Profilbild von clematis

clematis

Lesejury Star
offline

clematis ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit clematis über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.05.2021

Geborgenheit

Liebe, lavendelblau
0

Der Freund geht für ein halbes Jahr nach Hollywood, um ins Filmgeschäft einzusteigen, der kleine Buchladen mit ihrem Arbeitsplatz muss Konkurs anmelden, die Schwester studiert in Köln und die beste Freundin ...

Der Freund geht für ein halbes Jahr nach Hollywood, um ins Filmgeschäft einzusteigen, der kleine Buchladen mit ihrem Arbeitsplatz muss Konkurs anmelden, die Schwester studiert in Köln und die beste Freundin ist mit ihrem Baby beschäftigt und leidet unter chronischem Schlafmangel. Ab nach Kalifornien, um Trost bei Tobias zu finden, denkt Sarah, aber der begeht gerade mehr als einen Vertrauensbruch und so bucht die junge Dame aus Hamburg kurzerhand um auf einen Flug nach Südfrankreich und besucht ihre Schulfreundin in Nizza, wo ihr ein verschlossener Weinhändler mit hübschen blauen Augen über den Weg läuft.

Der Beschreibung nach könnte „Liebe, lavendelblau“ ein durchschnittlicher Liebesroman sein, aber – weit gefehlt! Hannah Juli besticht auch in diesem Genre durch einen ausgesprochen angenehmen Sprachstil, der mit vielen Bildern und Metaphern die Provence zum Leben erweckt. Sorgfältig beschreibt die Autorin ihre Figuren, die authentisch und real ins Geschehen passen. Personen, Schauplätze und Handlung greifen wie Puzzleteilchen ineinander und weben eine plastische Geschichte, die man nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Wie schon früher, liebe ich Hannah Julis zauberhafte Kreationen von Kakteen, die ihre Ohren in verschiedene Richtungen recken und Blicken, die hüpfen. Mit silbrigen Olivenhainen, knorrigen Weinstöcken und zirpenden Zikaden lande ich endgültig in der leuchtenden Provence und schmecke perlenden Cidre und würzigen Käse mit knusprigem Baguette. So wie Sarah, die ja nicht nur Talent zum Verkaufen von Büchern, sondern auch zum Schreiben hat, scheint die Autorin über die Tastatur zu steppen, wobei sie einen wunderbaren Bogen spannt vom ernüchternden Dasein in Hamburg zum naturverbundenen Leben in den provenzalischen Weinbergen. Überraschende Ereignisse lassen niemals das Gefühl von bereits Bekanntem oder gar Langeweile aufkommen. Vielmehr berührt die liebevoll und warmherzig verfasste Geschichte den Leser in seinem Inneren und lässt diesen Roman zu etwas ganz Besonderem werden.

Nach Nordfinsternis, veröffentlicht unter dem Namen Ricarda Oertel, bin ich auch von Liebe, lavendelblau begeistert und spreche ganz klar eine Leseempfehlung aus!



Titel Liebe, lavendelblau

Autor Hannah Juli

ISBN 978-3-548-06440-6

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 416 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 31. Mai 2021

Verlag Ullstein Taschenbuch Verlag

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.05.2021

Leben am Zentralfriedhof

Das Buch des Totengräbers (Die Totengräber-Serie 1)
0

Augustin Rothmayer ist Totengräber am Wiener Zentralfriedhof, allerdings ein ganz besonderer, indem er sich eingehend mit dem Tod beschäftigt, Todesursachen und Verwesungsstufen untersucht, Leichen schon ...

Augustin Rothmayer ist Totengräber am Wiener Zentralfriedhof, allerdings ein ganz besonderer, indem er sich eingehend mit dem Tod beschäftigt, Todesursachen und Verwesungsstufen untersucht, Leichen schon in allen nur erdenklichen Formen gesehen hat und nun an einem Almanach für Totengräber schreibt. Der Tod ist schließlich Teil des Lebens, so einfach ist das für den kauzigen Mann mit erdverschmiertem Mantel und abgewetztem Schlapphut. Allerdings wird er im Oktober 1893 bei seiner sorgfältigen Arbeit vom jungen Inspektor Leopold von Herzfeldt gestört. Die Leiche von Johann Strauß‘ Bruder Bernhard wäre beinahe aus seinem Sarg gestohlen worden und im Prater wird eine tote Dienstmagd gefunden, brutal gepfählt. Kann Rothmayer wertvolle Hinweise zu den Verbrechen liefern?

