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Veröffentlicht am 16.09.2023

Blumen vor dem Tod

Der Botaniker
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Getrocknete Blumen und Gedichte verschickt der raffinierte Mörder, den man bald „Der Botaniker“ nennt – wer seine Post bekommt, ist wenig später tot. Während der Ermittlungen in diesem schier unlösbaren ...

Getrocknete Blumen und Gedichte verschickt der raffinierte Mörder, den man bald „Der Botaniker“ nennt – wer seine Post bekommt, ist wenig später tot. Während der Ermittlungen in diesem schier unlösbaren Fall wird auch noch die phantastische Pathologin aus dem Team verhaftet, da sie augenscheinlich ihren Vater ermordet hat – eine klare Sache, denn neben anderen Indizien finden sich nur ihre Fußspuren im Schnee rund ums Haus. DS Washington Poe ist auf allen Seiten gefordert.

Erst einmal dauert es ein wenig, bis man sich an den anfangs unterschiedlichen Schauplätzen zurechtfindet, die komplizierten Zusammenhänge werden erst später klar. Auch die Figuren sind eher irritierend, handelt es sich bei Chefin Stephanie Flynn, Ermittler Washington Poe, Pathologin Estelle Doyle und Analystin Tilly Bradshaw doch um ein recht schräges Team mit mehr als ungewöhnlichen Charakteren. Der Fall rund um den Botaniker ist klug angelegt, obwohl die Taten stets angekündigt werden, schafft es die Polizei nicht, die Adressaten der Gedichte zu schützen. Auch für die Pathologin scheint eine Verurteilung wegen Mordes unausweichlich, denn Poe wird das Rätsel um den glänzenden Schnee am Tatort wohl nicht lösen können?

Kurze Kapitel, knappe Dialoge und makabre Witze im Ermittlungsteam charakterisieren diesen außergewöhnlichen Kriminalroman. Rasch fliegen die Seiten dahin, selbst wenn einem manchmal die Handlung doch ein bisschen zu ausführlich vorkommt. Die Auflösung der beiden Fälle birgt überraschende Momente, die Krönung kommt aber erst ganz zum Schluss, Dranbleiben lohnt sich also!

Ein ungewöhnlicher Krimi, den man so noch nicht gelesen hat. Durchaus eine Empfehlung für alle, die das Ausgefallene suchen und mit komplizierten Ermittlern ihre Freude haben.

Veröffentlicht am 14.09.2023

Unterm Stephansdom

Der Totengräber und der Mord in der Krypta (Die Totengräber-Serie 3)
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Wien im Jahre 1895: In der Gruft unter dem Stephansdom wird bei einer Touristenführung eine Leiche gefunden. Aus einem Waisenhaus im fünften Wiener Gemeindebezirk verschwinden immer wieder Kinder. Zwei ...

Wien im Jahre 1895: In der Gruft unter dem Stephansdom wird bei einer Touristenführung eine Leiche gefunden. Aus einem Waisenhaus im fünften Wiener Gemeindebezirk verschwinden immer wieder Kinder. Zwei spannende Kriminalfälle, in welche Leopold von Herzfeldt diesmal verwickelt ist.

Wie gewohnt bestens recherchiert, zeigt uns Oliver Pötzsch diesmal, was es mit dem unheimlichen Phänomen der Gespenster und spiritistischen Sitzungen auf sich hat, wie man an einer Schädelform ablesen kann, wer kriminell veranlagt ist – oder doch nicht? oder wie man Geister fotografiert. Fesselnd und voll der Atmosphäre des ausklingenden 19. Jahrhunderts schreibt der Autor auch diesmal wieder einen spannenden Kriminalroman, in dem so unterschiedliche Figuren vorkommen, wie man es kaum glauben mag: Leo, ein deutscher Kriminalist, der in Graz die neuen Lehren von Hans Gross studiert hat, eine Tatortfotografin, Fräulein Julia, die mit ihrer vierjährigen Tochter in einem Bordell wohnt und ein verschrobener, aber kluger Totengräber vom Zentralfriedhof. Die Handlung wird dadurch besonders abwechslungsreich, verschiedenste Milieus können beleuchtet werden. Sehr lebendig wird das Ganze durch die gut vorstellbaren Schauplätze und wahre Begebenheiten, welche Eingang finden in den Roman. Während man lange im Dunklen tappt, hier und da als Leser nur Andeutungen serviert bekommt, weil es gerade im wesentlichen Moment an der Tür klopft und die Szene wechselt, geht es am Ende Schlag auf Schlag, alles wird schlüssig aufgeklärt, den vermeintlichen Geistern das Handwerk gelegt.

