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Veröffentlicht am 05.09.2020

Wenn die Vergangenheit Dich einholt

American Spy
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Lauren Wilkinsons Debüt „American Spy“ beginnt mit einer Actionszene: Wir schreiben das Jahr 1992 und die alleinerziehende Marie Mitchell wird in ihrer Wohnung in Conneticut von einem Mann überfallen, ...

Lauren Wilkinsons Debüt „American Spy“ beginnt mit einer Actionszene: Wir schreiben das Jahr 1992 und die alleinerziehende Marie Mitchell wird in ihrer Wohnung in Conneticut von einem Mann überfallen, den sie überwältigen und töten kann. Denn Mitchell ist kein leichtes Opfer, sondern eine frühere FBI-Agentin. Mit ihren beiden Söhnen und gefälschten Pässen flieht sie zu ihrer Mutter nach Martinique. Dort schreibt sie nach und nach ihre Lebensgeschichte auf und versucht gleichzeitig, Vorkehrungen für ihre Zukunft zu treffen, denn sie muss fürchten, dass dies nicht der letzte Anschlag auf ihr Leben war.

Wilkinsons Protagonistin ist keine strahlende Heldin, kein Bond-Girl mit der Lizenz zum Töten in einer „Mission Impossible“. 1955 geboren, hat sie eine durchwachsene Kindheit, die mit einem furchtbaren Verlust endet. Als Beste ihres Abschlussjahrgangs ergattert sie einen Job beim FBI, muss aber bald feststellen, dass Erfolg und Anerkennung weißen Männern vorbehalten sind. 1987 scheint ein Spezialauftrag ihre Chance zu sein, sich zu beweisen. Doch selbst in den davon handelnden Kapiteln ist Wilkinson weit davon entfernt, das Leben einer Spionin zu glorifizieren oder auch nur als besonders aufregend dazustellen: Wilde Verfolgungsjagden sind selten, Wartezeiten und Botengänge deutlich häufiger.

„American Spy“ handelt dann auch gar nicht hauptsächlich von Auftragskillern und Attentaten, sondern davon, in den 60er und 70er Jahren in Queens aufzuwachsen. Von der Bedrohung des Kalten Krieges, die Kindern schon in der Schule eingeimpft wurde. Davon, was es hieß, in den 1980er Jahren gleich doppelte Außenseiterin beim FBI zu sein: als Frau und als Schwarze. Und davon, wie ein westafrikanisches Land zum Spielball der Weltmächte wird – und eine Agentin zum Spielball ihrer Auftraggeber.

Im besten Fall eröffnen Bücher einem neue Welten und dieses ist so eines. Wer einen hochspannenden Spionagethriller erwartet, wird von „American Spy“ vielleicht sogar enttäuscht sein. Mich hat dieses Buch allerdings nachhaltig beeindruckt.

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Veröffentlicht am 30.08.2020

Im Gedankenkarussell gefangen

Der letzte Satz
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Robert Seethaler nimmt die Lesenden in „Der letzte Satz“ mit an Bord eines Passagierschiffes. Der berühmte Komponist Gustav Mahler und seine Familie reisen mit der „Amerika“ von New York nach Europa, doch ...

Robert Seethaler nimmt die Lesenden in „Der letzte Satz“ mit an Bord eines Passagierschiffes. Der berühmte Komponist Gustav Mahler und seine Familie reisen mit der „Amerika“ von New York nach Europa, doch weder seine Frau Alma noch die gemeinsame Tochter Anna treten in Erscheinung, während Mahler an Deck sitzt und dort seinen Gedanken nachhängt. Sein einziger Besucher ist ein Schiffsjunge, der dafür sorgen soll, dass es dem Herrn Direktor an nichts fehlt. Doch Mahler fehlt es an vielem: Sein Körper lässt ihn mehr und mehr im Stich, er ahnt den nahenden Tod und quält sich mit dem Gedanken an all die unvollendete Musik, die er noch erschaffen wollte. Auch seine Frau fehlt ihm – die Mahlers stecken in einer tiefen Ehekrise. Er vermisst seine ältere, verstorbene Tochter. Der Kranke lässt einschneidende Erlebnisse seines Lebens Revue passieren, während er Himmel und Wellen beobachtet und wartet – auf die Ankunft des Schiffes oder das Ende seines Lebens? Vermutlich auf beides.

