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Veröffentlicht am 23.10.2018

Mit ein wenig Abstand betrachtet

Der Apfelbaum
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Der Roman beginnt 1915, als Hauptcharakter Otto geboren wird. 1932 lernt er seine große Liebe Sala kennen. Sechs Jahre später zwingt Salas familiärer Hintergrund sie zur Flucht, als der Krieg beginnt, ...

Der Roman beginnt 1915, als Hauptcharakter Otto geboren wird. 1932 lernt er seine große Liebe Sala kennen. Sechs Jahre später zwingt Salas familiärer Hintergrund sie zur Flucht, als der Krieg beginnt, wird Otto von der Wehrmacht eingezogen. Ab da beginnt eine Odyssee, die die beiden erst Jahre später wieder zusammenführt.

„Der Apfelbaum“ beginnt mit einem Vorspann, der als wegweisend für die folgenden Ereignisse gelten kann. Ein Kind beobachtet, wie alte Bäume gefällt werden, ein knorriger Apfelbaum bleibt allerdings stehen. Der Apfelbaum kann hier nicht nur als Sinnbild für einen Familienstammbaum stehen, sondern auch für die Personen im Roman, die alle eine eigene Last zu tragen haben und dennoch aufrecht stehen. Dabei gliedert sich der Roman in zwei Teile. Einen erzählenden in der Vergangenheit und einen gegenwärtigen, der stellenweise den Eindruck einer Kommentarfunktion vermittelt. Die Verknüpfung zwischen beiden ist der Erzähler, der sich als Ich-Erzähler selbst in die Gegenwartshandlung schreibt.

Hinter dem Roman steckt intensive Recherche, was vor allem daran deutlich wird, dass der Zeitgeist der Vergangenheit, die Lebensumstände der beschriebenen Personen und deren Beziehungen zueinander fast schon detailliert erzählt werden. Die Schonungslosigkeit mit der sowohl menschliche Abgründe als auch bedingungslose Liebe geschildert werden, macht den Reiz des Romans aus. Die Perspektivenwechsel sorgen in diesem Zusammenhang immer wieder für ein kurzes Auftauchen und Innehalten beim Lesen. Diese bewusst gesetzte Unterbrechung des Leseflusses lässt den Leser aber auch aufmerksam werden und kurz über das Gelesene nachdenken. Wer sich das Buch aufgrund des Prominenzbonus kauft, wird sicherlich enttäuscht sein, da man über Christian Berkel selbst nicht viel erfährt. „Der Apfelbaum“ ist die fiktionalisierte Geschichte seiner Eltern und teilweise auch seiner Großeltern. Wovon man allerdings nur schwerlich enttäuscht sein kann, ist die Erzählung selbst. Diese ist fesselnd und von ihrer Struktur her spannend zu lesen.

Veröffentlicht am 19.10.2018

Es war einmal in einem fremden Land

Die Sprache der Dornen
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Sechs Geschichten aus der Welt der Grisha. Aus Semeni, Rawka, Kerch und Fjerda. Düstere Geschichten über Enttäuschungen und Heimtücke, aber auch fröhlichere über Freundschaften und Vertrauen kommen hier ...

Sechs Geschichten aus der Welt der Grisha. Aus Semeni, Rawka, Kerch und Fjerda. Düstere Geschichten über Enttäuschungen und Heimtücke, aber auch fröhlichere über Freundschaften und Vertrauen kommen hier zusammen. Hoffnung, Liebe, Sehnsucht, Magie und Freundschaft funktionieren als zentrale Motive. Dabei sind die Protagonisten mal Menschen, mal Tiere und mal fantastische Wesen.

Mit „Die Sprache der Dornen“ erschafft Leigh Bardugo für ihre Welt der Grisha zusätzlich eine Märchentradition. Die Geschichten sind dabei nach Regionen geordnet und orientieren sich inhaltlich an der Geographie und den Gegebenheiten ihrer Herkunftsregion. So handelt das Märchen aus Kerch natürlich von einer Kaufmannsfamilie, während das Märchen aus Rawka während eines langen Winters spielt. Dabei werden in den Geschichten durchaus Motive aus den Märchen der Brüder Grimm, „Der kleinen Meerjungfrau“ von Hans Christian Andersen oder auch aus Tierfabeln, wie etwa von La Fontaine oder Aesop, aufgegriffen. So ergeben sich durchaus Parallelen und Ähnlichkeiten, ohne, dass die Motive wiederholend wirken.

