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Veröffentlicht am 12.02.2021

Nichts als die Wahrheit

Der Halbbart
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Talschaft Schwyz, um 1313: Der 13-jährige Ich-Erzähler und „Finöggel“ Eusebius, genannt Sebi, ist ein aufgewecktes Kerlchen, aber eher nicht für härtere Arbeit geeignet – ab und an hilft er dem Totengräber ...

Talschaft Schwyz, um 1313: Der 13-jährige Ich-Erzähler und „Finöggel“ Eusebius, genannt Sebi, ist ein aufgewecktes Kerlchen, aber eher nicht für härtere Arbeit geeignet – ab und an hilft er dem Totengräber im Dorf bei der Arbeit. Der Vater ist schon gestorben, Bruder Poli ist ein dumpfer Haudegen und „eher nur über Umwegen nett“, aber mit Bruder Geni pflegt er eine feinfühlige Beziehung. Sebi ist ein aufmerksamer Beobachter, mit seiner kindlich-naiven Art beäugt er das Dorfleben und erläutert dieses – und stellt so manches Fehlverhalten lakonisch dar. Es waren raue, blutige und brutale Zeiten im Mittelalter, besonders wenn auch noch der Marchenstreit zwischen Schwyz, den Habsburgern und dem mächtigen Benediktinerkloster Einsiedeln über Grenzgebiete herrscht. Einen Mentor und Lehrer findet Sebi bald in dem Einsiedler, Flüchtling und Sonderling „Halbbart“, der ihm mit vielen Lebensweisheiten und dem Schachspielen den Blickwinkel erweitert – auch wenn er vieles nicht richtig begreifen kann, was der Halbbart erzählt. Aber eins ist klar: mit seinem zur Hälfte fürchterlich entstelltem Gesicht hat er Schlimmes erlebt, er rückt nur zögernd damit raus – geblieben ist ein Hass auf die Habsburger, der selbst dem Halbbart den weisen Verstand raubt. Als die Mutter stirbt, kommt Sebi ins Kloster, doch die Ereignisse dort sind eher traumatisierend – er flieht und findet Unterschlupf beim Schmied und seiner Tochter Kätterli.

Sebi erlebt Einiges in der vom Glauben, Aberglauben, Himmel und Hölle, Teufel und Engel bestimmten Zeit – Gewalttätiges, Lustiges, Spannendes, Berührendes und er selbst steckt mitten in einer Selbstfindungskrise. Was soll aus Sebi werden? Noch findet er kein Spiegelbild im See für seine Berufung. Bis er aus Zufall zum ersten Mal erlebt, wie kraftvoll (und real) erzählte Geschichten werden können: Er soll die vom Schmied und Halbbart entworfene Waffe Hellebarde unter die Leute bringen – und das macht er gut. Als er auch noch in die Lehre der nimmersatten und Rauschgift süchtigen Geschichtenerzählerin das Teufels-Anneli geht, findet er seine Bestimmung: "Erzählen ist wie Seichen: Wenn man einmal damit angefangen hat, ist es schwer, wieder aufzuhören." S. 184/185.

Und während Sebi lernt, sich immer bessere Geschichten auszudenken, nimmt der Marchenstreit nach dem gewalttätigen Überfall der Dorfbewohner auf die Mönche und das Kloster nochmal richtig Fahrt auf – angeführt vom böswilligen Onkel Alisi ist die Schlacht am Morgarten zum Greifen nahe.

Charles Lewinskys Roman „Der Halbbart“ präsentiert auf knapp 680 Seiten eine Geschichte nach der anderen und formt dabei eine große, übergeordnete Geschichte. Diese ist nicht nur gespickt mit vielen klugen Lebensweisheiten und Fakten aus der Schweizer Mythologie – diese Geschichte ist selbst eine über das Geschichtenerzählen und welchen Sog und Stärke Erzähltes bewirken kann – bis es geglaubt wird. Und schwupps sind wir in der Gegenwart mit Propaganda, sogenannten Fake-News & Co.: "Das war eine sehr schöne Geschichte, Eusebius. Man wird sie bestimmt noch lang erzählen, und irgendwann wird sie die Wahrheit sein." S. 676

