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Veröffentlicht am 10.01.2021

Leben auf Distanz

Ein Sonntag mit Elena
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Jahrelang war er als Ingenieur im Brückenbau überall auf der Welt unterwegs und verband auf spektakuläre Weise getrenntes, das vereint werden sollte. Hierzu war er jedoch monatelang von seiner Frau und ...

Jahrelang war er als Ingenieur im Brückenbau überall auf der Welt unterwegs und verband auf spektakuläre Weise getrenntes, das vereint werden sollte. Hierzu war er jedoch monatelang von seiner Frau und seinen 3 Kindern Sonia, Guilia und Alessandro getrennt. Doch er und seine Frau liebten sich sehr, auch körperlich, was für ihre Kinder in der Turiner Wohnung nicht zu überhören war. Als sie vor 8 Monaten starb, war er auch mit 66 Jahren noch in Venezuela, statt in Italien um mit ihr den Ruhestand zu genießen. Nun ist er zurück in der ehemals gemeinsamen Wohnung und vermisst sie schmerzlich. Seine Einsamkeit scheint ihn aufzufressen. Sein Sohn lebt in Helsinki, seine Mittlere spricht nicht mehr mit ihm und lediglich seine Älteste, ihren Mann und ihre Zwillingstöchter trifft er manchmal. Als sie sich eines sonntags zum Besuch ankündigen, ist er fest entschlossen, diesen Tag zu etwas Besonderem zu machen. Erstmals stellt er sich selbst an den Herd. Er nimmt die zerliebte Rezeptsammlung seiner Frau und kocht die Lieblingsspeisen seiner vier Gäste. Doch wie es ihnen schmeckt, wird er nie erfahren, denn durch einen Unfall sagen sie ab. Zwischen Enttäuschung und Sorge zerrissen ,geht er in den Park und beobachtet einen dreizehnjährigen Skater. Spontan lädt er ihn und seine Mutter zu seinem vorbereiteten Festmahl ein.

Erzählt wird diese Geschichte aus Sicht der jüngsten Tochter Guilia, einer Theaterautorin, die jedoch mit ihrem Vater nicht mehr spricht. Der Kontakt ist irgendwie beidseitig eingeschlafen. Die Tochter kann ihrem Vater wohl auch nicht verzeihen, dass dieser eine Geliebte in Venezuela hatte, während ihre Mutter stets gute Miene, zu ihrer oft monatelangen Einsamkeit machte, sich fröhlich und zugewandt zeigte. Aufgrund ihrer Ressentiments ihrem Vater gegenüber, finde ich diesen auch sehr distanziert geschildert. Das hat es mir sehr erschwert, eine emotionale Nähe zu ihm aufzubauen. Auch wenn diese Geschichte auch echte Highlights und Bonmots zu bieten hat, ist es mir nie ganz gelungen, völlig in sie einzutauchen. Das dürfte auch daran liegen, dass Guilia die Geschehnisse nur aus zweiter oder dritter Hand kennt. Durch ihre Distanz zu ihrem Vater, nimmt man automatisch auch eine Distanz zu ihm und auch zu Elena und Gaston ein. Diese hat die Erzählerin der Ereignisse erst Jahre später zufällig, wenn überhaupt getroffen. Die Erinnerungen an ihre Mutter, der sie wohl sehr nahe stand, sind viel wärmer und berührender. Durch die Erzählung in mehreren Zeitebenen war ich bisweilen auch etwas irritiert, was durch den merkwürdigen Namen ihres Mannes noch verstärkt wird. So fremdländische Namen sich nur durch Hören vorzustellen, fällt mir unglaublich schwer, wodurch es mir auch nicht so recht gelingt sie mir vorzustellen.