Hinzu kommen außerdem zahlreiche Illustrationen von Sarah Kippin, die Seite für Seite mit der Geschichte wachsen oder sich verändern. Teilweise spiegeln die Illustrationen so auch den Inhalt der Geschichte wieder und erzählen so als eine Art Daumenkino selbst. „Die Sprache der Dornen“ lässt sich sowohl ergänzend als auch unabhängig zur Grisha-Trilogie und der „Glory or Grave“-Reihe lesen. Wer die genannten Buchreihen bereits kennt, der wird feststellen, dass durch die Märchen die, von Leigh Bardugo erschaffene, Welt ein Stück Kulturgeschichte erhält. Unabhängig gelesen, sind die sechs Geschichten sechs wunderschön erzählte Kunstmärchen.

Veröffentlicht am 09.10.2018

Im Zeichen der Drei

Drachenkralle 2: Das Feuer der Macht
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Simon, Maya und ihre Freunde sind auf dem Rückweg in ihr Heimatdorf. Mit den beiden übermütigen Jungdrachen Mary und Juri gestaltet sich die Reise aber manchmal gar nicht so einfach. Als Mary einem fremden ...

Simon, Maya und ihre Freunde sind auf dem Rückweg in ihr Heimatdorf. Mit den beiden übermütigen Jungdrachen Mary und Juri gestaltet sich die Reise aber manchmal gar nicht so einfach. Als Mary einem fremden Mädchen das Leben rettet, erfahren die Freunde durch eine Prophezeiung von einer neuen Gefahr. Entschlossen, diese abzuwenden, wird die Heimreise erst ein Mal aufgeschoben. Um sich dem Bösen entgegenzustellen, müssen sich die Freunde aber erst einmal trennen.

Mit Alana taucht ein neuer Charakter auf, der sich jedoch nahtlos in die bereits bestehende Gruppe einfügt. Die Figuren aus dem ersten Band werden als bekannt vorausgesetzt, wodurch Alana deutlich in den Mittelpunkt gerückt wird. Da sie die Freunde allerdings erst kennenlernen muss, können hier auch noch Leser, die den ersten Teil nicht gelesen haben, in die Geschichte einsteigen. Viel Zeit, um sich in der neuen Gruppe zurechtzufinden, hat Alana allerdings nicht, da der Schwerpunkt des Buches auf der Entschlüsselung der Prophezeiung und der dadurch bedingten Reise liegt.

Die Handlung von „Drachenkralle – Das Feuer der Macht“ gliedert sich in drei Erzählstränge, zwischen denen gewechselt wird. Dadurch entsteht für den Leser ein umfassendes Bild von der Gesamthandlung. Im Laufe der Geschichte gibt es immer wieder unerwartete Wendungen, aber auch Ereignisse, die sich als Anspielungen deuten lassen können. Hinzu kommen jugendliche Helden, die mitunter impulsiv handeln und verwundbar sind, wodurch die Erzählung eine gewisse Unberechenbarkeit bekommt. Wie bereits der erste Band richtet sich auch „Drachenkralle – Das Feuer der Macht“ primär an Jugendliche und junge Erwachsene.

Veröffentlicht am 03.10.2018

Hinter dem Tresen

Der Mitternachtsladen
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Eigentlich war Lina nur auf dem Weg nach Hause, als ihr an der Straße im Wald ein Laden auffällt. Als der Besitzer des Ladens sie einstellt, ist sie erst mal dankbar für den Job. Dabei müssten die Arbeitszeiten ...

Eigentlich war Lina nur auf dem Weg nach Hause, als ihr an der Straße im Wald ein Laden auffällt. Als der Besitzer des Ladens sie einstellt, ist sie erst mal dankbar für den Job. Dabei müssten die Arbeitszeiten von Sonnenuntergang bis Mitternacht sie eigentlich stutzig machen. Auch ihre Kollegin Mara benimmt sich ein wenig seltsam. Je länger Lina im Mitternachtsladen arbeitet, desto näher scheint sie dem Geheimnis zu kommen. Als sie Brendan, den Sohn des Ladenbesitzers, kennenlernt, offenbart sich ihr eine völlig neue Welt.

Tanja Karmann lässt sich während des Erzählens nur bedingt in die Karten schauen. Das ist insofern positiv für die Geschichte, da man lange gar nicht weiß, was es denn nun mit dem Mitternachtsladen auf sich hat. Auch Brendan und seine Freunde lassen sich dadurch nicht so leicht einordnen. Darüber hinaus hat jedes Detail seinen Platz innerhalb der Geschichte, irrelevante Erwähnungen und Bemerkungen am Rande sucht man vergeblich. Die verdichtete Erzählung fordert wiederum Aufmerksamkeit vom Leser, allerdings macht es einem die Autorin mit ihrem einladenen Schreibstil leicht in den Text einzutauchen. Die Bezüge zum gälischen und der irischen, schottischen und angelsächsischen Feenmythologie fügen sich nicht nur problemlos in die Geschichte ein, sondern ergeben sich auch logisch aus dem Aufbau der erzählten Welt.