Der Zürcher Autor Lewinsky erschafft präzise ausgeklügelte Charaktere und präsentiert diese mit einer so erzählerischen Kraft, dass die Seiten nur so verfliegen – vieles mit Bezug zur Gegenwart, aber märchenhaft in 83 kurzen Kapiteln mit sehr treffenden Teasern verpackt wie „Das 33. Kapitel, in dem der Halbbart erzählt, was er nicht erzählen will“. Die Sprache strotzt vor Wortspielereien, Anekdoten und Freude am Fabulieren und ist ordentlich mit Helvetismen, also schweizerdeutschen Ausdrücken, gespickt. Das sorgt hier und da neben den treffenden Beschreibungen aus der Sicht eines Kindes für ein schelmisches Augenzwinkern und Humor. Doch die Gewalt und das Tragische lassen einem auch des Öfteren den Atem stocken. Am Ende ist man erstaunt, in welche spannende Epoche Lewinsky entführt hat, mit einer spielerischen Erzählkunst, wie es uns die umherziehende Teufels-Anneli gelehrt hat. Und was war jetzt wahr?

"Wenn eine Geschichte gut zu dem passe, was die Menschen ohnehin schon dächten, dann werde sie so fest geglaubt, als ob ein Engel vom Himmel sie jedem Einzelnen ins Ohr geflüstert hätte." S. 428

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Der Traum von einer Rakete

Die Erfindung des Countdowns
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Passend zum Titel erzählt Daniel Mellem die biografischen Eckpfeiler des österreich-ungarisch-deutschen Physikers und Raketenpioniers Hermann Oberth als Countdown-Zählung in der Kapitelgebung. Oberth wächst ...

Passend zum Titel erzählt Daniel Mellem die biografischen Eckpfeiler des österreich-ungarisch-deutschen Physikers und Raketenpioniers Hermann Oberth als Countdown-Zählung in der Kapitelgebung. Oberth wächst als ältester Sohn eines angesehenen Spitalleiters in Schäßburg, Siebenbürgen, auf. Anders als von seinem strengen Vater vorgesehen, interessiert er sich nicht für Medizin, sondern für die Physik. Schon als kleiner Bub liest er auf einem Boot Jules Verne, entdeckt technische Fehler im Roman und experimentiert mit physikalischer Schubkraft. Sein Traum ist es, eine Rakete zu entwickeln, um die Menschheit unbeschadet auf den Mond fliegen zu lassen. Nach einem Kriegseinsatz im Ersten Weltkrieg, wo er die Schrecken eines Krieges hautnah miterlebt und sein fröhlicher Bruder sterben wird, studiert er in Göttingen Physik und gilt schnell als schrulliger Außenseiter. Seine Dissertation zur Raketentechnik findet keine wissenschaftliche Disziplin – er wird sie später als wegweisendes Buch veröffentlichen. Währenddessen heiratet er Tilla, eine lebensfrohe Frau, die sehr viel zurücksteckt und sich um die drei Kinder fast alleine kümmert und so Oberths Rücken für fast besessene Forschungsarbeiten freihält.

Doch schon steht der nächste Weltkrieg vor der Tür – Oberth erhält ein Angebot aus der Sowjetunion, das er ablehnt. Wernher von Braun wird ihn in die Heeresversuchsanstalt Peenemünde ordern – wo er niedrige Schreibtischarbeiten erledigt, aber für den Feind nicht mehr gefährlich ist. Oberth schreibt an Hitler, wird Deutscher und entgeht in den Kriegswirren knapp dem Tod – sein Sohn wird fallen und die Tochter bei einer Explosion umkommen. Die V2-Raketen fordern während des Krieges zahlreiche unschuldige Opfer.

Nach Kriegsende lebt die Familie Oberth verarmt in ihrem neuen Heimatort Feucht, bis ein Päckchen von Braun aus den USA ankommt – er wird Oberth mit anderen Peenemünde-Nazimitstreitern in die USA holen, wo deutsche Wissenschaftler ihr technisches Wissen in der Operation Overcast zur Verfügung stellen. Oberth wird 1969 den ersten Start von Apollo 11 am Cape Canaveral noch miterleben – Mellem erzählt hier den finalen Countdown.

