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Veröffentlicht am 12.02.2021

Im Einklang mit dem Tuck-Tuck

Was dir bleibt
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Gladys ist aus ihrem kleinen, kanadischen Dorf verschwunden – die 76-jährige hat den Northlander-Zug bestiegen und sämtliche Nachverfolungsversuche von Freunde und Nachbarn scheitern knapp. Warum hat die ...

Gladys ist aus ihrem kleinen, kanadischen Dorf verschwunden – die 76-jährige hat den Northlander-Zug bestiegen und sämtliche Nachverfolungsversuche von Freunde und Nachbarn scheitern knapp. Warum hat die 76-jährige ihre schwer depressive und suizidgefährdete Tochter, um die sie sich aufopferungsvoll gekümmtert hat, alleine zurückgelassen? Ein Drang nach Freiheit oder steckt mehr dahinter? Gladys hat ihre gesamte Kindheit in einem fahrenden Schulzug, dem school train verbracht, der ‚Wildlingen’, Kindern in abgeschiedenen Waldgebieten, eine neue Tür zur Welt eröffnet hat. Möchte sie diesen Spuren folgen?

Ein Lehrer und zugleich Zugfan, der eigentlich an aussterbenden Zugverbindungen recherchiert, ist fasziniert von dieser Reise der Frau – er beschließt, darüber zu schreiben und Menschen zu treffen, die Gladys begegnet sind.

So entsteht eine Zusammenfügung eines Puzzles und unterschiedliche Abschweifungen in die Biografien von Menschen um die Gleisen herum – als würde der Leser selbst im Zug sitzen, darf er aus dem Fenster in unterschiedliche Leben und Lebensträume blicken und erfährt immer weitere Details über Gladys – ihre Begeisterung für das Treibenlassen im Zug im Einklang des Tuck-Tucks, dem sanften Klang der Schienenübergänge. Bildhaft, melancholisch aber auch gewitzt führt Jocelyne Saucier ihre Sprachkunst hier aus, es finden sich viele Parallelen zu „Ein Leben mehr“, aber ohne einen bestimmten roten Faden. Wie eine Flaschenpost lässt sich Gladys durch die Landschaft in Wellenbewegungen durch kanadische Dörfer, Menschen und Landschaften treiben, aber sie hat eine Aufgabe, die sich erst im letzten Teil des Buches offenbart: Sie möchte Menschen treffen, die sie auf ihrer letzten Reise des Sterbens begleiten und sie möchte jemanden Zuverlässigen finden, der sich um ihre Tochter Lisana kümmert, wenn sie nicht mehr da ist. Und wie in einem Märchen, wird sie diese Menschen finden und der Lebensstrang wird sich auch mit dem Ich-Erzähler verbinden.

Der Leser muss bereit sein, sich treiben zu lassen in diesem Buch – neben den atemberaubenden Schilderungen der school trains und über die ‚Wildlinge’ (hier wird Sauciers schriftstellerisches Können sichtbar), gibt es etwas Verlorenes und weniger einen roten Faden wie bei den zwei vorhergehenden Werken der Autorin. Saucier nimmt uns mit ins Vergängliche, Verschwundene und zeigt auf, wie verschieden Menschen mit dem Thema Tod umgehen. Verschwindende Zugstrecken, Biografien, Dörfer und Menschen – am Ende Gladys selbst, aber sie hatte die Zügel des Schicksals in der Hand, hat auf die Begegnungen im Zug vertraut und am Ende am Sterbebett all ihre Lieblinge vereint.

Durch die schriftstellerische Perspektive eines dritten Erzählers bleibt der Leser leider manchen Charakteren und Emotionen fern – er darf Einblicke erhaschen, kommt ihnen aber nicht richtig nahe. Trotzdem hallt der Roman noch immer bei mir nach – nicht das beste Werk von Saucier, aber eins, das wirken darf wie eine Flaschenpost aus der Vergangenheit, die der Ich-Erzähler weiterreicht. Der Leser blickt gespannt auf vergangene Zeiten und Menschen, die sich etwas bedeutet haben und was davon bleibt. Und der Zug in einem sehr weitläufigen Land als verbindende Ader.

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Über friedvolle Momente vor dem Sterben

What light there is
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Der mehrfach ausgezeichnete, schottische Autor und Lyriker John Burnside umkreist in seinem neuen Essay „What light there is“ assoziativ, philosophisch und autobiografisch das Vergängliche und die Kunst ...

