien üblicherweise darstellt. Zwar sagen auch die Menschen im Umfeld über Edna, sie sei alt und tatterig, brauchte Pflege usw. - im Grunde um selbst nicht belästigt zu werden und das eigene Gewissen zu beruhigen - doch Edna ist ganz und gar nicht damit einverstanden, in ein Pflegeheim abgeschoben zu werden. Würde ich nicht selbst Senioren dieses Alters kennen, die noch fit genug sind (manchmal fitter als 40jährige) ausgiebige Wanderungen oder im eigenen Camper Urlaub zu machen, ich hätte wohl den Kopf geschüttelt und der Autorin zu viel Phantasie bescheinigt.

Die Autorin nahm sich viel künstlerische Freiheit in ihren Schilderungen. Trotzdem fand ich es erfrischend zu lesen, wie sich Edna diesem Klischee "der Alten" widersetzt.

Gestern: Als kleines Mädchen wurde sie als Schwabenkind zu einem reichen Bauern in Dienst gegeben. Es war eine Möglichkeit armer Eltern einen Esser weniger am Tisch zu haben, wenn sie sich nicht in der Lage sahen, ihre Kinder zu ernähren. Soweit die grobe Kurzfassung.

Mein Tipp wäre, dass sich der Leser schon vor Beginn der Lektüre über das Schicksal der "Schwabenkinder" informiert, damit er die Zusammenhänge und Abläufe besser versteht. Es gibt einen sehr guten Film mit T. Moretti, der auch "Schwabenkinder" heißt und das Schicksal dieser Kinder zum Thema hatte. Dass Ausbeutung durch die wohlhabende Herrschaft, brutale Gewalt und auch sex. Missbrauch Tür und Tor geöffnet wurden, versteht sich von selbst. Doch die Knechte (S. 154/158) waren nicht besser. Hier kam die berühmte Hackordnung zum Tragen. Mitleid war für viele ein Fremdwort. Auch sie wurden ausgebeutet, mussten für geringen Lohn viel arbeiten. Da kamen diese schutzlosen Kinder gerade recht, waren oftmals Freiwild. Es waren "Esser", kosteten also Geld und das mussten sie wieder einbringen. Die Not der Schwächeren wurde schon zu allen Zeiten von den Stärkeren ausgenützt.

Doch Edna war auf dem Hof nicht allein. Sie fand einen Freund, Jacob, der sie beschützte - wenn es ihm möglich war. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne, aus diesem unerträglichen Dasein zu fliehen. Zusammen bereiteten sie alles für ihre Flucht vor. Mehr will ich über deren Zeit als Schwabenkinder nicht verraten. Ich glaube, diese eindrücklichen Schilderungen lassen niemanden unberührt. In dem Roman ist es Fiktion, doch so oder so ähnlich hat es sich unzählig oft abgespielt.

Zurück zu der Edna von heute. Natürlich war es eine abenteuerliche Reise, auf die sie sich begab. Nachdem sie ihr Geld verloren hatte, musste sie ihren Weg sogar zu Fuß fortsetzen und traf dabei die skurrilsten Menschen, die ihr weiter halfen. Manchmal verstanden sie sich auf Anhieb.

Natürlich kann man sagen, der Autorin sei die Phantasie durch gegangen und es sei von allem etwas zu viel und zu dick aufgetragen. Doch wer schon mal auf Reisen war - ich meine nicht in einem Pauschalurlaub oder in einer Ferienwohnung, sondern mit einem Campingbus - der weiß, solche kunterbunten Leute wie in dem Roman beschrieben, gibt es tatsächlich. Derart ungeplante Begegnungen können außergewöhnlich und auch spannend sein, wenn man den Mut hat, sich darauf einzulassen. Edna hatte keine Berührungsängste. Sie ist ganz und gar keine alltägliche Person. Sie ist eher der Gattung "unbequeme Alte" zuzuordnen. Ein Hauch von später Freiheit durchweht diesen Roman von Anfang bis Ende.