Hermann Oberth ist in Feucht ein Museum gewidmet und gilt als Wegbereiter der Raketentechnik und Astronautik, aber er war auch ein streitbarer Wissenschaftler. Im Roman wird sein Gedanke zur Rakete so geschildert, dass er doch nur den Frieden für die Menschheit während des Krieges wollte – Deutschland sollte schnell gewinnen. Aus seinem Traum einer Mondrakete wurde eine mörderische Kriegswaffe, die er den Nationalsozialisten anbot. Hier wird die Frage nach der Ethik in der Wissenschaft laut – Oberth stellt sich in dem Roman nur wenige, dürftige moralische Fragen. Daniel Mellem schildert seine Gedanken als Abschlussfrage im Nachwort: War Oberth seiner eigenen Verantwortung als Wissenschaftler gerecht geworden? Hatte er seine eigene Idee selbst missbraucht, als er mit den Nationalsozialisten sympathisiert hat? Diese Fragen überlässt die biografische Fiktion dem Leser – „Die Erfindung des Countdowns“ zeigt auf, mit welchen wiederkehrenden Verfehlungen und Scheitern Hermann Oberth bis zuletzt für seinen Traum der Mondrakete zu kämpfen hatte. Und auch wenn Fritz Lang bei seinem Film „Frau im Mond“ mit Oberth als wissenschaftlichem Berater an seiner Seite, den Raketencountdown erfunden hat, der bei jedem Raketenstart bis dato heruntergezählt wird, so hat Oberth der Menschheit den Traum der Mondlandung nähergebracht.

Daniel Mellem führt den Leser flüssig und präzise durch die Zeitgeschichte und verpackt eine technische Wissenschaft in einen spannenden Roman über einen Visionär, ohne den historischen Hintergrund zu vernachlässigen. Der Wissenschaftler und sein verkappter Charakter, seine unbeholfenen Beziehungen zu Familienmitgliedern und Mitstreitern sind lebendig und hervorragend herausgearbeitet. Und manche Szenen sind so prägnant beschrieben, dass sie sehr lange nachhallen – zusammen mit der Frage nach Moral und Ethik.

"Der Krieg war nicht ausgeblieben, er war auch nicht schneller vorübergegangen. Die Rakete war lediglich ein Werkzeug gewesen. Es war paradox. Wie konnte etwas, das die Wissenschaft, die pure Vernunft, erschaffen hatte, solch eine barbarische Wirkung entfalten?" S. 216

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Zwischen Leidspur und Lichtspur

Die Vögel singen auch bei Regen
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„Ich hatte Unebenheiten in mir, die man nicht mal eben so wegbügeln konnte.“

Kea von Garnier hat fast 35 Jahre Erfahrung mit psychischen Erkrankungen, Therapien und Klinikaufenthalten – alles, was für ...

„Ich hatte Unebenheiten in mir, die man nicht mal eben so wegbügeln konnte.“

Kea von Garnier hat fast 35 Jahre Erfahrung mit psychischen Erkrankungen, Therapien und Klinikaufenthalten – alles, was für andere selbstverständlich war, wie Studium, Beruf ergreifen und den eigenen Lebensunterhalt verdienen, war für sie mit Kämpfen, Rückschlägen und Krankheitsschüben verbunden. In „Die Vögel singen auch bei Regen“ hat sie ihre Lebensgeschichte verfasst – schonungslos, eindringlich, aber auch mit wunderschönen Bildern und in einer klugen, poetischen Sprache, die zwar nichts beschönigt, aber der es eine Freude ist zu folgen. Kea hat sich schon früh „anders“ gefühlt, nachdem die Mutter die Familie verlassen hat, als sie zwei Jahre alt war. Sie beschreibt es so, dass Gefühle und Dinge aus der Außenwelt zu tief in sie gelangen – Schönes wie auch Gutes. Sie entwickelt eine überbordende Angst vor dem Erbrechen, eine Essstörung, Panik- und Angstattacken, somatische Bauchschmerzen, Depressionen und eine Depersonalisations-/Derealisationsstörung. Fast romanhaft folgt der Leser Keas Stationen in ihrem Leben: Schule, Studium, Umzug nach Berlin und die ersten Lieben – letztere münden bei der Autorin in Abhängigkeit, toxische Beziehungen und einem alles umfassenden Trennungsschmerz, der ihr am Ende auch eine neue Diagnose und eine hilfreiche Klinik bietet.

