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Veröffentlicht am 22.03.2025

Carla Seidels Neuanfang

Die Sehenden und die Toten
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Nach einer Vergangenheit, die sich für den Leser erst im Laufe der Zeit entwirrt, setzt Carla Seidel in der Polizeistation Dannenberg in Niedersachsen einen Neuanfang. Die bislang erfolgreiche Kommissarin ...

Nach einer Vergangenheit, die sich für den Leser erst im Laufe der Zeit entwirrt, setzt Carla Seidel in der Polizeistation Dannenberg in Niedersachsen einen Neuanfang. Die bislang erfolgreiche Kommissarin aus Hamburg wird zur einfachen Polizistin – bis der achtzehnjährige Justus tot in der Au gefunden wird, anstelle seiner Augen leuchten einem Spiegelscherben entgegen. Carla muss sich enorm zusammenreißen, um ordentlich zu ermitteln und sich von früheren Erlebnissen lösen, welche auch Tochter Lana betreffen.

Als Leser wird man gleich mitten ins Geschehen geworfen und muss sich unter den Figuren erst einmal orientieren, denn langatmige Einleitungen oder Personenvorstellungen gibt es hier nicht. Dafür darf man Eintauchen in ein lebendiges Geschehen und die Sichtweise von Mutter und Tochter auf einen außergewöhnlichen Kriminalfall. Dass Carla ein Alkoholproblem hat und die Tochter extremst feinfühlig ist, verleiht dem Ganzen einen besonderen Anstrich, sodass dieser Krimi sich gut abhebt von anderen Vertretern dieses Genres. Auch die Handlung selbst ist gut verständlich und logisch aufgebaut, liefert interessante Details und authentische Charaktere. Einige Wendungen bringen Spannung ins Geschehen und schließen den Fall letztendlich glaubhaft ab. Aber – ein Anruf im letzten Moment weckt des Lesers Neugierde, denn die private Seite der Geschichte verlangt nach einer Fortsetzung!

Ein schöner und stimmiger Auftakt dieser Krimireihe mit einer etwas eigenwilligen Kommissarin und ihrer Tochter, die nicht unwesentlich zum Erfolg beiträgt. Mir hat‘s Spaß gemacht, ich lese gleich bei Teil 2 weiter.


Veröffentlicht am 19.03.2025

Kinderschicksale

Für Angst blieb keine Zeit
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Elisabeth (Betty) Oudkerk ist gelernte Kinderpflegerin in Amsterdam im Jahre 1941. In diesem Buch erzählt sie davon, was in der jüdischen Kindertagesstätte gegenüber einem Deportationszentrum unternommen ...

Elisabeth (Betty) Oudkerk ist gelernte Kinderpflegerin in Amsterdam im Jahre 1941. In diesem Buch erzählt sie davon, was in der jüdischen Kindertagesstätte gegenüber einem Deportationszentrum unternommen worden ist, um zumindest einen Teil der Kleinen vor dem Unausweichlichen zu bewahren.

Die übersichtlich gestalteten Kapitel beginnen jeweils mit einer sachlichen Information zum aktuellen Geschehen in den grausamen Kriegsjahren, bevor Betty in Ich-Form ihre ganz persönlichen Eindrücke schildert. Anfangs finde ich das Ganze noch etwas distanziert, später wird immer mehr spürbar, wie das Leben der Juden Stück für Stück eingeschränkt wird. Während Betty zu Beginn noch mit der Straßenbahn zu ihrem Arbeitsplatz fährt, wird sie bald darauf mit einem gelben Stern ausgestattet, von den öffentlichen Verkehrsmitteln ausgeschlossen und darf schließlich nicht einmal mehr ein Fahrrad benutzen, sondern muss zu Fuß die tägliche Strecke bewältigen. Der Tagesablauf in der Kinderpflege unterliegt einer strengen Routine, welche den Zöglingen Halt und Stütze bietet. Im Laufe der Entwicklung werden die Kinder aber nur mehr deshalb abgegeben, damit sie von hier direkt in spezielle Auffanglager geschickt werden. Die Heimleiterin ersinnt einen perfiden Plan, um zumindest einen Teil der Kinder zu schützen und sie heimlich in Pflegefamilien unterzubringen, wobei Betty und wenige andere Kolleginnen mutig und unter Lebensgefahr mithelfen.

