Profilbild von danielamariaursula

danielamariaursula

Lesejury Star
offline

danielamariaursula ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit danielamariaursula über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.07.2019

Katharina die Große

Die Zarin und der Philosoph (Sankt-Petersburg-Roman 2)
0

Diese Geschichte beginnt weder mit der Geburt der Zarin, noch des Philosophen, sie schließt zeitlich auch nicht unmittelbar an den ersten Band „Die Stadt des Zaren“ an. Sie beginnt 1761 mit dem Entschluss ...

Diese Geschichte beginnt weder mit der Geburt der Zarin, noch des Philosophen, sie schließt zeitlich auch nicht unmittelbar an den ersten Band „Die Stadt des Zaren“ an. Sie beginnt 1761 mit dem Entschluss eines alten Eremiten sein außerordentlich aufgewecktes fünf jähriges Findelkind aus der Waldhöhle in die Stadt St. Petersburg, in die Obhut der Zarin zu bringen. Er hat ihre Barmherzigkeit schon mal am eigenen Leib erlebt, nun soll die kleine Sonja in den Genuss ihrer Förderung kommen. Katharina erkennt die außergewöhnlich Begabung und den fragenden Geist des Mädchens und zieht sie ihrem leibliche Sohn Zarewitsch Paul vor. Sie sieht sich selbst als fortschrittliche Vorreiterin und will die Bildung von Mädchen und Frauen fördern. Preußenkönig Friedrich der Große betrachtet die durch einen Putsch an die Macht Gekommene mit Misstrauen. Daher schickt er den jungen Philosophen Stephan Mervier und seine junge Frau die Malerin Johanna an ihren Hof als Spion. Schließlich weiß jeder, daß Katharina sich gerne aufgeschlossen und fortschrittlich gibt, ist doch ihr Briefwechsel mit Voltaire legendär. Doch was steckt dahinter? Was plant sie wirklich? Anders als seiner Frau fällt Stephan der Neustart in St. Petersburg unter lauter Intellektuellen leicht. Er liebt es zu debattieren und hat bald einen geheimen Männerzirkel um sich versammelt, während er sich in Katharinas Gegenwart nie ganz frei fühlt. Johanna jedoch fühlt sich ausgeschlossen und überfordert damit ihren Ruf als Künstlerin wieder ganz von vorne aufbauen zu müssen. Eine Stadt mit ihren ganz eigenen Gesetzen und Anforderungen.

Ein Roman über die Macht der Worte und die Freiheit der Gedanken und die Faszination einer Stadt die jeder geografischen Widrigkeit zum Trotz aus dem Boden gestampft wurde, innerhalb kürzester Zeit. Wie bereits Stadtgründer Peter hat auch seine Nachfolgerin Katharina gerne westliche Intellektuelle um sich geschart. Sie genoss den europäischen Einfluss und zog daher stets das westlich orientierte St. Petersburg dem russisch abergläubigen Moskau vor. Die Größe des Reichs war kaum zu überblicken und zu regieren. Ihrem Volk traute sie es nicht zu, nur einer festen Hand mit einem aufgeschlossenen Geist wie ihrem. Die Gelehrten um sie sollten den Gedankenaustausch sicherstellen, doch letztendlich sich ihrer Erkenntnisse anschließen. Die Freiheit der Andersdenkenden besteht, so lange sie sich „bekehren“ lassen. Gedanklich kommt man in diesem Roman Katharina sehr nah, emotional nur bisweilen, in aufblitzenden Bruchstücken, die meine Highlights des Romans sind.
Neben der schüchternen und doch fortschrittlichen Malerin Johanna, sind meine Lieblingsfiguren daher der manipulative Buchhändler und Verleger Lorenz Hermann und Eremit Emilio. Sie sind klar in ihrer Art zu Denken und zu Fühlen, ohne simpel zu sein.

