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Veröffentlicht am 20.09.2025

Spannend geschriebene englische Geschichte

Rabenthron
4

England, 1013: In der Hoffnung auf Lösegeld für einen dänischen Gefangenen begibt sich der junge Ælfric of Helmsby nach London. Dort verstrickt er sich ins Netz der Politik der Königsfamilie, findet zwei ...

England, 1013: In der Hoffnung auf Lösegeld für einen dänischen Gefangenen begibt sich der junge Ælfric of Helmsby nach London. Dort verstrickt er sich ins Netz der Politik der Königsfamilie, findet zwei lebenslange Freunde, eine große Liebe und mächtige Feinde…
Ælfric of Helmsby ist ein klassischer Gable-Protagonist: ehrenhaft, charakterfest und königstreu. Beziehungsweise, königinnentreu, denn der Dreh- und Angelpunkt des Romans ist Emma, deren positive Darstellung von ihrer typischen Charakterisierung in historischen Romanen abweicht. Der Schreibstil ist, wie man es von der Autorin kennt, bildlich, Emotionen weckend und spannend. Die Sexszenen waren allerdings ausführlicher als bei ihr üblich. Atmosphäre und Recherche sind topp, die politisch komplexen Situationen werden verständlich vermittelt, ohne dabei verfälschend zu sein.
Als Leser begegnet man vielen interessanten Nebenfiguren, teils historisch, teils fiktiv. Manche historischen Figuren sind etwas einseitig positiv oder negativ dargestellt, aber das lässt sich durch den jeweiligen Blickpunkt-Charakters erklären, deren Sympathien an solchen Stellen gespiegelt werden. Manche fiktiven Charaktere waren derart interessant und unterhaltsam, dass ich mir gewünscht habe, ich würde mehr über sie erfahren oder sie würden öfter vorkommen.
Insgesamt ist die Handlung spannend, mitreißend und voller interessanter Wendungen.
Ich habe lange zwischen einer 4 und 5 Sterne Bewertung geschwankt, aber im Vergleich mit anderen Büchern der Autorin tendiere ich zu der niedrigeren Bewertung. Gleichzeitig sind die 4 Sterne hier höher anzusehen, als andere Romane, die ich in der Vergangenheit so bewertet habe.
Angesichts des Klappentextes hatte ich erwartet, dass Freundschaft eine größere Rolle spielen würde. Doch obwohl sie sich durch den Roman zieht, nimmt sie gegenüber aufkommenden Romanzen eine zweitrangige Stellung ein. Das fand ich ziemlich schade, da die Figurenkonstellation der besagten Freundschaft durch entgegengesetzte Loyalitäten sehr spannend war und großes Potenzial hatte, das aber leider nicht weiter verfolgt wurde oder nur in ein zwei knappen Sätzen entschärft wurde.
Ælfric und seine Familie hatten besonders gegen Ende der Handlung hin dermaßen viel Glück und günstige Fügungen, dass es für mich unglaubwürdig wurde. Generell ist das Ende des Romans eine Schwachstelle, angesichts des Könnens der Autorin fand ich es geradezu enttäuschend. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, ich war beim Lesen durchweg unterhalten.
Alles in allem ein spannender historischer Roman, perfekt für alle, die bei der Helmsby-Trilogie einsteigen wollen oder einen Roman suchen, der Englands Chaos kurz vor 1066 verständlich und unterhaltsam erzählt.

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  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Atmosphäre
  • Cover
Veröffentlicht am 24.08.2025

Eine junge Frau sucht und findet ihren Weg zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Mein Name ist Emilia del Valle
0

Emilia del Valle Claro ist ein Kind vieler Welten: Tochter einer strikt katholischen Irin, eines gebildeten Stiefvaters, und leiblich eines abwesenden chilenischen Aristokraten. Ende des 19. Jahrhunderts ...

