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Veröffentlicht am 02.09.2020

Flughafenmörder

Schrei nach Rache
8

Drei deutsche Städte, drei Flughäfen, drei grausame Morde. Das LKA Stuttgart vermutet einen Zusammenhang, kann aber keinerlei Gemeinsamkeiten der Toten feststellen, auch die Todesursachen unterscheiden ...

Drei deutsche Städte, drei Flughäfen, drei grausame Morde. Das LKA Stuttgart vermutet einen Zusammenhang, kann aber keinerlei Gemeinsamkeiten der Toten feststellen, auch die Todesursachen unterscheiden sich erheblich. Was liegt näher, als Fallanalysten Falk Hagedorn um ein Täterprofil zu bitten?

Aufgrund eines Unfalls frühzeitig aus dem Dienst geschieden und an den Rollstuhl gefesselt, ist der brummige Hagedorn dabei, sich als Psychotherapeut zu etablieren. Allerdings wird seine neue Praxis bald auf den Kopf gestellt durch Nadine Adlers Anfrage, die Ermittlungen zum Flughafenmörder zu unterstützen. Obwohl er aus persönlichen Gründen nie mehr für die Polizei arbeiten wollte, lässt er sich doch aufgrund der Dossiers überzeugen. Ein fataler Fehler?

Hagedorn bei einem Banküberfall, Hagedorn am Flughafen. Zeitsprünge. Nadine Adler, Leiterin der Sonderkommission. Unbekannte Personen an anderen Schauplätzen. Matthias Bürgel versteht es gekonnt, einzelne Szenen ohne erkennbaren Zusammenhang aneinanderzureihen, den Leser neugierig werden zu lassen. Aber mitten im Buch scheint auch schon wieder alles zu Ende zu sein. Der Täter ist wohl entlarvt, fehlt nur noch die Festnahme. Was, um Himmels willen, kommt da noch auf den nächsten fast 200 Seiten, frage ich mich ein wenig irritiert. Und dann, dann geht es erst so richtig los. Raffiniert baut der Autor spannende Details ein, unerwartete Wendungen, schafft mit realitätsnahen Schilderungen eine fesselnde Atmosphäre, der man sich bis zum Schluss nicht mehr entziehen kann. Und am Ende bleibt keine Frage offen.

Hagedorn als kauziger Ratgeber im Mittelpunkt wird von anderen sehr gut charakterisierten Personen, Praktikern wie Theoretikern, flankiert. Kurze Auftritte von Bannert erinnern an Fall Eins und die junge Adler passt toll ins Bild, bietet sie doch Hagedorn die Stirn und nimmt ihn so für sich und ihre Ermittlungen ein. Auch zum Täter gibt es interessante Überlegungen im Rahmen der Operativen Fallanalyse.

Nicht nur ein stimmiger und flüssiger Schreibstil, nein, auch das fundierte Wissen eines „echten Kriminalbeamten“ und seine akribischen Recherchen bestechen ebenso wie im ersten Fall und lassen mich, ohne auch nur eine Sekunde überlegen zu müssen, fünf verdiente Sterne vergeben! Leseempfehlung (möglichst nach „Dunkler Hass“, obwohl dieses Buch natürlich unabhängig vom Vorgänger gelesen werden kann)!

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  • Spannung
Veröffentlicht am 01.09.2020

Rache

Das Nordseegrab
0

Es ist das Jahr 1843 in Husum: Peter Söt dient sich dem jungen Anwalt Theodor Storm als Schreiber an. Kurz nach seinem Eintreffen im Städtchen findet man eine Leiche in einem vor Blut triefenden Bottich ...

