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Veröffentlicht am 20.05.2017

Vom Leben einer starken Frau

Die zwei Leben der Florence Grace
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„Manche Menschen sind dafür bestimmt, auf der Erde zu gehen, aber du nicht.“ (S. 225)

Zusammenfassung. Florrie Buckley führt ein armes, dennoch größtenteils glückliches Leben, bis ihre Großmutter stirbt ...

„Manche Menschen sind dafür bestimmt, auf der Erde zu gehen, aber du nicht.“ (S. 225)

Zusammenfassung. Florrie Buckley führt ein armes, dennoch größtenteils glückliches Leben, bis ihre Großmutter stirbt und ihr das Wissen um ihre tatsächliche Herkunft hinterlässt. Völlig unvorbereitet wird sie in ein Leben der besseren Gesellschaft Londons geworfen, in dem sie sich nur schwer zurechtfindet. Wird es ihr gelingen, Frieden zu schließen und sich selbst zu finden?

Erster Satz. Dieses verdammte Pony war wieder durchgegangen.

Inhalt. In diesem Roman begleiten wir das junge Mädchen Florrie auf ihrem Weg, Florence Grace zu werden - mit allen Schwierigkeiten, die das Stadtleben in einem Umfeld, das sich für die „bessere Gesellschaft“ hält, für ein Mädchen vom Land bereithält. All diese Schwierigkeiten machten mich oft genug wütend: Wütend ob der unfairen Behandlung, die dem armen Mädchen zuteil wurde, wütend wegen der widrigen Umstände, die einfach nicht darauf ausgelegt zu sein schienen, irgendjemanden glücklich zu machen. Und trotzdem gelang es Tracy Rees, mich am Ball zu behalten, ohne dass ich frustriert wurde. Immer wieder klarte sich der Himmel über Florence auf, immer wieder zeigte ihr etwas oder jemand, dass es sich lohnt, weiter zu leben.
Und obwohl genug Schweres zwischen den Seiten steckt, vermochte es erst das (und ich hoffe, damit verrate ich nicht zu viel) versöhnliche Ende, mir Tränen zu entlocken.

Personen. In der ich-Perspektive verfasste Bücher machen es mir häufig schwer, mich auf die Geschichte einzulassen; das war hier glücklicherweise nicht der Fall. Naturgemäß jedoch erfahren wir von der Hauptfigur durch diese Gegebenheiten nur aus der Innensicht und durch Handlungen etwas über ihren Charakter, was es leicht macht, Sympathien zu entwickeln.
Doch ich glaube, ich hätte Florrie auch ohne diesen Vorteil gemocht. Sie ist eine starke Figur mit Fehlern, der es in beeindruckender Weise gelingt, sich an äußere Gegebenheiten anzupassen. Und auch die anderen Figuren waren durchweg glaubhaft und in gewisser Weise sympathisch oder doch mindestens mit einer Motivation ausgestattet, die sie mich als Leser nicht vollends hassen ließen.
Mein persönlicher Favorit dabei war übrigens die schöne Calanthe, die mich mit jeder Äußerung etwas mehr an Luna Lovegood aus den Harry-Potter-Büchern erinnerte.

Lieblingsstellen. „Es gibt zu viel Essen und nicht genug Luft.“ (S. 155)
„Das Zusammensein mit ihm kam manchmal einer Freundschaft mit einer Kiste Sprengstoff gleich, die darauf wartete, einen neuen Minenschacht aufzusprengen.“ (S. 174)
„Es waren seltsame Menschen, womöglich nicht einmal gute Menschen, aber sie waren Menschen.“ (S. 252)
„Ich habe in London nicht viele enge Freunde, aber ich denke, dass zwei von eurem Format mehr sind, als viele Menschen haben.“ (S. 293)
„Du gehörst ins Sonnenlicht und in den Wind [...].“ (S. 436)

Fazit. „Die zwei Leben der Florence Grace“ ist ein Roman, der mich an vielen Stellen berührt hat und den ich sehr gern gelesen habe. Er war spannend und fesselnd, insgesamt versöhnlich (in meinen Augen eher eine Spur zu viel als zu wenig) und doch fehlte mir für absolute Begeisterung irgendwie ein kleines Fünkchen.
Was bleibt ist jedoch noch immer ein tolles Buch über eine starke Frau unter widrigen Umständen, und das ist etwas, das ich mir von dem ein oder anderen Buch bisher in diesem Jahr auch gewünscht hätte.