Wie schon am Anfang erwähnt, mir gefiel dieses Buch mit der alten Dame als Protagonistin. Die Autorin wählte eine angenehm zu lesende Sprache. Flickte in den Text immer wieder Lebensweisheiten ein, wie z B. "Denn Menschen verschwinden nie vollständig". (S. 343) oder ...."Der Junge zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung.... Dass jedes Ende irgendwie der Anfang von etwas anderem ist. Wie bei einem Kreis, glaube ich." (S. 439)

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Veröffentlicht am 15.08.2021

Gut gemacht Fischi!

GAME TIME
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Obwohl ich kein Eishockey Fan bin, hat mich dieses Buch begeistert - nein, mehr noch, ich war fasziniert. Wie mag es da erst Sport-Enthusiasten ergehen? Die sind sicherlich aus dem Häuschen.

Inhaltlich ...

Obwohl ich kein Eishockey Fan bin, hat mich dieses Buch begeistert - nein, mehr noch, ich war fasziniert. Wie mag es da erst Sport-Enthusiasten ergehen? Die sind sicherlich aus dem Häuschen.

Inhaltlich geht es um den Werdegang des Patrick Fischer - vom 3jährigen Käsehoch der schon voller Stolz in viel zu großer Eishockeymontur auf dem Eis stand, über seine jugendlichen Sturm- und Drangjahre aus denen nahezu nahtlos der Weltklasse-Spieler hervor geht, der es bis in die amerikanische Eiskockeyliga schaffte. Doch auch die größten und besten Sportler sind nicht gegen Verletzungen gefeit und werden ausgebremst. So auch Fischi - wie ihn Freunde und Kollegen nennen. Es war eher ein persönliches Gefühl "Game over", dass sich seine aktive Karriere als Spieler dem Ende zu neigte, als dass man ihm den Abschied als aktiver Spieler nahe legte. Nach etwas Überlegung war es sein freier Entschluss seinen Beruf, der auch sein Leben war, an den berühmten Nagel zu hängen.

Doch es wäre nicht Fischi, hätte es ihn nicht wieder an die Bande in der Eis-Arena getrieben. Vom anfänglichen Co-Trainer geht es nach und nach wieder ganz nach oben, bis hin als National-Trainer der schweizer Eishockey-Nationalmannschaft.

Soviel zum Vordergründigen dieser Lektüre. Doch dieses Buch zeigt mehr als nur den Spieler und Trainer. Als Leser lernt man Eltern kennen, die voll hinter dem Talent ihrer Kinder stehen und dieses fördern. Ohne Mama-Taxi in Patricks Kindheit, wäre es nicht gegangen. Ein außergewöhnliches Talent ist eine Sache, doch wie viele Menschen mit großem Talent schaffen es nicht bis an die Spitze, da es an Trainingsfleiß, Unterstützung der Familie oder auch am notwendigen Quäntchen Glück mangelt? Dass es bei ihm so perfekt läuft, hängt wohl auch mit seiner Spiritualität zusammen. Patrick weiß, Sport ist mehr als nur Muskelkraft und begab sich zusammen mit seinem Bruder in Peru auf die Suche nach sich selbst - und fand sich. Das ist ein ganz spannender und faszinierender Teil des Buches.

Bei Fischi passt sportlich alles zusammen. Welch ein Glücksfall! Doch es gibt, private Rückschläge, die bewältigt werden wollen, wie z. B. die Trennung von seiner Lebensgefährtin und später von seiner ersten Ehefrau.

Was mir sehr gut an dieser Biographie gefällt ist, dass wir nicht nur Patrick Fischers Sicht der Dinge erfahren. Es kommen mehrere Menschen seines Umfeldes zu Wort und jeder berichtet von seinen eigenen Eindrücken und Erlebnissen mit ihm. Eltern, Bruder, Weggefährten. Jeder trägt dazu bei, dass man am Ende glaubt, Patrick Fischer selbst zu kennen.

Dieses Buch ist reich bebildert und es zeigt nicht nur den Spieler und späteren Trainer Patrick Fischer, sondern auch den stolze Vater.

Eins weiß ich jetzt schon: Bei der nächsten Olympiade werde ich ganz sicher auch mal bei Eishockey-Spielen vor der Mattscheibe sitzen und nicht nur mit der eigenen Nationalmannschaft mitfiebern sonder auch mit der schweizerischen.

Wie schon oben geschrieben: Für sportbegeisterte Leser ist dieses Buch nahezu ein Muss.

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