Es ist das Jahr 1843 in Husum: Peter Söt dient sich dem jungen Anwalt Theodor Storm als Schreiber an. Kurz nach seinem Eintreffen im Städtchen findet man eine Leiche in einem vor Blut triefenden Bottich und bald darauf den ermordeten Lüdersen an einem Bachufer. Hat der geheimnisvolle Schreiberling etwas mit der Mordserie zu tun? Bringt der Unglücksvogel nur Pech mit sich? Und da ist noch das fast in Vergessenheit geratene gesunkene Schiff …

Eine Szene am Meer, dann Söt im Mittelpunkt, der aus seiner Sicht erzählt und von dem man anfangs nicht recht weiß, wer er eigentlich ist. Jedenfalls bekommt er vom „Meister“ einen Auftrag und stellt sich in die Dienste des jungen Advokaten in Husum. Von da an nimmt die Handlung ihren Lauf. Voll Vertrauen bezieht Storm den neuen Gehilfen in all seine Tätigkeiten mit ein.

Tilmann Spreckelsen siedelt die Handlung von „Das Nordseegrab“ Anfang der 1840er Jahre an, einer Zeit, in der Theodor Storm zwar sein Studium bereits absolviert hat, aber als Anwalt – und auch als Dichter – noch nicht so recht Fuß gefasst hat. (Mehr dazu im kurzen, aber informativen Nachwort. Ebenso hilfreich ist die Personenliste am Ende, um den Überblick zu bewahren.)

In einem schnörkellosen, schlichten, ja fast träge dahinfließenden Schreibstil erweckt der Autor das Städtchen Husum im Herzogtum Schleswig wieder zum Erwachen. Bis ins kleinste Detail werden Straßenzüge benannt, Vorgärten beschrieben und die schmalen Häuschen samt ihren Bewohnern genauestens charakterisiert. Viele Informationen, die sehr gut recherchiert sind, fließen in die Handlung mit ein, so Storms früher Beginn, Gedichte zu schreiben, Geschichten zu sammeln und einen Chor anzuleiten. Allerdings ufern die zeitgeschichtlichen Einzelheiten manchmal doch sehr aus und auch die Ermittlungen in den Mordfällen sind teils verwirrend dargestellt, sodass man als Leser manchmal achtgeben muss, nicht den Faden zu verlieren.

Nichtsdestotrotz hat Spreckelsen mit diesem ersten Theodor-Storm-Krimi einen interessanten und bildhaften Auftakt geschaffen, der Husum hübsch in Szene setzt, den Alltag damals wunderbar in Worte fasst und anfängliche Fragen bis zum Ende hin raffiniert auflöst. Ein ungewöhnlicher Blickwinkel auf einen Ausschnitt aus Storms Leben, gekonnte Verquickung des realen und fiktiven Juristen und Dichters machen Lust auf die folgenden Bände!

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Veröffentlicht am 30.08.2020

Hagedorn - Fall 1

Dunkler Hass
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Wieder eine verstümmelte Leiche, diesmal im Moor, und das nicht erst seit gestern. Kommissar Marius Bannert sieht sich einem Serienkiller gegenüber und holt den bereits pensionierten Fallanalytiker Frank ...

Wieder eine verstümmelte Leiche, diesmal im Moor, und das nicht erst seit gestern. Kommissar Marius Bannert sieht sich einem Serienkiller gegenüber und holt den bereits pensionierten Fallanalytiker Frank Hagedorn mit ins Boot. An den Rollstuhl gefesselt, sind seine Beine zwar gelähmt, sein Geist allerdings ist hellwach. Als er den Motiven des Täters zu nahe kommt, ersinnt dieser einen schrecklichen Plan.

Ab der ersten Seite vermag Matthias Bürgel zu fesseln und eine spannende Geschichte auf Papier zu bannen. Mit interessanten Details wartet der „gelernte Kriminalbeamte“ auf, schreibt authentisch und glaubwürdig. Neben der akribischen Suche nach dem grausamen Mörder fließen auch unterhaltsame Abschnitte ein zu den Verhältnissen im Kommissariat und rund um Hagedorns Person, mit dessen knurriger Art nicht jeder leicht auszukommen vermag.