Der mehrfach ausgezeichnete, schottische Autor und Lyriker John Burnside umkreist in seinem neuen Essay „What light there is“ assoziativ, philosophisch und autobiografisch das Vergängliche und die Kunst des Sterbens, Ars moriendi. In den vier motivisch verbundenen Hauptkapiteln „Erde“, „Himmel (über das Verlieren“), „Die Sterblichen“ und „Die Göttlichen“ geht er prägenden Erinnerungen der Kindheit nach, zitiert Walt Whitman, Matthew Arnold und Mark Strand, findet Anknüpfungspunkte in der Musik und im Arthouse-Kino. Überhaupt scheint Burnside Rat und Halt in der Kunst zu suchen, in den Filmen von Andy Warhol und Ken Loach, bei seinem Lieblingsdichter Joseph Brodsky, auf dessen Spuren er im Winter nach Venedig reist, oder in seinem Lieblingsgemälde: „Eislandschaft mit Schlittschuhläufern“ von Jan van Goyen – ein Elysium für den Dichter. Aber auch die Tagebucheinträge des kurz vor dem Tod stehenden Antarktisforschers Lawrence Oates verknüpft Burnside mit seinen Gedanken und Gefühlen. Und so wird dem Leser in gekonnter Prosa eine neue Welt mit poetischen und philosophischen Teilstücken offenbart, wie er sie vorher noch nicht gesehen hat.

Burnside arbeitet assoziativ und sehr eigen, er entwickelt Gedankenkonstrukte, lässt manche zusammenbrechen, sucht geteilte Räume des Moments, die sich auftun, Durchlässe und Schlupflöcher in der Realität (un ange passe) und das Besondere an dem Alltäglichen abseits des Trubels, des ungezügelten Konsums und dem Lärm. Schöne, stille, allgegenwärtige und friedvoll erlebte Momente vor dem Tod, vor dem Frieden im weißen Raum, den der Autor zu greifen versucht.

Aber auch um das Vergangene, das Sterbliche, das Altern und die Suche nach der Zeit, das Konservieren von Erinnerungen und das Kreisen der Gedanken um das, was wir nie besessen haben, beschäftigen den Dichter.

„ Was wir nur flüchtig sehen, haftet in der Erinnerung; nicht als etwas, das wir verloren, sondern als etwas, das wir nie ganz besessen haben, wodurch es einen größeren Zauber entwickelt als alles, was zu behalten uns gestattet ist.“

Ein sehr anspruchsvolles, aber trotzdem verständliches und präzise übersetztes Werk. Der recht kitschige, rosarote Buchumschlag mit der harmonischen Schrift und Klappentext täuscht ein bisschen um den wahren tiefgreifenden Inhalt des Buches, in dem John Burnside nicht nur um die Schönheit des Moments, sondern auch um die Kunst des Sterbens und den eigenen Tod kreist. Sehr besonders und beeindruckend!

„ Ich will das Hier und Jetzt, ich will die flüchtige Vergänglichkeit von Himmel und Jahreszeit, die subtile Schönheit des Unscheinbaren.“

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Tatendrang für mehr Gemeinschaft

Bergsalz
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Sehr poetisch beginnt Karin Kalisas neuer Roman, detailliert und bildhaft beschreibt sie das Föhnwetter in einem Allgäuer Dorf mit Blick auf die Berge. Dort wohnen mehrere verwitwete Frauen, die Kinder ...