„Wendepunkte sind selten die Punkte mit der schönen Aussicht.“

Kea von Garnier ist eine Wortpoetin und sehr authentisch – mit ihrem Blog und ihrem Buch möchte sie psychische Krankheiten enttabuisieren, Betroffenen Mut machen und hinterfragen, was wir als eine gesellschaftliche Norm definiert haben: Ist die Grenze zwischen „krank“ und „gesund“ eigentlich nicht zu streng gezogen und langsam obsolet? „Die Vögel singen auch bei Regen“ ist ein Mutmacher, Kraftspender und mit dem 10. Kapitel rund um das KEN-Programm auch eine kleine Hilfestellung, um einen gesunden Umgang zu verdrängten und unangenehmen Gefühlen zu entwickeln.

Und nicht nur die wunderschöne Aufmachung des Buches mit den kalligrafischen Schriftzügen, auch Keas Schreibstil hat mich begeistert. So präzise und doch mit wunderschönen Bildern über ihren Leidens- und Lebensweg zwischen Leidspur, Lichtspur und dem kräftezehrenden Aufrappeln nach vielen Rückschlägen. Viele Sätze sind mir in Erinnerung geblieben und es ist so mutig und wichtig von der Autorin, psychische Erkrankungen ins Licht zu rücken und von dem gesellschaftlichen Stigma zu befreien.

Ergreifend beschreibt sie, was es in unsere Gesellschaft bedeutet, 'anders' zu sein - aber stets mit dem Aufleuchten eines möglichen Heilungsweges, der Akzeptanz von dem Dazwischen, das Gehen kleiner Schritte, Tag für Tag. Kea hat in ihrem tiefen Leid die Kunst, die Literatur und das kreative Schreiben als Anker entdeckt und berührt nun mit ihrem intimen Einblick in ihr verletzliches Seelenleben zahlreiche Menschen.

„Ich konnte nicht mehr beeinflussen, dass meine Seele sie entwickelt hatte, aber ich konnte mich von dem Gefühl der Scham über mein Anderssein befreien. Natürlich machte ich mich damit verletzlich. Aber ich spürte, es war für mich und andere Betroffene ein richtiger Schritt.“ S. 126

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Vom Urteilen über Menschen

Just Like You
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Nick Hornby ist wieder da und mit ihm sein charmanter, unverwechselbarer Sound über Zwischenmenschliches, Musik, Fußball und dem alltäglichen Beobachten. In „Just Like You“ findet ein Pärchen zusammen, ...

Nick Hornby ist wieder da und mit ihm sein charmanter, unverwechselbarer Sound über Zwischenmenschliches, Musik, Fußball und dem alltäglichen Beobachten. In „Just Like You“ findet ein Pärchen zusammen, das gefühlt Welten auseinander liegt. Akademikerin und Lehrerin Lucy ist 42, ihre Ehe mit Paul ist wegen dessen Drogen- und Alkoholsucht gescheitert, sie haben zwei Söhne. In der angesagten Bio-Metzgerei ihres wohlhabenden Londoner Viertels lernt sie Joseph hinter der Theke kennen – 20, Schwarz, mehrere Aushilfsjobs, etwas ziellos, möchte aber eigene Musik entwerfen und DJ werden. Als er bei Lucy babysittet, kommen sich die beiden näher und die Anziehungskraft ist auf beiden Seiten vorhanden, aber es dauert noch, bis beide trotz aller Unterschiedlichkeiten ein Paar werden.

Kurzweilig und routiniert entwirft Hornby hier eine Liebesgeschichte mitten aus dem Leben, die trotz dem streckenweise aufblitzenden Humor ernste Kernthemen behandelt: Rassismus, Klassen, Milieus und – Politik: das Brexit-Votum steht vor der Tür. Und so schlittern auch Lucy und Joseph neben ihrem Altersunterschied und ihrem Bildungsgefälle durch schwierige Umstände wie Racial Profiling, das Beurteilen ihrer Beziehung von anderen, politische Ansichten, aber auch innere Konflikte wie Scham, Unsicherheit und Angst vor der Zukunft. Beide wollen auch ihrem Milieu und ihren Prinzipien treu bleiben und müssten erst herausfinden, dass es außerhalb ihrer Wohlfühlblase im Haus Kompromisse gibt, die sie eingehen müssen: Klubbesuche, Dinnerpartys, Theaterabende, Familienbesuche. Das Pärchen muss sich erst trennen, um dann wieder zueinander zu finden ohne immer nur von einer Zwischenlösung zu reden.

