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Veröffentlicht am 25.04.2026

Wenn Freiheit verboten wird - Eine beklemmende Parabel

Der letzte Sommer der Tauben
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MEINE MEINUNG

In seinem beeindruckenden neuen Roman Der letzte Sommer der Tauben erzählt Abbas Khider von einer Gesellschaft, die sich unter der sich allmählich ausbreitenden Terrorherrschaft eines islamistischen ...

MEINE MEINUNG

In seinem beeindruckenden neuen Roman Der letzte Sommer der Tauben erzählt Abbas Khider von einer Gesellschaft, die sich unter der sich allmählich ausbreitenden Terrorherrschaft eines islamistischen Kalifats immer weiter verdüstert. Im Mittelpunkt der bedrückenden Geschichte steht der vierzehnjährige Ich Erzähler Noah, der mit seiner Familie in einer Stadt lebt, deren Namen bewusst unerwähnt bleibt. Khider verzichtet bewusst auf konkrete geografische und zeitliche Verortung, wodurch der Roman eine beklemmende Allgemeingültigkeit erhält. Die schleichende Veränderung des Alltags ist nicht auf einen Ort beschränkt, sondern ist universell und könnte in vielen totalitären Diktaturen und fundamentalistischen Regimen geschehen. Noahs größter Stolz ist seine Taubenzucht hoch über den Dächern seiner Stadt. Von diesem kleinen Rückzugsort aus beobachtet er ihren Flug und verbindet mit ihnen ein Gefühl von Schönheit, Ruhe und Weite, symbolisieren diese wunderschönen Vögel doch Freiheit und vertrauensvolle Bindung. Als die neuen islamistischen Machthaber jedoch zunehmend das öffentliche und private Leben streng zu kontrollieren beginnen, gerät seine fragile Welt zunehmend unter Druck und das vertraute Umfeld verwandelt sich in ein System aus Verboten, Angst und wachsender Gewalt. In kurzen, Schlaglicht-artigen Kapiteln werden wir Zeugen eines schleichend um sich greifenden Ausnahmezustands. Jedes für sich genommen eher unspektakulär, entfalten sie dennoch in ihrer Abfolge eine beklemmende Wucht.

Khider versteht es hervorragend, die tief in den Alltag eingreifende Ideologie und Veränderungen äußerst anschaulich und nuanciert zu beschreiben. Ob nun das Verschwinden der Musik aus den Cafés, das Verhüllen der Frauen, Schwärzen von Bildern oder das Konfiszieren und Verbrennen von verbotenen Gegenständen - die rigiden Maßnahmen und religiösen Vorschriften dringen Schritt für Schritt bis in die kleinsten Bereiche des Alltagslebens vor. Dinge, die vorher selbstverständlich waren, werden plötzlich verdächtig oder verboten, so dass sich immer deutlicher die umfassende Umstrukturierung des Lebens offenbart. In eindrücklichen Szenen, in denen das Banale bisweilen ins Groteske kippt, wird die Absurdität der Ideologie ebenso greifbar wie ihre zerstörerische Konsequenz.

Um die Brutalität des Systems sichtbar zu machen verzichtet Khider in seiner eindringlich erzählten Geschichte bewusst auf Pathos und dramatische Überhöhung. Der schlichte, prägnant gehaltene Sprachstil passt hervorragend zu der Perspektive des jugendlichen Ich-Erzählers, der vieles zunächst nur bruchstückhaft versteht und viele Vorgänge mit Staunen, Angst und Unverständnis wahrnimmt. Gerade Noahs scheinbare Naivität legt die Widersprüche, Grausamkeiten und Absurditäten der neuen Gegebenheiten umso schonungsloser frei. Gekonnt lässt Khider zudem eine leise, oft bittere Ironie einfließen, die sich vor allem in beiläufigen Bemerkungen und im familiären Miteinander zeigt.