Am Ende soll wohl alles gut sein, aber irgendwie ist der Autor, der so alt ist wie ich, wohl etwas freigeistiger. Es hätte mir als Info genügt, dass in der Wohnung mittlerweile die Enkelgeneration glücklich ist. Dass diese darin kiffen ist keine Bereicherung meines Wohlbefindens, sondern irritierte mich lediglich und setzte mich wieder auf Distanz. Dieser Roman ist nicht nur schlecht, ich hatte mir nur viel mehr von ihm erwartet, insbesondere viel positivere Gefühle. Immer wieder gibt es wunderbare Erkenntnisse, die man mit der Erzählerin teilt, Einblicke in das Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Es geht um die Frage, was wirklich zählt im Leben, worauf es ankommt. Ob wir nicht in unserem Streben nach Erfolg und Glück, die Augen vor den wirklich wichtigen Dingen und Menschen verschließen? Es ist ein Weckruf, die Zeit, die man hat, mit den Menschen zu verbringen, die man liebt, sonst könnte es irgendwann zu spät sein.

Julia Nachtmann gefällt mir sehr gut. Ich mag ihre Stimme und man hört ihr ihre Gefühle deutlich an. Ihren inneren Kampf mit ihren Gefühlen zu ihrem Vater und ihre deutliche Nähe und Liebe zu ihrer Mutter und ihren Nichten. Doch auch sie vermag es nicht, in mir ein Gefühl der Wärme und des Wohlbefindens beim Hören auszulösen, das ich mir so sehr von dieser Geschichte gewünscht hätte.

Ein Roman über die Einsamkeit und das was wirklich zählt im Leben, der in mir allerdings bisweilen eine innere Leere auslöste.

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Veröffentlicht am 06.01.2021

Drachenstark zwischen zwei Welten!

Silberdrache 1: Silberdrache
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Die junge Sirin bangt um das Leben ihrer alleinerziehenden Mutter, die für eine notwendige Behandlung ins Krankenhaus muss. Vor dem Einschlafen bittet sie sie darum, ihren Drachenstein halten zu dürfen ...

Die junge Sirin bangt um das Leben ihrer alleinerziehenden Mutter, die für eine notwendige Behandlung ins Krankenhaus muss. Vor dem Einschlafen bittet sie sie darum, ihren Drachenstein halten zu dürfen und ihr alles über Drachen zu erzählen und wie es war, als es noch Drachen gab, die mit Menschen befreundet waren und ein Bündnis eingingen. Durch dieses Bündnis wurden Mensch und Drache zu Bundesgenossen und können sich untereinander in der Drachensprache Drachenlied unterhalten.
In einer anderen, raueren Welt leben die verwaisten Geschwister Joss und Allie, die als Dienstboten bei dem reichen, kinderlosen Ehepaar Zoll leben. Joss als Schäfer und Allie als Küchen- und Hausmädchen. Sie leben recht ärmlich und müssen hart arbeiten. Als der benachbarte boshafte Lennix-Clan mit seinem Drachengeschwader mit Kampf-/Jagddrachen, den Raptoren von einem Beutezug eines Geleges von sanften grünen Drachen über den Hof der Zolls hinweg fliegt, verliert der jüngste Raptor ein Ei. Dieses landet bei Joss im Schafsgehege. Als dieser bemerkt was er dort gefunden hat, scheint sich ein Traum von ihm zu erfüllen, ein eigener Drache, mit dem er sich verbünden und auf dem er reiten kann. Was er nicht ahnt: dieser Drache ist einer der für ausgestorben geglaubten Silberdrachen. Drachen die die Fähigkeiten haben, ein Portal in eine andere Welt zu öffnen und zwischen beiden Welten, mit allen, die ihn berühren hin- und her zu wechseln.