Emilia del Valle Claro ist ein Kind vieler Welten: Tochter einer strikt katholischen Irin, eines gebildeten Stiefvaters, und leiblich eines abwesenden chilenischen Aristokraten. Ende des 19. Jahrhunderts werden zudem die gesellschaftlichen Rollengefüge durchlässiger und so schafft sie es, zuerst anonym, dann mit eigenem Namen, für eine Zeitung zu schreiben. Als Leser erleben wir, wie Emilia erwachsen wird, sich verliebt und für ihre Stellung als Reporterin kämpft. Schließlich gelangt sie mit einem Kollegen nach Chile, wo sie Zeugin und Berichterstatterin des anbrechenden Bürgerkrieges wird.
Der Roman ist erzählerisch sehr elegant geschrieben, die Bildlichkeit der Beschreibungen geht einem besonders während des Kriegsgeschehens unter die Haut. Allende gelingt, was so viele Autoren vergeblich versuchen: sie schreibt starke Frauencharaktere, die sich durch ihre Ansichten und Möglichkeiten allesamt voneinander unterscheiden und somit authentisch und distinktiv wirken. Das Herz des Romans ist Chile, seine Bevölkerung und sein Bürgerkrieg. All dies war spannend und überaus atmosphärisch zu lesen. Das Ende allerdings war mir persönlich etwas zu langatmig und esoterisch und schien für mich nicht so recht zu dem actionreicheren Geschehen davor zu passen. Gegenüber den schillernden Nebenfiguren ist Emilia eine entschlossene, zugleich in sich ruhende wie sich selbst suchende Gestalt. Doch obwohl ein Ich-Erzähler für gewöhnlich große Nähe schafft, blieben manche von Emilias emotionalen Entwicklungen seltsam unerzählt bzw. wurden erst im Nachhinein zusammengefasst und kamen somit quasi aus dem Nichts. Das war einerseits schade, andererseits wurde dadurch nicht zu viel Raum für romantische Verwicklungen gebraucht, und der Fokus nicht von dem Kriegsgeschehen genommen. Gut gefallen haben mir zudem die eingefügten kurzen Artikel, die Emilia im Laufe der Handlung schreibt. Dadurch wurden wichtige Hintergrundinformationen auf unterhaltsame Weise vermittelt und gleichzeitig Emilias Tätigkeit als Berichterstatterin illustriert.
Alles in allem ein wundervoller Roman mit einer einmaligen Perspektive auf den chilenischen Bürgerkrieg, allen Lesern historischer Romane, für die Romantik keine große Rolle spielt, wärmstens zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 20.07.2025

Überzeugender Auftakt einer Trilogie über verschiedene Reisende im Mongolischen Reich

Die Truhe der Schamanin
0

Im frühen 13. Jahrhundert sorgt ein Ereignis für Aufregung: eine Tochter Dschingis Khans heiratet. Aus allen Ecken des Mongolischen Reiches strömen Menschen herbei. Mitten darunter Rana, eine Schamanin ...

Im frühen 13. Jahrhundert sorgt ein Ereignis für Aufregung: eine Tochter Dschingis Khans heiratet. Aus allen Ecken des Mongolischen Reiches strömen Menschen herbei. Mitten darunter Rana, eine Schamanin und jüngst Großmutter, die die im Buchtitel genannte entwendete Truhe verfolgt. In ihrer Obhut befindet sich auch Asena, ein kämpferisches Mädchen, das ihr Mutter durch Männer des Khan verlor. Doch auch andere Reisende verfolgen eigene Ziele: Lewellyn, ein verkleideter Ire in Begleitung seines druidischen Großvaters und Dawa, ein tibetischer Mönch, dessen Vergangenheit mit Lewellyns verwoben ist.
Der historische Alltag der Figuren wird lebendig und anschaulich erzählt, ohne gekünstelt zu wirken. In diesen historisch-alltäglichen Details zeigt sich die hervorragende Recherche der Autorin. Es geht rau, locker und humorvoll zu. Besonders gut gefiel mir, wie Spiritualität und Mystik nahtlos in den Alltag eingebunden wird und je nach Person auch nicht immer ganz ernst genommen wird. Gleichzeitig tuen sich durch das Zusammentreffen und den Austausch verschiedener Kulturen und Völker Differenzen und Gemeinsamkeiten auf.
Erzähltechnisch gibt es ebenfalls mehrere Reisen. Rana bewegt sich in der Gegenwart, doch über Lewellyn erfahren wir nach und nach mehr über eine komplexe Vergangenheit, die verschiedene Figuren und weitentfernte Orte miteinander verbindet und deren Konsequenzen die Gegenwart und Figurenkonstellationen des Jahres 1209 prägen.
Die Charaktere sind allesamt sehr distinktiv geschrieben, selbst Nebenfiguren, die nur ein- oder zweimal vorkommen, sind anschauliche und erinnerungswürdige Gestalten. In diesem Zusammenhang sei auch gesagt, dass die Darstellung von historischen und fiktiven Charakteren gut zusammenpasst, es gibt bei Begegnungen mit realhistorischen Personen keinen stilistischen Bruch.
Das Buch endet an einer spannenden Stelle mit einem gemeinen Cliffhanger, durch den man sich die Fortsetzung baldmöglich herbeiwünscht.
Im Anhang finden sich ausführliche Listen zu den historischen und fiktiven Personen sowie den Begrifflichkeiten.
Alles in allem ein gelungener historischer Roman, besonders geeignet für Leser mit Interesse an Alltagskulturen.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Fesselnd

