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Veröffentlicht am 13.04.2022

Wald aus Feuertreppen

Auf der Zunge
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Die amerikanische Schriftstellerin Jennifer Clement entführt in ihrem neuen rund 150 Seiten kurzen Werk „Auf der Zunge“ surreal und lyrisch auf einen Spaziergang durch Manhattan, East Village, und in die ...

Die amerikanische Schriftstellerin Jennifer Clement entführt in ihrem neuen rund 150 Seiten kurzen Werk „Auf der Zunge“ surreal und lyrisch auf einen Spaziergang durch Manhattan, East Village, und in die träumerische Gedankenwelt einer Frau.

Nur als die Frau bezeichnet, verlässt diese ihre Wohnung und begibt sich auf einen mystischen Streifzug durch Alphabet City – die Liebe der Bibliothekarin zu ihrem Anwalt-Mann ist verblasst, sie fühlt sich teils schuldig und sinniert gedanklich über ihre geheimen Träume und Sehnsüchte. Bei ihrem verzweigten Gang in Bars, aber auch auf den Straßen, die in diesem Stadtteil charakteristisch durch viele Feuertreppen geprägt sind, begegnet sie Männern, die sie kurz und auf fantastische Weise in andere Welten versetzen. Kapitelweise als der Arzt, Polizist, Soldat oder Dichter betitelt, sind die mystischen Begegnungen teils poetisch-verwirrend, philosophisch und auch von den assoziativen Gedanken der Männer geprägt, die sich fiebertraumhaft in die der Frau verweben. Daneben fließen auch kleinere Sequenzen über die jüdische Herkunft und lang vergangene Feuerunglücke der Stadt mitein, aber auch sehr eindringlich die Liebe der Bibliothekarin zu Büchern.

„Während sie durch die Regalreihen marschiert, denkt die Frau an Leuchtkraft. Alle Bücher, die sie je gelesen hat, bewegen sich in ihr und bilden Äste in ihren Adern, die ebenfalls Äste sind. Die Bücher beleuchten sie von innen.“ S. 125

Zum Ende des lyrisch-dichterischen, melodischen und faszinierenden Werks verdichten sich die traumgleichen Begegnungen und erscheinen noch unwirklicher – da tauchen ein Astronaut, Räuber und ein Löwenbändiger auf, vermischen sich mit Vergangenem , den Fantasien und Lebensmut der Frau und den repetitiven hohen Feuertreppen, bis die Frau wieder ihre Wohnung erreicht und sich einen Tee zubereitet.

Jennifer Clement, die mit dem bewegenden und bereits verfilmten Roman „Gun Love“ erfolgreich war, hat hier ein außergewöhnliches und sehr sinnliches Werk geschaffen, das sich keinem Genre zuordnen lässt und ein etwas kreatives Einlassen auf die Zeilen seitens des Lesers erfordert. Dann regt es schriftstellerisch versiert zum eigenen fantasiereichen Reflektieren über geheime Träume, Wünsche und Leidenschaften an.

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Veröffentlicht am 13.04.2022

Gesetze der Kinderwelt

Die Molche
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In seinem Debüt „Die Molche“ taucht Volker Widmann szenisch tief ein in das betrübte Nachkriegsdeutschland und zeichnet mit einer düster-dichten Atmosphäre eine schmerzvolle Lebensepisode des 11-jährigen ...

In seinem Debüt „Die Molche“ taucht Volker Widmann szenisch tief ein in das betrübte Nachkriegsdeutschland und zeichnet mit einer düster-dichten Atmosphäre eine schmerzvolle Lebensepisode des 11-jährigen Max nach.

Dieser ist zusammen mit seiner Familie ein Zugezogener in einem kleinen bayerischen Dorf und findet nur schwer Anschluss – sein Vater ist unter der Woche berufsbedingt abwesend, in sich gekehrt und auch gewalttätig. Auf langen Streifzügen durch die Natur und Wälder beobachtet Max sehr detailliert und poetisch die Schönheiten der Tier- und Umwelt und sucht Trost vor einer unliebsamen Erwachsenenwelt voller Verschwiegenheit, Kriegstraumata und Gewalt. Doch die seelischen Verletzungen wurden auch auf die Kinder weitergegeben und so tyrannisiert der extrem gewalttätige Tschernik zusammen mit seiner Bande die Heranwachsenden im Dorf – und tötet bei einem Überfall Max' verträumten und herzkranken Bruder mit Steinschlägen. Auch hier verschließen die Erwachsenen die Augen und sehen den Vorfall als Unglücksfall eines kranken Jungen, während Max als Beobachter des Geschehens geplagt von Schuldgefühlen und Schmerz tief leidet.