Der Auftakt ist sehr spannend, aber auch sehr komplex. Ich weiß nicht ob Angie Sage schon sehr viel Drachenwissen voraussetzt, oder ob einige detaillierte Erklärungen Opfer der Kürzungen wurden. Bereits von Anfang an geht es um Drachen und ihre Bundesgenossen, da hätte ich mir eine genauere Einführung gewünscht. Trotz dieser Kürzungen ist dieser Auftaktband jedoch ganz klar vom Worldbuilding geprägt, dass es ermöglicht, in diese fremde Welt einzutauchen. Dadurch wird noch nicht das volle Tempo und das Potenzial der Reihe entfaltet. Aber wird sind auch bekennende Fans von zweiten Bänden, da in den ersten Bänden immer das ganze Drumherum geklärt wird. Weil die Geschichte so komplex ist und es kein Personenverzeichnis gibt, ist man anfangs vielleicht etwas überfordert, es lohnt sich daher umso mehr, dieses Hörbuch mehrmals zu hören, um noch tiefer in diese Welten einzudringen. Die Komplexität fordert das Hörverstehen schon heraus und beim Lesen werden einem sicherlich mehr Details auf Anhieb hängen bleiben. Doch eher hört man ein Hörbuch schnell noch mal nebenher zur Auffrischung, als dass man ein Buch noch einmal liest, ehe man mit Band 2 beginnt. Band 2 „Silberdrache – Das Geheimnis der Drachenkönigin“ ist bereits erschienen, doch nunmehr von einer anderen Autorin Jessica Khoury.

Sowohl die Drachen- als auch Menschenhelden sind männlich und weiblich und eigenen sich daher super als Identifikationsfiguren für Jungen und Mädchen. Was ich sehr ungewöhnlich finde ist, dass alle Kinder-/Jugendlichen unter sehr rauen Bedingungen aufwachsen. Sirin wächst in einfachen Verhältnissen, aber voller Liebe durch ihre Mutter auf. Ihre beste Freundin wohnt ganz in der Nähe, hat allerdings Null Verständnis für ihre „Drachenspinnerei“, worüber sie sich zerstreiten, so dass sie getrennt zur Schule laufen. Auf dem Schulweg begegnet ihnen eine kriminelle Mädchengang, die ihnen auflauert, um sie abzuzocken. Dabei wird ganz deutlich, aus welch bescheidenen Verhältnissen sie stammen und wie rau das Leben ist, wenn man auf der falschen Seite der Stadt aufwächst. Auch wenn man in der Drachenwelt von den „verlorenen Landen“ träumt, ist dort nicht alles eitel Sonnenschein. Am Ende dieses Abenteuers entkommen Joss, Allie und Lysander knapp einer großen Gefahr, aber es ist kein Abschluss, sondern eher ein Anfang, als würde sich ein neues Kapitel auftun, das einem verheißungsvoll entgegen lacht. Nun bin ich erst recht neugierig und froh, dass Band 2 bereits erschienen ist.

Die platzsparende, praktische Papp-Klapphülle ist sehr geschmackvoll und ansprechend gestaltet, genau passend zur Geschichte und mit Zitaten aus dem Buch, die sehr gut die Essenz der Besonderheit der Silberdrachen widerspiegelt. Außerdem enthält sie noch eine Kurzbiografie der Autorin und des Sprechers.

Johannes Steck habe ich früher sehr gerne und sehr viel gehört, als ich noch Hörbücher nach den Sprechern auswählte. Ich war nun sehr verblüfft, wie tief und reif seine Stimme klingt. Das finde ich erstaunlicherweise wirklich passend, obwohl es ein Kinderhörbuch ist. Sie klingt nicht märchenonkelhaft, sondern nach den uralten Kräften aus den Tiefen der Zeit und irgendwie drachig. Man kann sich richtig gut vorstellen, wie die alten und bisweilen aggressiven und weisen Drachen mit ihren Bundesgenossen kommunizieren. Da man sich Kinder- und Jugendstimmen viel besser vorstellen kann, als Drachenstimmen eine ausgezeichnete Wahl!

