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Veröffentlicht am 03.09.2023

Leiche im Lavafeld

Verlogen
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Wenige Wochen vor Weihnachten finden spielende Kinder im Lavafeld bei Grábrók eine verweste Leiche auf. Tatsächlich handelt es sich um die seit sieben Monaten vermisste alleinerziehende Mutter Maríanna. ...

Wenige Wochen vor Weihnachten finden spielende Kinder im Lavafeld bei Grábrók eine verweste Leiche auf. Tatsächlich handelt es sich um die seit sieben Monaten vermisste alleinerziehende Mutter Maríanna. Während die Polizei ursprünglich von Selbstmord ausgegangen ist, muss sie nun dieses Urteil revidieren, denn die Zeichen deuten jetzt auf Mord. Ein weiterer kniffliger Fall für das kleine Team der Kripo Akranes im isländischen Vesturland.

Phantastisch erzählt Eva Björg Ægisdóttir auch diesen zweiten Kriminalfall rund um Ermittlerin Elma und fesselt mit ihrer ruhigen Herangehensweise ihre Leser. Völlig unaufgeregt schildert die Autorin die bisherigen Überlegungen zum vermeintlichen Selbstmord, die beiden Polizisten rollen den Fall neu auf, Zeugen werden zum zweiten Mal vernommen, Unterlagen hervorgekramt, Anhaltspunkte für Täter und Motiv gesucht. Zwischendurch gibt es Kapitel, die von einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung berichten und bereits bei der Geburt vor fünfzehn Jahren beginnen. Auch ein wenig vom Privatleben der Kommissare Elma und Sævar fließt ins Geschehen mit ein, lässt alles recht lebendig und realistisch werden, sodass das Lesen von der ersten Seite an Spaß bereitet. Die komplizierten isländischen Namen sind zwar ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber das tut dem Ganzen keinen Abbruch, am Ende gibt es der Übersichtlichkeit halber sogar ein gut strukturiertes Personenverzeichnis. Besonders schön bei dieser Krimireihe gefällt mir die Herzlichkeit und die ungezwungene Art, wie die Isländer miteinander umgehen, das Ansprechen mit „Du“ und Vornamen ist hier ganz selbstverständlich. Dennoch ist auch auf der abgeschiedenen Insel nicht alles eitel Wonne und Elma, die anfangs geglaubt hat, in Akranes nichts Außergewöhnliches zu tun zu haben, steckt bereits zum zweiten Mal in einer komplizierten und verzwickten Mordermittlung.

Ein überaus gelungener Fall mit großartigen Überraschungen und psychologisch gefinkelten Irreführungen. Die Beziehungen der Figuren untereinander sind verworren, dennoch perfekt durchdacht und bilden den brillanten Mittelpunkt dieses Buches. Ich kann nach „Verschwiegen“ nun auch „Verlogen“ voller Überzeugung weiterempfehlen. Wer überwiegend unblutige, aber interessante Krimis mit sympathischen Kriminalisten liebt, liegt mit dieser Reihe goldrichtig!

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Veröffentlicht am 02.09.2023

Smart Home

App to die
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In der Musikszene heißt es „sehen und gesehen werden“ – Produzent Siegfried Sunny Sommer lädt also zu seinem vierzigsten Geburtstag ein in seine Villa. Freunde, Bekannte, alte Hasen, neue Gesichter, selbst ...

In der Musikszene heißt es „sehen und gesehen werden“ – Produzent Siegfried Sunny Sommer lädt also zu seinem vierzigsten Geburtstag ein in seine Villa. Freunde, Bekannte, alte Hasen, neue Gesichter, selbst Konkurrenten treffen hier aufeinander, um vielleicht auf einem Pressefoto zu erscheinen oder gar in einem Bericht erwähnt zu werden. Drei aufmerksame Roboter kümmern sich um das Wohl der Gäste, reichen Champagner und Häppchen, eine ausgeklügelte elektronische Steuerung im Smart Home sorgt nicht nur für perfekte Lichtstimmung und musikalische Untermalung. Als diese jedoch verrücktspielt und alle im Haus einsperrt, wird die Villa zur Todesfalle, die erste Leiche liegt im Keller. Die Gewissheit, dass aufgrund der verschlossenen Türen und Fenster der Mörder im Haus sein muss, sorgt für Aufregung.

Nach einem einleitenden Kapitel über eine Musikpräsentation, bei der man nicht recht weiß, um wen es im Grunde geht, kommt Fabian Lenk schnell zur Sache. Die Villa dient als perfekte Kulisse, um zu zeigen, wie unterschiedlich Menschen auf eine bedrohliche Situation reagieren, wie schnell die praktischen und bequemen elektronischen Helfer zum Gegenteil mutieren, wenn sie nicht mehr vom eigentlichen Besitzer gesteuert werden, sondern von einem Hacker oder einem Dieb. Teils brutale oder abscheuliche Szenen mischen sich ins Geschehen, um die Spannung noch ein wenig mehr zu steigern. Kann überhaupt jemand aus diesem Haus entkommen? Und wenn ja, durch welche Strategie? Wer behält die Nerven in dieser schockierenden Situation, wer wird überlistet? Viele Fragen, die zu beantworten sind. Auch wenn die Handlung streckenweise skurril und überzogen wirkt, so ist doch die Annahme berechtigt, dass es schwerwiegende Probleme geben kann, sobald man sich vollends auf die Technik verlässt, ja sich davon abhängig macht.

Ein gelungener und flott dahinfließender Thriller mit einigen grausigen Details. Türen versperren und lesen!

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Veröffentlicht am 31.08.2023

Großstadttristesse

Südstern
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Vanessa riecht nach Kneipe, wenn sie zu ihrem Freund, dem Abgeordneten Olli, heimkommt, kein Wunder, arbeitet sie doch genau da. Nebenbei fährt die ausgebildete Pharmakologin heimlich noch als Apothekenkurier, ...

Vanessa riecht nach Kneipe, wenn sie zu ihrem Freund, dem Abgeordneten Olli, heimkommt, kein Wunder, arbeitet sie doch genau da. Nebenbei fährt die ausgebildete Pharmakologin heimlich noch als Apothekenkurier, um so manch geplagtem Mitmenschen das Leben etwas zu erleichtern. Ein bisschen Glück bringen, ein drohendes Burnout abwenden, das ermöglicht sie mit ihren nicht ganz legal verteilten Psychopharmaka etlichen Sportlern, erschöpften Pflegebediensteten, geplagten Schmerzpatienten oder gestressten Politikern. Auch Deniz lebt in Berlin. Als Streifenpolizist ist er mit Kollegin Jovanna unterwegs, Meinungsverschiedenheiten stehen an der Tagesordnung und dennoch kümmert er sich in jeder freien Minute um seinen parkinsonkranken Vater, denn die Mutter ist bereits verstorben und die Krankenkasse knausert mit der Zuerkennung von mehr Heimhilfestunden. Als Vanessa und Deniz einander über den Weg laufen, entspinnt sich eine leise Liebesgeschichte – ob Drogenkurier und Polizist allerdings gut zusammenpassen?

Über weite Strecken im Buch begegnet dem Leser ein eigenwilliger, gewöhnungsbedürftiger Schreibstil. Kurze Sätze werden stramm aneinandergereiht, wodurch man das Gefühl bekommt, einen trockenen Bericht zu studieren. Später fügen sich Passagen direkter Rede in den Text ein, nüchtern, ohne jeglichen Begleitsatz. Da von Beginn weg zwei Personen, nämlich Vanessa und Deniz, in der Ich-Form erzählen, überlegt man bisweilen, wer denn gerade im Mittelpunkt steht, anfangs nur kapitelweise, später jedoch von einem Absatz zum nächsten, wechselt die Person, welche gerade das „Ich“ verkörpert. Als wäre das nicht schon der Verwirrung genug, verirren sich türkische Wörter und Sätze in den Text, die nur aus dem Zusammenhang heraus gedeutet werden können (oder auch nicht).

Inhaltlich erfährt man eine ganze Menge über großstädtische Problemthemen: Ausländerhass, Mangel an Pflegekräften, Überstunden und zwei oder gar drei Schichten hintereinander im Polizeidienst, lärmende Großfamilien im Krankenhaus, häusliche Gewalt, Übergriffe in der Justizanstalt, Geldmangel und vieles mehr. Diese drückende Atmosphäre voller Tristesse wird nur selten durchbrochen durch kleine Lichtblicke, in denen über die fürsorgliche Pflege des „Meister Parkinson“ geschrieben wird, wie man Deniz‘ Vater liebevoll nennt oder Oma Zuppe, geplagt von ihrer Skoliose, in den Vordergrund rückt. Selbst für die zarten Bande zwischen Vanessa und Deniz findet Tim Staffel keine romantischen Worte, auch hier geht es eher ruppig zur Sache, der Rest findet sich möglicherweise zwischen den Zeilen oder in der Phantasie des Lesers.

Auch wenn die Szenen in Südstern durchaus die knallharte Realität einer Großstadt wie Berlin widerspiegeln und die Atmosphäre gekonnt eingefangen ist, so kann mich das Ganze leider in keiner Weise ansprechen oder gar berühren. Für mich ist es leider nicht das richtige Buch, andere Stimmen beweisen aber, dass es bereits begeisterte Leser gibt.

Veröffentlicht am 31.08.2023

Geeiste Leiche und Fleischskandal

Tödlicher Isarfrost
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Ein brennendes Auto und eine zu Tode gekommenen Fahrerin – ein kleines Detail aus der Rechtsmedizin lässt jedoch den vermeintlichen Unfall zum Tötungsdelikt werden und Clara Liebig beginnt, mit ihrem Team ...

Ein brennendes Auto und eine zu Tode gekommenen Fahrerin – ein kleines Detail aus der Rechtsmedizin lässt jedoch den vermeintlichen Unfall zum Tötungsdelikt werden und Clara Liebig beginnt, mit ihrem Team zu ermitteln. Sehr zu ihrem Leidwesen priorisiert ihr Vorgesetzter, Kommissariatsleiter Wolfgang Reitmayer, aber just zu diesem Zeitpunkt einige Fälle von Fleischvergiftung – „Leberkas und Bier müssen in Bayern unantastbar sein“, so sein Credo. Mit wenig Schlaf und viel Kaffee vom legendären Foodtruck vor dem Münchener Revier heißt es also, zwei wichtigen Ereignissen nachzugehen, obwohl der Chef ausdrücklich empfiehlt, den Fall rund um das Auto im Englischen Garten zurückzustellen.

Ein ganz besonderes Team begegnet dem Leser bei diesem zweiten Isar-Krimi. Da ist zum einen die temperamentvolle Hauptkommissarin Clara Liebig mit ihrem Bauchgefühl und ihren ganz speziellen Gedankengängen, bei welchen Puzzleteile in ihrem Kopf umherschwirren und bisweilen an die richtigen Plätze fallen, zum anderen ihr norddeutscher Kollege, Superrecognizer Thorwald von Weidecke, der zwar hochintelligent ist, aber weniger firm, was soziale Kompetenz betrifft und das Verständnis bayerischer Regionalausdrücke. Ergänzt wird das trotz aller Unterschiede hervorragende Team von Iris Becker, die seit ihrer Spezialausbildung in New York stets englische Brocken in ihre Sätze packt und Lisa Traublinger mit fröhlichem Gemüt und messerscharfem Verstand, der zuverlässige Matthias Brauhofer ist vorerst erkrankt. So ist es kein Wunder, dass die Nachforschungen nicht nur ehrgeizig, sondern auch durchaus unterhaltsam vonstattengehen und ich da und dort herzlich lachen durfte – nicht immer liest man beispielsweise davon, wie versucht wird, Kaffeeflecken auf der Kommissarin Oberteil zu entfernen. Hinweise auf wunderschöne Märchen und Kinderreime sowie diverse Wortspiele runden den flüssigen Schreibstil Marie Bonsteins gelungen ab, nicht zuletzt trägt der krummbeinige Dackel Gustl zum Lesevergnügen bei. Lebendig und kurzweilig geht es flott durch die Kapitel, die beiden ganz unterschiedlichen Fälle garantieren Abwechslung im Geschehen. Ein wenig Persönliches tut der Sache gut und lenkt keineswegs von der gut durchdachten Handlung ab, welche selbstverständlich schlüssig aufgeklärt wird.

Tödlicher Isarfrost ist mein bislang erstes Buch von Marie Bonstein, aber ganz gewiss nicht das letzte. Auch wenn ich mich bei diesem in sich abgeschlossenen Krimi sehr gut zurechtgefunden habe und die Figuren bestens gezeichnet sind, so interessiert mich nun doch, was zuvor passiert ist – Mörderisches Isarflimmern wird demnächst bestellt. Von mir gibt es verdiente fünf Sterne und eine klare Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 30.08.2023

Auf den Spuren einer Hexe

Marschlande
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Zur Zeit der großen Allerheiligenflut im Jahre 1570 lebt Abelke Bleken allein mit ihrem Gesinde und allerlei Tieren auf ihrem großen Bauernhof im Marschland. Das ist in der Nachbarschaft nicht gern gesehen, ...

Zur Zeit der großen Allerheiligenflut im Jahre 1570 lebt Abelke Bleken allein mit ihrem Gesinde und allerlei Tieren auf ihrem großen Bauernhof im Marschland. Das ist in der Nachbarschaft nicht gern gesehen, gehört doch ein Mann ins Haus. Knapp fünfhundert Jahre später übersiedelt Britta Stoever mit ihrer Familie in den Hamburger Speckgürtel, wo sie den Namen Abelke Bleken auf einem Straßenschild entdeckt. Als Geografin neugierig geworden, forscht sie nach, wem diese Erinnerung gilt.

Wunderbar zu lesen ist Jarka Kubsovas Schreibstil, voller Bilder und Melodien zwischen den Zeilen. Zum Beispiel regnet es im Marschland bisweilen Frösche! In zwei Zeitebenen mit Abelke und Britta als Hauptfiguren, spielt dieser eindrucksvolle Roman und verbindet die jeweiligen Kapitel mit hervorragenden Übergängen. Zum einen lernen wir die emsige Bäuerin Abelke kennen, welche im Einklang mit der Natur lebt, zum richtigen Zeitpunkt aussät und ihre Tiere gut behandelt, aber dennoch mit List und Tücke enteignet wird. Zum anderen lebt fünf Jahrhunderte später Britta an einem ganz nahen Ort und leidet darunter, für ihre Familie ihre Forschungsstelle an der Universität aufgegeben zu haben und für die Haushaltsarbeit nicht die geringste Wertschätzung zu bekommen. Beide Frauen sind hervorragend charakterisiert, man fühlt sich ihnen beim Lesen sofort nahe. Deutlich kann Autorin Jarka Kubsova zeigen, dass Frauen in einer Zeitspanne von fünfhundert Jahren vor ganz ähnlichen Problemen stehen, die zwei Geschichten sind so unterschiedlich und dennoch zeigen sich in der Gesamtheit etliche Parallelen. Interessant ist dann auch noch das Nachwort, in dem Kubsova einige historische Fakten rund um Abelke Bleken liefert, ein Teil dieser Geschichte beruht also tatsächlich auf wahren Begebenheiten.

Ein Buch, das unter die Haut geht und nachdenklich stimmt. Ich kann Marschlande nur weiterempfehlen!

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