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Veröffentlicht am 06.04.2018

Lerne Dich in Deiner Haut wohlzufühlen

DUMPLIN'
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Die 16 jährige Willowdean Dickson, ist nicht nur mit einem außergewöhnlichen Namen gesegnet, sondern auch mit konstantem Übergewicht. Sehr zum Leidwesen ihrer Mutter Rosie, einer ehemaligen Schönheitskönigin. ...

Die 16 jährige Willowdean Dickson, ist nicht nur mit einem außergewöhnlichen Namen gesegnet, sondern auch mit konstantem Übergewicht. Sehr zum Leidwesen ihrer Mutter Rosie, einer ehemaligen Schönheitskönigin. Zum Glück hat ihre Tante Lucy sie stets unterstützt, bis sie vor einem halben Jahr an einem Herzinfarkt starb, als Folge ihrer pathologischen Fettleibigkeit. Seither fehlt Lucy Will unheimlich, doch sie hat ja immer noch ihre beste Freundin Ellen. Optisch ist diese das totale Gegenteil von ihr, aber was soll's? Die Liebe zu Dolly Parton eint sie seit Kindertagen und sie haben keine Geheimnisse voreinander. Bis Will sich bei ihrem Sommerjob in den süßen Bo, den Basketballstar der teuren Privatschule verliebt. In seiner Gegenwart klopft ihr Herz und sie bildet sich ein, nur noch Unsinn zu reden. Als er sie heimlich hinter den Mülltonnen küsst, traut sie sich noch nicht einmal Ellen davon zu erzählen, das glaubt ihr doch eh niemand! Außerdem ist es ihr auch unangenehm von jemand so perfektes berührt zu werden, plötzlich wird ihr ihre Haut zu eng und sie stellt sich selbst in Frage. Um sich selbst zu beweisen, daß sie nicht nur die Dicke vom Fast Food Laden ist, meldet sie sich zum Schönheitswettbewerb an. Damit macht sie nicht nur vielen anderen Mädchen Mut, sie riskiert sogar das Wichtigste in ihrem Leben: Ellen. Ihre Freundin wird ihr immer fremder.

Eine warmherzige und wirklich nachfühlbare Geschichte über die Unsicherheit von Teenagern. Fühlen sie sich nicht alle unwohl in ihrer Haut und gehört es nicht zum Erwachsen werden dazu, sich selbst kennen und lieben zu lernen? Dieser Prozess ist schmerzhaft und nicht immer schön. Will lässt uns an ihren Höhen und Tiefen teilhaben. Gerade als man sie am Liebsten hat, stößt sie einen plötzlich am meisten ab. Kann sie wirklich so fies sein? Ja, sie kann, denn in jedem von uns stecken zwei Seiten, die miteinander streiten. Durch den heftigen Streit mit Ellen, wird Will gezwungen neue Wege zu gehen und auf andere Menschen zuzugehen, auch wenn sie diese bisher zwar mochte, aber eher doch bemitleidete. Nun haben diese etwas, was ihr fehlt: eine beste Freundin. Verloren ohne Ellen und verwirrt und verletzt von Bo, weckt sie nun das Interesse des liebenswürdigen Football-Stars Mitch, als Verteidiger selbst nicht der Schmalste. Mitch ist hinreißend, aber eben nicht Bo und ihn kann Will nicht vergessen. Durch ihren Streit mit Ellen scheint Will so sehr aus der Bahn geworfen, daß sie völlig hin- und hergerissen ist und nur noch wieder zurück in ihren alten Wohlfühlstatus zurückfinden möchte. Doch das ist gar nicht so leicht, schon gar nicht, wenn die Mutter stets auf südstaatliche Perfektion achtet und man so gar nicht, der zu sein scheint, den sie sich wünscht.