Zu den stärksten Charakteren gehört die Figur des widerständigen Onkels Ali, der trotz der Verbote heimlich raucht, trinkt und schreibt. Als ein stiller, ironischer und weiser Gegenpol zu den sich die immer weiter zuspitzenden Verhältnissen erklärt er Noah die politischen Hintergründe und eröffnet ihm durch seine stille oppositionelle Art einen Raum des Denkens und Zweifelns. In ihm verdichtet sich ein widerständiger Rest von Eigenständigkeit in dieser trostlosen Zeit.Khider versteht es, die wachsende Bedrohung nicht über spektakuläre Zuspitzungen, sondern über Verdichtung zu verdeutlichen. Gekonnt zeichnet er ein bedrückendes, aber auch sehr bewegendes Bild davon, was religiöser Fanatismus im Alltag anrichtet.

Der Raum, in dem sich Noah bewegen kann, wird Schritt für Schritt enger, das Misstrauen wächst, Beziehungen zerbrechen oder werden von Angst unterwandert. Öffentliche Gewalt wie Verhaftungen, Misshandlungen oder sogar Steinigungen ist keine Ausnahme, sondern logische Konsequenz eines Systems auf, das sich über absolute Deutungshoheit definiert.

Geschickt hat der Autor die Tauben als zentrales Motiv seines Romans gewählt. Sie stehen nicht nur für Noahs Leidenschaft, sondern symbolisieren zudem eine Idee von Freiheit, die sich dem Zugriff der Macht und Kontrolle zunächst entziehen kann. Als sogar das Taubenzüchten schließlich verboten wird und der Himmel selbst zum verdächtigen Raum deklariert wird, fällt schließlich auch der letzte Rückzugsort. Eindrucksvoll führt Khider uns hierbei vor Augen, dass eine Herrschaft, die den freien Flug fürchtet, letztlich jede Form von Autonomie fürchtet und unterdrücken will. Ein beklemmender Ausklang angesichts von Noahs fatalen, unwiederbringlichen Verlusts und seiner äußerst ungewissen Zukunft, aber auch ein kleiner hoffnungsvoller Ausblick, dass sich ein kleiner Rest Widerstand gegen eine vollständige Unterwerfung regt.

FAZIT

Ein beeindruckender, leiser Roman, der mit großer Eindringlichkeit vom Alltag unter religiösem Fanatismus und schwindender Freiheit erzählt..
Es ist ein ebenso beklemmender wie berührender Roman, der lange nachwirkt! Sehr lesenswert!

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Veröffentlicht am 25.04.2026

Die Vermessung der Sprache - Ein origineller, aber herausfordernder Roman

Schleifen
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MEINE MEINUNG
Elias Hirschls neuer Roman "Schleifen" ist ein hochkomplexes, intellektuell höchst herausforderndes Werk von seltener Eigenwilligkeit, das geschickt zwischen Sprachtheorie, Gesellschaftssatire ...

MEINE MEINUNG
Elias Hirschls neuer Roman "Schleifen" ist ein hochkomplexes, intellektuell höchst herausforderndes Werk von seltener Eigenwilligkeit, das geschickt zwischen Sprachtheorie, Gesellschaftssatire und absurdem Witz changiert. Es quillt über vor originellen Einfällen, groteske Sprachspielereien, bissiger Ironie und subversiver Gesellschaftskritik. Nach seinem viel beachteten Roman Content widmet sich Hirschl nun der Sprache selbst als Grundlage von Erkenntnis Verständigung und Macht, als Instrument der Kontrolle aber auch der Rebellion. Der Roman fordert uns durch seine sprachliche Virtuosität, die labyrinthischen Gedankenschleifen und philosophischen Exkurse heraus, belohnt uns aber auch mit einer Fülle an Ideen, schwarzem Humor und gedanklicher Schärfe.