In dem heißen Sommer entdeckt er zudem seine eigene Sexualität und sammelt neben seinen geliebten Molchen auch erste prägende Erfahrungen bei den Mädchen. Mit den ersten Fernsehgeräten, geheimen Spielen und Verstecken wie das verlassene Bahnwärterhäuschen oder ein Schuppen, der als Varieté-Bühne dient, erschaffen sich die Kinder, die viel zu schnell erwachsen werden müssen, ihre eigenen geheimen Gesetze zu mehr Freiheit sowie Aufbegehren und als Max erste richtige Freunde findet, schmieden sie gemeinsam einen Racheplan an Tschernik und seinem Gefolge.

Mit vielen präzisen Beobachtungen und Schilderungen der Nachkriegszeit wie der schweren häuslichen Arbeit, der Gewalt von Kriegsversehrten und in der Schule belegt Volker Widmann sein Debüt mit einer dichten und bedrückenden Atmosphäre aus der Perspektive von Kinderaugen, die durch zahlreiche längere Passagen von poetischen Naturbeobachtungen bereichert, aber auch in der Dramaturgie unterbrochen wird. Die Flucht der Kinder in ihre eigene Welt ist stellenweise packend und doch manchmal nicht authentisch für einen 11-jährigen Jungen, was seine poetisch-melancholische Sichtweise und sexuellen Handlungen betrifft. Auch wirken manche Dialoge etwas hölzern und sperrig.

Und trotzdem ist es eine kraftvolle und faszinierende Coming-of-Age-Geschichte, die den Leser auf eine Zeitreise in die 1950er-Jahre entführt und mit den subtil-feinen und fantasiereichen Entdeckungen der Kinder auf ihren Streifzügen in ruhig erzählten Tönen fesselt. Auch die schwerwiegende Enge und emotionale Vernachlässigung der Kinder in dieser Nachkriegszeit ist berührend zu spüren und das Finale spannend konstruiert. Eine ausgewogenere Gewichtung der ansonsten sehr schönen lyrischen Einschüben, die den Lesefluss weniger bremst und dafür noch feinfühliger in eine Kinderseele blickt, wäre von Vorteil gewesen.

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Veröffentlicht am 07.04.2022

Die Stadt im Menschen

Die Wächterinnen von New York
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Die erfolgreiche amerikanische Fantasy-Autorin N.K. Jemisin lässt in ihrem opulenten und spannenden Trilogie-Auftakt die Metropole New York anhand von sechs Superhelden menschlich und organisch werden. ...

Die erfolgreiche amerikanische Fantasy-Autorin N.K. Jemisin lässt in ihrem opulenten und spannenden Trilogie-Auftakt die Metropole New York anhand von sechs Superhelden menschlich und organisch werden. In „Die Wächterinnen von New York“ ist die Stadt gerade noch bei der Geburt, als die bösartige Frau in Weiß mit riesigen Tentakeln und sonstigen aggressiven Manövern versucht, alles zu untergraben und zu zerstören. In Gestalt von sehr unterschiedlichen, szenisch-dicht gezeichneten Avataren, die jeweils ihren Bezirk wie Queens, Staten Island, Manhattan, Bronx oder Brooklyn personifizieren und schützen, kommt tatkräftige Hilfe mit vielfältigen Superkräften und Subkulturen.

Jemisin zeichnet dabei die Charaktere sehr lebendig, queer und politisch engagiert – jeder Avatar hat seine eigene Redensart sowie Lebensweise und verkörpert nicht nur mit Leib und Seele einen Stadtteil, sondern auch gesellschaftskritische, soziologische und kulturelle Aspekte, die anfangs ausführlich vorstellt werden. Einer von ihnen ist nicht nur ein Graffiti-Held ohne festen Wohnsitz, sondern auch oberster Beschützer des gesamten New York. Unterstützung und Ratschläge im Kampf gegen die Bedrohung erhalten sie von São Paulo, London und Hongkong in Person – bereits geborene Metropolen.

