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Veröffentlicht am 21.10.2024

Zwischen Gartenzwergen und Abgründen - Metzgers neuer Fall

Der Metzger gräbt um
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MEINE MEINUNG
Mit dem Kriminalroman "Der Metzger gräbt um" setzt der gebürtiger Wiener und österreichische Bestsellerautor Thomas Raab seine anspruchsvolle Kult-Krimireihe rund um den eigenwilligen Helden ...

MEINE MEINUNG
Mit dem Kriminalroman "Der Metzger gräbt um" setzt der gebürtiger Wiener und österreichische Bestsellerautor Thomas Raab seine anspruchsvolle Kult-Krimireihe rund um den eigenwilligen Helden und ehemaligen Möbelrestaurator Willibald Adrian Metzger fort.
Mit von der Partie ist natürlich auch Metzgers faszinierende, frisch angetraute Ehefrau Danjela Djurkovic, mit der er nach einer Reihe herber Rückschläge einen Neuanfang in einer Kleingartensiedlung wagt.
Als zehnter Band der beliebten Metzger- Krimireihe lässt sich der Krimi auch für „Metzger-Neueinsteiger“ ohne Vorkenntnisse der vorangegangenen Fälle problemlos lesen.
Raabs unverkennbarer Schreibstil macht den besonderen Reiz dieses Krimis aus und sorgt für ein unterhaltsames Lesevergnügen. Sein außergewöhnlicher, bisweilen etwas sperrig wirkender Schreibstil ist zwar nicht leicht zu lesen, und so mancher Sprachwitz erschließt sich vermutlich nur österreichischen Insidern. Dennoch konnte mich sein geistreicher Wortwitz und schwarzer Humor zusammen mit vielen humorvollen Pointen und bisweilen recht skurrilen Szenen bestens unterhalten.

In seinem neuesten, originellen Kriminalfall entführt uns Raab in die äußerst kuriose Welt einer Kleingartensiedlung, in deren vermeintlicher Idylle sich schon bald Tragödien abspielen. Vor dem ungewöhnlichen Setting dieses ganz speziellen Mikrokosmos begleiten wir unseren Protagonisten, der sich bei seinen Nachforschungen so mancher herausfordernder Situation und einigen bizarren Abenteuern stellen muss. Der Einstieg in die vielschichtige Geschichte gestaltet sich mit unzusammenhängenden Handlungssequenzen zunächst rätselhaft.
Raab versteht es hervorragend, die besondere Atmosphäre in der Kleingartensiedlung mit ihren ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten und Regularien authentisch und detailreich einzufangen. Geschickt spielt er mit dem Kontrast zwischen der idyllischer Kleingeistigkeit mit perfekt getrimmtem Rasen, penibel gepflegten Blumenbeeten und Gartenzwergen sowie dunklen Geheimnissen und menschlichen Abgründen hinter undurchdringlichen Lebensbaumhecken.
Erst allmählich fügen sich die Puzzleteile aus den verschiedenen Handlungssträngen zusammen, und die Spannung steigt mit jeder unerwarteten Wendung bis zum fesselnden Showdown. Auch wenn ich den Täter schon relativ früh entlarvt hatte, sind die Enthüllung seines Tatmotivs und die tragischen Hintergründe äußerst packend.
Neben der eigentlichen verzwickten Kriminalhandlung bietet der Roman auch interessante gesellschaftskritische Beobachtungen und scharfsinnige Kommentare. Geschickt beleuchtet der Autor verschiedene ernste Themen und bettet diese glaubhaft und authentisch in die sehr nachdenklich stimmende Handlung ein, so dass der Fall zunehmend an Tiefe gewinnt.
Raab zeichnet seinen ungewöhnlichen, sehr liebenswerten Protagonisten sehr lebendig und vielschichtig. Als umgänglicher, eher bedächtiger und leicht melancholischer Zeitgenosse, der sich leidenschaftlich der Restauration alter Möbel widmete, muss sich Metzger mit neuer Identität nun in einem völlig fremden Umfeld zurechtfinden. Faszinierend ist es mitzuerleben, wie der neue Fall ihn an seine Grenzen bringt und neue Facetten seiner interessanten Persönlichkeit offenlegt.
Neben der ebenfalls liebevoll gestalteten, exzentrischen Danjela, die mir mit ihrer herzerfrischenden Art so manches Schmunzeln entlocken konnte, mangelt es in der Kleingartensiedlung auch nicht an etlichen skurrilen Nebenfiguren, die Raab mit ihren Macken und verschrobenen Eigenheiten hervorragend skizziert hat.