„Der letzte Satz“ liest sich fast wie ein einziger „stream of consciousness“; er besteht aus Mahlers unzusammenhängend treibenden Gedanken. Und so ist man dem Genie zwar sehr nahe, muss das Sortieren und Zuordnen der Eindrücke und Anekdoten aber komplett selbst übernehmen. Wenn man sich schon mal mit Mahlers Biografie beschäftigt hat, hilft das sicher.

Sprachlich ist der Roman elegant: Mahlers Empfinden und seine Detailbeobachtungen werden in poetische Sätze gepackt. Wehmut und Fatalismus durchziehen die Kapitel, ab und zu kommt eine gewisse Bittersüße dazu. Das Buch bietet einen Einblick in das Seelenleben des Komponisten, wie es gewesen sein könnte. Gepackt hat mich das Ganze jedoch nicht. Während der Lektüre ist man nicht im Geschehen, sondern hängt im Gedankenkarussell der Hauptfigur fest. Dieses streift viele Themen, geht aber selten in die Tiefe – eine logische Konsequenz des gewählten Erzählstils. Es führte jedoch dazu, dass ich beim Lesen seltsam unbeteiligt blieb. Das Buch hat mich einfach kaltgelassen.

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Veröffentlicht am 24.08.2020

Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen

Weil alles jetzt beginnt
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Blumiges Cover, nichtssagender Titel – und doch steckt in diesem Buch weitaus mehr als ein durchschnittlicher Frauen-/Unterhaltungsroman. Dabei scheinen die Rollen klassisch-klar verteilt: Bei Evvie, Anfangs ...

Blumiges Cover, nichtssagender Titel – und doch steckt in diesem Buch weitaus mehr als ein durchschnittlicher Frauen-/Unterhaltungsroman. Dabei scheinen die Rollen klassisch-klar verteilt: Bei Evvie, Anfangs 30 und seit einigen Monaten verwitwet, zieht Baseballprofi Dean als Untermieter ein. Schon ahnt man, was kommen wird – aber so einfach ist es ganz und gar nicht. Dean ist regelrecht aus New York geflohen, da er aufgrund von plötzlich aufgetretenen, unkontrollierten Muskelzuckungen keinen Korb mehr trifft. Und Evvie, die ihre Jugendliebe geheiratet und ihr ganzes Leben in Maine verbracht hat, hütet ein Geheimnis, an dem sie fast zugrunde geht.

Und so ist Linda Holmes Roman „Weil alles jetzt beginnt“ längst nicht nur eine Liebesgeschichte. Hier gibt's die unterschiedlichsten Emotionen; Humor und Tiefgang blitzen immer wieder an unerwarteter Stelle hervor. Die Handlung umfasst ein Jahr, aufgeteilt auf die vier Jahreszeiten, die auch die Blätter und Blumen auf dem Cover aufgreifen. Auf den ersten Blick wirkt die Gliederung dadurch sehr klar, doch Holmes hat ein ganz eigenes Erzähltempo. Stellenweise plätschert die Geschichte irritierend langsam dahin, erzählte Anekdoten kommen ohne größeren Zusammenhang aus und grundlegende Themen werden lange, sehr lange außer Acht gelassen. Aber auch im wahren Leben baut ja nicht alles gleichmäßig aufeinander auf und gerade die gelegentliche Lethargie von Hauptfigur Evvie macht sie sehr menschlich. Mich hat positiv überrascht, wie rund die Geschichte am Ende doch noch wurde; das tröstete mich im Nachhinein über gelegentliche Längen und Auslassungen hinweg. Und endlich wurde auch klar, worum es ging: nicht um „happily ever after“, sondern um Neustarts – gleich mehrere. Darum, dass das Leben weitergeht, aber auch immer mal wieder einen kleinen Schubs vertragen kann. „Weil alles jetzt beginnt“ – auch, wenn der Weg dorthin steinig ist.

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Veröffentlicht am 11.08.2020

Künstlerisch wertvoll

Ein Mann der Kunst
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Der Förderverein eines Frankfurter Museums macht eine Kulturreise zu einem zurückgezogen lebenden Maler. Dem Werk des verehrten KD Pratz könnte ein Neubau gewidmet werden – wenn er sich des Vorhabens würdig ...

Der Förderverein eines Frankfurter Museums macht eine Kulturreise zu einem zurückgezogen lebenden Maler. Dem Werk des verehrten KD Pratz könnte ein Neubau gewidmet werden – wenn er sich des Vorhabens würdig erweist. Blöd, wenn die Gastgeberqualitäten des Genies sich als überaus eingerostet erweisen. Schon bald ist nicht mehr klar, was Kunst ist, was wegkann und wie das alles weitergehen soll.