Diese Geschichte beruht auf wahren Gegebenheiten, was sie umso beklemmender werden lässt, die richtige Nähe zum Mitfühlen stellt sich dennoch nicht wirklich bei mir ein. Nichtsdestotrotz ist dieser Roman äußerst lesenswert, schildert er doch die Beherztheit und Entschlossenheit, mit welcher man sich dem NS-Regime entgegengestellt hat. „Für Angst blieb keine Zeit“ – wichtige Erinnerungen an grausame Tage, welche wir nicht vergessen dürfen.


Veröffentlicht am 16.03.2025

Familienunternehmen

Der Schmuckpalast – Camille und der Glanz von Gold
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1873 – 1893: In Paris ist das Juwelierunternehmen Cartier bekannt, aber nicht an der Spitze, als Alfred den Chefsessel von seinem Vater Louis-François übernimmt. Auch seine Schwester Camille wirkt tatkräftig ...

1873 – 1893: In Paris ist das Juwelierunternehmen Cartier bekannt, aber nicht an der Spitze, als Alfred den Chefsessel von seinem Vater Louis-François übernimmt. Auch seine Schwester Camille wirkt tatkräftig mit im Betrieb mit ihren brillanten Einfällen und feinen Zeichnungen, welche dann von den geschickten Goldschmieden in wertvollen Schmuck verwandelt werden. Aber niemand ist nur von Glück gesegnet, persönliche und wirtschaftliche Rückschläge stellen die einzelnen Familienmitglieder immer wieder vor große Herausforderungen.

Nach eingehender Recherche zeichnet Eva-Maria Bast die Entwicklung des bekannten Unternehmens Cartier nach und legt den Fokus auf wahre Begebenheiten, welche sie geschickt mit fiktiven Elementen verknüpft. So müssen erschütternde Todesfälle in der engsten Familie ebenso verarbeitet werden wie die Krankheit von Alice, Alfreds Ehefrau, oder eine unregelmäßige Buchhaltung. Der Zusammenhalt untereinander ist aber groß und fängt so manche Bürde auf, sodass auch die nächste Generation mit dem ältesten Sohn Lous-Joseph an der Spitze, das Geschäft fortführen kann.

Viele zeitgeschichtliche Details fließen in das Geschehen ein, so die Forderung nach Gleichberechtigung der Frauen oder die Debatte um die Pariser Weltausstellung mit dem Eiffelturm. Die Kooperationen mit dem Kaufhaus Worth oder dem Uhrmacher Baudet sind interessant und zeigen, dass es oft zielführend ist, zusammenzuarbeiten, auch wenn das Kompromisse verlangt.

Ein schöner Roman mit realistischem Hintergrund, ich werde auch den dritten Teil der Juwelier-Saga lesen.

Veröffentlicht am 15.03.2025

Üüs hüs

Der Duft von Kuchen und Meer
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Oma Undine eröffnet ihrer Enkelin Maren, dass sie ein Haus auf Amrum besitzt und die aktuelle Bewohnerin ausziehen wird. Maren soll auf die Nordseeinsel reisen und entscheiden, ob sie das Haus verkaufen ...

Oma Undine eröffnet ihrer Enkelin Maren, dass sie ein Haus auf Amrum besitzt und die aktuelle Bewohnerin ausziehen wird. Maren soll auf die Nordseeinsel reisen und entscheiden, ob sie das Haus verkaufen oder vermieten möchte. Gemeinsam mit Tochter Leni bricht die junge Witwe auf und lernt ihre Verwandtschaft kennen, von der sie bisher nichts gewusst hat. Viele Ähnlichkeiten, insbesondere die Liebe zum Backen, verbindet Maren und Leni mit ihren Vorfahren.

