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Veröffentlicht am 08.05.2025

Das Schweigen brechen

Die Bücherfrauen von Listland. Der Gesang der Seeschwalben
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Um eine neue Bücherserie zu entwickeln, reist Journalistin Anna März ins mystische Listland, den nördlichsten Zipfel der nordfriesischen Insel Sylt. Dort möchte sie Fenja Lorenzen besuchen mitsamt deren ...

Um eine neue Bücherserie zu entwickeln, reist Journalistin Anna März ins mystische Listland, den nördlichsten Zipfel der nordfriesischen Insel Sylt. Dort möchte sie Fenja Lorenzen besuchen mitsamt deren erstaunlichem Bücherschatz, allerdings ist die 85jährige ausgeflogen und lediglich Tochter Elisa anzutreffen. Alsbald kommen die beiden Damen über einer Tasse Tee ins Plaudern und erkennen so manche Parallelen in ihren Familiengeschichten.

Einfühlsam und leise, aber deshalb nicht minder eindrucksvoll, erzählt Gabriella Engelmann diesen schönen Roman über Liebe und Zuneigung, über Notwendiges und Erzwungenes, über Verschwiegenes und Geheimnisvolles. In zwei Zeitebenen dürfen wir einerseits Lene ab dem Jahr 1937 folgen, andererseits Anna in der Gegenwart, wobei die Kapitel einander in loser Abfolge abwechseln. Beide Handlungsstränge enthalten bewegende Szenen und erzählen ein wenig vom Krieg, der im entlegenen Listland weniger spürbar ist und davon, wie Menschen ihre Nachfahren beeinflussen können, selbst ohne einander zu kennen. So wird es nun Zeit, „das Schweigen zu brechen“ [kindle, Pos. 4197] und Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen. Detaillierte Natur- und Landschaftsbeschreibungen fließen ebenso virtuos in den Text mit ein wie unzählige Buchempfehlungen, von denen ich einige bereits kenne, andere bestimmt noch näher ansehen werde. Besonders gut gefallen haben mir die vereinzelt eingestreuten kursiv gedruckten Kapitel über „Das Haus am Ende der Welt“, welche darlegen, was die alten Mauern alles beobachten und still in sich aufbewahren, wobei ich stets die unvergessliche Stimme Erich Kästners als Erzähler im Kopf gehabt habe. (Auch Kästner wird im Roman mehrfach erwähnt.)

Ein sehr angenehm zu lesendes Buch mit viel Liebe zu besonderen Einzelheiten. Ich empfehle es sehr gerne weiter und freue mich schon auf den zweiten Teil der Dilogie.

Veröffentlicht am 08.05.2025

Zweite Chance

Was am Ufer lauert
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Polizeireporterin Gianna Pitti arbeitet für den Messaggero di Riva, das kleine Lokalblatt, dem immer mehr Leser abhandenkommen. Als sie eine Leiche am Ufer des Gardasees entdeckt, denkt sie sofort an den ...

Polizeireporterin Gianna Pitti arbeitet für den Messaggero di Riva, das kleine Lokalblatt, dem immer mehr Leser abhandenkommen. Als sie eine Leiche am Ufer des Gardasees entdeckt, denkt sie sofort an den ersten Scoop vor drei Wochen, vielleicht könnte sie nun in kurzer Folge einen weiteren sensationellen Bericht liefern? Dabei wollte sie lediglich eine CD-ROM von einer Informantin übernehmen. Gleichzeitig kommt es in Malcesine zu einer Schießerei, wobei Gianna überlegt, wie plausibel ein Zusammenhang zur Toten am See ist.