Nach dem stimmigen Ausklang der Geschichte darf man gespannt sein, wie es für Metzger und seine Danjela weitergehen wird.

FAZIT
Ein fesselnder Krimi, der mit einzigartigem Setting, sprachlichem Witz, und dem unverwechselbaren Charme des Protagonisten Willibald Adrian Metzger überzeugt.
Raabs unverwechselbarer Schreibstil, gepaart mit schwarzem Humor und skurrilen Charakteren, sorgt für eine unterhaltsame Leseerfahrung.

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Veröffentlicht am 21.10.2024

Bemerkenswert zeitloser Klassiker

Ex-Wife
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MEINE MEINUNG
Bei dem faszinierenden Roman „Ex-Wife" von US-amerikanischen Autorin Ursula Parrott handelt es sich um einen wiederentdeckter Klassiker aus den 1920er Jahren, der uns einen intimen Einblick ...

MEINE MEINUNG
Bei dem faszinierenden Roman „Ex-Wife" von US-amerikanischen Autorin Ursula Parrott handelt es sich um einen wiederentdeckter Klassiker aus den 1920er Jahren, der uns einen intimen Einblick in die Befindlichkeiten einer jungen Frau während ihrer Trennung und Scheidung gewährt und uns tief ins New York der schillernden Goldenen 1920er Jahre eintauchen lässt.
Als zeitgeschichtliches Zeugnis ist der Roman, in dem viele gesellschaftliche Konventionen hinterfragt werden, auch beinahe 100 Jahre nach seinem Erscheinen mit seinen zeitlosen, immer noch aktuellen Themen von Relevanz und zugleich ein spannendes Zeitdokument. Der 1929 anonym veröffentlichte, für damalige Zeiten bahnbrechende Roman wurde rasch ein Bestseller und war sogar zunächst kommerziell erfolgreicher als F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby", bis das Werk dann aber in Vergessenheit geriet.
Insbesondere die bemerkenswert unverblümte Thematisierung von damaligen Tabus wie die offene Erkundung weiblicher Sexualität, vorehelicher Sex, außereheliche Affären und Abtreibung aber auch die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen, Selbstfindung und das Ausloten von weiblicher Identität und modernen Beziehungen in einer sich rasant wandelnden Welt sind äußerst aufschlussreich und unterhaltsam zu lesen.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 24-jährige Protagonistin Patricia, die, nachdem ihr Ehemann sie verlassen hat, ihr Leben völlig neu ordnen muss und beschließt, sich ins pulsierende New Yorker Nachtleben zu stürzen anstatt vollständig in Selbstmitleid zu versinken. Mutig setzt sie sich über gesellschaftliche Erwartungen hinweg und beschreitet schließlich selbstbewusst ihren eigenen Weg.
Parrott versteht es, ein faszinierendes und sehr facettenreiches Bild der turbulenten Stadt während der legendären Roaring Twenties zu zeichen. Sehr eindrucksvoll erhalten wir aufschlussreiche Einblicke in jene Zeit des Umbruchs und der sich schnell verändernden gesellschaftlichen Veränderungen. Dank der lebendigen Schilderungen können wir uns rasch in den damaligen Zeitgeist hineinfühlen und erleben hautnah die trotz Prohibition alkoholgeschwängerte Atmosphäre jener flirrenden Ära mit. So begleiten wir die unternehmungslustige, modebewusste Protagonistin neben ihren Einkaufstouren auch zu ihrer Arbeit in einer Werbeagentur und vor allem in Manhattans Nachtleben mit seinen Flüsterkneipen und Clubs. Detailliert beschreibt sie die damals beliebten Drinks und modischen Outfits, angesagte Lokale und Treffpunkte sowie Schauplätze in der Stadt. Hochinteressant und aufschlussreich sind auch die Einblicke in die Stellung der Frauen in der männlich dominierten Arbeitswelt und die in der Gesellschaft verbreitete Doppelmoral.
Parrott ist eine vielschichtige, feinfühlige Charakterisierung ihrer Protagonistin gelungen, die wir zwischen ihren diversen Freundschaften und Affären mit all ihren Höhen und Tiefen, Enttäuschungen und Rückschlägen erleben. Glaubhaft schildert sie Patricias beeindruckende persönliche Entwicklung, die allmählich an der Trennung von ihrem Ex-Mann reift, sich vom traditionellen Frauenbild befreit und auf dem Weg zu einem erfüllten, selbstbestimmten Leben, eine neue, abgeklärtere Einstellung zu Liebe, Beziehungen und Ehe erlangt.