Da Lina sich mit den neuen Gegebenheiten erst nach und nach vertraut machen muss, lernt man auch als Leser die Hintergründe Stück für Stück kennen. Das erleichtert es einem, sich in der erzählten Welt zurechtzufinden. Linas jugendliches Alter und die im Text angesprochenen Themen machen „Der Mitternachtsladen - Verbundene Welten“ vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene attraktiv. Allerdings spricht das Buch darüber hinaus eigentlich alle Fans von gutgeschriebener Fantasy an.

Veröffentlicht am 19.09.2018

„Was man festhält, verliert man, was man verschenkt, behält man.“ - Die Verschiebung der Perspektive

Georgien. Eine literarische Reise
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Ich war in Georgien. Ich bin in Tuschetien und Kachetien auf Berge gestiegen, habe das Stalin Museum in Gori besichtigt und bin über schlechte Straßen Adschariens gefahren. Ich bin durch die Altstadt von ...

Ich war in Georgien. Ich bin in Tuschetien und Kachetien auf Berge gestiegen, habe das Stalin Museum in Gori besichtigt und bin über schlechte Straßen Adschariens gefahren. Ich bin durch die Altstadt von Tblissi und durch die Dörfer Swanetiens geschlendert und habe schließlich den Kasbek vor mir aufragen sehen.

Nun, leider habe ich das alles nicht wirklich erlebt. Die berühmte Reise mit dem Finger auf der Landkarte war diesmal eher eine Reise mit den Gedanken zwischen den Seiten. Und um ehrlich zu sein, bin ich auch nur mitgereist. Eingeladen durch die Textsammlung „Georgien. Eine literarische Reise“ folgt man sechs Autorentandems quer durch Georgien und erfährt dabei so einiges über das Land, die Menschen und die Kultur. Initiiert wurden die Autorenreisen durch das Georgian National Book Center, Unterstützung kam durch das Goethe-Institut Georgien. Sechs deutsche und sechs georgische Autoren haben sich dann jeweils paarweise in eine Region Georgiens begeben. Dabei liegt der Fokus immer darauf, was der fremde und was der eigene Blick sieht. So unterschiedlich wie die Autoren sind auch ihre Erlebnisse und Texte.

Reiseberichte, Kurzgeschichten und Gedichte erzählen von einem Land mit einer bewegten Vergangenheit, die die heute dort lebenden Menschen immer noch prägt. Bereits der erste Text von Lucy Fricke macht deutlich, dass die Kultur nach wie vor stark von der Vergangenheit beeinflusst ist. Innerhalb der Texte wird aber auch die Rolle der Literatur in der Kultur hervorgehoben. Das als Titel verwendete Zitat des georgischen Schriftstellers Schota Rustaweli ist dem Buch vorangestellt und gibt treffend wieder, worum es eigentlich geht. Hält man an der eigenen Perspektive fest, dann entgeht einem das, was der Blick von außen wahrnimmt. Wenn man sich aber öffnet und die fremde Perspektive zulässt, dann gewinnt man einen neuen Blick auf etwas Bekanntes und manchmal wird das Altvertraute so zu etwas Neuem.

„Georgien. Eine literarische Reise“ nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise durch ein widersprüchliches aber, den Texten zufolge, auch sehr schönes Land. Die Vielfalt der Texte und die darin literarisch erzählten Erlebnisse sprechen dafür, dass Unterschiede auch immer eine Bereicherung sind. Dadurch, dass die Schriftstellertandems in unterschiedlichen Regionen Georgiens unterwegs waren, macht man während des Lesens einmal eine Rundreise. Dabei ist der Begriff „literarische Reise“ doppeldeutig zu verstehen. Zum einen natürlich, weil man die Reise anhand literarischer Texte unternimmt, zum anderen, weil jede Region ihre eigene literarische Geschichte und ganz eigene Erzählkultur hat, die in den einzelnen Texten auch deutlich wird. Das Buch macht neugierig, Georgien selbst einmal zu bereisen und zu erkunden und wer bereits dort war, wird sicherlich das eine oder andere in den Texten wiedererkennen.