Trotz der steten Schauplatzwechsel und der verschiedenen Perspektiven, aus denen dieser Fall beleuchtet wird, besteht immer ein guter Überblick über die Handlung, die unterschiedlichen Sichtweisen geben auch dem Täter Raum, seine Vorgehensweise darzulegen, ja fast zu rechtfertigen. So entsteht ein durchgängiger Spannungsbogen, durch den es dem Leser leicht fällt, das Buch kaum aus der Hand zu legen.

Diesen ersten Teil mit Fallanalytiker Hagedorn finde ich sehr gelungen und deshalb wartet auch schon „Schrei nach Rache“ im Regal.

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Veröffentlicht am 27.08.2020

Alles Gold, was glänzt?

Die Salbenmacherin und der Stein der Weisen
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Da ich bereits die ersten vier Bände der Salbenmacherin im Nu gelesen habe, war die Freude über diesen fünften Teil natürlich groß. Olivera, die der Liebe wegen ihre Familie in Konstantinopel verlassen ...

Da ich bereits die ersten vier Bände der Salbenmacherin im Nu gelesen habe, war die Freude über diesen fünften Teil natürlich groß. Olivera, die der Liebe wegen ihre Familie in Konstantinopel verlassen hat, allen voran ihre geliebte Yiayia (Großmutter), um ins ferne und nasskalte Deutschland auszuwandern, ist immer wieder für ein Abenteuer gut. Diesmal taucht ein Wanderheiler auf in Nürnberg und verspricht, mit seinem Stein der Weisen einfache Kupfermünzen in Gold verwandeln zu können. Fast allein mit ihrer Skepsis, wird Olivera schon bald in dramatische Geschehnisse verwickelt.

Wie gewohnt, zaubert Silvia Stolzenburg eine sehr bildhafte Kulisse rund um Nürnberg im Jahre 1410. Wer die Salbenmacherin noch nicht kennt, erfährt im Zeitraffer ein paar wesentliche Fakten und bekommt einen groben Eindruck von Olivera, ihrer kleinen Familie und den vielen helfenden Menschen, die unter einem gemeinsamen Dach leben. Ihre Wirkstätten, die Apotheke und das Spital, werden detailgetreu in Szene gesetzt, das Elend der Kranken ist ebenso spürbar wie Oliveras Güte und Leidenschaft, überall Hilfe anzubieten. Interessante Einblicke in die Heilkunde lassen den Leser teils staunen über die Fortschrittlichkeit, teils erschauern über die Brutalität, mit der gerade bei Operationen oder der Wundversorgung vorgegangen wurde. Selbst wenn ich nicht zum ersten Mal über das Lochgefängnis lese, so läuft mir doch jedes Mal wieder ein kalter Schauer über den Rücken ob der unzähligen Folterinstrumente und der furchteinflößenden Atmosphäre, die mehr als treffend in plastische Worte gefasst ist.

Mit dem Eintreffen des Wunderheilers Alphonsius beginnen aufregende und angsterfüllte Tage für Olivera und Götz. Kurze, spannende Kapitel fesseln und üben einen unaufhörlichen Sog auf den Leser aus, sodass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte bevor die letzte Seite zu Ende gelesen ist.

Obwohl Stolzenburg alle wichtigen Informationen von Früher kurz darstellt und dieses Buch für sich allein gelesen werden kann, so empfiehlt es sich doch, von vorne zu beginnen, um das volle Lesevergnügen auszukosten. Als Fortsetzung im bewegten Leben Oliveras ist diese Episode wieder rundum gelungen und lässt neugierig werden darauf, wie es in Nürnberg – oder anderswo (?) – weitergeht.

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Veröffentlicht am 27.08.2020

Verdrehte Haxen stellen eine Welt auf den Kopf

Gipskind
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Als Problemkind wird sie eingestuft, als Kleinkind, das mit neun Monaten immer noch nicht aufzustehen beginnt, jedoch neugierig drauflosplappert und bald wissbegierig nach scheinbar nutzlosen Dingen fragt. ...