Als begeisterte Leserin von Lenz Koppelstätters Südtirol-Krimi-Reihe mit den Kommissaren Grauner und Saltapepe war ich vom ersten Gianna-Pitti-Krimi eher enttäuscht, wollte dieser Serie jedoch eine zweite Chance geben. Die junge Reporterin nimmt per Zufall ebenfalls einen zweiten Anlauf für eine Exklusivmeldung, um das Lokalblatt nicht in die Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen. Im Zwiespalt, was als Erstes zu tun ist, verheddert sich Gianna zwischen Polizeiarbeit und Journalismus und landet prompt mitten in Ermittlungsarbeiten, die aber immer wieder in den Hintergrund gedrängt werden vom komplizierten Familiengeflecht der vom Adel abstammenden Pittis und von den Problemen der Chefredakteurin des Messaggero. Während die Umgebung des Gardasees eindrucksvoll in Szene gesetzt wird - da duften sogar die geköpften Rosen -, die leiblichen Genüsse mit Spaghetti allo Scoglio und einer guten Flasche Barolo nicht zu kurz kommen, wird der Krimi den Ankündigungen mit brisanten Ermittlungen (kindle, Pos. 43) kaum gerecht. Brisant ist eher die Familienkonstellation mit einem Vater, dem Starjournalisten, der nach einem Jahr Abwesenheit plötzlich wieder auftaucht, einem Onkel mit Seidenkrawatte und zunehmender Demenz und einer Mutter mit zweifelhaften Liebhabern. Auch die Chefredakteurin Elvira, Giannas Vorgesetzte, steht in einem nahen Verhältnis zu den Pittis, ist sie doch die Geliebte von Giannas „papà“. Die Idee, Winston Churchills geheime Schriften in die Handlung einzubetten, ist interessant und hebt den Roman dadurch ab von anderen Krimis mit Lokalkolorit. Die ständige zwanghaft erscheinende Erwähnung von „Kolleginnen und Kollegen“ wiederum hemmt mitunter den ansonsten angenehmen Lesefluss und lenkt zusätzlich vom ohnehin schon eher reduzierten Kriminalfall ab. Mit der Familie Pitti-Sanbaldi im Zentrum hat mich leider auch der zweite Teil der Ermittlungen am Gardasee nicht wirklich für sich einnehmen können.

Ein Krimi, der mehr von den einzelnen Figuren lebt als von den Fällen, welche aufgeklärt werden sollen, beim nächsten Mal werde ich Gianna eher nicht mehr begleiten.

Veröffentlicht am 06.05.2025

Fall 14

Kreidemord
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Im Kreidemuseum auf Rügen liegt eine Tote, qualvoll erstickt im weißen Staub. Dieser vierzehnte Fall für Romy Beccare führt nicht nur zu einem weit zurückliegenden Korruptionsfall in Polizistenkreisen, ...

Im Kreidemuseum auf Rügen liegt eine Tote, qualvoll erstickt im weißen Staub. Dieser vierzehnte Fall für Romy Beccare führt nicht nur zu einem weit zurückliegenden Korruptionsfall in Polizistenkreisen, sondern auch dazu, dass ihr Ehemann Jan Riechter unter Verdacht gerät.

Während der Klappentext Neugierde in mir weckt, denke ich beim Lesen immer wieder, dass ein Quereinstieg bei Fall 14 doch nicht ganz klug war. Zu viele Namen und Figuren begegnen mir beim Lesen, sei es im Team der Ermittler, sei es unter den Verdächtigen, sei es bei Verwandten vom Opfer. Die Kriminalisten werden recht gut charakterisiert, sodass man sich bei den Aktiven doch bald gut auskennt, allerdings reicht das Ganze ja auch etwa zwölf Jahre zurück, wodurch auch pensionierte Polizisten wieder ins Spiel kommen. Die unterschiedlichsten Spuren tauchen auf und werden akribisch verfolgt, ein Netz aus teils unübersichtlichen Handlungssträngen zieht sich nun durchs Geschehen, das zu allem Überfluss im Pandemiejahr 2020 abläuft und Hamsterkäufe, Abstandsregeln und sonstige Maßnahmen zur Sprache bringt. Möglicherweise bin ich die einzige Leserin, die 2025 nicht immer noch daran erinnert werden möchte, aber diese nicht unwesentliche Information hätte ich gerne vorab (z.B. im Klappentext) gehabt. Nun denn, es geht munter weiter mit einem hochmotivierten Team, bis schlussendlich eine fragwürdige Lösung als Treffer herhalten muss.

Alles in allem hat mich der Kreidemord auf Rügen nicht ganz überzeugt, was aber unter Umständen daran liegt, dass ich erst hier auf den Kahn aufgesprungen bin und frühere Zusammenhänge und Einzelheiten nicht kenne. Für treue Serienbegleiter bietet das Buch wohl eher das erwartete Lesevergnügen.

Veröffentlicht am 05.05.2025

Freiheit in Ketten

Im Wind der Freiheit
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Susanne und Louise könnten unterschiedlicher nicht sein, die eine Schriftstellerin, die andere einfache Fabrikarbeiterin, als sich ihre Wege im Winter 1945/46 erstmals unerwartet kreuzen. Das Schicksal ...

