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Veröffentlicht am 09.12.2024

Was, wenn nicht diese Geschichte, sollte uns eine Lehre für unsere Zeit sein

Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte
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Ein historisches Sachbuch, welches aktueller nicht sein könnte. Gerade nach dem Terrorüberfall der Hamas auf Israel und den auch in Deutschland lauter werdenden Stimmen gegen Juden ist es notwendig, sich ...

Ein historisches Sachbuch, welches aktueller nicht sein könnte. Gerade nach dem Terrorüberfall der Hamas auf Israel und den auch in Deutschland lauter werdenden Stimmen gegen Juden ist es notwendig, sich auf unsere Geschichte zu besinnen. Ohne Kenntnis der Vergangenheit gibt es keinen Weg in die Zukunft. Ein jüdischer Polsterer und sein Sohn werden nach dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland aus Wien verschleppt und auf den Weg in deutsche Konzentrationslager gebracht. Erschreckend ist bereits das Handeln ihrer österreichischen Nachbarn, die beim Schlagen, Herabwürdigen und Verschleppen der Wiener Juden danebenstehen und sogar mitmachen. Im KZ Buchenwald er- und überleben beide die Brutalität und Menschenverachtung der SS-Aufseher und ihrer willigen Helfer, der Kapos. Sie sehen die Gleichgültigkeit der Weimarer Bürger. Aber sie erleben auch die Solidarität der Mitgefangenen. Als Vater Gustav auf die Transportliste nach Auschwitz kommt, will Sohn Fritz ihn nicht allein lassen und lässt sich auch auf die Transportliste schreiben, obwohl beide ahnen müssen, was sie in Auschwitz erwartet. Parallel wird die Geschichte der Mutter Tini und Schwester Hertha erzählt, die beide in einem Massengrab bei Minsk ermordet werden. Schwester Edith schafft es nach England, heiratet und überlebt. Bruder Kurt überlebt in den USA, in die er es als eines der letzten jüdischen Kinder schafft. Ein eindringliches, faktenreiches und berührendes Buch, welches ich zur Schullektüre machen würde. Besonders bewegt hat mich das Verhalten der Wiener Nachbarn, der Bürger in Weimar und die antijüdischen Haltungen in den USA, Großbritannien und anderen nicht vom Krieg betroffenen Länder. Mitmenschlichkeit gab es wenig, selbst in Regierungen nicht und so wurden wieder Juden zu Verlierern gemacht und starben millionenfach. Was, wenn nicht diese Geschichte, sollte uns eine Lehre für unsere Zeit sein?“ Vielen Dank

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Veröffentlicht am 09.12.2024

Ein Ausnahmekünstler und Menschenverächter

Die Frauen von Picasso
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Galant wie der Diener einer hohen Herrin schützt Pablo Picasso am Strand des Golfes von Juan
mit einem riesigen Sonnenschirm das Haupt seiner jungen, strahlenden Geliebten Françoise Gilot, die er aber ...

Galant wie der Diener einer hohen Herrin schützt Pablo Picasso am Strand des Golfes von Juan
mit einem riesigen Sonnenschirm das Haupt seiner jungen, strahlenden Geliebten Françoise Gilot, die er aber bald – nun völlig ungalant und machohaft – genauso wie seine fünf Frauen vorher verstößt und das mit der Begründung, sie habe ihre venushafte Schönheit verloren. Tief verletzt verlässt sie ihn mit ihren beiden gemeinsamen Kindern. Schwerpunkt des kleinen literarischen Verlags ebersbach & simon aus Berlin sind Bücher von und über außergewöhnliche Frauen. Äußerlich erkennbar ist diese Reihe an dem blauen Leinenrücken mit der Aufschrift blue notes, edel ausgestattet, mit Fadenheftung und Fotos. Hier findet man auch weitere Bücher mit Titeln wie Brecht, Goethe, Marcel Proust und ihre Beziehungen zu Frauen, aber auch Bändchen über Erika Mann, Sophie Scholl und Frida Kahlo – alle mit etwa 140 Seiten. Wie könnte da ein Buch über den Supermacho Picasso, den bekanntesten Maler unserer Zeit, fehlen? Die Rolle, die Picasso in der Malerei spielt, sein künstlerischer Rang, insbesondere die Auflösung der festen Formen und die Betrachtung seiner Objekte von allen Seiten, ist nicht zu diskutieren. Sehr schön werden in dem Buch von Clemenz-Kirsch die verschiedenen Malperioden dargestellt und mit Bildern, leider etwas spärlich und nur in schwarz-weiß, erläutert. Aber wer mag, kann ja neben der Lektüre einfach bei Google nach den verschiedenen Bildbeispielen suchen. Und vielleicht wird der Leser ja durch die Lektüre sogar dazu angeregt, einmal dem Picasso Museum in Münster einen Besuch abzustatten, um sich einige Bilder des Meisters im Original anzuschauen. Picasso ist ein Ausnahmekünstler. In der Behandlung der ihn bewundernden Frauen ist er gleichzeitig ein Menschenverächter. Seine Geliebte Thérèse Walter hat sich erhängt, die letzte mit ihm verheiratete Frau Jacqueline Roque hat sich erschossen, Olga Khokhlova, mit der er verheiratet war, und Dora Maar endeten in Depression. Über die moralische Qualität eines Menschen, der diejenigen, die ihm einmal ganz nahe waren, so behandelt, kann man nicht geteilter Meinung sein. Im Amtszimmer der Bundeskanzlerin Angela Merkel hingen zwei Bilder des Malers Emil Nolde. Sie wurden abgehängt, als durch eine Ausstellung in Berlin bekannt wurde, dass dieser Maler, obgleich seine Kunst bei den Nazis als entartet galt, dennoch Nationalsozialist, Antisemit und Rassist war. Zu fragen ist: Wurde Nolde durch diese Enthüllung auch gleichzeitig ein schlechter Maler, dessen Bilder aus den Museen entfernt werden sollten? Was Picasso gedacht, wie er in seinem Leben gehandelt und wie er seine zahlreichen Geliebten behandelt hat – sehr gut dargestellt in diesem kleinen Bändchen von Gertraude Clemenz-Kirsch – muss, wie bei allen Kunstschaffenden Menschen, getrennt beurteilt werden von ihren Werken, wie groß der Widerspruch auch immer ist. Im Falle des Bundeskanzleramtes muss allerdings auch die politische Dimension dieser Frage mitbeachtet werden. Vielen Dank.