Mit seinem unverwechselbaren und hervorragenden Schreibstil entführt uns Oliver Pötzsch diesmal ins alte Wien Ende des 19. Jahrhunderts, in eine Zeit der Pferdetramways und der Fiaker, trübe Gaslampen beleuchten noble Ringstraßenpalais, welche einen harschen Gegensatz bilden zu den tristen, stinkenden Fabriksvierteln, die noch vor der staubigen Ödnis des Zentralfriedhofs liegen. Die dargestellte Epoche ist geprägt von rasanten Entwicklungen mit Telefon und Automobil, Fotografie und Kino. Auch vor der Ermittlungsarbeit der Polizei macht der Fortschritt nicht Halt, Herzfeldt war Schüler bei Staatsanwalt und Untersuchungsrichter Gross in Graz und kommt mit Handbuch und Kriminalistikkoffer, Maßband und Kamera nach Wien. Voll Eifer und Scharfsinn geht er jedoch eher hochmütig an die Ermittlungsarbeiten heran und verschafft sich dadurch keine Freunde in der Hauptstadt. Seine jüdische Abstammung tut noch ihr Übriges…

Mit vielen wissenswerten Details beschreibt Pötzsch das Geschehen und erweckt alte Zeiten zu neuem Leben, eingestreute Satzteile im Dialekt und typische Ausdrücke verleihen dem Kriminalroman sein ganz spezielles Flair, wodurch der Leser ganz und gar eintaucht in diese fremdartige Welt. Grausame Morde und abergläubische Riten gegen Untote werden zu einem spannenden Kriminalroman verknüpft, anschaulich charakterisierte Figuren verleihen der Handlung Lebendigkeit und Realitätsnähe. Vom ersten bis zum letzten Kapitel blickt der Leser gebannt auf die Lebenden und die Toten, erlebt einen gekonnten Mix aus historischen Fakten und romanhafter Dichtung.

Wie immer, besticht Pötzsch durch ausgiebige, genaue Recherche und Authentizität, sodass auch mit dem Buch des Totengräbers wieder ein exzellentes Werk entstanden ist, welches ich – wie schon die Faustdilogie – nur wärmstens empfehlen kann.



Titel Das Buch des Totengräbers

Autor Oliver Pötzsch

ISBN 978-3-86493-166-6

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 448 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 31. Mai 2021

Verlag Ullstein Taschenbuch Verlag

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.05.2021

Zügellos

Die Tänzerin vom Moulin Rouge
3

Hart arbeiten muss Louise Weber trotz ihres zarten Alters. Ebenso wie ihre ältere Schwester Vic und ihre Mutter schuftet sie von früh bis spät in einer Wäscherei in Paris um ihren kargen Lebensunterhalt ...

Hart arbeiten muss Louise Weber trotz ihres zarten Alters. Ebenso wie ihre ältere Schwester Vic und ihre Mutter schuftet sie von früh bis spät in einer Wäscherei in Paris um ihren kargen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Vater ist im Krieg geblieben, auch der großelterliche Garten im Elsass ist verloren. Gott scheint alles falsch zu verstehen, also muss Louise ihr Leben selbst in die Hand nehmen, will sie nicht ewig weiter so dahin kümmern, vielleicht noch mit einem üblen Ehemann an ihrer Seite.