Veröffentlicht am 20.05.2017

Ein Buch, das das Herz berührt

Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge
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„Wir können nicht immer gewinnen, und wir können nicht immer glücklich sein. Aber wir können es immer probieren.“ (S. 78)

Zusammenfassung. Ein ganzes Arbeitszimmer voller verlorener Dinge hinterlässt ...

„Wir können nicht immer gewinnen, und wir können nicht immer glücklich sein. Aber wir können es immer probieren.“ (S. 78)

Zusammenfassung. Ein ganzes Arbeitszimmer voller verlorener Dinge hinterlässt Mr. Peardew der überraschten Laura, und neue Freunde noch mit dazu; doch wie soll sie die Aufgabe erfüllen, bei der er sich völlig auf sie zu verlassen scheint? Wer oder was erschwert Laura ihr neues Leben? Und (wie) kommen die Geschichten von Eunice und Laura am Ende zusammen?

Erster Satz. Charles Bramwell Brockley reiste allein und ohne Fahrkarte in dem Zug um 14.42 Uhr von London Bridge nach Brighton.

Inhalt. Dieser Roman stellt mich bezüglich der Rezension vor eine gar nicht so einfache Aufgabe: Denn ich glaube, ich käme zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen, wenn ich ihn rational und kopfmäßig rezensierte, als wenn ich versuchte, meine Gefühle in Worte zu fassen. Um es mit Sunshines Worten zu sagen: „Ich denke das nicht in meinem Kopf, ich fühle es einfach.“ (S. 112).
Ich werde mit Kritikpunkten beginnen.
Mr Peardews Sammlung der verlorenen Dinge ist auch eine Sammlung zugehöriger Geschichten, die zwischen den zwei Hauptsträngen der Erzählung eingeflochten werden. Zudem springen wir innerhalb der Hauptstränge teils über recht große zeitliche Lücken hinweg, was (mir, beim Lesen) nicht immer klar war. Die Kombination aus beidem sorgt dafür, dass ich persönlich dem Buch ein paar mehr als „nur“ die 313 Seiten, die es hat, gegönnt hätte: Ich hatte das Gefühl, dass so viel mehr darin, dahinter steckt, das wir entdecken könnten, wenn die Autorin nur darauf eingegangen wäre.
Ein weiterer kleinerer Kritikpunkt ist der geisterhaft mysteriös angehauchte Teil der Geschichte, den ich etwas kritisch sehe: Ich könnte mir gut vorstellen, dass der ein oder andere darauf durchaus befremdet reagiert. Meine Assoziation mit der Tante-Dimity-Reihe von Nancy Atherton wurde durch diesen Umstand ebenfalls verstärkt.
Was aber viel wichtiger ist: Ruth Hogan verpackt in diesem Roman eine berührende Geschichte, in der ich mich des Öfteren zwischen Lachen und Weinen wiederfand, zwischen einem Haufen verloren gegangener und gesammelter Alltagsgegenstände. Sie schenkt den Figuren neue Chancen und Menschen, die sie lieben, und sie schildert das alles in einer wirklich schönen Ausdrucksweise, die mich schon auf den ersten Seiten in das Buch verlieben ließ.

Personen. Hogan gelingt es in diesem Buch, verschiedenste Charaktere aufeinandertreffen zu lassen, ohne dass einer von ihnen seine Glaubwürdigkeit oder Sympathiepunkte einbüßt. Man wünscht allen vorkommenden Figuren (naja; sagen wir, fast allen) nur das Beste und trauert mit ihnen um alles, was sie verloren haben. Der ein oder andere mag teils überspitzt erscheinen, im Großen und Ganzen habe ich jedoch jeden in mein Herz geschlossen und bin noch immer begeistert von der Komik und der Wahrheit in den Worten zwischen Freddy, Sunshine und Laura.

Lieblingsstellen. „Wenn man nie traurig ist, woher soll man dann wissen, wie es ist, glücklich zu sein?“ (S. 129)

Fazit. Liest man diesen Roman mit bewusst kritischem Blick, so fällt es vermutlich nicht allzu schwer, eine Reihe unerfreulicher Kleinigkeiten zu finden. Aber wer will das schon? Denn so viel Liebe, wie Anthony Peardew sie den verlorenen Schätzen entgegenbringt, war für mich auch zwischen den Seiten fühlbar.
Ich glaube Ruth Hogan, wenn sie schreibt „Dass ich das hier schreibe, bedeutet, mein Traum ist endlich in Erfüllung gegangen, und ich bin eine richtige Autorin.“ (S. 315)
Alles in allem gehört „Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge“ zu den Büchern, die mir in diesem Jahr bisher am besten gefallen haben.