Im Mittelpunkt steht zunächst die 1936 in Wien geborene Franziska Denk, eine passionierte Sprachforscherin mit einer merkwürdigen Krankheit. Sie entwickelt die Krankheitssymptome von historischen Seuchen und Leiden bis hin zu imaginären Gebrechen, sobald sie von ihnen liest oder hört. Ihre Begegnung mit dem lernt die den Mathematiker und Logikexperten Otto Mandl im Umfeld des Wiener Kreises bildet den Ausgangspunkt für ein für ein Gedankenspiel über Zeichen, Logik und die Grenzen der Verständigung. Gemeinsam suchen sie nach einer vollkommenen, „heilenden“ Sprache, die als Kommunikationsform ohne Mehrdeutigkeit und Ansteckung durch Irrtum oder Emotion dienen soll. Was zunächst mit der allmählichen Abschaffung der Schriftsprache als ein absurdes Gedankenspiel beginnt, entwickelt sich immer mehr zu einem überzeichneten, dystopischen Zukunftsszenario. Diese Welt kennt keine Worte mehr, Medikamente löschen Gedanken und Emotionen und stumme Extremisten übernehmen die Macht.
Mit spürbarer Freude an gedanklicher Übertreibung entfaltet Hirschl eine bitterböse Parabel auf den Zustand moderner Gesellschaften. So führt er uns die gesellschaftliche Verflachung und den Verlust kollektiver Vernunft in einer Welt vor Augen, in der Kommunikation zwar ständig stattfindet, aber absolut bedeutungslos ist
Vom esoterischen Ministaat „Wodot“ über totalitäre Pseudoreligionen bis zu einem Regime sprachloser Fanatiker spannt sich eine Satire, die in ihrer Überzeichnung erschreckend gegenwärtig wirkt. Hirschl seziert den Kult um Selbstoptimierung, die Ersatzreligion der Kommunikation und die naive Sehnsucht nach Eindeutigkeit in einer Welt aus Rauschen. Gekonnt zeigt er mit seiner satirischen Verdichtung auf, wie moderne Sinnsuche ins Sinnlose kippt. Gleichzeitig entlarvt er die Sprache der Wissenschaft und Kunst als ein hochkomplexes System, das sich als ein intellektuelles Perpetuum mobile der Selbstbezüglichkeit.im Kreis dreht. Geschickt demonstriert der Autor in der köstlich überdrehten Kafka-Episode, wie die irrationale Lust am Überinterpretieren jede Grenze zwischen Fakt und Fiktion verwischt und Analysewut selbst zur Krankheit werden kann.
Voller sprachlicher Finessen, überbordender Kreativität und humorvoller Ideen führt Hirschl uns durch ein beeindruckendes Kaleidoskop aus überschäumenden, provokanten Gedankenexperimenten. Fiktive Quellenangaben, anagrammatische Spiegelungen, mathematisch-linguistische Rätsel, ausufernde Fußnoten sowie die wiederkehrende, den Titel widerspiegelnde Schleifen-Metapher bilden ein dichtes Netz aus subtilen Anspielungen. Die Geschichte windet sich in Schleifen, reflektiert sich selbst, widerspricht sich und schafft gerade dadurch eine faszinierende Dynamik. Trotz aller der inhaltlichen Dichte bleibt dieser anspruchsvolle Roman erstaunlich unterhaltsam, getragen von pointierter Sprache, feinem Humor und einer fast spielerischen Intelligenz, und regt darüber hinaus sehr zum Innehalten und Nachdenken an.

FAZIT
Ein brillantes, überbordendes und zugleich beunruhigendes Sprachkunstwerk über Sinn, Wahn und die Macht des Wortes – ein Roman, der fordert, manchmal überfordert, aber all jene reich belohnt, die sich auf dieses vielschichtige Leseerlebnis einlassen und bereit sind, in seine endlosen Schleifen einzutauchen.

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Veröffentlicht am 25.04.2026

Zwischen Schatten und Spiegelbildern - Ein eindringlicher Roman

Lola im Spiegel
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MEINE MEINUNG
Mit dem aufrüttelnden Roman „Lola im Spiegel" ist dem australischen Bestsellerautor Trent Dalton eine faszinierende Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, vielschichtiger Milieustudie und ...