Gemeinsam treten sie actionreich und filmreif, aber auch in vielen Dialogen hinterfragend in den Kampf, aus dem sie alle verändernd hervortreten und durch ihre individuellen Eigenarten erschafft Jemisin nebenbei noch eine vielfältige und tiefsinnige Hommage an New York und seine Stadtteile. Gekonnt verstrickt sie fantastische Elemente mit der Realität und so haben die Superhelden nicht nur bildgewaltig gegen monströse „weiße“ Tentakel, sondern auch emotional gegen Rassismus, Homophobie sowie globale Immobilienhaie, horrende Mieten und die ausufernde Gentrifizierung zu kämpfen.

Eine kluge, soghafte und politisch packende Urban-Fantasy-Geschichte, die gekonnt mit viel derb-humorvoller Umgangssprache, aber auch wissenschaftlichen Segmenten eine atmosphärische Mischung aus Apokalypse und demografischer Sozialstudie entwirft und den Spannungsbogen mit diversen Angriffen auf mehreren Ebenen rasant hält. Die vielen beschriebenen Örtlichkeiten in New York in dem über 500 Seiten starken und flüssig geschriebenen Epos erfordern entweder etwas Ortskenntnisse oder das Einlassen auf fiktionale Weise. Das fulminant-magische und emotionale Finale mit plötzlichem Ende erhöht die Spannung auf den zweiten Teil, in dem New York atmet, lebt und eine freie Seele hat.

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Veröffentlicht am 06.04.2022

Fehlende Puzzleteile einer Familie

Die Wahrheit und andere Erinnerungen
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Ausgezeichnet mit dem Penguin Literary Prize 2019 erscheint das bewegende Debüt der australischen Autorin Imbi Neeme nun auf Deutsch – dabei erkunden zwei ungleiche Schwestern die eigenen Traumata der ...

Ausgezeichnet mit dem Penguin Literary Prize 2019 erscheint das bewegende Debüt der australischen Autorin Imbi Neeme nun auf Deutsch – dabei erkunden zwei ungleiche Schwestern die eigenen Traumata der Familie, verwebt in unterschiedliche Erinnerungen und Wahrheiten der Vergangenheit, die jahrzehntelang bis in die Gegenwart wirken.

Vor mehr als dreißig Jahren hat sich der Wagen der Schwestern Nicole und Samantha auf einer Straße in Westaustralien überschlagen – am Steuer saß ihre alkoholkranke Mutter Tina. Zwar wurden die jungen Mädchen nicht schwerwiegend verletzt, aber der seelische Schmerz über die Unsicherheiten mit dem Leben einer suchtkranken Mutter sowie viele unausgesprochene Verletzungen quälen die Schwestern noch Jahre später in ihrem Erwachsenenleben. Während Samantha die Kontrollierte spielt und ihr Leben mit Ehemann und Tochter scheinbar im Griff hat, kämpft sie unterbewusst mit einer anderen Samantha, die wie ihre Mutter zur Alkoholsucht neigt. Überfordert mit den Anforderungen an eine junge Mutter und mit den Dämonen aus der Vergangenheit, scheint sie zu den gleichen Fehlern wie Mutter Tina zuzusteuern. Nicole hatte kein glückliches Händchen mit Beziehungen und leidet an wenig Selbstbewusstsein – mit ihrem jetzigen Freund samt Reichtum scheinen sich die Dinge für sie in eine bessere Richtung zu entwickeln, doch sie leidet sehr an einer vergangenen Fehlgeburt und an ihrer Kinderlosigkeit.

Ständige Reibereien und Missverständnisse, konträre Ansichten und verschüttete Konflikte innerhalb der Familie haben die Schwestern auseinanderdriften lassen und zu einer verbitterten, spärlichen Kommunikation geführt. Dann stirbt Mutter Tina quälend an ihrer Alkoholsucht und Leberversagen im Krankenhaus – kann dieses einschneidende Ereignis die Schwestern wieder zusammenbringen und ihre unterschiedlichen Sichtweisen auf die schmerzvolle Vergangenheit zusammenfügen?

Imbi Neeme hat ihre berührende und empathische Familiengeschichte klug konstruiert – mit vielen auktorial erzählten und zeitlich bunt gewürfelten Sequenzen aus der Vergangenheit, die wichtige Ereignisse der zerrütteten Familie in Kindheit und Jugend schildern, verzweigt mit der persönlichen Sichtweise von Nicole und Samantha nach dem Tod ihrer Mutter aus der Ich-Perspektive. Dabei zoomt die Autorin multiperspektivisch sehr nah heran an ihre dicht gezeichneten Protagonistinnen sowie ihre persönlichen Probleme und schafft mit vielen frech-zornigen Dialogen eine fast filmreife Atmosphäre, die aber das Setting in Australien fast unberücksichtigt lässt. Feinfühlig und detailliert greift sie die unterschiedlichen, nicht verlässlichen Erinnerungen sowie Schuldgefühle der Schwestern auf und lässt Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven zart zusammenlaufen, bis eine ausschlaggebende Wahrheit aufbricht, die sich auf den Unfall im Jahre 1982 bezieht.