Die Welten sind wie bereits erwähnt sehr rau und gefährlich und für Drachenromantik kein Raum. Die Raptoren sind mörderisch und es geht richtig zur Sache. Anders als in den Trickfilmen aus Kindertagen stehen hier platt gefahrene Figuren nicht wieder auf. Es geht um Leben und Tod! Aber es ist nicht unnötig brutal für eine Zielgruppe ab 11 Jahren. Dafür gibt es viel Ermutigung durch den geschwisterlichen Zusammenhalt von Joss und Allie, sowie ihren Drachen und durch den Lichtblick in dieser besonders traurigen Zeit für Sirin. Diese Kinder haben viel mitgemacht, aber es hat sie nur umso stärker gemacht, sie geben nicht auf!

Für Jungs und Mädchen ab 11 Jahren.

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Veröffentlicht am 05.01.2021

Magisch, spannend, witzig, drachenstark!

Die geheime Drachenschule - Das Erwachen der Blattfinger
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Die langen Sommerferien neigen sich dem Ende zu und die Schüler der geheimen Drachschule auf der verborgenen Insel Sieben Feuer, sehnen die Rückkehr zu ihren Drachen herbei. Doch als Arthur im Internet ...

Die langen Sommerferien neigen sich dem Ende zu und die Schüler der geheimen Drachschule auf der verborgenen Insel Sieben Feuer, sehnen die Rückkehr zu ihren Drachen herbei. Doch als Arthur im Internet eine Aufnahme eines Blattfingers im Arundelsee entdeckt, so wie Henry es schon angekündigt hatte, ist die Aufregung groß. Allerdings finden die ausgeschickten Sucher des Drachenrates keinerlei Spuren von dem Drachen und wollen die Suche wieder einstellen. Der älteste Drache Happy ist entsetzt und beschwört Henry dies zu verhindern, weil er ein Wiedererstarken der bösen Lady Blackstone befürchtet. Als dann noch ein Tierspion auf Sieben Feuer gefasst wird, gibt Master Duncan nach und begibt sich gemeinsam mit Henry, Arthur, Lucy und den Drachen Phoenix, Wellentänzerin, Pyrothargas und Happy nach Arundel, wo sie in einer Jagdhütte der Salisburys unterkommen. Trotz der Nähe gelingt es Henry jedoch nicht, eine Witterung des verschwundenen Drachen aufzunehmen, genauso wie allen Jägern vor ihm.

Auch in diesem Band wird die geheime Mission nicht mit allen Schülern des inzwischen 2. Jahrgangs auf Sieben Feuer ausgeführt, das wäre einfach viel zu auffällig. Dennoch kommen sie gerade zu Beginn alle vor. Damit Neueinsteiger nicht völlig verwirrt sind, befindet sich in der Einbandklappe vorne eine Übersichtskarte von Sieben Feuer und in der hinteren. Außerdem gibt es am Ende des Abenteuers einen Überblick der wichtigsten Schüler mit ihren Clanzugehörigkeiten, ihrem Clanmotto, ihrer Pflanze, ihrer besonderen Gabe und ihren Drachen. Diese besonderen Gaben wurden aber leider nicht aktualisiert, denn im Laufe des letzten Schuljahres haben sich ganz neue und zu Beginn noch unbemerkte Gaben bei jedem einzelnen von ihnen herauskristallisiert.
Der Jahrgang ist von seinen Persönlichkeiten her völlig zusammengewürfelt und passt eigentlich gar nicht zusammen. Aber sie haben gemeinsam schon so viel erlebt und Gefahren gemeistert, indem sie sich auf einander verlassen mussten und es auch taten, dass sie zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden sind. Doch die jungen Drachenreiter sind nicht ohne Fehl und Tadel. So hat Timothy, der aus reichem Hause stammt, all seinen Freunden für die Ferien ein Smartphone geschenkt, damit sie untereinander in Kontakt bleiben können. So kann Arthur ihnen auch über eine Chatgruppe ein Bild des Drachen vom Arundelsee schicken. Als das herauskommt, dass sie gegen das Handyverbot verstoßen haben, müssen sie gehörig die Köpfe einziehen! Das ist für junge Leser super nachvollziehbar, aber auch sympathisch und so wie es beschrieben wird auch richtig witzig! Es ist aber nicht die einzige witzige Stelle. Trotz der geheimnisvollen Suche nach dem verschwundenen Drachen und der seltsamen Gestalten, die sie dort am See treffen, ist es immer wieder lustig! Meine Tochter musste immer wieder lachen oder kichern und liebt diese Reihe dafür, dass sie gleichzeitig spannend, magisch, geheimnisvoll aber auch richtig lustig ist. Besonders, wenn man die Bücher der Reihe nach gelesen hat und einem ihre jungen Hauptpersonen und ihre Drachen mit ihren Eigenheiten richtig vertraut sind, bereiten einem die launigen Dialoge und Frotzeleien richtig Spaß. Besonders den alten knurrigen Teufelsgrind Happy, mit seinem tief verborgenen Herzen, mögen wir ganz besonders. Nicht nur über den ihm verliehenen, seiner Meinung nach eines Drachen unwürdigen Namen, kann er sich so herrlich aufregen, ist aber dennoch stets zur Stelle, wenn er gebraucht wird.