Der Schreibstil der Autorin wirkt erstaunlich zeitgemäß, ist prägnant, bisweilen humorvoll und erstaunlich unverblümt – mit einem netten angestaubten Charme. Vor allem aber bei der nicht immer fesselnden Inszenierung der Handlung merkt man dem Roman aber doch das Alter an.

Sehr lesenswert ist nicht nur das interessante Vorwort von Mareike Fallwickl, in dem der historischen Kontext und die Bedeutung des Werks für die Literaturgeschichte beleuchtet werden, sondern auch das von Parrots Sohn im Jahr 1989 verfasste Nachwort, in dem wir sehr interessante Einsichten in das Leben der überaus bemerkenswerten Autorin und ihr in Vergessenheit geratenes Meisterwerk erhalten.


FAZIT
Eine bemerkenswerte Wiederentdeckung aus den 1920er Jahren, die die gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit einfängt und gleichzeitig zeitlose Fragen zu Identität und Selbstbestimmung aufwirft.
Als historisches Zeitdokument und auch als Roman über weibliche Emanzipation sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 13.10.2024

Charmante Fortsetzung

Ein mysteriöser Gast
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MEINE MEINUNG
Nach ihrem charmanten Debüt und New York Times-Bestseller „The Maid” hat die kanadische Cheflektorin und Autorin Nita Prose mit "Ein mysteriöser Gast" eine unterhaltsame Fortsetzung der herzerwärmenden ...