Der Stil ist sehr fließend und einnehmend. Dank der Ich-Perspektive lernt man Wills intimste Gedanken kennen und wie bei jedem Menschen, sind diese nicht immer lieb und nett. Das macht die Erzählung aber auch wirklich so authentisch.Wenn man sich das Bild der Autorin ansieht, kann man sich vorstellen, daß sie in ihrer Jugend einige Erlebnisse mit Will teilte, ehe sie zu einer in sich ruhenden Autorin wurde. Vielleicht sind ihr daher auch immer wieder Wendungen eingefallen, mit denen ich so nicht wirklich gerechnet habe. So kam ich während des Lesens stets ins Grübeln, ob es wohl ein Happy End geben wird. Ob dies der Fall ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, es ist auf jeden Fall kein Hollywood Ende, was ich sehr angenehm finde. Ein echter Pluspunkt sind Wills alte und neue Freunde. Diese Mädchen, die nicht dem Amerikanischen Traum entsprechen, sind aber wirklich besonders: keine Abziehpuppen, sondern Persönlichkeiten, wohl auch deswegen, weil sie vom Leben bislang nicht verwöhnt wurden. Aber haben wir nicht alle irgendeine Last, mit uns herum zu tragen? Daher ist es so persönlich und zugleich auch persönlich. Will ist nicht perfekt und mit einigen ihrer Aktionen bin ich nicht einverstanden. Aber wer ist schon perfekt und wäre sie dann nicht langweilig?

Ein ganz besonderer Schönheitswettbewerb aus der Heimat von Barbie, aber mit echten Persönlichkeiten und echten Teenagern. Ein Buch, daß ich jungen Mädchen gerne weiterempfehle.

Veröffentlicht am 05.04.2018

Hier darf gerüttelt und geschüttelt werden!

Kleines Monster, komm da raus!
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Der englische Promi-Vater des Jahres 2016 Tom Fletcher hat selbst 2 Söhne und weiß, wie sehr kleine Jungs Monster lieben und sie aber auch gerade vor dem Einschlafen fürchten. Doch hier ist kein Monster ...

Der englische Promi-Vater des Jahres 2016 Tom Fletcher hat selbst 2 Söhne und weiß, wie sehr kleine Jungs Monster lieben und sie aber auch gerade vor dem Einschlafen fürchten. Doch hier ist kein Monster unterm Bett, nein, es versteckt sich in diesem wunderbar bunten, großen Bilderbuch! Moment, es ist doch eine Geschichte ab 3 Jahren zum Einschlafen, was soll da bloß ein Monster im Buch! Da hilft nix, da müssen Kinder und Eltern gemeinsam versuchen das kleine Monster zu vertreiben, mit allen Mitteln die sie haben: Schütteln, Schreien, LAUTER SCHREIEN!, Kippen, Rütteln, Pusten. Das macht gemeinsam richtig Spaß und ist aufregend, aber es macht auch ganz schön müde. Da kann man das kleine Monster eigentlich nur zudecken, streicheln und ihm eine gute Nacht wünschen, denn es ist Zeit ins Bett zu gehen. Und wenn man nun das Buch ganz leise nimmt und im Bücherregal zwischen all die anderen Bücher klemmt, dann kommt es auch garantiert in der Nacht nicht wieder heraus und schon gar nicht unters Bett oder in die Kinderträume!
Ein wunderschönes Buch zum gemeinsamen Toben und Kuscheln vor dem Einschlafen, das die Kleinen garantiert zum Strahlen bringt. Sie dürfen zusammen mit dem Vorleser viele Dinge machen, die sie sonst nicht dürfen, nur um das kleine Monster zu erschrecken. Das kleine Monster sieht übrigens wirklich sehr süß aus und macht ganz bestimmt keine Angst, sondern blickt einen mal ganz freundlich, mal etwas skeptisch von den großen bunten Buchseiten an. Ich habe es zusammen mit einer schwangeren Kunstlehrerin und Mutter von zwei Söhnen gelesen, sowie dem 3 jährigen Emil. Es hat sämtliche kritischen Tests bestanden. Wir alle hatten viel Spaß das kleine Monster mal nach rechts oder links zu kippen (sehr geschickt zum Üben von Rechts und Links), es zu kitzeln oder feste zu Pusten. Für Kindergarten Kinder ist es toll, dass sie alle Aufgaben alleine und mit dem Vorleser befolgen können, ein Erfolgserlebnis, das stolz macht und Kinderaugen strahlen lässt.
Die Übersetzung von Tanja Poestges ist sehr gelungen. Gerade bei Bilderbüchern, mit nur wenig Text, muß jedes Wort sitzen. Beim lauten Lesen macht es sich auch wirklich bemerkbar, wenn die Kinder etwas nicht verstehen oder die Satzmelodie hakt. Aber nein, jedes Wort sitzt, jedes Wort wird verstanden.
Wirklich toll für 3- 4 Jährige Kinder, um sich an gemeinsames Lesen und Kuscheln zu gewöhnen. Es lässt sich super als Schlafritual einführen und wird dann jeden Abend von Neuem eingefordert!
Sehr gelungenes Konzept von einem Vater für Eltern und Kleinkinder.
PS: so sehr wir uns auch angestrengt haben, das Monster hat das Buch nie verlassen!