Richtig klasse finde ich immer das sehr augenfreundliche Druckbild. Die Zeilenabstände sind komfortabel, ebenso wie die Typengröße. Das erleichtert das Lesen ungemein und strengt deutlich weniger an! Auch in diesem Band ist mittig ein „Wissenshandbuch“ dieses Mal ein „Bestiarium“ mit Zeichnungen bekannter und unbekannter Bestien, die es bereits gibt, oder an deren Existenz einige glauben und was man von ihnen zu wissen meint. Natürlich wissen es Arthur, Henry und Lucy besser, doch sie sind auch ganz schön erschrocken, wie nah diese Annahmen der Wahrheit kommen und sehen sich in ihrer Eile zum Schutz des Drachengeheimnisses bestätigt. Etwas schade finden wir, dass es dieses Mal zum Ende des Buches hin keinen Mitmachteil gibt, der auf spielerische Weise mittels Tests das Leseverständnis prüft, Bastelideen gibt oder Rätsel bietet. Das hat meine Tochter immer sehr gerne gemacht.

Die Illustrationen von Pascal Nölden sind wieder unglaublich ausdrucksstark und gleichzeitig freundlich, auch wenn richtig brenzlige Situationen dargestellt werden. So war uns auch dieses Mal beim Lesen stets bewusst, dass es wieder gut enden wird, in der Hoffnung, dass noch nicht alles gut sein würde, denn sonst wäre es ja das endgültige Ende.

Ein packendes Abenteuer für Jungen und Mädchen ab 8 Jahren, das auch richtig witzig ist! Von uns uns und Jonathan (10) eine unbedingte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 04.01.2021

Hunger nach Leben

Fräulein Gold. Schatten und Licht
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Berlin 1922, die junge Hebamme Hulda Gold ist in ihrem Viertel rund um den Winterfeldtplatz sehr beliebt. Doch hilft sie nicht nur dort Kindern auf die Welt, sondern auch in den zahlreichen Elendsvierteln ...