Der Originaltitel „Die Verschüttung“ passt dabei präzise, da die Familie durch verschüttete und transgenerationale weitergegebene Konflikte und Traumata im Wirrwarr gefangen ist. Eindringlich und mitfühlend zeigt Neeme dabei auch das tiefe Leid auf, das ein alkoholkrankes Elternteil samt Weitergabe der Sucht verursacht. Insgesamt ein gutes, warmherziges und unterhaltsames Debüt zwischen Jugendbuch und Erwachsenenroman, das subtil die fehlenden Erinnerungs-Puzzlestücke einer Familie zusammensetzt und Verluste, Ungesagtes sowie das Tragische aufspürt, um dabei auch das Humorvolle, Tragende und die Hoffnung zu finden. Stellenweise hätte eine Straffung der manchmal redundanten Ereignisse sowie eine Präzisierung und mehr Tiefgang der vielen, teils derben Dialoge gut getan – und doch entlässt Neeme den Leser nach ihrem intimen Porträt einer komplizierten Schwesternschaft mit einem warmen Gefühl im Bauch und dem erwartungsvollen Ausblick, was noch von ihr veröffentlicht wird.

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Veröffentlicht am 04.04.2022

Satirisch-pointierte Essays

New York und der Rest der Welt
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Nicht erst seit der Scorsese-Netflix-Serie „Pretend it’s a City“ genießt Fran Lebowitz Kultstatus in den USA – schon seit den 1970er-Jahren nimmt die 71-jährige New Yorkerin, Kulturkritikerin und Warhol-Bekannte ...

Nicht erst seit der Scorsese-Netflix-Serie „Pretend it’s a City“ genießt Fran Lebowitz Kultstatus in den USA – schon seit den 1970er-Jahren nimmt die 71-jährige New Yorkerin, Kulturkritikerin und Warhol-Bekannte die Alltäglichkeiten und Absurditäten ihrer Großstadtbewohner sardonisch und scharfsinnig beobachtend aufs Korn. Jahrelang litt sie unter einer Schreibblockade, doch ihre älteren Texte aus den 1970er- bis 90er-Jahren erscheinen nun erstmals auf Deutsch. So hat der Leser nun die außergewöhnliche Möglichkeit einer kleinen facettenreiche Zeitreise, durch die sarkastische und zynische Brille von Lebowitz die Menschen und ihre Angewohnheiten in vielerlei Aspekten zu betrachten und die bissig-präzisen Ratschläge von Fran kennenzulernen.

Fran analysiert und kommentiert in ihren pointiert-intelligenten Essays alles und alle mit bitterbösem und messerscharfem Humor – nichts und niemand ist vor ihr und ihrem opulenten Wortwitz sicher. Ob Rauchen, Kinder und Haushalt, Essen, Beruf, Kunst und Kultur, Wohnungssuche, Mode, Literaturbetrieb etc. – in „New York und der Rest der Welt“ lässt sie sich mit tiefsinniger Komik nicht nur über ihre Mitmenschen und ihre Ticks, sondern auch über ihre eigenen Schrullen sehr amüsant und mit kreativ-assoziativen und schnell aufeinander folgenden Sprachgedanken aus. Dabei sind die hintersinnigen Kurzgeschichten und Betrachtungen unterschiedlich kurz und nicht jede ist in ihrer Treffsicherheit gleich stark und interessant. So manch böser Witz bleibt dem Leser auch im Halse stecken, während andere brillant zum weiteren Reflektieren über eigene Lebensmuster oder anderem gesellschaftlichen Irrsinn anregen.

Lebowitz' kluge, schonungslose und zeitlose Satire aus der Ich-Perspektive ist sehr unterhaltsam, selbstironisch und rasant – und ist am besten in kleineren Happen zu genießen, um das gesamte intellektuelle und gesellschaftskritische Hinterfragen in dieser Zeit zu erfassen. Ihre literarisch eigenwillige und angriffslustige Lebensberatung mit Blick auf das urbane Leben und der Selbstbeobachtung ist ein scharfzüngiger Ratgeber der humoristischen Art und könnte auch in Deutschland zum Kult werden.

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