Veröffentlicht am 20.05.2017

Ein märchenhafter Krimi

Der Freund der Toten
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„Sieh dich vor. Es gibt in diesem Dorf keine vertrauenswürdige Seele. Jeder von ihnen hat mindestens zwei Gesichter.“ (S. 75)

Zusammenfassung. In „Der Freund der Toten“ entdecken wir gemeinsam mit dem ...

„Sieh dich vor. Es gibt in diesem Dorf keine vertrauenswürdige Seele. Jeder von ihnen hat mindestens zwei Gesichter.“ (S. 75)

Zusammenfassung. In „Der Freund der Toten“ entdecken wir gemeinsam mit dem Hippie Mahony das grausige Schicksal seiner Mutter, das von den Bewohnern ihres Heimatdorfes sorgfältig verborgen gehalten wird. Denn so richtig schön ist vieles nicht, das in diesem Zuge ans Tageslicht zu kommen droht, und Schweigen ist diesem kleinen irischen Dorf schon immer das Mittel der Wahl gewesen.
So bleiben Mahony auf seiner Mission nicht viele Verbündete, wenn man von den vielen Toten absieht, die seinen Weg säumen und immer wieder (mal mehr und mal weniger) hilfreich sind.

Erster Satz. Sein erster Schlag: Sie gab keinen Laut von sich, riss nur die dunklen Augen weit auf.

Cover. Das Cover gefällt mir ziemlich gut, zum einen hat es mich optisch direkt angesprochen, zum anderen illustriert es auch so wunderschön die märchenhafte Sprache, mit der dieser Roman immer wieder aufwartet. Es passt in meinen Augen im Besonderen ganz wunderbar zu meiner unten zitierten Lieblingsstelle.

Inhalt. Vor allem anderen ist „Der Freund der Toten“ ein wirklich spannender Roman. Schon während sich die Handlung langsam entrollt, gegen Ende dann jedoch ganz besonders, mochte ich das Buch kaum zur Seite legen.
Ein Knackpunkt, der es mir erschwert, das Buch uneingeschränkt jedem zu empfehlen, ist das exzessive Auftauchen Toter, mit denen Mahony spricht und die teils Hinweise liefern, teils wirre Informationen mitzuteilen scheinen und die der Handlung einen leicht abgedrehten Touch verleihen. Mir selbst haben diese Elemente unwahrscheinlich gut gefallen, sie machen einen nicht unerheblichen Teil meiner eigenen Begeisterung aus, doch gleichzeitig weiß ich durch diesen Faktor, der die Geschichte in einigen Teilen deutlich unheimlicher machte als ich es erwartet hatte, einfach nicht, wem ich das Buch nahe legen möchte. Schwiegermama, die spannende Krimis und Thriller liest? Meiner eigenen Mama, die tiefgehende Romane vorzieht? Dem Freund, der an sich gar nicht gerne liest und der sein Herz allenfalls an Fantasy-Titel hängt? Dieses Buch macht es mir nicht leicht.

Personen. Obwohl sehr viele Charaktere vorkommen und relevant sind, gelingt es der Autorin in meinen Augen ganz wunderbar, uns (beinahe) jeden näher zu bringen. Sie wechselt zwischen Perspektiven hin und her und bietet uns als Lesern auf diese Weise einen ziemlich umfassenden Einblick in die Geschichte, Hintergründe, Gedanken und Gefühle der meisten Figuren.
Ein besonderes Faible hatte ich für die vorkommenden Toten, die zum Teil auf wirklich anrührende Weise versucht haben, am Geschehen teil zu haben, und die eine gewisse Komik mit in jede Situation gebracht haben.

Zitate. „Doch während der Mann sich wusch, hatte der Wald das Kind verborgen. [...] So kam es, dass der Mann, als er sich umschaute, das Kind nicht mehr finden konnte, so gründlich er auch suchte.“ (S. 9)
„Ich hab ein Jo-Jo gehabt, aber ich hab’s verloren. [...] Ich glaube, der Wald hat’s gestohlen. Der stiehlt alles, was hübsch ist.“ (S. 31)

Fazit. Ich persönlich bin ein wenig verliebt, in die Sprache, in das Märchenhafte und das Besondere. Ich weiß bloß nicht, wem es ähnlich ergehen könnte und wem die abgedrehten Aspekte nur befremdlich erscheinen würden. Mein Tipp: Wenn man reinliest und alles ein paar Seiten auf sich wirken lässt, dann weiß man (glaube ich) ziemlich schnell, ob dieses Buch einen ansprechen kann oder ob man eher die Finger davon lassen sollte.