MEINE MEINUNG
Nach ihrem charmanten Debüt und New York Times-Bestseller „The Maid” hat die kanadische Cheflektorin und Autorin Nita Prose mit "Ein mysteriöser Gast" eine unterhaltsame Fortsetzung der herzerwärmenden und humorvollen Wohlfühlkrimi-Reihe vorgelegt.
Auch im zweiten Band tauchen wir in die faszinierende Welt der unvergesslichen und sehr liebenswerten Protagonistin Molly Gray ein, die inzwischen zum Chefzimmermädchen im renommierten Regency Grand Hotel aufgestiegen ist. Als der berühmte Krimiautor J.D. Grimthorpe während einer Pressekonferenz im Hotel plötzlich tot zusammengebricht, wird Molly erneut in Mordermittlungen hineingezogen und wirkt tatkräftig bei der Aufklärung des rätselhaften Falls mit.
Die Autorin hat ihre kurzweilig erzählte Geschichte diesmal auf zwei Zeitebenen angelegt, die geschickt miteinander verwoben sind: Zum einen erleben wir im Handlungsstrang der Gegenwart die Ermittlungen rund um den Tod des Krimiautors aus Mollys Perspektive mit und zum anderen erhalten wir in Rückblenden sehr aufschlussreiche Einblicke in Mollys Kindheit bei ihrer geliebten Gran und ihre Erlebnisse auf dem Anwesen der Grimthorpes.
Der Schreibstil von Prose besticht erneut durch clevere Dialoge und viele humorvolle Elemente.
Prose gelingt es mit ihren lebendigen Beschreibungen meisterhaft, nicht nur das schillernde Setting des eleganten Regency Grand Hotels einzufangen, sondern auch die besondere Atmosphäre einer Welt voller Geheimnisse, Gerüchte und Intrigen, die sich im Schatten des luxuriösen 5-Sterne-Glanzes verbirgt. Es ist sehr faszinierend, sich an der Seite des fleißigen Zimmermädchens Molly mit den Begebenheiten vor Ort vertraut zu machen und ihre ganz eigene Sicht auf ihre kleine Welt und die Vorgänge hinter den Kulissen kennenzulernen.
Mit der faszinierenden Protagonistin Molly Gray Molly hat die Autorin eine wundervoll lebendige, vielschichtige und sehr sympathische Heldin geschaffen, die man einfach ins Herz schließen muss.
Ihre eigenwillige, aber sehr liebenswerte Art und ihre erfrischend andere Sicht auf die Welt sehr ist unterhaltsam und erhellend, und sorgt für viele amüsante Momente.
Mollys einzigartige, vielschichtige Persönlichkeit hat die Autorin brillant ausgearbeitet. Ihre leicht autistischen Eigenheiten, ihre Defizite im sozialen Umgang und die altmodischen Sinnsprüche ihrer verstorbenen Großmutter lassen sie zwar etwas naiv und weltfremd erscheinen, sind aber ein bereichernder Teil ihrer besonderen Fähigkeiten ebenso wie ihr Fleiß, ihre Hilfsbereitschaft und perfekten Umgangsformen.
Mollys außergewöhnliche Beobachtungsgabe, ihre Liebe zur Ordnung und der besonderen Blick für besondere Details machen sie zu einer hervorragenden Ermittlerin, die wieder wesentlich zur Aufklärung des kniffligen Mordfalls beitragen kann.
Die clevere Plotkonstruktion mit den geschickt miteinander verwobenen Handlungssträngen hält einige überraschende Wendungen, falsche Fährten und nette Spannungsmomente für uns bereit und lädt zum Miträtseln ein.
Auch wenn die abwechslungsreiche Handlung in eher gemütlichem Tempo voranschreitet, so gelingt es der Autorin dennoch uns mit den Ermittlungen zum Mordfall zu fesseln und zum Ende hin sogar noch gehörig zu überraschen. Die Auflösung des Falls ist zwar in sich stimmig, konnte mich jedoch vor allem wegen des etwas konstruiert wirkenden Mordmotivs nicht völlig überzeugen.
Mir haben der nette Ausklang dieses unterhaltsamen Cosy Crime und das wohlverdiente Happy End für Molly richtig gut gefallen! Man darf gespannt sein, ob es weitere Abenteuer mit dieser liebenswerten Protagonistin geben wird.
FAZIT
Eine solide Fortsetzung dieser charmanten Cosy Crime-Reihe – amüsant, unterhaltsam und mit der einzigartigen Protagonistin Molly Gray! Eine vergnügliche Lektüre, die dem Auftakt allerdings nicht ganz das Wasser reichen kann!

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Veröffentlicht am 13.10.2024

Faszinierender Psychothriller-Klassiker

Der lange Schatten
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MEINE MEINUNG

"Der lange Schatten" von der britischen Autorin Celia Fremlins ist ein fesselnder psychologischer Thriller, der erstmals bereits 1975 veröffentlicht wurde.
In ihrem tiefgründigen Roman ...