Berlin 1922, die junge Hebamme Hulda Gold ist in ihrem Viertel rund um den Winterfeldtplatz sehr beliebt. Doch hilft sie nicht nur dort Kindern auf die Welt, sondern auch in den zahlreichen Elendsvierteln der Stadt. Als sie einer jungen Mutter in den muffigen Häusern im Bülowbogen hilft, erfährt sich nicht nur vom Glück neuen Lebens. Diese ist ganz erschüttert, weil ihre Nachbarin, die für sie wie eine Ersatzmutter war, tot aus dem Landwehrkanal gezogen wurde. Einst eine geachtete Schwester in der Nervenheilanstalt Dalldorf, fing sie nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Tochter an der Spanischen Grippe an zu trinken. Trotz ihrer Hingabe für die Kranken, Siechenden und Kriegszitterer, wurde sie irgendwann entlassen und begann mit Prostitution. Dennoch glaubt ihre Nachbarin nicht an einen Selbstmord, die Rita war eine Kämpferin! Doch wo ist ihr Tagebuch, von dem die Hausmeisterin erzählte? Ebenso wie Rita und Hulda ist der undurchsichtige Kommissar Karl North selbst von Geistern seiner Vergangenheit getrieben und nur mäßig engagiert an dem Fall. Dass aber ausgerechnet Hulda immer wieder seinen Weg kreuzt und ihr süßes Näschen in fremde Angelegenheiten steckt, macht ihn wahnsinnig!

Berlin wenige Jahre nach dem Versailler Abkommen. Die Armut ist groß, gesunde Männer Mangelware. Das Bedürfnis mit einem Rausch um Elend und Kriegsgräuel zu vergessen ist immens und die neue rechte Bewegung des dubiosen Emporkömmlings Adolf Hitler wird von vielen kritisch beäugt, doch nicht von allen. Hulda genießt ihre Freiheit als selbstständige berufstätige Frau, mit Fahrrad. Auch wenn sie beim Anblick der neugeborenen Winzlinge feuchte Augen bekommt, mag sie nicht wegen einer eigenen Familie ihre Arbeit und ihre Freiheit aufgeben. Ihre einstige Beziehung zum anständigen Felix Winter, dem Erben des Caféhauses ist eine schöne, aber verblassende Erinnerung. Welch ein Kontrast dazu ist doch Kommissar Karl North, der wie auch Hulda seiner nicht untadeligen Vergangenheit voller Gewalt nicht entkommen kann und das Vergessen im Rausch sucht. Beide sind clever, bisweilen cleverer als gut für sie sein mag. Mit geschärftem Blick und genauer Beobachtungsgabe, gibt es nicht viel, was ihnen entgeht.

Eine historisch unstete und gerade deshalb so soghafte Zeit, die versucht, das Kriegselend zu vergessen, ohne bereits die alten Wunden verarztet zu haben oder den Wohlstand wiedererlangt zu haben, um das Überleben zu feiern. Der perfekte Nährboden für zahllose Verbrechen, derer die Polizei unmöglich Herr werden kann.

Anna Thalbach liest wieder gefühlvoll und abwechslungsreich. Sie schlüpft in die einzelnen Rollen, von der eingebildeten Caféhaus-Chefin bis zum Gossenkind, bei dem ihre Berliner Schnauze sich voll entfalten kann. Meist spricht sie Hochdeutsch, doch nicht wenn die Dirnen, Obdachlosen und einfachen Leute zu Wort kommen. Das erhöht die Authentizität ebenso wie das rauschhafte Gefühl, wenn Hulda in ihrer Gier nach Leben einen mit in die Abgründe und Spelunken der Stadt nimmt. Man hört ihr Huldas innere Zerrissenheit deutlich an, wenn Hulda selbst nicht weiß wer und wie sie eigentlich ist. Dabei kriechte einem ihre Stimme unter die Haut. Sie lässt einen Armut und Verzweiflung ebenso spüren, wie die Verachtung für die Kriegszitterer und andere Bewohner der „Irrenanstalt“. Die Bigotterie dieser heuchlerischen Selbstherrlichkeit derer, die sowohl dem Krieg, als auch der spanischen Grippe gut entkommen sind und in den wirtschaftlich angeschlagenen zu den Profiteuren gehören. Es klingt Verachtung und Empörung aus ihrer Stimme, denn wer hat das Elend schon freiwillig gewählt? Gemeinsam mit Anna Thalbach und Hulda Gold blickt man in die Abgründe Berlins in den 1920er und man sieht kein Gold, sondern Elend, Verrohung, Grauen und Untergang. Dennoch gibt es zum Ende einen hellen Silberstreif am Horizont, trotz der sich immer weiter zuspitzenden politischen Lage.