Veröffentlicht am 14.05.2017

Verschenktes Potential

Die Morde von Morcone
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Zusammenfassung. Im toskanischen Morcone treibt ein unbekannter Mörder sein Unwesen und verbreitet Schrecken in der Bevölkerung, der mit dem Tod einer afrikanischen Prostituierten beginnt und scheinbar ...

Zusammenfassung. Im toskanischen Morcone treibt ein unbekannter Mörder sein Unwesen und verbreitet Schrecken in der Bevölkerung, der mit dem Tod einer afrikanischen Prostituierten beginnt und scheinbar unaufhaltsam weitergeht. Was haben die seltsamen Zeichen auf den Leichen der Opfer zu bedeuten? Was ist das für ein Spiel, das die einzelnen Bewohner des Orts spielen? Und wie hängt all das mit dem anscheinend christlich fundamentalistisch angehauchten Mörder?
Eigentlich hatte Robert Lichtenwald den Plan gehabt, ein Jahr lang in der Toskana irgendwo in sich den Mann wiederzufinden, der er eigentlich war und sein wollte. Als aber seine neue Heimat auf Zeit durch eine Mordserie erschüttert wird, kann er sich nicht lang von den Ermittlungen fernhalten.

Erster Satz. Es konnte kein Zufall sein.

Inhalt. Dieser Krimi versprach eigentlich so viel: Lust auf Urlaub hatte ich schon nach wenigen Seiten, Appetit auf italienisches Essen ließ auch nicht lange auf sich warten und die aus der Perspektive des Mörders erzählten kurzen Episoden bauten schon zu Beginn Spannung auf. Warum also sprang der Funke trotz all dem nicht so richtig über?
Vielleicht wegen der Erzählstränge, die angeschnitten, aber nie so richtig bis zum Ende erzählt wurden. Vielleicht lag es daran, dass ich schon recht früh einen Verdacht hatte und bis zum Ende hin nicht mehr so richtig überrascht wurde. Vielleicht fehlten mir auch an zu vielen Stellen irgendwie die Erklärungen.
Damit möchte ich keinesfalls sagen, dass der Krimi nicht spannend gewesen wäre. Gerade auf den letzten Seiten war ich meilenweit davon entfernt, es auch nur aus der Hand zu legen. Doch auch dort offenbarte sich der in meinen Augen größte Schwachpunkt: So vieles wurde angeschnitten, der Krimi wollte mehr sein als er im Endeffekt leisten konnte, und so bleiben die wirklich spannenden, mitreißenden Stellen leider in der Minderheit.

Personen. Auch in der Wahl und Ausgestaltung der Charaktere setzt sich fort, was mich an „Die Morde von Morcone“ stört. Das beginnt schon mit der schieren Anzahl handlungsrelevanter Figuren, deren Namen ich fast bis zum Ende durcheinander geworfen habe. Da ist zu viel Hintergrund, zu schnelle Sprünge zwischen den Perspektiven. In ganz engem Zusammenhang dazu steht auch die in meinen Augen ziemlich kurz kommende Trauer um die Opfer des Mörders: Obwohl versucht wird, eine gewisse Nähe aufzubauen, scheitert der Krimi daran, mich wirklich mitfühlen zu lassen - und auch die Morconesi gehen für meinen Geschmack eine Spur zu gefasst mit all den Verlusten um.

Fazit. Stefan Ulrichs „Die Morde von Morcone“ ist sicherlich kein schlechtes Buch, aber weiterempfehlen kann ich es nur Liebhabern italienischer Krimis. Denn die Umgebung hat mir durchaus gut gefallen, doch abgesehen davon konnte mich weder Handlung noch Protagonisten packen. Ziemlich schade!

Veröffentlicht am 14.05.2017

Kindergarten meets Fünfziger Jahre

June
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„Ich wusste nicht, dass es ein Verbrechen ist, sich wie ein Erwachsener zu benehmen.“ (S. 452)

Zusammenfassung. Im Sommer 1955 sieht sich die Kleinstadt St. Jude einer Invasion aus Hollywood gegenüber, ...