MEINE MEINUNG

"Der lange Schatten" von der britischen Autorin Celia Fremlins ist ein fesselnder psychologischer Thriller, der erstmals bereits 1975 veröffentlicht wurde.
In ihrem tiefgründigen Roman versteht es die Autorin hervorragend, die verschiedenen Facetten der menschlichen Psyche zu ergründen und uns tief in die Abgründe einer dysfunktionalen Familie blicken zu lassen.
Im Mittelpunkt der raffiniert aufgebauten Geschichte steht die frisch verwitwete Protagonistin Imogen, die immer noch mit dem Unfalltod ihres Ehemanns Ivor, einem charismatischen Hochschulprofessor, und ihrem neuen Status als Witwe zu kämpfen hat. Nachdem sie mitten in der Nacht von einem mysteriösen Anrufer beschuldigt, für den Mord an ihrem Mann verantwortlich zu sein, und sich zu allem Überfluss etliche Mitglieder aus der Familie ihres Mannes zu einem verlängerten Weihnachtsbesuch in ihrem Haus einnisten, mehren sich unheimliche, beunruhigende Vorkommnisse.
Insbesondere durch geschickt eingestreute Andeutungen, subtile Hinweise und übernatürliche Elemente wird eine beklemmende Atmosphäre und unterschwellige Spannung geschaffen, die uns von Beginn an in ihren Bann zieht. Durch geschickten Wechsel zwischen gegenwärtigem Handlungsstrang und Rückblenden in verschiedene Zeitebenen hat die Autorin eine faszinierende nicht-lineare und vielschichtige Erzählstruktur geschaffen, die es uns ermöglicht aufschlussreiche Einblicke in die Gedanken und Entwicklungen der unterschiedlichen Charaktere zu erhalten. Fremlin versteht es hervorragend, nicht nur die Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, sondern auch die Grenzen zwischen Realität und Vorstellungswelt ineinanderfließen zu lassen, so dass es für uns oft ungewiss ist, was tatsächlich und was nur in der Vorstellung der Charaktere geschehen ist. Geschickt lässt sie uns die Glaubwürdigkeit ihrer Charaktere und ihrer Aussagen hinterfragen und über Wirklichkeit, Wahrheit und Täuschung nachdenken.
Äußerst fesselnd ist es, in die Psyche ihrer unterschiedlichen Charaktere einzutauchen, die mit ihren Eigenheiten, Motivationen und ihrer Gedankenwelt sehr facettenreich angelegt sind. Hierbei gewährt uns Fremlin tiefgründige Einblicke in die beeindruckende Vielfalt zwischenmenschliche Beziehungen und Komplexität von authentischen Emotionen, Verhaltensweisen und Abgründen auf. Alle Figuren machen im Laufe der fesselnden Geschichte einschneidende Veränderungen durch und offenbaren schließlich überraschende, teilweise schockierende Facetten ihrer Persönlichkeit.
Hervorragend ist Fremlin insbesondere die komplexe Charakterzeichnung ihrer facettenreichen Protagonistin Imogen gelungen, die mit ihrer emotionalen Zerrissenheit zwischen tiefer Trauer um Ivor und echter Erleichterung über die Befreiung von seiner einengenden und kontrollierenden Persönlichkeit sehr überzeugend dargestellt wird.
Scharfsinnig beleuchtet sie auch gesellschaftliche Konventionen und die komplizierten Familiendynamiken von Ivors Familie und deckt allmählich die sorgsam verborgenen Geheimnisse und Lügen auf.
Einfühlsam widmet sich die Autorin auch der Auseinandersetzung mit ernsten Themen wie familiäre Zerrüttung, Tod, Trauer und Verlust sowie seelischen Ausnahmezuständen, die bei einigen Menschen eine Verzerrung der Wahrnehmung bewirken und irrationale Handlungen auslösen können. Die Autorin übt in ihrem Roman zudem dezente Gesellschaftskritik, indem sie das tradierte Frauenbild und die gesellschaftlichen Erwartungen in den 1970er Jahren beleuchtet und hinterfragt.
Der Autorin gelingt es hervorragend, die Spannung durch unheimliche Ereignisse und neue Enthüllungen bis zur stimmigen Auflösung des Rätsels rund um Ivors Tod kontinuierlich zu steigern. Der vielschichtige Roman gipfelt schließlich in einer völlig unerwarteten Enthüllung, die uns mit seinen psychologischen Hintergründen erschüttert zurücklässt und sehr nachdenklich stimmt.
FAZIT
Ein gekonnt konstruierter, tiefgründiger und fesselnder psychologischer Thriller, der uns die Abgründe der menschlichen Natur ergründen lässt- mit komplexer Charakterzeichnung, atmosphärischer Dichte und unerwarteten Wendungen!

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Veröffentlicht am 07.10.2024

Sehr bemerkenswerter Debütroman

Skarabäus
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MEINE MEINUNG
In seinem beeindruckenden autofiktionalen Roman "Skarabäus“ erzählt uns der deutsche Debüt-Autor Hubertus von Prittwitz eine erschütternde, kafkaesk anmutende Coming-of-Age-Geschichte, die ...

