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Veröffentlicht am 08.09.2024

Lockdown

Mitternachtsschwimmer
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Evan erlebt eine schwierige Zeit und möchte eine Woche lang Abstand nehmen von seiner Familie und seiner Arbeit. Dazu zieht es ihn aus Belfast in die kleine Ortschaft Ballybrady an der irischen Küste. ...

Evan erlebt eine schwierige Zeit und möchte eine Woche lang Abstand nehmen von seiner Familie und seiner Arbeit. Dazu zieht es ihn aus Belfast in die kleine Ortschaft Ballybrady an der irischen Küste. Grace, eine verschrobene, zurückgezogene Frau, welche aber hart zupacken kann und im Einklang mit der Natur lebt, verdient sich ihr Geld unter anderem durch das Vermieten eines kleinen Häuschens, diesmal an Evan. Während der junge Mann sich nur langsam zurechtfindet in der neuen Umgebung, heißt es Lockdown aufgrund einer weltweiten Pandemie, sein Firmenkompagnon stellt Aufträge zurück, seine Frau will, dass er länger fortbleibt. Lockdown also auch in der Familie.

Voller Empathie und mit einem rechten Blick für die heilende Natur entwirft Roisin Maguire diese erfrischende Erzählung rund um Evan, der nach einem traumatischen Erlebnis erst wieder Halt finden muss. Was ihn quält, erfährt der Leser erst im Laufe der Zeit, alles entwickelt sich recht langsam und ruhig, genau so, wie auch der Schreibstil der Autorin Ruhe und Gelassenheit vermittelt. Bisweilen wird es sogar poetisch, beispielsweise dann, wenn vom Tanz der Sonnenstrahlen auf dem Wasser (kindle, Pos, 376) die Rede ist. Besonders gut gelungen ist die Szene mit Becky, ab der Evan anfängt über das Unglück in seinem Leben nachzudenken, und ob er vielleicht seinen Blickwinkel ändern sollte, um aus dem Tief wieder herauszukommen.

Der Corona-Lockdown spiegelt einerseits den persönlichen Lockdown Evans wider und hält ihn andererseits durch die Bewegungseinschränkungen in Irland an Ort und Stelle fest. Aber auch ohne die schicksalhaften Pandemiezwänge – welche mit Händedesinfektion und Masken bisweilen unnötig vom Geschehen ablenken – enthält die Geschichte genug tiefgehende und ernsthafte Themen, welche Maguires Leser berühren und nachdenklich stimmen. Ihre Charaktere stellt sie sehr realistisch und glaubwürdig dar, die Kulisse Nordirlans mit der rauen See und den schroffen Felsen umrahmt die Handlung perfekt.

Ein ruhiger Roman, der mittels bildhafter Erzählweise und ungewöhnlichen Figuren punkten kann. Ich vergebe gerne vier Sterne.

Veröffentlicht am 05.09.2024

Bewegtes Leben

Genau so, wie es immer war
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Julia Ames ist seit über 30 Jahren mit ihrem Mann Mark zusammen, zwei erwachsene Kinder gehören zum Familienglück. Doch nach einer unerwarteten Nachricht von Sohn Ben und Tochter Julias Plan, fürs College ...

Julia Ames ist seit über 30 Jahren mit ihrem Mann Mark zusammen, zwei erwachsene Kinder gehören zum Familienglück. Doch nach einer unerwarteten Nachricht von Sohn Ben und Tochter Julias Plan, fürs College auszuziehen, fühlt sich Julia alleingelassen und leer. Wir blicken zurück auf ihr bisheriges Leben und das Gefühl von Familie.

Erzählt wird diese ausführliche Geschichte aus dem Blickwinkel von Julia, aber nicht in der Ich-Form, sondern mittels auktorialer Erzählweise. Wir steigen ein im Jetzt, wechseln aber sehr häufig, teils als Erinnerung Julias, teils als Rückblende ohne Ankündigung, zu unterschiedlichen früheren Ereignissen, wobei man nicht selten während der ersten Zeilen eines neuen Kapitels überlegen muss, zu welchem Zeitpunkt die Szene denn angesiedelt ist. So springen wir kreuz und quer durch Julias Leben und erfahren nach und nach, warum es ihr gerade so geht, wie es eben zu lesen ist. Berührende Momente, andere, welche eher verwundern, aber mitunter auch solche, die einem ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern, werden da präsentiert. Man fühlt sich schnell mitten in einem Leben, das tatsächlich so abgelaufen sein könnte, und doch wirkt die Geschichte aufgrund vieler Seitenstränge und Ausschweifungen dann nicht ganz so stimmig und flüssig, wie sie sein könnte.

Interessant, aber an vielen Punkten zu langatmig. Drei Sterne.

Veröffentlicht am 02.09.2024

Mehr als eine Friseurin

Und morgen wieder schön
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Amanda Lennart lernt im Salon ihrer Mutter das Handwerk einer Friseurin. Das allerdings füllt sie nicht aus, Amanda möchte das Schöne ihrer Kundinnen noch mehr zum Leuchten bringen und reist mit ihrem ...