Das Beste sind die Augen
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Ji-Won lebt mit ihrer jüngeren Schwester und der gemeinsamen Mutter in einer kleinen Wohnung und finanziellen Not. Der Vater hat die Familie kürzlich verlassen, was keine der Frauen überwunden hat. Unterdrückte ...

Ji-Won lebt mit ihrer jüngeren Schwester und der gemeinsamen Mutter in einer kleinen Wohnung und finanziellen Not. Der Vater hat die Familie kürzlich verlassen, was keine der Frauen überwunden hat. Unterdrückte Gefühle, der neue Freund der Mutter und der Stress des Studierens lösen eine Teufelsspirale aus, in deren Verlauf die Grenzen der Realität für die Protagonistin verschwinden und eine krankhafte Obsession mit blauen Augen ihr ganzes Denken einnimmt, während rassistische und sexistische Momente ihr Handeln zusätzlich befeuern.
Der Schreibstil ist schnell, bildlich und stellenweise überraschend humorvoll. Spannungstechnisch geht es hoch her, ich war von der ersten Seite an gefesselt und habe den gesamten Roman an einem Nachmittag verschlungen. Es ist weniger Gänsehaut-Horror oder Schock-Horror als ein stetiges Ansteigen der Spannung, wie ein aufziehendes Gewitter. Und ja, was das Cover verspricht, ist absolut zutreffend.
Alle Charaktere sind irgendwie seltsam, und das macht ihren Charm aus. Obwohl Charm vielleicht das falsche Wort ist, aber es entwickelt sich im Laufe der Handlung weniger Sympathie für die Protagonistin als vielmehr eine dunkle Faszination. Ji-Won ist eine überaus interessante Figur, stellenweise agiert sie nachvollziehbar, dann wieder auf eine Weise, die nur ihrem eigenen moralischen Kompass folgt.
Ich persönlich hätte es nicht als „feministisch“ beschrieben, nur weil Themen erwähnt werden, mit denen Feminismus sich beschäftigt. Dann müsste man ja quasi jeden Roman so nennen, der gesellschaftliche Missstände nicht verheimlicht.
In der zweiten Hälfte kommen vermehrt Traumsequenzen auf. Generell bin ich kein Fan davon, doch hier waren sie gut platziert und sinnvoll in die Entwicklung der Protagonistin eingewoben. Kleiner Kritikpunkt, diese Entwicklung ging mir stellenweise zu schnell, da hätte ich mir ein paar Seiten mehr gewünscht.
Besonders gefreut hat mich gegen Ende des Romans, dass ihr Handeln weder verharmlost noch rechtfertigt wurde.
Alles in allem, unbedingt lesen, wenn man einen starken Magen besitzt.

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Veröffentlicht am 23.06.2025

Dark Academia um Drachensprachen

Die Sprache der Drachen
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SF Williamson nimmt uns mit in ein alternatives London der 1920er: Seit Jahrzehnten herrscht ein angespannter Frieden zwischen Menschen und Drachen, der mit einer Trennung der beiden Arten einhergeht. ...