MEINE MEINUNG
Mit dem aufrüttelnden Roman „Lola im Spiegel" ist dem australischen Bestsellerautor Trent Dalton eine faszinierende Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, vielschichtiger Milieustudie und deutlicher Gesellschaftskritik gelungen, die im letzten Drittel sogar mit Thrillerelementen aufwartet. Dalton erzählt eine ungewöhnliche, intensive und berührende Geschichte von Liebe, Verlust und Entwurzelung, zugleich aber auch von Widerstandskraft, Hoffnung und der rettenden Kraft der Kunst.
Die Handlung ist im heutigen australischen Brisbane angesiedelt und entwickelt schon bald eine fesselnde, sehr eindringliche Atmosphäre.
Im Mittelpunkt steht die namenlose Protagonistin und Ich-Erzählerin, deren Identität von Ungewissheiten und Geheimnissen überschattet ist. Sie wächst am Rand der Gesellschaft unter ärmlichen Verhältnissen auf Schrottplätzen und in ausrangierten Autos auf, weil sie mit ihrer Mutter vor dem gewalttätigen Vater auf der Flucht ist. Schon früh lernt sie, dass sie möglichst unter dem Radar bleiben müssen, denn Namen sind gefährlich und könnten fatale Spuren hinterlassen. Mit großer Empathie und feinem Gespür für soziale Härten zeichnet Dalton nicht nur das facettenreiche Porträt eines Mädchens, das in einer illustren, prekären Gemeinschaft aus Obdachlosen und Gestrandeten aufwächst, sondern zugleich ein schonungsloses, sehr nachdenklich stimmendes Gesellschaftsportrait. Diese so unterschiedlichen Menschen sind geprägt von Schicksalsschlägen, Verlusten, Gewalterfahrungen und täglichem Überlebenskampf. Dalton gelingt es dabei hervorragend, diese mit all ihren Brüchen, Eigenheiten, Verletzlichkeiten sowie ihren traurigen bis skurrilen Geschichten sichtbar zu machen, ohne ihnen jemals die Würde zu nehmen.
Sehr gelungen ist die Erzählperspektive, aus der die Ich-Erzählerin als spätere Künstlerin von einem gewissen Abstand rückblickend auf ihre Kindheit und ihre schwierige Vergangenheit schaut. Das verletzliche Mädchen von einst, das durch das Zeichnen einen Weg findet, sich selbst und ihre verwirrende Welt zu begreifen und das Unsagbare und ihre Ängste sichtbar zu machen, wird so zur Beobachterin und Deuterin ihres eigenen Lebens. Diese künstlerische Ebene des Romans ist äußerst faszinierend. Jedem Kapitel vorangestellt sind Illustrationen von Paul Heppell, die mit kurzen Beschreibungen versehen sind.
Ein zentrales Motiv ist dabei der Spiegel und die Figur der Lola, einer idealisierten, stärkeren Version ihrer selbst, der Mädchen im Spiegel begegnet. Diese imaginierte Doppelgängerin fungiert als Schutzmechanismus, als Trostspenderin und Projektionsfläche für Sehnsüchte. In ihr verdichtet der Autor auf gelungene Weise das Spannungsverhältnis zwischen Realität und Wunschdenken, zwischen Verletzlichkeit und Selbstermächtigung.
Besonders beeindruckt und berührt hat mich die vielschichtige Persönlichkeit der Protagonistin selbst. Der Autor hat ihr mit ihrer wachen, sensiblen Art eine sehr eigenständige, eindrucksvolle Erzählstimme verliehen. Er zeichnet sie als eine sympathische, künstlerisch hochbegabte Figur mit einem ungebrochenen Überlebenswillen, die sich trotz Verletzlichkeiten und vieler widriger Umstände zu behaupten weiß und dabei stets zutiefst menschlich bleibt.
Auch Daltons bildreicher, opulenter Erzählstil hat mich sehr überzeugt. Immer wieder finden sich eindrucksvolle poetische Passagen, die den Roman atmosphärisch verdichten und mich rasch in seinen Bann gezogen haben. Gerade diese sprachliche Wucht verleiht der Geschichte eine besondere Intensität. Während die Handlung zunächst vergleichsweise ruhig und beinahe fast episodisch verläuft, gewinnt diese jedoch im weiteren Verlauf deutlich an Dynamik und Tempo. Vor allem im letzten Drittel überschlagen sich die Geschehnisse mit immer neuen Wendungen regelrecht und die sich extrem zuspitzende Handlung gleicht stellenweise immer mehr einem Thriller. Diese dramatische Entwicklung mit dem großen Showdown und dem finalen Kampf zwischen Gut und Böse wirkte auf mich allerdings stellenweise zu überzeichnet und nicht ganz überzeugend. Dadurch tritt die Aufarbeitung der Vergangenheit der Protagonistin leider etwas in den Hintergrund und verliert ein Stück ihrer emotionalen Wucht.
FAZIT
Ein intensiver, bewegender und literarisch eindrucksvoller Roman über Verletzlichkeit, Resilienz und die rettende Kraft der Kunst. Besonders stark sind Daltons empathischer Blick auf die Ausgestoßenen der Gesellschaft und die vielschichtige Persönlichkeit seiner Ich-Erzählerin.