Kristof Magnusson erzählt plaudernd-amüsant mit einem ganz besonderen Händchen für die von ihm erschaffenen Figuren. Sie sind nicht nur sehr nahbar, sondern voller liebevoll ausgestalteter Marotten. Bildungsbürger, Neureiche, Pensionäre und Fans – alle sorgen für kurzweilige Dialoge und werden augenzwinkernd karikiert. Wer Kunstliebhaber ist oder kennt, schmunzelt sicher noch etwas mehr als andere. Im überraschenden Finale nimmt der Roman dann richtig Fahrt auf. Eine originelle Lektüre!

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Veröffentlicht am 04.08.2020

Snow landet immer oben

Die Tribute von Panem X. Das Lied von Vogel und Schlange
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„Die Tribute von Panem“ ohne Katniss und Peeta – geht das? Ich war selbst überrascht, wie sehr mich Suzanne Collins Vorgeschichte „Das Lied von Vogel und Schlange“ gefesselt hat. Dieses Buch handelt von ...

„Die Tribute von Panem“ ohne Katniss und Peeta – geht das? Ich war selbst überrascht, wie sehr mich Suzanne Collins Vorgeschichte „Das Lied von Vogel und Schlange“ gefesselt hat. Dieses Buch handelt von den 10. Hungerspielen und daran, dass der 18-jährige Coriolanus Snow eines Tages Präsident des Kapitols werden könnte, glaubt höchstens seine greise und leicht verwirrte Großmutter. Mit ihr und seiner Cousine Tigris lebt Coriolanus zusammen; seine Eltern, Onkel und Tante sind während des Krieges gestorben. Die drei verbliebenen Snows halten sich so gerade über Wasser, doch Geld fehlt ihnen an allen Ecken und Enden und auch Coriolanus Universitätsstudium werden sie nicht bezahlen können. Seine einzige Hoffnung ist ein Stipendium, auf das er Chancen hat, wenn sich sein Tribut gut schlägt – bei den 10. Hungerspielen von Panem.

Coriolanus ist ein Stratege – sonst bleibt ihm allerdings auch wenig übrig. Er versucht, dem Namen Snow Ehre zu machen, niemanden merken zu lassen, wie schlecht es um die einst erfolgsverwöhnte Familie steht. „Snow landet immer oben“ ist nach wie vor ihr Motto, aber die Sonnenseite des Lebens scheint in weite Ferne gerückt. In der Akademie, wo sein Schulabschluss kurz bevorsteht. ist Coriolanus erfolgreich und beliebt, doch seine Zukunft ist unsicher, und so lastet ein ziemlicher Druck auf dem jungen Mann, der immer drei Schritte vorausdenkt. „Das Lied von Vogel und Schlange“ ist aus seiner Perspektive geschrieben und als Leserin konnte ich gar nicht anders, als Verständnis für ihn aufzubringen – und ihn zu mögen. Das ist spannend, denn Snow ist durchaus eine ambivalente Figur: Auf den eigenen Vorteil bedacht, aber auch mitfühlend. Manipulativ, aber auch verzweifelt.
Sein Gegenpart ist sein eigenes Tribut: Lucy Grey, die zierliche Musikerin aus dem ärmlichen Distrikt 12, der keiner zutraut, auch nur einen Tag in der Arena zu überleben. Doch Lucy Grey ist schlau und zäh – genau wie Coriolanus. Die Begleitung dieses ungleichen, sich aber doch auf Augenhöhe begegnenden Teams macht den Reiz des Romans aus. Überhaupt lebt er von den Gegensätzen: Was ist wichtiger – Macht oder Freiheit? Liebe oder Vertrauen? Freundschaft oder Loyalität? Die Geschichte hat einige verblüffende Wendungen. Und dann sind da noch die Hungerspiele, die man ja aus der Trilogie hinreichend kennt, die aber 64 Jahre vor Katniss und Peeta noch längst nicht so entwickelt waren.
Das Ganze ergibt einen gleich dreifach spannenden Pageturner: Hungerspiele, Lucy Greys ungewisses Schicksal, Coriolanus Kampf gegen den sozialen Abstieg. Dazu das Lied vom „Hanging Tree“, Spott- und Schnattertölpel – und man ist wieder komplett in Panem. Ich kann die Verfilmung fast schon vor mir sehen und freue mich sehr darauf. Collins hat eine Vorgeschichte geschrieben, die ihrem Hauptwerk in jeder Hinsicht ebenbürtig ist. Ich hoffe, das war nicht der letzte Ausflug nach Panem!

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