Auch der dritte Teil der Krimiserie überzeugt durch gut charakterisierte Figuren, einen Blick ins damalige Wien und eine logische, interessante Handlung. Für sich alleine empfehlenswert, noch besser im Zusammenhang mit den Vorgängerbänden.


Veröffentlicht am 12.09.2023

Der Fluch

Das Mädchen und der Totengräber (Die Totengräber-Serie 2)
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Wien, 1894: Im Kunsthistorischen Museum liegt eine Mumie – grundsätzlich nichts Außergewöhnliches, diese konservierte Leiche ist jedoch nicht mehrere tausend Jahre alt, sondern noch recht frisch, schließlich ...

Wien, 1894: Im Kunsthistorischen Museum liegt eine Mumie – grundsätzlich nichts Außergewöhnliches, diese konservierte Leiche ist jedoch nicht mehrere tausend Jahre alt, sondern noch recht frisch, schließlich hat man den bekannten Ägyptologen Professor Alfons Strössner noch wenige Wochen zuvor gesehen. Schnell geht man von einem Fluch aus, möchte den Fall alsbald schließen, doch Leo von Herzfeldt glaubt nicht an Übernatürliches, sondern an einen gefinkelten Mord.

Mit seiner unvergleichlichen Art, Geschichten zu erzählen, fesselt Oliver Pötzsch seine Leser auch bei diesem zweiten Fall im historischen Wien von Anfang bis zum Ende. Von ägyptischen Ausgrabungen über diverse Bräuche der Leichenbestattung bis zum Tierpark am Prater und in Wiens Unterwelt erstrecken sich die interessanten und bestens recherchierten Themen. Im Kommissariat geht es nicht immer freundlich zu, dennoch bleibt der „Piefke aus Graz“, zudem noch Jude, mit seinen neuen Ermittlungsmethoden seiner Linie treu und lässt sich nicht unterkriegen. Das Flair von Wien Ende des 19. Jahrhunderts ist bestens eingefangen, die flackernden Gaslampen, Pferdetramways, neumodische Automobile, das unterirdische Kanalnetz, elegante Herren mit schwarzen Anzügen und Zylinder, Damen mit modernen Kostümen, daneben einfache Arbeiter in abgewetzter Kleidung oder Totengräber Augustin Rothmayer, von dem immer ein etwas strenger Geruch ausgeht, der aber überaus intelligent und belesen ist. Mit Kameras werden Tatorte abgelichtet, was nicht immer auf Verständnis sorgt, da die Archive ohnehin schon überquellen, aber die moderne Kriminalistik nach Hans Gross muss auch in Wien Einzug halten. Exzellent charakterisierte Figuren und eingestreute Wiener Dialektwörter erschaffen eine außerordentlich gelungene Atmosphäre, der man sich einfach nicht entziehen kann, für Nichtwiener gibt es am Ende ein Wörterbuch „Wienerisch für Piefkes“ und für alle interessierten Leser ein überaus wertvolles Nachwort mit Hinweisen auf Tatsachen und wahre Begebenheiten, welche Eingang in den Roman gefunden haben.

Kurzum, auch diesmal halte ich ein wunderbares Buch aus der Feder Oliver Pötzsch‘ in Händen, das ich sehr gerne weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 12.09.2023

Das Testament

Groll
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Zum Nachteil seiner sehr jungen Ehefrau möchte der bekannte und erfolgreiche Chirurg Vittorio Leonardi sein Testament abändern. Wenige Wochen danach ist er tot. Hat die nunmehrige Witwe rasch nachgeholfen ...

Zum Nachteil seiner sehr jungen Ehefrau möchte der bekannte und erfolgreiche Chirurg Vittorio Leonardi sein Testament abändern. Wenige Wochen danach ist er tot. Hat die nunmehrige Witwe rasch nachgeholfen oder handelt es sich tatsächlich um einen schlichten Herzinfarkt? Die ehemalige Staatsanwältin und aktuell (illegale) private Ermittlerin Penelope Spada wird von Leonardis Tochter Marina zwei Jahre später zu Rate gezogen. Der Fall scheint klar und aussichtslos, denn der Tote wurde umgehend eingeäschert.

