Moralische und ethische Grenzen
Das ferne FeuerDie junge, idealistische Anthropologie-Studentin Parvin reist für ein Projekt nach Afghanistan – in einem kleinen, abgeschiedenen Bergdorf macht sie sich auf die Spuren des Arztes Gideon Crane, der dort ...
Die junge, idealistische Anthropologie-Studentin Parvin reist für ein Projekt nach Afghanistan – in einem kleinen, abgeschiedenen Bergdorf macht sie sich auf die Spuren des Arztes Gideon Crane, der dort eine großzügige Geburtshilfeklinik errichten ließ. Seine Memoiren „Mutter Afghanistan“ sind ein Bestseller in den USA und die Spendengelder fließen in eine Stiftung, für die Parvin arbeiten möchte. Sie spricht Dari, glaubt die Kultur zu kennen und sieht sich selbst hilfreich. Aber es ist auch eine Reise zu ihrer eigenen Identität: Parvins Eltern haben vor vielen Jahren Kabul verlassen und sind in die USA immigriert, die Mutter vor Kurzem verstorben. Vor Ort in Afghanistan kommt Parvin bei Wahid unter – für dessen bei der Geburt verstorbenen Frau Ferretscha die Klinik errichtet wurde, um eine bessere Versorgung für afghanische Frauen zu erreichen. Doch Parvins Idealismus und Crane-Verehrung stoßen an viele Grenzen: Ihre Akzeptanz im Dorf ist nicht so, wie sie es sich erhofft hat, die überdimensionale Klinik verschwendet Ressourcen, ist nur an einem Tag mit einer ehrenamtlichen Ärztin besetzt und bei den Vorleserunden zu „Mutter Afghanistan“ wird klar: Crane ist ein Hochstapler und Lügner, etliche Details aus dem Buch sind erfunden.
Derweil stoßen amerikanische Besatzungstruppen ins Dorf – Colonel Trotter (auch ein Fan von „Mutter Afghanistan“ und Cranes Idee von „gütiger Macht“) wird die Zugangsstraße zum Dorf ausbauen lassen, obwohl die Dorfältesten dagegen sind. Schon bald zieht dieses Vorgehen den Krieg und Terror immer näher heran – Aufständische boykottieren den Bau und es kommt zum Kampf. Parvin freundet sich mit dem Übersetzer Asis an, führt tiefgehende Gespräche mit ihm und über seinen verantwortungsvollen Beruf als Dolmetscher zwischen Kulturen und Ländern in einem Kriegsgebiet. Und am Ende kann Parvin helfen – aber in einer unverhofften Weise, zu der sie nie professionell ausgebildet wurde.
Die Autorin Amy Waldman lässt in ihrem opulenten, bildgewaltigen und detaillierten Roman eigene Erfahrungen als frühere Auslandskorrespondentin der New York Times miteinfließen und wirft zahlreiche komplexe Fragen in einem besetzten Land auf. Welche weitgehenden und unkontrollierbaren Konsequenzen haben fehlgeleitete Entscheidungen und Interventionen aus vermeintlich humanitären Zwecken? In welche Fantasien von Wohlwollen für andere Kulturen sind wir verstrickt? Ethische universelle Dilemma und Parvins Zerrissenheit zwischen „guten Entscheidungen“ und Drang nach Anerkennung (eine Parallele zu Crane) verpackt sie präzise und eindringlich in greifbare Realität und beschreibt das Umfeld mit seinen einheimischen Zivilisten und ihren Traditionen zwischen zwei kriegführenden Seiten sehr detailgetreu und ergreifend. Parvins fast unendliche Naivität erfährt im letzten Teil eine rasante Entwicklung – ihre Erzählweise durch die Geschichte ist recht nüchtern geraten, sie blieb mir etwas auf Distanz. Umso brennender sind die moralischen Fragen, die Amy Waldmans überzeugender und nuancierter Roman aufwirft – und zwar in alle Richtungen, ohne Schwarz-Weiß-Antworten.
"Wenn ein Trickbetrüger den Idealismus in einem weckte, wenn er einem sagte, man solle in die Welt hinausgehen und Gutes tun, war das dann automatisch ein Trick?" S. 358