Veröffentlicht am 05.04.2018

Wohlfühlgeschichten mit Waschbär Henri ab 4 Jahren

Villa Wunderbar. Das Apfelfest
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In der Villa Wunderbar leben die gleichaltrigen Matilda und Joschi, die auch in dieselbe Klasse gehen. Im Erdgeschoss betreibt ihre Oma ein Café mit Waschsalon, in das sich vor zwei Jahren der kleine Waschbär ...

In der Villa Wunderbar leben die gleichaltrigen Matilda und Joschi, die auch in dieselbe Klasse gehen. Im Erdgeschoss betreibt ihre Oma ein Café mit Waschsalon, in das sich vor zwei Jahren der kleine Waschbär Henri eingeschlichen hat. Dieser kann sogar sprechen, aber das ist Matildas und Joschis Geheimnis. In diesem zweiten Band gibt es neue ausgewählte Geschichten aus den 20 Geschichten, den Buches: So trägt der Apfelbaum in Rocker Jimmys Garten reichlich Früchte, die sie wieder gemeinsam ernten, doch irgendwie ist es anders, als noch vor zwei Jahren, wundert sich Henri. Macht nichts, denn so viele leckere Apfelpfannkuchen sind schon ein Grund für ein kleines Fest unter Nachbarn. Matilda lernt nun Blockflöte in der Schule und übt auch ganz eifrig. Ihre Lehrerin ist ganz angetan und lobt ihr Talent, sie darf sogar als erste der Klasse, ein Lied einüben. Warum nur, will ihr niemand aus der Familie zuhören und verlangen, daß sie weniger übe? Wie kommen sie darauf, daß sie die Töne nicht träfe? Auch ein Ausflug in der Hitze des Sommers an den Waldsee kann mit zwei Familien und Waschbär ganz schön aufregend werden.
Dieses Hörbuch ist, trotz des inzwischen steigenden Alters immer noch für Kinder ab 4 Jahren sehr geeignet. Martin Baltscheit liest mit ruhiger melodiöser Stimme und dabei doch sehr lebendig. Er gibt den Personen eigene Stimmen und besonders Waschbär Henri gefällt mir sehr gut. Keine nervigen übertriebenen Stimmverstellungen und doch stets individuell. Dennoch strahlt er solch ruhige Zuversicht aus, daß selbst das Verschwinden von Waschbär Henri auch für ganz junge Zuhörer nicht beängstigend, sondern angenehm aufregend klingt. So werden diese kleinen Alltagsabenteuer stets zu etwas Besonderem.
Etwas Besonderes ist auch wieder die sehr liebevolle Klapphülle, die wunderschön dem von Nikolai Rieger illustrierten Kinderbuch entspricht. Diesmal kann man die Hülle zwar nicht zu einer Villa zusammenstecken, aber es liegt ein Bastelbogen dabei, aus dem man die für die Villa aus Band 1 noch fehlenden Bewohner ausschneiden kann: Waschbär Henri und die Kinder Matilda und Joschi stehen jetzt zum Bespielen bereit. Sehr süß und liebevoll. Meine 8 jährige Tochter hat es prima hinbekommen, aber 4-Jährigen sollte man besser noch beim Schneiden behilflich sein.
Die Geschichten sind jeweils sehr liebevoll und machen Mut. Selbst in ihrer mangelnden Perfektion akzeptieren sich die Bewohner der Villa Wunderbar und mögen einander so wie sie sind, mit all ihren Fehlern. Waschbär Henri hat zugenommen und kommt nicht mehr auf die Spitze des Apfelbaumes? Macht nichts, so ist er nur noch knuddeliger! Selbst Geschichten, die nicht ganz so positiv beginnen, wie z.B. die mangelnde Bereitschaft Matildas Blockflötenspiel zu lauschen, enden wirklich aufbauend und liebevoll. Es sind echte Wohlfühlgeschichten, sehr geeignet zum Einschlafen, Entspannen oder bei Unwohlsein. Mit Waschbär Henri wird das Ausruhen lustiger.
Mit 1 h und 9 Minuten mag dieses Hörbuch für einige ganz junge Hörer noch zu lang für die individuelle Konzentrationsspanne sein, doch ist durch die beigefügte Trackliste ein Wiedereinstieg nach einer Hörpause ohne weiteres möglich. Eine schöne CD auch für jüngere Kinder, die auch Eltern auf Autofahrten gerne mithören werden und an der auch ältere Geschwister ihre Freude haben werden.
Wir empfehlen dieses Hörbuch sehr gerne weiter und werden es auch immer wieder hören.
Unser herzlicher Dank geht an das Bloggerteam von Der Hörverlag.