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Veröffentlicht am 09.12.2024

Spannendes Porträt eines Wiedertäufers

Kristus
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„Kristus. Das unerhörte Leben des Jan Beukels“ von Robert Schneider.
„Dort, wo Idee und Konzept an der Wirklichkeit versagen...“
Schon das Vorwort des historischen Romans „Kristus“ ist lesenswert.
Robert ...

„Kristus. Das unerhörte Leben des Jan Beukels“ von Robert Schneider.
„Dort, wo Idee und Konzept an der Wirklichkeit versagen...“
Schon das Vorwort des historischen Romans „Kristus“ ist lesenswert.
Robert Schneider bringt den Lesern nicht nur das kurze Leben der historischen Persönlichkeit Jan Beukels (auch bekannt als Jan van Leyden) näher. Auch die Denkweisen und religiösen Verwerfungen Anfang des 16. Jahrhunderts werden
deutlich und spannend dargelegt. Der Protagonist wächst als eines der Kinder einer münsterländischen Dienstmagd in der Nähe von Leiden, Südholland, auf. Nach einer Handwerkslehre und Stationen in einigen europäischen Großstädten kommt er als junger Mann in Münster mit der religiösen Bewegung der Täufer
in engen Kontakt. Die Täuferbewegung war im gesamten Nordwesten des Reiches eine präsente christliche Variante. Später wird Jan van Leyden aus Südholland als „Apostel“ nach Münster entsandt. Dort gelingt es den Wiedertäufern unter einer kollektiven Führung von mehreren Männern, die Mehrheit des Rates der Stadt zu erlangen. Nach Umsetzung zumindest eines Teils der religiösen und weltlichen Vorstellungen der Wiedertäufer wandelt
sich die neue Gemeinschaft in eine Alleinherrschaft und Despotie des Jan van
Leyden. Doch nach dem Bündnis des Bischofs mit dem vormaligen weltlichen Herrscher wird das radikalisierte Münster eingeschlossen und militärisch erobert. Der Autor verfolgt die Entwicklung des zuletzt als Wiedertäufer
hingerichteten Jan van Leyden präzise und bettet diese Persönlichkeit sprachlich und stilistisch ansprechend in sein zeitliches und regionales Umfeld ein. Robert Schneider füllt das 600 Seiten starke Werk nicht nur mit fast plastischen Beschreibungen von der Enge, den Gerüchen und Entbehrungen wie auch
Schmerzen innerhalb der Stadtmauern. Auch werden die allgegenwärtigen religiösen Diskussionen und auch teils düstere Schilderungen sowie schließlich die Ausweglosigkeit des Protagonisten sowie seiner Mitmenschen detailliert aufgeführt. Im Anschluss an die Lektüre sind dem Leser sowohl die Wiedertäufer, die gerade in und um Münster eine kurze, aber prägende Zeit bestimmend waren, als auch die drei Käfige am Lambertikirchturm vertraut. Vielen Dank.