Sehr poetisch beginnt Karin Kalisas neuer Roman, detailliert und bildhaft beschreibt sie das Föhnwetter in einem Allgäuer Dorf mit Blick auf die Berge. Dort wohnen mehrere verwitwete Frauen, die Kinder schon aus dem Haus, und leben jede für sich einsam und alleine vor sich hin. Kochen und decken den Tisch für sich alleine. Aber muss das so sein? Für Franzi nicht – als eine Nachbarin klingelt, um sich Mehl zu borgen (die Vorräte sind eigentlich immer bei allen Damen prall gefüllt), essen sie kurzerhand zusammen zu Mittag. Stück für Stück wird ein Mittagstisch mit mehreren Frauen gegründet, Standortgeheimnisse für Kräuter preisgegeben, über die nächsten Rezepte ausgetauscht. Und da merkt die Runde: Gemeinschaft tut der Seele sehr gut! Sie packen ein Graswurzelprojekt an, gründen im "Rössle" – eine etwas heruntergekommene Gastwirtschaft, in deren oberen Zimmer Flüchtlinge untergebracht sind – eine Offene Küche. Von nun an, kann hier jeder kommen zum Essen sowie Reden und die Damen kochen zusammen mit Flüchtlingsfrauen wie Esma. Und weil der Anfang gemacht ist, wird der Dorfkern noch weiterbelebt: mit Repair-Café, Hofladen, Lastenfahrrad-Verleih und einem Mehrgenerationentreff. Es entsteht eine aktive Gemeinschaft, in der sich mehrere Generationen treffen, so auch die junge Sabina, frisch aus einem Kriegsgebiet traumatisiert zurückgekehrt – hier findet sie wieder eine Heimat, zieht in das alte Einödle, das eine historische Vergangenheit besitzt. An der Wand ist ein Bundschuh gemalt – ein Zeichen für die früheren Bauernaufstände gegen Obrigkeiten. Einige dieser historischen Ereignisse schiebt die Autorin zwischen die Kapitel – ein Zusammenhang ergibt sich erst am Ende.

Insgesamt hat der Roman einige erzählerische Schwächen, was an den vielen Erzählsträngen und verschiedenen Biografien liegt und an der eher mystisch-wirren Nahtod-Erfahrung von Franzi am Ende. Trotzdem ist er sehr feinfühlig geschrieben, voller zarter und origineller bildhafter Charaktere und Formulierungen, in denen auch die Landschaft und das Essen nicht zu kurz kommen. Und „Bergsalz“ stiftet Hoffnung und Mut, sich selbst mal in der Umgebung umzuschauen – was kann verändert werden? Was führt zu mehr Zusammenhalt und Gemeinschaft, raus aus Isolierung und Einsamkeit? Dieser Tatendrang voller aktiver Ideen steckt an und ich habe mich oft in die Offene Küche geträumt. Die kleinen Schätze mitten in unserer Gesellschaft müssen nur entdeckt und angepackt werden. Und darauf macht Karin Kalisa herzerwärmend mit „Bergsalz“ Lust.

„Die Sache war ja insgesamt inzwischen so verrückt, dass es verrückt gewesen wäre, nicht weiterzumachen.“ S. 61

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Trennende, unsichtbare Mauern

Fast ein neues Leben
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„Einfacher war es, alles zu verstecken, was anders war. Deshalb versteckte ich meine Eltern, meine alte Sprache. Ich ahnte, dass ich mich selbst betrog.“ S. 62

In zwölf Episoden entfaltet Anna Prizkau ...

„Einfacher war es, alles zu verstecken, was anders war. Deshalb versteckte ich meine Eltern, meine alte Sprache. Ich ahnte, dass ich mich selbst betrog.“ S. 62

In zwölf Episoden entfaltet Anna Prizkau ein zusammenhängendes Leporello über das schambehaftete Gefühl, sich immer fremd zu fühlen – egal, wie sich die Protagonistin auch anstrengt, ihr altes Land, ihre alte Sprache zu verstecken und hinter sich zu lassen.

Die namenlose Ich-Erzählerin ist Tochter russischstämmiger Einwanderer und möchte unbedingt in Deutschland ‚dazugehören’ – doch sie stößt auf Widerstand, Anfeindung und Ignoranz, teils subtil, teils offensiv. Prizkau entwirft dabei eindringliche, aber keine aufdringlichen Kurzgeschichten, die nicht chronologisch angeordnet ein beklemmendes Bild von dem Heranwachsen der Erzählerin zeichnen: Schulzeit, Studium, Arbeitsamt, erste Berufserfahrungen, Familienbesuche im alten und neuen Land, Freundschaften, erste Beziehungen. Manches wirkt wie aus Erinnerungen zusammengewürfelt und bringt auch die naive Sicht eines Kindes mit ins Spiel – was umso beklemmender nachhallt.