Mit unverwechselbarem Schreibstil erzählt Carofiglio diese Geschichte aus der Sicht der – in ihren eigenen Augen – gescheiterten Penelope. Zigaretten, Alkohol und ausufernde Sporteinheiten bringen sie durch den Tag, Bullterrier Olivia ist ihr einziger treuer Begleiter. Während sie sich in die Nachforschungen vertieft, schwenkt die Handlung immer wieder um fünf Jahre in die Vergangenheit zu einem anderen interessanten Fall, zu Penelopes Zeit als Staatsanwältin. Ruhig und strukturiert legt diese ihre Ermittlungen an, eine stilistisch hervorragende Reise zu menschlichen Überlegungen und psychologischen Abgründen beginnt. Fein charakterisiert werden die wesentlichen Figuren, langsam nähert man sich der Wahrheit an, denn nichts als die Wahrheit ist das, was die Opfer wirklich wollen.

Ein absolut außergewöhnlicher Kriminalroman, der durch die Sprache eines Staatsanwaltes besticht und einem aussichtslosen Unterfangen Raum gibt. Auch die wenigen Figuren und die (Rahmen)Handlung überzeugen rundum. Schön, dass ich mit „Groll“ einen weiteren fabelhaften Schriftsteller kennengelernt habe!

Veröffentlicht am 04.09.2023

Höllenpflanze auf Erden

Der Wald
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Per Postsendung erhalten tausende Haushalte auf der ganzen Welt kleine Päckchen mit Pflanzensamen. Arglos setzen viele Empfänger diese auch tatsächlich ein im Garten oder im Blumenkisterl, die Überraschung ...

Per Postsendung erhalten tausende Haushalte auf der ganzen Welt kleine Päckchen mit Pflanzensamen. Arglos setzen viele Empfänger diese auch tatsächlich ein im Garten oder im Blumenkisterl, die Überraschung wenige Tage später ist allerorts groß, löst das neuartige Gewächs doch Allergien aus, führt nach Berührung zu Brandblasen und wächst verblüffenderweise über alles andere hinweg. Kein Mittel scheint zu helfen, die Höllenpflanze namens Assassina incognita vereint Eigenschaften unterschiedlicher Gattungen in sich, lässt sich nicht systematisch einordnen und schon gar nicht vom Menschen bekämpfen. Übernimmt das Kraut aus China - denn von dort werden die unbeschrifteten Sackerl verschickt – die Macht? Verliert der Mensch seine Lebensgrundlage? Erobert sich die Natur ihren Raum auf der Erde zurück?

Überaus spannend und kurzweilig mit vielen knappen Kapiteln und rasch wechselnden Szenen präsentiert sich dieser Thriller zum Thema Pflanzen, Menschen, Technik. Auch der flotte Schreibstil verführt zum Gefühl, immer noch ein Stückchen weiterlesen zu wollen, bis schließlich alles aufgeklärt ist. Unterschiedliche Handlungsstränge geben anfangs nicht preis, wohin die Reise führt, der deutsche Botaniker und Pflanzenneurologe Marcus Holland jedenfalls findet sich alsbald in Amerika und Asien ein, um mit seiner Expertise zu helfen und Ursachen nachzuspüren.

Auch wenn man etliche Figuren nur flüchtig kennenlernt, da sie nur Handlanger des Themas selbst sind, bekommt man beim Lesen Gänsehaut. Ist das alles reine Fantasie oder ist tatsächlich „alles Unglaubliche an dieser Geschichte wahr“? Wie sich Menschen unterschiedlicher Standpunkte verhalten, wie eine Pflanze auf äußere Gegebenheiten reagieren kann, ja, wie sogar Johann Wolfgang von Goethe mit dem Ganzen zu tun hat, das erfährt der Leser auf diesen unfassbaren 464 Seiten. Nicht alle beleuchteten Teilaspekte haben mein Interesse getroffen, dennoch führen sämtliche Fäden am Ende logisch zusammen. „Erinnern Sie sich noch, was beim Covid-Lockdown in diesem Land los war, als Mehl und Klopapier knapp wurden und die Geschäfte und Schulen schlossen? Noch einmal werden die Menschen das nicht mit sich machen lassen.“ (kindle, Pos. 1297). Das hoffe ich auch, dass nicht nochmals – aus welchem Grunde auch immer – Macht und Zwang ausgeübt werden kann, Andersdenkende ausgegrenzt und diffamiert werden, nur noch eine einzige Meinung gültig sein darf und Diskurs Schnee der gestrigen wissenschaftlichen Herangehensweise ist.

Unterhaltsam, gruselig, realistisch – das ist „Der Wald“ auf alle Fälle, egal, wie man zu Natur, Technik und Menschheit steht.

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