Susanne und Louise könnten unterschiedlicher nicht sein, die eine Schriftstellerin, die andere einfache Fabrikarbeiterin, als sich ihre Wege im Winter 1945/46 erstmals unerwartet kreuzen. Das Schicksal führt sie auch im Jahre 1848 zusammen, lässt beide kämpfen für Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie, der Erfolg bleibt diesmal jedoch aus. „Mag sein, dass die Sache der Freiheit derzeit wieder in Ketten liegt. Aber die Schlüssel zu diesen Ketten halten wir Frauen.“ [kindle, Pos. 5328]

Der Einstieg ins Buch mit einer siebzehnjährigen trotzigen Louise vor dem Notar und Susanne im Lehrerhaushalt und in einer Oederaner Tuchfabrik ist bestens gelungen. Beider Mädchen Geschichte weckt Neugierde, stellt doch jede von ihnen bildlich dar, welchen Stellenwert ein junges, minderjähriges Ding im 19. Jahrhundert einnimmt, nämlich gar keinen. Trotz aller Widrigkeiten nehmen aber Louise und Susanne ihr Leben in die eigene Hand und finden sich nach ihrem erstmaligen Aufeinandertreffen wenige Jahre später in der 48er-Revolution gemeinsam auf der Straße wieder. Was überaus einladend und fesselnd beginnt, verändert sich aber plötzlich schlagartig in eine Ansammlung an politischen Reden und Straßenkämpfen. Männer, welche Brandreden halten und Soldaten mit Schusswaffen beherrschen die Bühne, drängen die anfangs recht nahe gehende Handlung immer mehr an den Rand. Wiewohl dem Buch eine detaillierte Recherche zugrunde liegt und historisch belegte Figuren (u.a. Louise Otto) in die erdachte Geschichte eingebunden werden, so verliert sich das Ganze leider zunehmend in eine eher sachliche Darstellung der Geschehnisse im Jahre 1848, was ermüdend wirkt beim Lesen und den Drang zum Weiterblättern nicht gerade anfacht. Mehr Details wie „Was bedeutet Freiheit für dich?“ und Antworten aus unterschiedlichen Blickwinkeln hätten aus meiner Sicht spannender gewirkt, ebenso wie die anfangs so lebendig dargestellten Beweggründe von Louise und Susanne für ihr jeweiliges Tun.

Ein fundierter historischer Roman mit vielen realitätsgetreuen Details, der aber streckenweise aufgrund seiner sachlichen Darstellungsweise an Lebendigkeit einbüßt. Was ist da nach den ersten 25 Prozent passiert? Es scheint, als wären zwei unterschiedliche Textteile zusammengesetzt worden.

Veröffentlicht am 02.05.2025

Von Kolberg

Altenstein
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Familie von Kolberg muss 1945 kriegsbedingt endgültig ihr Gut verlassen und nach dem Tod des Grafen im Westen neu anfangen. Konrad, der Jüngste in der großen Kinderschar, will Jahrzehnte später das Land ...

Familie von Kolberg muss 1945 kriegsbedingt endgültig ihr Gut verlassen und nach dem Tod des Grafen im Westen neu anfangen. Konrad, der Jüngste in der großen Kinderschar, will Jahrzehnte später das Land seines Vaters in Ostpreußen zurückbekommen, eine Restitution wird allerdings ausgeschlossen. Schwester Bobby hat genug Geld zur Verfügung, aber nun entfacht sich unter den Geschwistern ein Streit, ob eine Rückkehr das Richtige sei.

Mit einem beklemmenden Prolog rund um eine Fluchtszene aus Ostpreußen beginnt dieser umfangreiche Roman und fesselt damit seine Leser. Allerdings flacht die Spannung bald deutlich ab, da im weiteren Handlungsverlauf jeweils die Sicht eines anderen Familienmitglieds eingenommen wird und wild in unterschiedlichsten Zeitebenen umhergesprungen wird. So fehlt jegliche Chronologie und jedwede Möglichkeit, sich in die einzelnen Personen hineinzuversetzen und eine gewisse Nähe zu ihnen aufzubauen. Die Geschichte selbst wirkt grundsätzlich durchaus interessant, die Sichtweise der Figuren aufgrund ihres Abwechslungsreichtums ansprechend. Allerdings hat man mitunter das Gefühl, dass manche Erzählstränge irgendwo beginnen aber nirgendwo weiterführen. Daher konnte mich dieser Roman nicht wirklich in seinen Bann ziehen.

Ein vielversprechender Klappentext und ein überaus hübsches Titelbild wecken Neugierde, diese wird dann – für mich – allerdings nur teilweise gestillt, zu unruhig und sprunghaft verläuft die Handlung.