Beobachtet die Autorin ihre Charaktere zwar recht distanziert aus der Ferne, gibt sie dennoch eine präzise Innenansicht von Einwanderungsland, Menschen und kulturellen Unterschieden ab. Feine, subtile Sprachbilder wechseln mit der Härte des Nichtankommens und der Herabwürdigung. Die psychische Krankheit der Mutter nach der Einwanderung hängt wie ein Damoklesschwert über den Erzählungen, in denen die Protagonistin mit allen Mitteln versucht, ihre Eltern und Herkunft zu verschweigen. Doch nicht nur sie spielt Verstecken – auch so manche Mitmenschen tun dies, indem sie alte Naziverstrickungen der Familie, Essstörungen oder auch ihre Herkunft verleugnen – letztere werden von der Erzählerin nicht geschätzt, spiegeln sie doch ihr eigenes Verhalten wider. Und so enttarnt Prizkau sehr gekonnt menschliche Grundmuster, eingebettet in zwölf atmosphärischen, traurigschönen Erzählungen, die sich am Ende zu einem dichten Episodenroman zusammenfügen. Auch durch den Kniff, nicht alles auszuerzählen und eher eine knappe Sprache zu verwenden: Das Schöne und Wesentliche schwelt im Ungeschriebenen. Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Erzählungen universell für jede Einwanderergruppe aus jedem „alten Land“ stehen kann und verschiedene Milieus anspricht.

Auf trennende, unsichtbare Grenzen der Zurückweisung und des Fremdseins stößt die Protagonistin im „neuen Land“ immer wieder – und doch wirkt sie sehr kraftvoll, was dem Buch eine große Hoffnung zwischen all der Traurigkeit und Verlorenheit verleiht.

Ein wichtiges, poetisches und melancholisches Werk – ohne Sentimentalität und Ausschmücken, aber mit großer Wucht.

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Ein Leben für die Gerechtigkeit

Annette, ein Heldinnenepos
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Ein ungewöhnlich experimentierfreudiger und gelungener Roman über eine noch außergewöhnlichere Frau – Anne Weber hat der Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir ein geschriebenes ...

Ein ungewöhnlich experimentierfreudiger und gelungener Roman über eine noch außergewöhnlichere Frau – Anne Weber hat der Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir ein geschriebenes Denkmal voller Originalität und sprachlich einzigartiger Finessen gewidmet; ein fast schon gesungenes, modernes und rhythmisches Epos ohne Mystifizierung oder politisch-moralischem Zeigefinger und mit viel subtilem Humor sowie umwerfenden Sprachbildern.

Mit 16 tritt die in einem bretonischen Fischerdörfchen geborene Anne, genannt Annette, in die Résistance ein, versteckt und rettet jüdische Kinder vor den Nationalsozialisten in Frankreich, wird Kommunistin und in den 50er-Jahren Kofferträgerin der algerischen Befreiungsbewegung FLN. Getrieben im Einsatz für eine gerechte, freie und gleiche Welt, muss die gelernte Neurophysiologin und Ehefrau auch ihre drei Kinder hinter sich lassen – sie wird zu einer 10-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt und lebt nach der Flucht im Exil.

Anne Weber erzählt Annettes bewegende und spannende Biografie mit großartiger Erzählkunst abseits des Gängigen in melodischen Versen und mit vielen sprachlichen Spielereien auf hohem Niveau – und Sprecherin Christina Puciata setzt der großen Kunst mit ihrer Intonation und dem präzisen Einsatz ihrer zauberhaften Stimme noch eins drauf. Es ist ein Vergnügen, den Lebenspassagen Annettes, eingebettet in großen historischen Weltereignissen in Versform zu lauschen – Puciata spricht als Eposerzählerin die Zuhörer gewitzt an und nimmt sie sogartig mit auf eine biografische Reise, jeder Vers, französischer Ausdruck oder eingeschobene Zitate von Camus treffsicher betont. Grausame Gräueltaten gewinnen durch eine feine, subtile Ironie an Distanziertheit und in den kleinen Pausen kann der Hörer in Annettes Innenleben, Gedankenwelt und Zwiegespräche voller Poesie tauchen.

Anne Weber hat mit „Annette, ein Heldinnenepos“ trotz heldenhafter und entschlossener Taten keine Hagiografie geschaffen, sondern den außergewöhnlichen Lebensweg einer Frau erzählt, der auch Freiraum zum kritischen Hinterfragen lässt - zahlreiche unschuldige Opfer gehen beispielsweise auf das Konto der FLN.

Ein hochwertiger Hörgenuss mit ergreifender Stimme und Sprache - von Anfang bis zum Ende!

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