Anne Stern ist ebenfalls Berlinerin und lebt auch heute, nach ihrem Studium der Geschichte und Germanistik und Promotion in deutscher Literaturwissenschaft noch dort. Vor ihrer erfolgreichen Reihe um die ermittelnde Hebamme in den wilden Zwanzigern, hat sie sich schon als Selfpublisherin einen Namen gemacht.

Damit man beim Zuhören nicht den Überblick verliert, ziert ein Stadtplan des damaligen Berlins die schmale Pappklapphülle, während die Tracklist im klaren Art Deco gefasst ist und einen Überblick über Ort und Zeit der knapp einen Monat lang dauernden Ermittlungen gibt.

Auf weitere Ermittlungen mit Hulda und Karl North bin ich schon echt gespannt! Die Mischung aus Krimi, Gesellschaftsroman mit historischen Einblicken gefällt mir sehr gut!

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Veröffentlicht am 01.01.2021

Abgedrehter Lesemuffellesespaß!

Dog Man 6
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Harold und George gehen inzwischen schon in die fünfte Klasse und sind natürlich unglaublich reif geworden. Daher lesen sie nun in der Schule „Der Ruf der Wildnis“ von Jack London. Das ist natürlich ein ...

Harold und George gehen inzwischen schon in die fünfte Klasse und sind natürlich unglaublich reif geworden. Daher lesen sie nun in der Schule „Der Ruf der Wildnis“ von Jack London. Das ist natürlich ein Meisterwerk, das nur richtig reife Schüler verstehen. Für alle anderen haben Harold und George es in ein neues DogMan Abenteuer umgeschrieben: Auf der Polizeiwache ist eine Eilzustellung mit 20 Freikarten für den neuen DogMan Film angekommen. Die Freude ist groß und alle sind gespannt. DogMan, der kleine Petey und Roboter 80-HD leben glücklich zusammen. Naja, ganz so glücklich ist der kleine Petey nicht, denn sein Vater der große Gangsterkater Petey sitzt im Gefängnis. Weil er einfach einen miesen Charakter hat, kommt er dort auch nicht raus, so scheint es zumindest, denn Petey wäre nicht er selbst, würde er nicht schon bereits an seinem Ausbruch arbeiten. Währenddessen plant die geschrumpfte Gangstergruppe „die Flöhe“ ihre Rache an DogMan, die auch tatsächlich zu funktionieren scheint. DogMan wird aufgrund getürkter Beweise verhaftet! Nun zeigt sich, wie viele Neider er hatte, die ihn nicht als Person sehen, sondern als Mischung aus Hund und Mensch und ihn für seine Andersartigkeit verabscheuen, statt seine Einzigartigkeit zu bewundern. Doch zum Glück hat DogMan echte Freunde!

Super praktisch für Neulinge der Reihe: Bevor es mit DogMans neuem Abenteuer los geht, verraten seine fiktiven Erfinder, die Fünftklässler George und Harold (die man vielleicht auch schon aus den Captain Underpants Büchern kennt, in denen der Autor ihre eigenen Abenteuer erzählt, die ihnen passieren, wenn sie gerade keine DogMan Comics zeichnen), was bisher geschah, damit man ohne Vorkenntnisse beginnen kann. Das ist aber keine Garantie, dass das eigene Kind nach Beendigung von Band 6 nicht doch noch die übrigen 5 Bände kennen lernen will!

Auch dieses Mal gibt Autor und Zeichner Dav Pilkey einen kleinen Zeichenkurs im Anhang, in welchem er Schritt für Schritt Anleitungen zur Zeichnung einiger seiner Helden gibt. Außerdem gibt
es noch ein paar Zusatzinfos aus dem DogMan Universum und weist auf seine Homepage hin, auf der man noch mehr Zeichentricks lernen kann.