Amanda Lennart lernt im Salon ihrer Mutter das Handwerk einer Friseurin. Das allerdings füllt sie nicht aus, Amanda möchte das Schöne ihrer Kundinnen noch mehr zum Leuchten bringen und reist mit ihrem Skizzenbuch nach Paris. Als sie dem berühmten Karl Lagerfeld ihre Ideen unterbreitet und die Eleganz und Anmut seiner Kollektionen mit den passenden Frisuren noch mehr herausstreichen möchte, erfährt sie seine brüske Ablehnung. Allerdings darf sie bei seinem Coiffeur in die Lehre gehen. Viele Entbehrungen und Hürden später frisiert sie zwar die High Society, aber ihre Freundin erkrankt noch jung an Brustkrebs – und verliert ihre Haare …

Gefühlvoll und ohne falsches, schmeichelndes Mitleid erzählt Marie Sand diese großartige Geschichte in zwei Abschnitten: Paris einerseits und Berlin andererseits sind die Schauplätze für Amandas Lernen und Handeln. Wenige Figuren prägen die Szenen, lebendig werden die Schwierigkeiten dargestellt, welche den Weg des anfangs noch nicht einmal volljährigen Mädchens kreuzen. Mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht, schreibt Marie Sand über all die Qualen Amandas hinweg, richtet den Blick ihrer Protagonistin stets nach vorne. Obwohl sämtliche Figuren durch ein tiefgängiges Portrait charakterisiert sind, konnten sie mich dennoch nicht vollends fesseln, was schade ist, aber gewiss nicht an der Schreibkunst der Autorin liegt, denn andere Bücher von Marie Sand haben mich zutiefst bewegt.

Ein ungewöhnliches Buch, welches Mode und Kunst in Paris perfekt verknüpft mit schicksalhafter, schwerer Krankheit und dem verblühenden Selbstverständnis von Frauen, welche ihre Haarpracht dem Krebs opfern müssen. Dass es auch anders geht, dass eine Friseurin mehr tun kann, als mit der Schere zu klimpern, zeigt jene empathische Frau, welche Amanda Patin gestanden ist. Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 02.09.2024

Paranoia

Aus dem Haus
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Eine Immobilien-Paranoia begleitet die Mutter der nicht näher benannten Ich-Erzählerin. Das selbst gebaute Haus sei Ursache allen Pechs und Unglücks, welches über sie hereinstürzt. Miriam Böttger zeigt ...

Eine Immobilien-Paranoia begleitet die Mutter der nicht näher benannten Ich-Erzählerin. Das selbst gebaute Haus sei Ursache allen Pechs und Unglücks, welches über sie hereinstürzt. Miriam Böttger zeigt uns Betrachtungen einer sonderbaren Familienkonstellation.

Das Buch beginnt mit dem Ende, was ich sehr spannend finde, sodass ich freudig und neugierig weiterlese. Aber schon bald kommt auch eine gewisse Ernüchterung, denn der angekündigte tragikomische Roman entpuppt sich als Aneinanderreihung verschiedener Episoden und Szenen, welche aus meiner Sicht keine stimmige Handlung im herkömmlichen Sinne aufkommen lassen. Da geht es beispielsweise um Großeltern und Tanten, sonderbare Familienkonstellationen, einen Kirchenchor oder einen Besuch, bei dem man nicht weiß, welches Essen man auf den Tisch bringen soll. Während ich auf witzige Ereignisse und humorvolle, selbstironische Darstellungen warte, die in einem Eigenheim passieren können, lese ich eher nichtssagende Kapitel, die sich eins ans andere reihen. Obwohl Mutter und Vater von „Ich“ – hat sie überhaupt einen Namen? – sehr detailliert und gut vorstellbar beschrieben werden, stellt sich keine Nähe zu diesen Personen ein, kann ich nicht mitfühlen und verstehen, wie es ihnen tatsächlich geht.

Leider kann mich dieses Buch nicht überzeugen, vielleicht bin ich einfach von falschen Erwartungen ausgegangen.

Veröffentlicht am 02.09.2024

Jäger

Lupus
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An einem Hochstand wird ein Jäger tot aufgefunden, ein anderer ist verschwunden, zudem werden in den Wäldern Norddeutschlands Wölfe gesichtet. Haben die Tiere Menschen angefallen oder geht es um Mord? ...

An einem Hochstand wird ein Jäger tot aufgefunden, ein anderer ist verschwunden, zudem werden in den Wäldern Norddeutschlands Wölfe gesichtet. Haben die Tiere Menschen angefallen oder geht es um Mord? Die Staatsanwaltschaft geht mit Tierärztin Jenny Rausch auf Pirsch und verstrickt sich immer weiter in DDR-Machenschaften, Nazi-Geheimnisse und ein längst zurückliegendes Familiendrama.

Spannend geht es von Anfang an zu im neuen Thriller „Lupus“ von Tibor Rode. Ein verschollener Vater, ein Toter am Hochstand, ein moderner Zaun, der mittels Künstlicher Intelligenz Wölfe von der Bevölkerung abhalten soll, ja sogar einen Werwolf im System meldet. Eine fesselnde Schreibweise zieht den Leser schnell in den Bann, außergewöhnliche, fast unglaubliche Fakten fließen nach genauer Recherche in eine fiktive Handlung ein und rufen immer wieder Erstaunen hervor. Während der Leser Jenny begleitet, erfährt er zwischendurch immer wieder mittels Rückblenden, Protokollen und Gesprächen in kursiver Schrift, was sich teils Jahrzehnte zuvor zugetragen hat. Auf diese Art und Weise setzen sich langsam, aber doch, Puzzlesteine zusammen und ergeben schlussendlich ein klares Bild rund um das Wolfsdrama.

Dieser Thriller besticht durch stete Kurzweil trotz der knapp 500 Seiten, bringt Informatives zur Sprache und veranlasst den Leser zum Nachdenken, wie man mit Künstlicher Intelligenz oder dem Lebensraum von Mensch und Tier umgehen soll. Keineswegs erfolgt dies aber mit erhobenem Zeigefinger, ganz im Gegenteil, verquickt Rode die vielfältigen Themen mit faszinierender Fiktion, die einen in Atem hält.

Spannung mit realitätsnahen Inhalten und ein wenig Fantasie – beste Unterhaltung ist garantiert!