MEINE MEINUNG
In seinem beeindruckenden autofiktionalen Roman "Skarabäus“ erzählt uns der deutsche Debüt-Autor Hubertus von Prittwitz eine erschütternde, kafkaesk anmutende Coming-of-Age-Geschichte, die uns tief in die Psyche des jungen Protagonisten Friedrich blicken lässt.
Die Erzählung geht über Friedrichs ergreifende Leidensgeschichte und seinen abenteuerlichen Weg in die Freiheit hinaus und gewährt einen gleichermaßen verstörenden wie fesselnden Einblick in die Abgründe einer zerrütteten, Adelsfamilie. Dabei offenbart sich ein vielschichtiges Bild familiärer Dysfunktion und generationenübergreifender Traumata.
Der selbst aus einer Diplomatenfamilie stammende Autor verarbeitet in seinem Roman persönliche Erfahrungen und familiäre Traumata. Bewusst verwischt er dabei die Grenzen von autobiografischen und fiktionalen Elementen, was für eine besondere Authentizität und emotionale Tiefe sorgt.
Nach der gewaltsamen Trennung von seiner Mutter und Schwester wächst der achtjährige Friedrich bei seinem Vater, einem BND-Agent, in einer surrealen Umgebung - dem "Dorf der Spione" in Neuried bei München auf. Dort, wo BND-Mitarbeiter ein vermeintlich langweiliges, unauffälliges Leben führen und selbst von anderen Geheimdiensten observiert werden, lauern hinter den makellosen Fassaden finstere Geheimnisse.
Von Prittwitz zeichnet ein erschütterndes Bild einer Familie, die aus gestörten, traumatisierten Menschen besteht, und deren Geschichte untrennbar mit den politischen Ereignissen der Vergangenheit verwoben ist.
Als Spross eines uralten Adelsgeschlechts trägt Friedrich die schwere Bürde überkommener Familientraditionen, die er fortführen soll. Das konservativ-altertümliche Rollenbild in seinem Zuhause steht in krassem Gegensatz zur sich wandelnden Welt außerhalb seines goldenen Käfigs, so dass Friedrich in einer beklemmenden Parallelwelt aufwächst. Einem übermächtigen, manipulativen Vater ausgeliefert, erfährt er emotionale Kälte, grausame Erziehungsmethoden und den Missbrauch durch seine Stiefmutter. Der Autor schildert detailliert einen von strengen Regeln, permanenter Überwachung und drakonischen Strafen geprägten Alltag sowie die allgegenwärtige Atmosphäre von Angst, Überwachung und Paranoia, in der Friedrich groß wird. Schonungslos führt er uns die subtilen psychologischen Taktiken des Vaters und der Stiefmutter vor Augen, die Friedrichs Autonomie untergraben und seinen Willen brechen sollen.
Die Handlung entfaltet sich als intensive emotionale Achterbahnfahrt, die gleichermaßen fesselt, erschüttert und zum Nachdenken anregt.
Gebannt folgen wir im weiteren Verlauf Friedrichs verzweifelten Fluchtversuchen, die ihn in kleinen Etappen Momente der Freiheit und Selbstbestimmung erleben lassen. Hervorragend kann man sich in die innere Zerrissenheit des Protagonisten hineinversetzen, wenn er sich immer wieder der engen Welt seines Familiengefängnisses und dem allgegenwärtigen Einfluss seines Vaters geschlagen geben muss. Mit zunehmendem Alter führen Friedrich seine Odysseen auf der Suche nach Freiheit schließlich über Indien, nach Kairo und in den Sudan in ein Strafgefangenenlager –einer Hölle, in der er sich einem harten Überlebenskampf stellen muss. Diese letzten eindringlich geschilderten, albtraumhaften Passagen, entwickeln eine äußerst beklemmende Dynamik und Intensität.
Höchst bemerkenswert ist der Mut des Autors, mit Missbrauch und familiärer Gewalt ein derart persönliches und tabuisiertes Thema zu behandeln und die langfristigen psychologischen Folgen für die Opfer von Gewalt und Missbrauch aufzuzeigen. Zudem übt von Prittwitz scharfe Kritik an der Welt des Adels und der elitären Kreise, an ihrer Doppelmoral und ihrem schockierenden Missbrauch ihrer Privilegien und Macht.
FAZIT
Ein beeindruckendes und verstörendes Debüt, das durch den persönlichen Bezug tief berührt und zum Nachdenken anregt.
Keine leichte, aber sehr lohnenswerte Lektüre, die sich vielschichtig mit den Themen Macht, Missbrauch, häuslicher Gewalt und der Bürde der Familiengeschichte auseinandersetzt.

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