Sehr lebendig und reich an Bildern steigt Tanja Steinlechner ins Leben von Louise ein: dampfende Kessel, scharfe Lauge, wunde Hände – das ist der Alltag in der Wäscherei unter der gestrengen Aufsicht von Vorsteherin Betty. Vorbei sind die Zeiten im Elsass, wo es frisch nach Rosmarin, Thymian und Lavendel duftete, vorbei die Träume von einem angenehmen und selbstbestimmten Leben. Im Jahre 1880 kann man sich eben nicht aussuchen, welchen Platz einem das Schicksal zuteilt – oder ist es vielleicht doch möglich, all dem zu entkommen, seiner Sehnsucht nachzugeben und neue Wege zu beschreiten?

Der Tanz ist es, der Louise immer schon fasziniert. Feine Strümpfe und Mieder im Waschzuber stacheln ihre Fantasie an. Am Montmartre spielt sich das wahre Leben ab, in der schillernden Künstlerwelt, die erst spät abends erwacht, während man in den Baracken von Clichy bereits erschöpft aufs Nachtlager sinkt. Entschlossen, ehrlich und direkt präsentiert Steinlechner die junge Dame, die ausbricht aus den einengenden Normen, aus dem Alltag, in dem sie nicht wie ihre Mutter dauerhaft gefangen sein will und kann.

Schnell taucht der Leser ein in eine Milieustudie, in eine berauschende Atmosphäre von Paris im ausklingenden 19. Jahrhundert, begegnet interessanten Künstlern wie Auguste Renoir, Henri de Toulouse-Lautrec, dem Psychoanalytiker Sigmund Freud und vielen anderen berühmten historischen Personen. Vergnügen zwischen Champagner, Oliven und Käse, Malereien, Fotografien und hübsche Tänzerinnen spannen einen aufregenden Bogen von Louises ersten Schritten auf der Bühne bis zu ihren Auftritten im Moulin Rouge. In rascher Abfolge wechseln Schauplätze und Freunde, spiegeln Louises Willensstärke, aber auch ihre Maß- und Zügellosigkeit wider. Immer mehr verschwimmen Raum und Zeit wie in einem Drogenrausch, der die gefeierte Tänzerin mit sich fortreißt.

Überraschend und unerwartet, aber ausgezeichnet recherchiert und den Tatsachen entsprechend, wandelt sich das anfangs selbstbewusste und zielstrebige Mädchen in eine wenig sympathische erwachsene Frau, deren Verhalten man nur mehr schwer verstehen kann.

Das Bildnis der Louise Weber als inspirierender Roman mit vielen realen Details ist gut gelungen und stellt, trotz einiger Längen im Mittelteil, eine interessante Zeitreise dar in die leuchtende Metropole der Kunst und der Freizügigkeit, der Toleranz und der uneingeschränkten Liebe, ein überaus passendes Portrait einer zügellosen Figur, die Louise Weber zweifellos war.



Titel Die Tänzerin vom Moulin Rouge

Autor Tanja Steinlechner

ISBN 978-3-404-18411-8

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 432 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 28. Mai 2021

Verlag Lübbe

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 16.05.2021

Zwischen den Cotswolds und New York

Muschelspiel
0

Um ein drohendes Burn-out durch ihren stressigen Anwaltsjob noch rechtzeitig abzuwenden, gönnt sich Kira aus New York eine dreimonatige Auszeit im idyllischen südenglischen Castle Combe. Rasch wird ihr ...

Um ein drohendes Burn-out durch ihren stressigen Anwaltsjob noch rechtzeitig abzuwenden, gönnt sich Kira aus New York eine dreimonatige Auszeit im idyllischen südenglischen Castle Combe. Rasch wird ihr klar, dass auch ihr Privatleben gründlich überdacht gehört. Aber noch bevor sie richtig entspannen und die wunderschöne Landschaft der Cotswolds genießen kann, scheint ein Einbrecher am Dachboden herumzurumoren. Gut, dass direkt im Nachbarhäuschen der Schriftsteller Matt Vellacott wohnt, der ihr Unterschlupf bietet und sich schließlich noch mit Kira auf die Spuren der Vergangenheit der erst kürzlich verstorbenen Vorbesitzerin von Kiras Ferienunterkunft begibt.