SF Williamson nimmt uns mit in ein alternatives London der 1920er: Seit Jahrzehnten herrscht ein angespannter Frieden zwischen Menschen und Drachen, der mit einer Trennung der beiden Arten einhergeht. Gleichzeitig sind auch die Menschen selbst in einem gnadenlosen Drei-Klassen-System voneinander getrennt. Vivien, Tochter einer Überlebenden des von Drachen verübten Massakers an der bulgarischen Menschenbevölkerung, ist fest entschlossen eine glorreiche Zukunft an der Akademie für Drachensprache zu erreichen. Dafür hat sie ihr ganzes Leben menschliche und drachische Sprachen gelernt, die ihr von ihren Eltern teils wortwörtlich eingeprügelt wurden. Doch die politische Lage in Britannien ist angespannt und als Viviens Eltern verhaftet werden, trifft die 17jährige eine folgenschwere Entscheidung und findet sich in einem Geheimprojekt der Regierung wieder, wo sie an etwas arbeitet, dass als innen- und außenpolitische Waffe dienen soll…
Vorweg: es scheint sich nicht, wie ich beim Lesebeginn dachte, um einen stand-alone Roman zu handeln, sondern eine Duologie. Passend dazu ist das Ende entsprechend offengehalten, was mich persönlich etwas frustrierte, da gerade zum Ende nach einem langsameren Mittelteil, in dem das Gedankenkarussell der Protagonistin ermüdet, viel Action und eine große Überraschung aufkam.

Die Protagonistin ist sehr behütet aufgewachsen und gibt sich oft frustrierend weltfremd und naiv. Passend dazu erfährt auch der Leser relativ wenig über die Welt jenseits von Viviens Heimat und Bulgarien. Über lange Strecken zögert Vivien eine Entscheidung auf, von der sie weiß, dass sie getroffen werden muss. Das fand ich besonders unangenehm, da andere Hauptfiguren rassistischer und klassenbedingter Diskriminierung und Misshandlung ausgesetzt waren und meines Erachtens spannendere Perspektiven und Innenleben gehabt hätten als Vivien, die sich vor allem mit Schuldgefühlen herumschlägt die auf einer Entscheidung basieren, die für mich nicht ausreichend motiviert bzw. ziemlich unentschuldbar ist.
Der Roman spricht neben gesellschaftlichen Themen um systematische Diskriminierung, korrupte Regierung und wie man in einer solchen zu handeln hat auch persönliche Themen um Schuld und Vergebung mit einer starken christlichen Prägung an.
Der männliche Charakter, für den die Protagonistin Gefühle entwickelt, ist gut ausgearbeitet, sympathisch und interessanter als Vivien selbst. Die Beziehung der Beiden hätte man etwas mehr ausarbeiten können, wir als Leser erhalten ab und an Einblick auf eine gegenseitige Annäherung, die sozusagen hinter den Kulissen der Erzählung stattfand.
Mehrere Charaktere waren mir zu sehr als rein gut oder böse definiert, aber andere haben mich durch plötzliche Einblicke auf verborgene Tiefen angenehm überrascht. Generell halte ich es für eine verlorene Gelegenheit, dass während des Projektes keine verborgenen Intrigen und Manipulationsversuche der Teenager untereinander aufgekommen sind, gerade im Mittelteil hätte sowas die Spannung gut erhalten können.
Mein persönliches Highlight waren die Drachensprachen, der Umgang mit ihnen und ja, das Projekt an dem Vivien arbeitete. Das klingt hier reichlich vage, aber ich möchte gerade von dieser spannenden Thematik nicht zu viel vorwegnehmen. Hierbei fand ich es sehr gelungen, wie die Autorin herauskristallisiert hat wieso Vivien, eine Teenagerin mit begrenzten Ressourcen innerhalb geringer Zeit etwas entdecken konnte, was als unentdeckt galt. Dadurch wird sie glaubwürdig als intelligent dargestellt, was ihr Gebiet angeht, ohne alle anderen Wissenschaftler als unglaubwürdig dämlich zu schreiben.
Alles in allem ist das Meiste, was ich kritisierte, Kleinigkeiten. Ich war beim Lesen gut unterhalten und es ist ein außergewöhnlicher Fantasyroman, der einen neuen Blick auf Drachen gewährt und deshalb jedem Drachenfan ans Herz zu legen ist.

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