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Veröffentlicht am 12.04.2026

Ein leiser Roman über Liebe und Verzicht

Meine Berge bist du
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MEINE MEINUNG
Der neue, tief berührender Roman „Meine Berge bist du“ vom italienischen Autor Francesco Vidotto ist eine leise, poetische Erzählung über Liebe, Loyalität, Verzicht und die schmerzhafte Kunst ...

MEINE MEINUNG
Der neue, tief berührender Roman „Meine Berge bist du“ vom italienischen Autor Francesco Vidotto ist eine leise, poetische Erzählung über Liebe, Loyalität, Verzicht und die schmerzhafte Kunst des Loslassens, deren Stärke weniger aus der Handlung als aus ihrer eindringlichen Stimmung, der poetischen Sprache und der inneren Wahrhaftigkeit entsteht, mit der Vidotto seine Figuren zeichnet.
Im Zentrum steht der alte Guido Contin, genannt Cognac, der mit seiner Katze Moglie zurückgezogen in den Bergen lebt und in einer Mappe mit handgeschriebenen Briefen den kostbarsten Schatz seines Lebens hütet. Diese an die Berggipfel der Gegend gerichteten Briefe enthalten die gesammelten Erinnerungen eines Manns namens Onesto. Nach und nach erfahren wir aus seinen geheimnisvollen Botschaften an die Berge mehr über Onestos Vergangenheit, seine Kindheit und enge Verbundenheit mit seinem Zwillingsbruder Santo sowie seine geheime Seelenpein, die er keinem gegenüber aussprechen kann. Als sich beide Brüder in die junge Celeste verlieben, gerät ihr enges Verhältnis gefährlich ins Wanken, und so entscheidet Onesto sich trotz seiner Gefühle für Celeste für den Verzicht, um seinen Bruder nicht zu verlieren. So werden die Gipfel zu stummen Zeugen einer großen Liebe, die nie gelebt werden durfte. Vor der eindrucksvollen Kulisse der Dolomiten entfaltet sich eine fein nuancierte, verhängnisvolle Dreiecksgeschichte voller schmerzlicher Tragik, Verzicht, Selbstaufgabe, Schuldgefühlen, Einsamkeit und stiller Sehnsucht. Vidotto erzählt seine Geschichte ohne pathetische Überhöhung, äußerst feinfühlig, mit leisen Tönen und eindrucksvoller Poesie. Die reduzierte, dialogarme Erzählweise, ihre einfache Klarheit und rhythmische Wiederholung verleihen dem Roman eine beeindruckende, melancholische Dichte. Der bildstarke und dennoch ruhige, prägnante Schreibstil passt sehr gut zur rauen Bergwelt, die mit ihren verborgenen Waldpfaden, schroffen Hängen, unberechenbaren Wetterumschwüngen und dem Licht- und Schattenspiel eindrucksvoll die Brüchigkeit der komplexen Beziehungen und das Innenleben der Figuren widerspiegeln. Deutlich spürbar ist dabei auch die enge Naturverbundenheit des aus den Dolomiten stammenden Autors.
Gekonnt Vidotto zeigt auf, dass Stärke nicht im Festhalten, sondern oft im Loslassen liegt. So lernen seine Figuren, nicht der Last der Vergangenheit zu erliegen und alles verloren zu geben, sondern hoffnungsvoll sic h dem Ungewissen und den eigenen Emotionen zu öffnen. Mutig vollziehen sie einen leisen inneren Aufbruch, indem sie beschließen, nicht länger gegen das eigene Herz - ein gelungener Ausklang für diesen wundervollen Roman!

FAZIT

Ein feinsinniger, melancholischer Roman über Liebe, Loyalität und Verzicht, der ohne großen Spannungsbogen mit atmosphärischer Bergkulisse, starker Bildsprache und einer berührenden Liebesgeschichte überzeugt.

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Veröffentlicht am 12.04.2026

Sehr berührender Roman

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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MEINE MEINUNG
In ihrem bewegenden Debütroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ erzählt die schwedische Autorin Lisa Ridzén eine atmosphärisch dichte Familiengeschichte, in der sie sich sehr einfühlsam ...