Romantisch und mit viel Humor gespickt präsentiert sich dieser neue Roman von Margot S. Baumann. Die ehrgeizige und gewissenhafte Kira sowie der unter einem Pseudonym schreibende Autor mit dem verstrubbelten Haar bilden zwei sympathische Hauptfiguren, die die Geschichte mit wenigen - meist ebenso liebenswerten - Nebendarstellern, tragen. Während man zu Beginn meinen könnte, dass es sich hier um eine mittelmäßige Liebesgeschichte handelt, so wird man rasch eines Besseren belehrt. Der Leser erlebt Einblicke in die Geschichte der Umgebung, besucht interessante Schauplätze und taucht ganz unmittelbar in spannende Nachforschungen über vergangene Zeiten ein. Ein flüssiger Schreibstil und eine ansprechende Handlung tun ein Übriges, um dieses Buch rasch als kurzweilige Unterhaltung zu betrachten.

Eine klare Linie ohne Zeitsprünge und verwirrende Szenenwechsel führt von der ersten bis zur letzten Seite durch das Geschehen, dennoch - oder gerade deshalb - möchte man das „Muschelspiel“ gar nicht mehr aus der Hand legen, sondern ohne Pause mit Kira und Matt aufregende Wochen erleben.

Mir hat auch dieser Roman von Margot S. Baumann wieder sehr gut gefallen und angenehme Lesestunden beschert.



Titel Muschelspiel

Autor Margot S. Baumann

ISBN 978-2-496-70489-1

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 381 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 18. Mai 2021

Verlag Tinte und Feder

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.05.2021

Farblose Perlen

Die Glasperlenmädchen
0

Als junge Lehrerin und Fremde kommt Benedetta Silva nach Augustine, Louisiana, und findet sich schwierigen Verhältnissen gegenüber. Ihre Schüler fallen auf durch Desinteresse, Hunger und der Aufgabe, im ...

Als junge Lehrerin und Fremde kommt Benedetta Silva nach Augustine, Louisiana, und findet sich schwierigen Verhältnissen gegenüber. Ihre Schüler fallen auf durch Desinteresse, Hunger und der Aufgabe, im Haushalt sowie bei der Beaufsichtigung jüngerer Geschwister mitzuhelfen, auch wenn das versäumte Unterrichtstage bedeutet. Vergeblich versucht sie, die Meute im Zaum zu halten, bis sie mit einer zündenden Idee vielleicht doch noch das Interesse der Jugendlichen wecken kann.

In einer früher angesiedelten Zeitebene (1875) ist die ehemalige Sklavin Hannie entzweit von ihrer Familie und hat nur noch drei blaue Glasperlen als Erinnerung an ihre Lieben. Unfreiwillig befindet sie sich alsbald auf einer Reise nach Texas mit den Halbschwestern Lavinia und Juneau Jane, die ihre Erbrechtspapiere sicherstellen wollen.

So spannend sich die Inhaltsangabe liest, so schön das Buch als Ganzes gestaltet ist, so enttäuschend ist der Inhalt. Was aufregend beginnt mit schrecklichen Sklavenschicksalen, wandelt sich alsbald in eine träge dahinfließende Anzahl an Seiten, die wenig Geschehen präsentieren und auch keinerlei Emotionen auslösen. Die im Klappentext erwähnte Reise nach Texas entpuppt sich eher als zähe Flucht denn als aktive Suche, auch die gewitzte Idee von Benedetta kommt erst spät ins Spiel. Jede Szene, die Abenteuer und Aufregung verspricht, endet rasch und glimpflich, weder Angst noch Freude sind aus den Zeilen herauszuspüren. Warum Missy Lavinia als eine der Hauptfiguren überhaupt konzipiert wird, obgleich sie dann nahezu die ganze Zeit über einen nassen Erntesack mimt, erschließt sich dem Leser kaum.

Alles in allem ein paar gute Ansätze, die aber leider keineswegs fesselnd in diesen Roman gepackt wurden.

ISBN 978-3-8090-2739-3

Sprache Deutsch

Ausgabe gebundenes Buch, 528 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 26. April 2021

Verlag Limes

Originaltitel The Book of Lost Friends

Übersetzer Andrea Brandl

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere