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Veröffentlicht am 25.07.2021

Im Märchenschloss

Abseits der Zeit
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Emma ist Küchenhilfe im bayerischen Schloss Neuschwanstein und lebt ein ebenso streng reglementiertes wie ungewöhnliches Leben. Als Paul und Elektra unabhängig voneinander das Herrschaftsgebäude von Märchenkönig ...

Emma ist Küchenhilfe im bayerischen Schloss Neuschwanstein und lebt ein ebenso streng reglementiertes wie ungewöhnliches Leben. Als Paul und Elektra unabhängig voneinander das Herrschaftsgebäude von Märchenkönig Ludwig II. besichtigen, kann das Schicksal eine Wende nehmen.

Alles beginnt mit Emma, der emsigen jungen Küchenhilfe, die des Nachts arbeiten und am Tage ruhen muss. Abwechselnd zu Emmas Ich-Perspektive erzählt auch Paul aus seinem Blickwinkel in der Ich-Form, Elektras Position wird aus einer neutralen Sicht geschildert. Anfangs scheinen die verschiedenen Handlungsstränge nichts miteinander zu tun zu haben, lange lässt Autorin Anna Musewald den Leser im Dunklen tappen, wohin die Reise führt. Verwirrend und langatmig braucht es etliche Kapitel, bis man am Kern der Sache ankommt und hat bis dahin schon fast die Freude am Buch verloren. Obwohl viele interessante Details rund um Schloss Neuschwanstein einfließen, kann mich die Handlung nicht fesseln, werden die Figuren nicht zu richtigem Leben erweckt. Alles bleibt hinter einem nebulosen Schleier versteckt, der weder Spannung noch näheres Interesse am Fortgang der Erzählung aufkommen lässt. Am Ende bleibe ich mit dem diffusen Gefühl zurück, dass ich nichts gelesen habe. Aufgrund des Klappentextes waren meine Erwartungen an dieses Buch wohl einfach falsch.

Für das nicht nur farblich sehr schön gestaltete Titelbild und den sprechenden Schwan vergebe ich ohnmächtige zwei Sterne, chrrr, chrrr.



Titel Abseits der Zeit

Autor Anna Musewald

ISBN 978-3-945316-16-0

Sprache Deutsch

Ausgabe Kunststoff-Einband, 500 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 14. Februar 2021

Verlag Inkpot

  • Einzelne Kategorien
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Veröffentlicht am 22.07.2021

Die Kraft der Musik

Das Kind von Gleis 1
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Die Deutschen stehen vor den Toren Prags, das Leben der Juden wird von Tag zu Tag schwieriger. So schickt die Pianistin Eva schweren Herzens ihre fünfjährige Tochter Miriam mit einem Kindertransport ins ...

Die Deutschen stehen vor den Toren Prags, das Leben der Juden wird von Tag zu Tag schwieriger. So schickt die Pianistin Eva schweren Herzens ihre fünfjährige Tochter Miriam mit einem Kindertransport ins fremde England. Während sie ständig darüber grübelt, ob die Entscheidung die richtige war, tritt in London Pamelas Sohn William der Royal Air Force bei, um so seinem Beitrag für den Frieden zu leisten und versetzt damit auch seine Mutter in permanente Angst.

Überaus liebevoll und warmherzig entwirft Autorin Gill Thompson zwei sehr unterschiedliche Familien, die jüdische Familie rund um Eva in der Tschechoslowakei und die Quäker mit Pamela als sozial sehr engagierter Mutter in England. Wie sehr sich im Laufe des Zweiten Weltkrieges deren Schicksale verflechten, erzählt dieser bewegende Roman nicht nur mit eindrucksvollen Worten, sondern auch mit Bildern und Melodien, die man zwischen den Zeilen zu vernehmen meint. Die Verhältnisse in Kriegstagen werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und verursachen einerseits kalte Schauer auf der Haut, zeigen aber andererseits immer wieder kleine Funken an Hoffnung, die den Menschen Überlebenswillen und Kraft geben. Die besonderen Gegebenheiten im Lager Terezín, Theresienstadt, lassen es zu, dass die Gefangenen nach knochenharter Arbeit am Tage abends zusammenkommen dürfen zum Musizieren und so ihre Art von Widerstand leisten.

Durch ausgezeichnete Recherche und großartiges Einfühlungsvermögen verknüpft Thompson reale Geschehnisse mit einer fiktiven Handlung, die sich genauso zugetragen haben könnte. Sehr realistisch fügen sich lebendige Figuren in diesen durch wahre Begebenheiten geprägten Roman und erwecken Geschichte zum Leben, sodass die unfassbaren Gräueltaten nie in Vergessenheit geraten.

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, schafft es Gill Thompson mit ihrem „Kind von Gleis 1“ den Leser zu berühren und ein Stück Vergangenheit in Hoffnung zu verwandeln, Gemeinsamkeiten über Trennendes zu stellen und die Kraft der Musik ins Zentrum zu rücken.



Titel Das Kind von Gleis 1

Autor Gill Thompson

ISBN 978-3-7466-3786-0

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 502 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 19. Juli 2021

Verlag Aufbau TB

Originaltitel The Child On Platform One

Übersetzer Gabriele Weber-Jarić

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Veröffentlicht am 20.07.2021

Hexen und die beginnende Neuzeit

Die Puppenspieler
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Der 12jährige Richard lebt mit seiner Mutter im schwäbischen Wandlingen und fällt durch seine Wissbegierde und rasche Auffassungsgabe in der Klosterschule auf. Als nach der Herausgabe des Malleus Maleficarum, ...

Der 12jährige Richard lebt mit seiner Mutter im schwäbischen Wandlingen und fällt durch seine Wissbegierde und rasche Auffassungsgabe in der Klosterschule auf. Als nach der Herausgabe des Malleus Maleficarum, des Hexenhammers, Dominikanermönche ans Kloster kommen, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Zobeida, Richards Mutter, ist als Sarazenin zwar angepasst und zum Christentum übergetreten, dennoch wird sie als Hexe angeklagt und vor Richards Augen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Der Junge wird von seiner Tante Sybille freundlich im Hause der Fugger aufgenommen und erhält in Augsburg eine fundierte Ausbildung beim einflussreichsten Kaufmann Jakob Fugger. Bald kann Richard eine wichtige Funktion für die Kaufmannsfamilie in Florenz und Rom einnehmen, wo Medici und Borgia den Ton angeben. Das Thema Hexen hat Richard aber nie vergessen.
Mit einem grandiosen, wenn auch grausamen Abschnitt steigt Tanja Kinkel in dieses Epos ein, sofort nimmt sie mit klaren und bildhaften Beschreibungen den Leser gefangen und zeichnet insbesondere mit Richard und Zobeida zwei recht sympathische Figuren. Auch sonst sind sämtliche Szenen sehr lebendig und anschaulich dargestellt, sodass man sofort eintaucht in eine fremde Welt. Der folgende Abschnitt mit der Kaufmannsfamilie Fugger ist ebenso interessant und abwechslungsreich, während die Zeit in Italien geprägt ist von eher allgemeinem Zeitgeschehen, von Kirche und Kunst und Richard ein wenig zu sehr in den Hintergrund rückt mit seinem Ansinnen, nachzuweisen, Hexen gäbe es nicht. Die Geschichte rund um die Hauptfigur Richard verliert somit speziell im Mittelteil immer mehr an Spannung, die gerade zu Beginn so fesselnd und einnehmend ist. Nichtsdestotrotz sind die Figuren ausgezeichnet charakterisiert und spiegeln die Zeit des Aufbruchs insgesamt sehr deutlich wider.
Wünschenswert wäre ein Personenverzeichnis mit Hinweisen auf historische Figuren, in die sich Richard als fiktiver Hauptdarsteller ausgezeichnet einfügt.
„Die Puppenspieler“ ist besonders empfehlenswert für jene Leser, die nicht nur eine erfundene Handlung verfolgen wollen, sondern auch Interesse zeigen für die historischen Ereignisse der frühen Neuzeit.


Titel Die Puppenspieler
Autor Tanja Kinkel
ASIN B0916787JD
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, 2607 KB
ebenfalls erhältlich als Druckausgabe und Hörbuch
Erscheinungsdatum 1. April 2021
Verlag dotbooks

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Veröffentlicht am 11.07.2021

Bester Freund

Die Verlorenen
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Jonah Colley, von der Spezialeinheit der Londoner Polizei, erhält einen verzweifelten Anruf von seinem ehemals besten Freund, mit dem er aber zehn Jahre lang keinen Kontakt mehr pflegte. In einer verlassenen ...

Jonah Colley, von der Spezialeinheit der Londoner Polizei, erhält einen verzweifelten Anruf von seinem ehemals besten Freund, mit dem er aber zehn Jahre lang keinen Kontakt mehr pflegte. In einer verlassenen Lagerhalle soll ein Treffen stattfinden. Hier entdeckt Jonah jedoch seinen toten Freund neben anderen in Folie gewickelten Leichen, gleich menschlichen Kokons und wird selber brutal zusammengeschlagen. Ein Zusammenhang mit dem Serienkiller Owen Stokes, der möglicherweise auch mit dem Verschwinden von Jonahs Sohn vor einem Jahrzehnt zu tun hatte, kann nicht ausgeschlossen werden.

Spannend verfasst, nimmt einen die Geschichte sofort gefangen und entfacht Neugierde, mehr über Jonah Colley zu erfahren. Der nächtliche Ausflug an den einsamen Kai ist aufregend geschildert, die grauenhaften Bilder reihen sich zu einem schrecklichen Film im Kopf aneinander. Allerdings verschwimmen dann unterschiedlichste Handlungsstränge ineinander und tun der Glaubwürdigkeit doch einen gewissen Abbruch. Auch wenn Jonah Colley seien Sohn verloren hat, so benimmt er sich oftmals ganz und gar nicht wie ein halbwegs professioneller Polizist, seine Vorgehensweise ist immer weniger nachvollziehbar. Genauso ergeht es mir mit der Handlung und dem Motiv selber: obwohl der Autor überraschende Wendungen bereithält, klingt die Sache doch immer mehr konstruiert und wenig realistisch. Als Stehaufmännchen meistert Colley fast jede Herausforderung, obgleich er zuvor schon schwere Verletzungen erfahren hat – das passt einfach nicht zusammen.

So ganz geglückt ist dieser Serienauftakt meiner Meinung nach nicht, da hätte man von Simon Beckett wohl etwas mehr erwartet.



Titel Die Verlorenen

Autor Simon Beckett

ISBN 978-3-8052-0052-3

Sprache Deutsch

Ausgabe Fester Einband, 416 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 8. Juli 2021

Reihe Jonah Colley

Verlag ROWOHLT Wunderlich

Originaltitel The Lost

Üebersetzer Karen Witthuhn, Sabine Längsfeld

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Veröffentlicht am 09.07.2021

Eine Betrachtung der letzten Jahre

Betreff: Falls ich sterbe
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Aksel schreibt seiner Lebensgefährtin Carolina völlig aus dem Nichts heraus eine E-Mail mit dem Betreff: Falls ich sterbe. Enthalten sind Passwörter und andere Dinge, die nach seinem Tod relevant sein ...

Aksel schreibt seiner Lebensgefährtin Carolina völlig aus dem Nichts heraus eine E-Mail mit dem Betreff: Falls ich sterbe. Enthalten sind Passwörter und andere Dinge, die nach seinem Tod relevant sein könnten. Carolina stillt das gemeinsame Baby und reagiert fast verärgert über diese für sie unnötige Information, fünf Monate später wacht Aksel in der Früh nicht mehr auf.

In gegenläufiger Reihenfolge berichtet Carolina über die Zeit ab dem Kennenlernen Aksels und über die schwierige Phase nach dessen Tod nur acht Monate nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Ivan. Während Carolina immer ein Quell für Neues und Veränderung ist in der Beziehung, bringt sie nach dem schrecklichen Verlust kaum Kraft auf, für sich und ihren Sohn zu sorgen. Unter Familienmitgliedern und Freunden findet sie liebevolle Menschen, die sie auf ihrem schwierigen Weg unterstützen und ihr neue Hoffnung geben.

Der Schreibstil Setterwalls in dieser autofiktionalen Geschichte ist gut gewählt: gleich einem inneren Monolog wendet sich Carolina an Aksel, lässt Szenen Revue passieren, wie sie einander kennengelernt haben und langsam eine Beziehung aufgebaut und schließlich eine Familie gegründet haben. Im Gegenwartsteil spricht die junge Witwe ebenfalls den Verstorbenen an, erzählt von ihren Sorgen und Ängsten und wie sie sich langsam mit und in ihrem neuen Leben zurechtfindet. Ungewöhnlich ist, dass sich diese Perspektive durch das gesamte Buch zieht. Es gibt nur Carolinas Gedanken, auch was die Gefühle und Empfindungen anderer Personen betrifft. Gespräche werden als indirekte Rede dargestellt, wodurch die Tristesse passend widergespiegelt wird. Aber auch in den gemeinsamen Jahren zwischen Carolina und Aksel kommt kaum Lebendigkeit auf, selbst die Feste, die sie besuchen, können beim Leser keine entsprechende Stimmung entfachen, welche Unbeschwertheit und Glück vermitteln, insbesondere bei Aksel. Leider erfährt man nicht, ob der junge Mann irgendwelche gesundheitlichen Beschwerden hat, eine Vorahnung, aufgrund derer er diese E-Mail zu seinem möglichen Tod verfasst.

Carolinas Umgang mit ihrer Trauer, ihre intensive Beziehung zu Ivan sind sehr eindrücklich geschildert. Allerdings fehlt es an einer gewissen Spannung, das Leben vor und nach Aksels Tod plätschert so dahin, was ich insbesondere für die Vergangenheit ein wenig schade finde, aber so ist wohl die Sicht durch einen Schleier aus Tränen. Ebenso nüchtern präsentieren sich sämtliche Figuren, kühl und distanziert, sodass der Leser keine Sympathie zu ihnen entwickeln kann.

Insgesamt habe ich mir eine andere Geschichte erwartet, mehr Informationen zu der E-Mail, (der Originaltitel passt womöglich besser als der deutsche), buntere und farbenfrohere Bilder zumindest in den ersten Jahren. Da es sich um eine autofiktionale Geschichte handelt, ist diese triste Stimmung umso tragischer.

Fazit: ein interessantes Buch, das aber einige wissenswerte Bereiche ausblendet.



Titel Betreff: Falls ich sterbe

Autor Carolina Setterwall

ISBN 978-3-462-05260-2

Sprache Deutsch

Ausgabe Fester Einband, 480 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 8.7.2020

Verlag Kiepenheuer&Witsch

Originaltitel Låt oss hoppas på det bästa

Übersetzer Susanne Dahmann

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