Im perspektivischen Wechsel und mit romantisch-humorvollen Einlagen lässt der Autor in das (Innen-)leben der beiden Protagonisten blicken, wobei Lucy hier stellenweise tiefgehender und authentischer beschrieben wird. Joseph wirkt ziellos – nicht nur, wie er bei dem Votum abstimmen soll (er macht ein Ja- und ein Nein-Kreuz), sondern auch, wie es mit seinem (Liebes-)leben und Beruflichem gestellt ist. In Lucys kreisende Gedankenwelt samt Hoffnungen und Ängsten darf der Leser tiefblicken. Und auch die Reaktionen und Auswirkungen der Beziehung auf das nähere Umfeld fängt Hornby emotional berührend auf. Und trotzdem fehlt mir in „Just Like You“ etwas die Schärfe – der Roman unterhält prima, auch wenn manche Dialoge schwer zuzuordnen sind und etwas steif rüberkommen (Sally Rooney gefällt mir in Sachen Dialogschreibung zum Beispiel besser). Der Brexit zieht sich durch die ganze Handlung und steht metaphorisch auch für die Spaltung der Lager unterschiedlicher Milieus. Hier gelingt es Hornby, das Brexit-Referendum auf den Menschen und deren Wünsche runterzubrechen und wie einige die zukünftigen Folgen eines Austritts aus der EU gar nicht abschätzen können.

Insgesamt eine leichtfüßige soziale Komödie und bittersüße Liebesgeschichte über Gegensätze, die sich anziehen - mit angeschnittenen ernsten Themen und der Frage: Soll ich jemanden wählen, der wie ich ist, oder mein Milieu mit Risiko verlassen? Und welche gefestigten Schablonen verwenden wir bei der Beurteilung eines Menschen?

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Auf Irrwegen der Rache

Malvita
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Schwer von Liebeskummer und Verrat gebeutelt, fährt die etwas unscheinbare Studentin und Hobbyfotografin Christina nach Italien – sie soll dort die Hochzeit ihrer unbekannten Cousine Marietta fotografieren, ...

Schwer von Liebeskummer und Verrat gebeutelt, fährt die etwas unscheinbare Studentin und Hobbyfotografin Christina nach Italien – sie soll dort die Hochzeit ihrer unbekannten Cousine Marietta fotografieren, nachdem die eigentlich vorgesehene Fotografin verschwunden ist. Dort angekommen, beginnt ein obskurer Trip zwischen Surrealismus und menschlichen Abgründen. Christinas unbekannter Familienzweig der Espositos samt Tante Ada, Onkel Tonio, Cousin Jordie und die Cousinen Elena und Marietta wohnen in einer Art Schloss und werden von zahlreichen blau uniformierten Bediensteten umsorgt. Der fiktive, toskanische Ort Malvita hat schon bessere Zeiten erlebt – seit der Schließung der Lederfabrik ist er fast ausgestorben und die letzten Bewohner finden Anstellung bei der nach außen gönnerhaften Familie. Doch je länger Christina auf dem gruseligen und labyrinthischen Anwesen verweilt, desto abstruser entwickeln sich die exaltierten Charaktere und die fantastische Handlung. Jeder der Familie scheint einen großen psychischen Knacks abbekommen zu haben und so manche Frauen sinnen auf Rache für das, was ihnen angetan wurde. Nicht umsonst ist Modelcousine Elena ein großer Fan von Artemisias Gemälde „Judith und Holofernes“ in den Uffizien. Als Christina zusammen mit Jordie die Leiche von Blanca – die eigentliche Hochzeitsfotografin – findet, nehmen die mysteriösen Dinge ihren Lauf und Christina will den Mord aufklären, auch wenn sie sich selbst in Gefahr begibt.

Wer hier einen Krimi trotz kriminalistischen Elementen und subtil spannender Rahmenhandlung erwartet, wird enttäuscht werden – die junge österreichische Autorin Irene Diwiak spielt mit den Genres und führt an einigen Stellen den Leser wie die Protagonistin auf Irrwegen. Sprachlich mitreißend, in einer filmischen Szenerie à la David Lynch und mit viel Zynismus taucht sie in Abgründe, reißt Fassaden herunter und lässt die Geschichte in einem gewalttätigen, leicht feministisch angehauchten Rache-Showdown enden, der in der Realität nur schwer vorstellbar ist. Hier endet Christinas surreal angehauchter Trip zu den Verwandten und der Roman hat den Leser um den Finger gewickelt. Ein außergewöhnliches Leseerlebnis, über das man länger sinniert.

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