Veröffentlicht am 31.03.2018

Die Macht der Magie und der Worte

Wortwächter
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Der 12 jährige Tom aus Deutschland muß die Sommerferien bei seinem Onkel David in Stratford-upon-Avon verbringen, weil seine Eltern nun endlich ihre Hochzeitsreise nach Paris nachholen wollen. David ist ...

Der 12 jährige Tom aus Deutschland muß die Sommerferien bei seinem Onkel David in Stratford-upon-Avon verbringen, weil seine Eltern nun endlich ihre Hochzeitsreise nach Paris nachholen wollen. David ist einer der Brüder seiner englischen Mutter, den er jedoch noch nie zuvor getroffen hat. Als er auf dem Stammsitz seiner Familie, die auf William Shakespeare zurück geht ankommt, ist er entsetzt: kein Handynetz, kein Fernsehen, nichts als Bücher. Das versprechen die langweiligsten Ferien seines Lebens zu werden, doch mit der Einschätzung täuscht er sich gewaltig. Nachts gehen seltsame Dinge in dem alten Herrenhaus vor sich. Dunkle Schatten schleichen durchs Haus und Tom sieht mit an, wie sein Onkel entführt wird. Im Keller findet er einen geheimen Raum in dem sich noch mehr Bücher stapeln und eine Seite, auf der wie von Zauberhand Worte auftauchen, die Toms Leben zu beschreiben scheinen. Als er Davids treuen Diener Will davon berichtet und dann auch noch ein fremdes, hübsches Mädchen (Joséphine) vor der Tür steht, überstürzen sich die Ereignisse und das Abenteuer seines Lebens beginnt.
Dieses fantastische Abenteuer zieht seinen Zauber nicht aus Drachen, Zauberern oder Einhörnern, sondern aus der Magie der Worte, der großen Literaten der Weltgeschichte und ihren Werken. Für leidenschaftliche Leser ein Fest, es gibt so viele Anspielungen zu entdecken, ohne daß es langweilt, weil die großen Meister geschickt über ihre steinernen Abbilder die zu Leben erweckt werden, in die Geschichte mit eingeflochten werden. Dabei sind es aber vor allem Autoren und Werke, die auch Kinder im Alter von 11 – 13 Jahren etwas sagen und bedeuten können, so wie C.S. Lewis oder J.R.R. Tolkien, die geistigen Väter von Narnia und des Auenlandes. Dennoch ist die Geschichte eigen, ich wurde in den Bann gezogen, ohne mich zu ärgern, weil ich eben nicht das Gefühl hatte, es wäre alles nur geklaut. Im Gegenteil, ich wollte stets unbedingt wissen, wie es Tom und Joséphine denn nun gelingen könnte, die mächtige goldene Feder in ihren