Überwiegend spielt die Geschichte im Heute, ab und zu schwenken wir auf eine vergangene Zeitebene, mitunter gibt es auch während der aktuellen Handlung Erinnerungen an frühere Generationen. So lernen nicht nur Maren und Leni, sondern auch die Leser eine große Familie zwischen Kassel und Amrum kennen. Mit viel Liebe zum Detail wird die raue Schönheit Amrums beschrieben, finden wir freundliche Menschen, die über Fauna und Flora Bescheid wissen, aber auch eher verstockte sture Insulaner, die eine Menge Vorbehalte gegen Leute vom Festland hegen. Wie ein Wirbelwind erobern Maren und Leni die neue Umgebung, interessieren sich für die hiesige Kultur, ja lernen sogar schnell die wichtigsten Ausdrücke aus Öömrang, der eigenen friesischen Sprache hier. Nicht zuletzt dadurch erhält dieser zauberhafte Roman seine Authentizität und Lebendigkeit. In kurzer Zeit reifen gewagte Ideen zu möglichen Perspektiven heran, am Ende darf der Leser entscheiden, was aus jenen Handlungsfäden entsteht, die nur angedeutet sind. Ich finde das schön, es muss nicht jeder Gedanke zu Ende geführt werden, es darf ruhig Platz für Phantasie bleiben – oder eine Fortsetzung der Geschichte.

Fazit: ein schöner Roman mit passendem Amrum-Flair.

Veröffentlicht am 13.03.2025

Schwarzer Tod

Das Pestkind
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Gegen Ende des Dreißigjährigen Kriegs (1648) wird Rosenheim von der Pest heimgesucht. Marianne entwischt als Einzige in ihrer Familie dem Schwarzen Tod und wächst fortan bei der Brauerei- und Wirtshausbesitzerin ...

Gegen Ende des Dreißigjährigen Kriegs (1648) wird Rosenheim von der Pest heimgesucht. Marianne entwischt als Einzige in ihrer Familie dem Schwarzen Tod und wächst fortan bei der Brauerei- und Wirtshausbesitzerin Hedwig Thaler heran, die sie aber eher wie eine Dienstmagd und nicht wie eine Ziehtochter behandelt. Das arme Mädchen wird auch von den Nachbarn geschnitten und als unheilbringendes „Pestkind“ beschimpft. Lediglich der Abt Pater Franz und ihr „einfältiger“ Stiefbruder Anderl begegnen Marianne vorurteilsfrei und liebevoll. Als Hedwig erschlagen aufgefunden wird, steht schnell der Mörder fest, aber ob die Zeugen tatsächlich die Wahrheit sagen? Eine aufwühlende Zeit steht Marianne bevor.

Lebendig schildert Nicole Steyer die Stadt Rosenheim in den Jahren von Pest und Dreißigjährigem Krieg, von Not und Verachtung. In den drei großen Abschnitten spielt die Handlung aber nicht nur in Rosenheim, sondern auch im Tross des feindlichen Schweden-Generales, wo es ebenfalls hoch hergeht. Eine Reihe an schweren Schicksalsschlägen muss Marianne verkraften, verliert sie doch im Laufe der Geschichte mehrere Menschen, die ihr lieb und teuer sind. Grausame Szenen aus dem Krieg verdüstern die Stimmung ebenfalls, aber Marianne kämpft für das, was sie einst versprochen hat.

Fesselnd und spannend fliegen die vielen Seiten nur so dahin, langweilig wird es jedenfalls nicht. Und als gäbe es nicht schon genug Überraschungen, so muss man auch am Ende noch einmal den Atem anhalten und einen Rückschlag einstecken.

Ein wunderbar zu lesendes Buch, das eine schreckliche Zeit widerspiegelt und eine mutige junge Frau in den Mittelpunkt rückt. Mir hat Nicole Steyer damit aufregende Lesestunden beschert, ich empfehle „Das Pestkind“ sehr gerne weiter.