Dav Pilkey hätte wohl kaum einer eine solche Karriere zugetraut, da er als Kind Probleme mit dem Lesen und Schreiben hatte und mit ADHS diagnostiziert wurde. Dafür hat er in der Schule gerne Unfug gemacht und vor allem Comics gezeichnet, die seinen Lehrern aber auch nicht gefielen, statt sich zu freuen, dass er still sitzt. Da aber die Comics nicht nur damals bei seinen Mitschülern gut ankamen, sondern auch heute diese Geschichten, die inzwischen weiterentwickelt wurden, bei Scharen von Schülern Spaß am Lesen wecken, hat es funktioniert. Die Seiten sind alle voll farbig gestaltet, die Textmenge ist sehr begrenzt und so haben die Kinder schnelle Leseerfolgserlebnisse und ihre Konzentrationsfähigkeit wird bei der schnellen Handlung auch nicht über Gebühr beansprucht, so dass sie aber stetig wächst, je länger sie am Stück lesen.... Auf diesen groben Heldenunfug, voller Spannung und Wahnwitz konzentrieren sich junge Leser aber ausgesprochen gerne. Besonders ansprechend ist für sie, diese irrsinnige Mischung, wie aus einer Aneinanderreihung von Pannen, am Ende ein Sieg des Guten herauskommt! Dabei wird dieses Mal auch das Thema „Außenseitertum“ angesprochen, da DogMan ja weder Hund noch Mensch ist. Nach vielen blöden Kommentaren von seinen Neidern, muss er aber feststellen, dass es seinen Freunden auch nicht anders geht und das macht ihn richtig glücklich! Denn immerhin sind sie alle perfekt so wie sie sind und das sind die jungen Leser sicherlich auch. Man muss keine Leserechtschreibschwäche haben, um nicht gerne zu lesen oder um DogMan zu lieben. Meine Jüngste kann prima lesen, findet es aber meistens zu langweilig, so lange alleine mit einem Buch herumzusitzen. DogMan ist lustig, bunt und rasant, da kommt sie viel schneller ans Leseziel, das langweilt sie überhaupt nicht! Außerdem liebt sie die Flip-O-ramas, kleine bewegte Sequenzen, in denen die Mittelseite zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt und schnell hin- und hergeblättert wird, wodurch die Action auf diesen Seiten in Bewegung gerät. Auch dieser Band ist wieder irre abgedreht und witzig! Perfekte Schulaufsätze und Zeugs zu schreiben, wird man mit diesen Büchern zwar nicht lernen, aber sie sind sehr witzig und bringen den Kindern bei, die Hemmung vorm Lesen zu verlieren. Sie stärken das Selbstvertrauen, auch durch ihren abgedrehten Superhelden und ihre Abgedrehtheit und Erfindungsreichtum regen die kindliche Fantasie und Kreativität an. Denn es wird hier ständig irgendwas geschraubt oder erfunden! Dabei macht nicht jede Erfindung die Welt gleich zu einem besseren Ort, sondern bisweilen sogar viel gefährlicher! Also Vorsicht! Dabei gibt es auch wieder ein paar running gags, die das Identifikationspotenzial ins Unermessliche steigern: Klein Petey erzählt seinem Vater wieder selbsterfundene Witze und geht ihm damit unglaublich auf die Nerven und ein paar Selbstgerechte finden immer wieder auf die gleiche Weise ihre gerechte Strafe! Ja, das Gute siegt stets am Ende, doch es bleiben noch genügend Aufgaben für DogMan die in künftigen Bänden in Angriff genommen werden müssen! Aber: wenn es schon im Buch steht, dass das Gute gewinnt, dann muss das ja wohl auch stimmen, oder?

Ein herrlich kurzweiliger Spaß für Kinder von 8 bis 12 Jahren!

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