Bestandteilen zu vereinen und Toms entführten Vater und Joséphines Vater zu befreien. Eine Befreiung die nicht selbst verständlich ist und die natürlich ohne Hilfe der Polizei erfolgen muß, nicht weil die Entführer es so fordern, sondern weil ihnen doch sowie so niemand ihre Geschichte geglaubt hätte. Zu aberwitzig ist die Welt der Wortwächter, in die Tom ungeahnt und Joséphine ganz bewußt, eingedrungen sind. Neben wirklich gut gewählten Zitaten aus großen Werken der Literatur, führt die Zwei ihre Mission auch an absolut sehenswerte Orte der Welt. Wohin die Reise sie bringt, will ich eigentlich nicht vorweg verraten, aber es läßt sich eigentlich auch schon dem Cover entnehmen.
Die Sprache ist sehr wort- und bildgewaltig, aber nicht im Sinne, von einschüchternd, nein, sie lässt einfach vor dem inneren Auge wundersame Abenteuer entstehen, denen man sich einfach nicht entziehen kann.
Die Gestaltung des Buches ist wirklich sehr ansprechend. In den Buchklappen befinden sich Weltkarten, mit denen man unseren Abenteurern auch auf der Karte folgen kann. Eine weitere optische Besonderheit im Text, möchte ich lieber verschweigen, um nicht zu viel zu verraten.
Neben den sympathischen Helden, der spannenden Geschichte, den ungeahnten Wortwelten, hat die Geschichte den besonderen Reiz, daß sie in sich schlüssig ist. Ich habe es nicht nur genossen, vielen meiner literarischen Helden zu begegnen, sondern mich auch über ein gelungenes Ende gefreut, daß Raum für eine Fortsetzung lässt, aber auch ohne eine solche in sich abgeschlossen ist. Es ist einfach alles noch möglich und hoffentlich auch ein Hörbuch, ich fände es nämlich toll, diese Geschichte noch mehrfach miterleben zu können.
Dieses Buch ist ein echtes Lesehighlight und ich möchte niemandem den Spaß verderben, indem ich schon zu viel verrate. Aber so viel sage ich gerne: ich habe nichts gefunden, was mir nicht gefallen hätte. Ich lege es jeden Bücherfan dringend ans Herz und auch die Fantasyliebhaber kommen voll auf ihre Kosten.

Veröffentlicht am 31.03.2018

sehr berührend

Geflüchtet. Zu Hause in Deutschland, daheim in Syrien
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Als in Syrien die Aufstände gegen das brutale Willkürregime von Assad beginnen. Niemand hätte damit gerechnet, daß die Bevölkerung, der es relativ gut ging, auf die Straße geht. Syrien war von der Bevölkerung ...

