Kurzweiliger historischer Roman, der durch seine Atmosphäre punktet
Der Gesang des FalkenAnfang des 16. Jahrhunderts gelangt die junge Marcelle, ein italienischer Bastard, als Ehrenmädchen an den königlichen Hof. Dort freundet sie sich mit der etwa gleichaltrigen Engländerin Anne Boleyn an ...
Anfang des 16. Jahrhunderts gelangt die junge Marcelle, ein italienischer Bastard, als Ehrenmädchen an den königlichen Hof. Dort freundet sie sich mit der etwa gleichaltrigen Engländerin Anne Boleyn an und erlebt gemeinsam mit ihrem Kindheitsfreund Jean einschneidende Ereignisse um die Königsfamilie.
Neben den fiktiven Charakteren Marcelle und Jean wird auch aus der Perspektive der realhistorischen Francoise erzählt. Dadurch ergeben sich tiefere, dunklere Einblicke in die höfische Gesellschaft. Die Freundschaft zwischen Marcelle und Anne war ein Highlight, das leider etwas zu kurz kam. Angesichts des Klappentexts war ich davon ausgegangen, dass Anne eine größere Rolle zukommen würde, was aber nicht der Fall war. Der Fokus liegt mehr auf der Entwicklung der Beziehung zwischen Jean und Marcelle, sowie auf Marcelles eigener Charakterentwicklung beziehungsweise Erwachsenwerden. Letzteres war für mich persönlich spannender, man merkt, wie sie sich von einem ungestümen Kind in eine willensstarke junge Frau mausert, die mit ihren Worten etwas geschickter umzugehen weiß. Stichwort mausern, die Falknerei ist ein Thema, das mich nach Beenden des Buches sehr interessiert. Diskussionen um die Stellung und Rolle der Frau wurden gut und glaubwürdig anhand historisch belegter Quellen und Beispiele geführt. Allerdings stimmen die diskutierenden Charaktere einander in ihrem fortschrittlichen Denken völlig überein, es wäre vielleicht spannender gewesen, wenn man wie es sie leider auch im echten Leben gibt auch eine Frauenstimme gehabt hätte, die derart indoktriniert ist, dass sie von der eigenen Minderwertigkeit überzeugt ist. So waren die Gegner immer nur auf Seiten der männlichen Figuren, was etwas einseitig ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich von dem Ende des Romans halte. Wenn man die Liebesgeschichte als den Kern sieht, ist es wohl passend, aber ich fand, dass gerade was die Nebenfiguren anging vieles in der Luft hing. Der Schreibstil ist angenehm flüssig zu lesen; die kurzen Kapitel verführen dazu, dass man gar nicht mehr aufhört.
Alles in allem ein gelungener historischer Roman, dessen Klappentext beziehungsweise Marketing allerdings falsche Erwartungen auslöst.