MEINE MEINUNG
In ihrem bewegenden Debütroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ erzählt die schwedische Autorin Lisa Ridzén eine atmosphärisch dichte Familiengeschichte, in der sie sich sehr einfühlsam dem Altwerden, der Vergänglichkeit des Lebens, dem Loslassen sowie der familiären Entfremdung widmet. Dabei beleuchtet sie zudem mit viel Feingefühl die Zerbrechlichkeit von Beziehungen, die Verantwortung füreinander und die Möglichkeit versöhnenden Momente selbst spät im Leben.
Im Mittelpunkt steht der 89-jährige, pflegebedürftige Bo Andersson, einstiger Arbeiter in einer Sägemühle, der allein in einem kleinen Haus auf dem Land in einem abgelegenen nordschwedischen Dorf lebt und seinen Alltag mit seinem treuen Jagdhund Sixten teilt. Seit seine demente Frau Frederika in einem Pflegeheim lebt, beschränkt sich Bos zurückgezogenes Leben auf die regelmäßigen Besuche des Pflegedienstes, die oft angespannten Kontakte zu seinem Sohn, die wöchentlichen Gespräche mit seinem alten Freund Ture, Erinnerungen an sein langes Leben und die wachsende Angst, immer mehr von seinem Körper im Stich gelassen zu werden und seine Selbstständigkeit zu verlieren.
Schrittweise tauchen wir in den einsamen und tristen Lebensalltag des hochbetagten Bo ein, in den Ridzén gekonnt Gedankengänge, lebendigen Träume und melancholische Grübeleien eingewoben hat. Rückblenden lassen ihn über die gemeinsame Zeit mit seiner geliebten Frau, seine Mutter und vor allem die schwierige Beziehung zu seinem harten, gefühlskalten Vater nachsinnen.
Die Episoden von Bos Alltag werden geschickt von knappen Einträgen aus dem Pflegetagebuch des Pflegeteams unterbrochen, in denen die verschiedenen Betreuer nüchterne Notizen zu Bos Stimmung, Schlaf- und Essgewohnheiten hinterlassen sowie besondere Vorkommnisse festhalten, wodurch wir einen objektiveren Blick auf seinen Zustand und den fortschreitenden Abbau erhalten. So gewinnen wir Über kurze Dialoge, unspektakuläre Alltagsszenen und Erinnerungsfragmente entfaltet sich allmählich Bos Lebensgeschichte und sein reiches Innenleben. Trotz des ruhigen Erzähltempos versteht es die Autorin eine subtile Spannung aufzubauen.
Beeindruckend sind die Schilderungen der schwedischen Natur – weite Landschaften, raues Winterwetter und der majestätische Kranichzug, die weit über eine bloße Kulisse hinausreichen und die besondere Atmosphäre des Romans eindrucksvoll unterstreichen.
Mit dem granteligen Bo hat die Autorin einen wunderbar vielschichtigen Protagonisten geschaffen, dessen Eigenheiten und Schwächen sie sehr warmherzig und authentisch einfängt.
Bewegend ist es mitzuerleben, wie dieser sture Eigenbrötler an seinem Lebensende doch beginnt, seine verfahrene Beziehung zu seinem Sohn zu überdenken. So erkennt er schließlich verletzendes Verhalten, Versäumnisse und fatale Fehlentscheidungen, gesteht Schuld ein und sucht die Annäherung, um um Verzeihung zu bitten. Eindrucksvoll zeigt Ridzén zudem auf, wie die tief verwurzelte Schweigsamkeit und tradierte emotionale Verschlossenheit der Männer seiner Generation, geprägt von Stolz und männlicher Härte, zu tiefen Wunden und belasteten Beziehungen führte.
Trotz der melancholischen Grundstimmung und schwierigen Thematik versteht sie es, immer wieder hoffnungsvolle, herzerwärmende und tröstliche Momente in die nachdenklich stimmende Geschichte einzustreuen.

FAZIT
Ein berührender Roman über Abschied und späte Versöhnung, der nachdenklich stimmt. Ein gelungenes, lesenswertes Debüt, das durch Feingefühl und atmosphärische Dichte besticht.

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