Als in Syrien die Aufstände gegen das brutale Willkürregime von Assad beginnen. Niemand hätte damit gerechnet, daß die Bevölkerung, der es relativ gut ging, auf die Straße geht. Syrien war von der Bevölkerung her liberal und offen. Es sah auf eine lange blühende Kultur zurück, es hätte alles so schön sein können, wäre da nicht dieser Autokrat, dessen unberechenbare Brutalität, die Meinungsfreiheit einschränkte. Die Angst war auch damals ein ständiger Begleiter in diesem Land. Abdullah hat das Glück in einer sehr gebildeten, liebevollen und wohlhabenden Familie aufzuwachsen. Nie hätte er es sich vorstellen können, woanders zu leben. Er wollte Abitur machen und studieren, wie seine Eltern, Brüder und Cousins. Doch als der IS in Rakka die Oberhand gewinnt und auch der Tod nicht vor seiner Familie halt macht, beschließt sein ältester Bruder, das neue Familienoberhaupt, daß ein Bleiben für sie unmöglich ist. Sie können es sich leisten zu fliehen, sie können sich sogar mehrere Fluchtversuche leisten, eine Wahl die nicht alle haben. Denn auch Wohlstand macht die Flucht nicht sicherer. Als Abdullah als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UmF) in einer kleinen Kinderheimwohngruppe ankommt, ist alles fremd, er ist allein und einsam.
Abdullahs Geschichte beginnt kurz vor dem Ausbruch der Aufstände in Syrien. Man erlebt, wie das Land, trotz der Autokratie durch die Bevölkerung ein offenes, tolerantes Leben zwischen den verschiedenen Religionen ermöglicht. Sehr schön finde ich dabei, daß man wirklich einen guten Alltag in Abdullah Alltag bekommt. Hierdurch bekommt man ein besseres Verständnis für die dortigen Verhältnisse und dafür, wie fremd er sich hier fühlen muß. Neben der Schilderung seines Integrationsprozesses und der Widerstände durch Verständigungschwierigkeiten, wird in Rückblenden von seinem Leben in Syrien und der Flucht erzählt. Obwohl Abdullah unvorstellbares Leid mit ansehen mußte, gerade auch bei Hinrichtungen am Straßenrand durch den IS oder Bomben, ist es dennoch so geschrieben, daß es für Jugendliche verträglich ist. Es geht nicht um unnötige Gewaltexzesse oder blutrünstige Schilderungen. Vor allem Abdullahs Gefühle und Gedanken als Reaktion auf den Terror und die Gewalt, lernt der Leser kennen. Heimat ist für ihn Syrien, aber dort gibt es für ihn keine Perspektive. Für seine Familie ist Bildung sehr wichtig und die ist in Syrien nicht mehr gewährleistet. Im Heim im Harz merkt er auch, wie wichtig Sprache ist, um seine Gefühle und seine Gedanken ausdrücken zu können. Ohne Sprache kommt es zu völlig unnötigen Missverständnissen, Ablehnung und Ausgrenzung. Sehr verständnisvoll erzählt Abdullah, wie er im Harz dann doch Freunde fand und sein Ziel des Studiums weiter verfolgt.
Auch wenn Abdullah den Horror des Krieges und die Gefahren der Flucht nicht ausschmückt sondern relativ knapp schildert, kann jeder Leser begreifen, daß diese Flucht, keine Flucht aus Wunsch nach Wohlstand war, sondern ein Kampf ums Überleben und um verpasste Chancen. Sehr gut gefiel mir aber auch, dass er einem Einblick in sein Leben, seinen Alltag und seine liberale Reliogionsausübung gibt. Wie er mit seinen Freunden freiwillig für ein Gebet in der Moschee das Fussballspiel unterbricht und wie schrecklich es wurde, dies unter Druck, mit vorgehaltenem Maschinengewehr es durch den IS wurde. Die Atmosphäre des Friedens und der Ruhe ging völlig verloren. Abdullah erfährt sowohl im Heim, als auch in der Schule viel Misstrauen und Abneigung, bis man ihn persönlich kennt und teilweise darüber hinaus. Wie wichtig war dann jedes Lächeln und jedes freundliche Wort. Ich bin auch sehr froh, von ihm einiges gelernt zu haben, um die syrische Freundin meiner jüngsten Tochter besser zu verstehen.
Heute ist Abdulla 19/20 Jahre und ist mit seinem Fachabi beschäftigt, er möchte nun Medizin studieren, wie seine Brüder. Beim Verfassen dieses Erlebnisromans (es ist sehr persönlich geschrieben und nimmt einen gefangen, ein Gefühl, das ich bei Biografien und Sachbüchern so sonst nicht habe) war ihm die 1973 geborene Journalistin Kerstin Kropac behilflich, damit aus seiner persönlichen Geschichte auch ein packender Roman wird.
Ein wirklich tolles Buch, daß ich ganz dringend empfehle und von dem ich hoffe, daß es viele Schulklassen lesen werden. Wer einem Nicht-Muttersprachler begegnet und nicht weiß wie er reagieren soll: Ein Lächeln ist international und durchbricht Barrieren.