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Veröffentlicht am 09.12.2024

Die Jahre 929 bis 945 lebendig werden lassen

Das Haupt der Welt
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In diesem Buch werden die Jahre 929 bis 945 lebendig. Beim blutigen Sturm auf die Brandenburg 929 durch das deutsche Heer unter König Heinrich I. wird der slawische Fürstensohn Tugomir gefangen genommen. ...

In diesem Buch werden die Jahre 929 bis 945 lebendig. Beim blutigen Sturm auf die Brandenburg 929 durch das deutsche Heer unter König Heinrich I. wird der slawische Fürstensohn Tugomir gefangen genommen. Er und seine Schwester werden nach Magdeburg verschleppt und als Geiseln gefangen gehalten. Tugomir macht sich einen Namen als Heiler, rettet Heinrichs Sohn Otto das Leben und wird dessen Leibarzt und Lehrer seiner Söhne. Doch er bleibt Geisel und ist Gefangener zwischen zwei Welten. Als sich nach Ottos Krönung die Widersacher formieren, um ihn als König zu stürzen, wendet Otto sich mit einer ungewöhnlichen Bitte an Tugomir, den Mann, der Freund und Feind zugleich ist. Überaus spannend wird ein wichtiger Teil deutscher Geschichte beschrieben. Wir lernen König Otto als Reisekönig kennen, der zwischen seinen Pfalzen hin und her reist, sich ständig im Kampf mit Franken, Sachsen, Lothringern, Slawen, seiner Mutter und seiner Brüder befindet. Detailreich beschreibt die Autorin das Leben auf den Pfalzen, auf Reisen, in slawischen Burgen. Sie beschreibt die Erweiterung Magdeburgs als Königssitz, die Gründung der Albrechtsburg in Meißen. Sie beschreibt aber auch die brutale Kampfführung jener Zeit und spart nicht mit Details über Verrat, Folter und Mord. Die Liebe kommt nicht zu kurz und beachtlich ist die Herausstellung der Rolle der Frauen. Tugomirs Schwester wird von der unterdrückten slawischen Geisel zu einer bedeutenden Illustratorin christlicher Religionsbücher. König Otto ist auf die Fähigkeiten seiner Frau angewiesen, die im Gegensatz zu ihm lesen und schreiben kann.Vielen Dank.

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Veröffentlicht am 09.12.2024

Vom Leben und Leiden einer Familie in der DDR

Ab jetzt ist Ruhe
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„Ab jetzt ist Ruhe – Roman meiner fabelhaften Familie“ von Marion Brasch. Die Autorin erzählt in diesem Buch die Geschichte ihrer Familie. Ihre jüdischen Eltern lernen sich im Exil in London kennen. Nach ...

„Ab jetzt ist Ruhe – Roman meiner fabelhaften Familie“ von Marion Brasch. Die Autorin erzählt in diesem Buch die Geschichte ihrer Familie. Ihre jüdischen Eltern lernen sich im Exil in London kennen. Nach Ende des 2. Weltkrieges kehren sie in die Sowjetzone/DDR zurück. Der Vater sieht eine Gesellschaft, in der er seine politischen Ideale verwirklichen könnte. Er stößt jedoch bald an die engen ideologischen und kleinbürgerlichen Grenzen der DDR-Funktionäre. Als Jude und Remigrant aus dem „bürgerlichen Westen“ ist er der eigenen Führung suspekt. Seine Lebenserfahrung macht ihn zu einem eisernen Parteifunktionär, der die „Nicht-Demokratie“ der DDR verteidig mit Floskeln und harter, kompromissloser Haltung. Den ältesten Sohn Thoma zwingt er in eine NVA-Kadettenschule und denunziert ihn bei der Parteiführung wegen seiner ablehnenden Haltung zum Umgang mit der CSSR 1968. Das zwingt Thomas ins Exil in die BRD. Die anderen Brüder suchen sich Nischen am Theater und im Radio. Sie zerbrechen letztlich an Alkohol, Drogen und Verzweiflung. Die Mutter wurde quasi vom Vater aus der bürgerlichen Umgebung Londons in die DDR gezwungen. Auch sie sucht und findet eine Nische, ist aber so unglücklich wie die Söhne. Marion Brasch beschreibt, wie die Familie darunter leidet, sie sich selbst verleugnet, um dem Vater zu gefallen und darüber unglücklich wird. Der Roman beschreibt das Leben von Funktionären und Intellektuellen in der DDR. Wie sie Privilegien (zum Beispiel Ferienlager auf Hiddensee) tauschen gegen Wohlverhalten und Überzeugungen. Für die Mutter mit österreichischen Wurzeln gilt „schwarzer Humor als Überlebensstrategie – bis auch das nichts mehr half“. Es ist keine Urlaubslektüre, aber ein in klarer Sprache verständlich geschriebener Familienroman. Erschienen im Verlag S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2012. Vielen Dank.

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