Als Problemkind wird sie eingestuft, als Kleinkind, das mit neun Monaten immer noch nicht aufzustehen beginnt, jedoch neugierig drauflosplappert und bald wissbegierig nach scheinbar nutzlosen Dingen fragt. Da die Eltern in ihr nicht die erwartete Arbeitskraft finden, begegnen sie ihr schroff und lieblos, allein die Oma sorgt für Geborgenheit und Nähe. Nur langsam findet das junge Mädchen schließlich heraus aus ihrer engen und begrenzten Welt, wobei sie nicht nur ihre Eltern vor den Kopf stößt.

Vom ersten Satz weg wird man als Leser hineinkatapultiert in die einfache und von der Umwelt bestimmte Familienwelt der „Kleinen“. Lange, bis hin zum zweiten Drittel hat das arme Kind gar keinen Namen, „die Kleine“ ist alles, was nötig ist, kann sie sich mit ihrer Behinderung, ihrem Problem mit Hüften und X-Haxen ja doch nicht so im Alltag einbringen, wie man es erwartet.

Sprachlich einzigartig schildert Autorin Gabriele Kögl das entbehrungsreiche Leben, den Fokus, der auf Arbeit ausgerichtet ist und darauf, was die Leute reden. Anpassung und Gehorsam bestimmen den Tagesablauf, den „die Kleine“ nur allzu oft durchbricht. Sie hat keine Angst vor den Watschen, „weil man dann alles tun kann, was man möchte.“ (Pos. 272) Das erkennt sie bald und erobert sich dadurch immerhin einen gewissen Stolz. Mit vielen typischen und regionalen Ausdrücken wird das Heranwachsen des Mädchens in ein authentisches Bild gepasst, auch wenn sie selbst sich nicht anpassen möchte. Durch die Zuneigung der Großmutter und ein gehöriges Maß an Gottvertrauen – ja, das ist unumgänglich, da wo die Kleine herkommt – erkennt sie instinktiv, dass ihr Weg ein anderer ist als der, dem Vorbild der Eltern zu folgen. Den Namen der Hauptperson erfährt man beiläufig, ebenso wie Ort und Zeit der Handlung erst allmählich anhand von gesellschaftlichen und politischen Ereignissen klar werden.

Sehr beeindruckend ist sie Schreibweise von Kögl, teils rau und harsch, ja beinahe derb, genau so, wie das Leben damals war. Keine Rücksicht hat man nehmen können auf jene, die sich nicht ins Räderwerk gefügt haben oder fügen konnten. Andererseits spürt man die Liebe der Großmutter, die innige Zuneigung, die das kleine Mäderl bestärken darin, sich „alles zutrauen“ zu können und ihr den nötigen Mut vermitteln, niemals aufzugeben.

Die Atmosphäre der Zeit ist außergewöhnlich gut eingefangen, fast könnte man meinen, die Autorin schreibt über reale Personen. Wenn nicht, dann ist alles mehr als glaubhaft erfunden und der historische Hintergrund fügt die Einzelteile nahtlos zusammen. Mit einer guten Prise Witz und Humor werden die Kinder- und Jugendjahre vom „wertlosen Mensch“, wie man hier so schön sagt, zu Papier gebracht und so hallt diese authentische und sozialkritische Milieustudie wohl noch einige Zeit nach.

Mit „Gipskind“ hat Gabriele Kögl ein Werk geschaffen, das unter die Haut geht, einerseits bedrückend, wie das Leben so sein kann, andererseits Mut und Hoffnung gebend, weil entlang der vermeintlich vorgezeichneten Schienen auch Weichen auftauchen, die man ganz individuell umstellen kann.

Eine Bereicherung für die österreichische Literaturlandschaft. Absolut lesenswert!

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