„Ich wusste nicht, dass es ein Verbrechen ist, sich wie ein Erwachsener zu benehmen.“ (S. 452)

Zusammenfassung. Im Sommer 1955 sieht sich die Kleinstadt St. Jude einer Invasion aus Hollywood gegenüber, die alle ihre Bewohner in ihren Bann zieht - bis auf die junge June, die ihrer bevorstehenden Hochzeit mit Arthur entgegensieht und an nichts anderes denkt. Doch dann begegnet ihr der Schauspieler Jack Montgomery und es wird eine Entwicklung losgetreten, die nicht nur ihr Leben nachhaltig verändert.
Sechzig Jahre später bricht das Leben ihrer Enkelin Cassie Stück für Stück über ihr zusammen, als sie plötzlich von einem ungeheuerlichen, unerwarteten Erbe erfährt. Anlass genug, die wahren Geschehnisse des Sommers 1955 aufzudecken!

Erster Satz. Nicht alle Häuser träumen.

Cover. Gemeinsam mit dem Beginn des Romans (mehr dazu unter „Lieblingsstellen“) hat mich das Cover überzeugt, das Buch haben zu wollen: Ich war ohne weitere Umstände direkt verliebt. In die Frisur und das Kleid der jungen Frau, in das Fahrrad und die Schriftart und die Farben... Von diesem Buch konnte ich einfach nicht die Finger lassen!

Inhalt. Leider hat mich das Buch, von dem ich so viel erhofft und erwartet hatte, vor allem enttäuscht. Die Geschichte ist nicht wahnsinnig innovativ, das hätte ich aber auch nicht erwartet und das ist auch nicht mein hauptsächlicher Kritikpunkt; die Wendungen und die Sprünge zwischen den Sommern 2015 und 1955 waren meist an passenden Stellen und hielten für mich die Spannung aufrecht. Dann gab es da aber noch die…

Personen. Das große Problem dieses Romans ist eine seiner Hauptfiguren. Nicht die namensgebende June, die ist vielleicht etwas naiv und verhält sich nicht immer nachvollziehbar, aber damit käme ich noch klar; viel dramatischer ist die kleine Cassie. Wenn im Buch nicht behauptet würde, sie wäre fünfundzwanzig, dann würde ich an dieser Stelle anmerken, dass man eine Fünfjährige unmöglich monatelang allein wohnen lassen kann. Aber so wie es ist, könnte ich das Einstiegszitat eigentlich unterschreiben.
Doch um etwas konkreter zu werden: Cassie ist eine egozentrische, oftmals unverschämte und taktlose Ziege, die mit Vorliebe in Selbstmitleid badet und augenscheinlich nicht zu Empathie fähig ist. Die zwei Auflösungen, die glaubhaft gewesen wären: Sie ist in Wirklichkeit doch ein Kleinkind, das sich das große, echte Leben bloß erträumt, oder sie ist schwerstens depressiv. Zweite Möglichkeit wird angerissen, aber scheint nicht wirklich der Rede wert zu sein.
Hinzu kommt, dass Figuren nicht in ihrer Rolle bleiben, und auch hier bietet Cassie wieder das Paradebeispiel: Da muss sie sich in einer Situation, in der eine andere Person vor ihr sitzt und weint, erst „große Mühe [geben], mitfühlend zu klingen“ (S. 321), kurze Zeit später ist die Rede davon, dass sie „echtes Mitleid“ mit selbiger Person hat (S. 380), nur um einen Satz (!) später festzustellen, es sei „befriedigend, dass hinter ihrer perfekten Fassade einiges im Argen lag“ (S. 380). Ehm, sorry, aber wie bitte? Wo ergibt denn das Sinn? Und das ist nur eine von so, so vielen Stellen, an denen ich nur den Kopf schütteln konnte.

Lieblingsstellen. „Nicht alle Häuser träumen. Die meisten tun das nicht. Doch Two Oaks träumte.“ (S. 11)
„Aber ich muss doch ein Kleid anziehen.“ „Du musst gar nichts. Trag, worin du dich wohlfühlst.“ (S. 356)
„Er verstand einfach nicht, dass etwas Seltenes eben durch seine Seltenheit so wunderbar wurde.“ (S. 421)

Fazit. Ich wünschte wirklich sehr, ich könnte dieses Buch empfehlen. Das Setting und die Idee haben mir auch echt gut gefallen, (und bis zur Mitte dachte ich, dass die guten Seiten die schlechten mindestens weitgehend aufheben könnten). Aber: nö. Die Figur Cassie ist zu allgegenwärtig und hat mir zu meinem Leidwesen echt eine Menge kaputt gemacht.
Ich freu mich jedoch über jeden, der dieses Buch lesen mag, denn vielleicht findet sich ja jemand, der meines haben möchte. Aber empfehlen werde ich es niemandem.