Als Leserin hat mich das unaufhaltsame Auseinanderdriften dieser einst glücklichen Ehe aufgrund der neuen Gegebenheiten von Land und Leuten etwas bedrückt. Ich hätte Johanna gerne eine glückliche Ehe gewünscht. Mit dem was sie dort, wo sie nie hinwollte, erwartete, hat sie nicht gerechnet. Doch auch Katharina kämpft mit ihren Zielen und Plänen. So durchkreuzen Kriege und Aufstände ihre sich selbstauferlegte Aufgabe, die russische Verwaltung zu strukturieren und reformieren, zum Wohle der Allgemeinheit und eines wachsenden Wohlstandes. Anders als Peter zog sie als Frau nicht in den Krieg, sondern ließ diese von Männern ihres Vertrauens für sich führen. Frauen in der Armee waren damals undenkbar, von den Plänen Katharinas für eine Veränderung der weiblichen Lebensverhältnisse hat sich durchaus schon einiges getan und zwar in einem, für sie damals wohl unvorstellbaren Ausmaß. Doch war sie damals nicht die einzige mächtige Frau in der alten Welt. So wird der Leser immer wieder daran erinnert, daß zu diesen Zeiten, als Frauen für die Familie da zu sein hatten und auch ein Studium eigentlich nicht in Betracht kam, Maria-Theresia von Österreich ebenfalls die Geschicke ihres Landes lenkte und sehr belesen war.

Während mir der philosophische Diskurs im Roman sehr gefiel, hätte ich gerne mehr Einblick in die angeprangerten höfischen Seilschaften, Intrigen und Verschwendung gewünscht. Immerhin ist dieser Zeitraum der Aufklärung zeitlich recht nah an der aufziehenden französischen Revolution, nur 14 Jahre nach Ende der hier beschriebenen Ereignisse. Diderot der sich zu seiner Gönnerin Katharina begibt, hat für mich einiges im geschichtlichen Kontext in Frankreich klarer gemacht, ebenso wie Johanna, die sich um die Aufnahme in die Kunstakademie bemüht. Solche elitäre Strukturen findet man bei uns heute nicht, in Frankreich schon.

Ein Roman, der meinen Geist bereichert hat, meine Seele aber nicht immer beflügelt hat.

Veröffentlicht am 08.07.2019

Ein Leben

Der Wald
0

Warschau im zweiten Weltkrieg. Die großbürgerliche Familie des kleinen Pawel erträgt die Besetzung ihrer Heimat nicht und engagiert sich im Widerstand. Bislang war seine Oma eine erfolgreiche Ärztin, seine ...

Warschau im zweiten Weltkrieg. Die großbürgerliche Familie des kleinen Pawel erträgt die Besetzung ihrer Heimat nicht und engagiert sich im Widerstand. Bislang war seine Oma eine erfolgreiche Ärztin, seine Mutter eine begabte Cellistin und sein Vater ein Maler. Die Eltern lebten in ihrer Welt der schönen Künste, bis der Krieg hereinbrach. Doch dann bringt der Vater einen schwer verletzten englischen Piloten ins Haus, dem die Großmutter das Sterben erträglicher machen soll. Allerdings verliebt sich seine labile Tante Joana sich in Fremden und pflegt ihn gesund. Mit Kindern im Haus kann man keine Geheimnisse bewahren und Pawel und seine Mutter müssen in den Wald flüchten und ihr einst so kultiviertes Leben dreht sich nur noch um ihr Überleben, eine Aufgabe, auf die sie bislang niemand vorbereitet hat. Ganz anders als die alte Einsiedlerin Baba, die sie gegen Bezahlung aufnimmt.

Laura Maire erzählt diese Geschichte aus Pawels zu Beginn kindlich naiver, verwunderter Sicht. Mal klingt sie verstört, mal verwirrt. Sehr verletzlich in dieser Welt, in der nichts so ist, wie er es kennt. Sie nimmt bisweilen ihre Emotionen zurück, wodurch sie noch eindringlicher klingt, denn das Kind, in das sie sich einfühlt weiß nicht, was es denken und fühlen soll. Doch trotz der unaufgeregten Interpretation klingt sie nie gleichgültig oder monoton, wie es mir bisweilen bei Hörbüchern mit ähnlich ernster Thematik vorkommt. Hier hat die Zurückhaltung, Stil und Ausdrucksstärke. Auch wenn diese preisgekrönte Interpretin den Charakter dieses ungewöhnlich nachdenklich, verträumten Kindes trifft, vermag auch sie es nicht über die Längen im Mittelteil hinweg zu helfen. Der Kontrast zwischen den Kriegsszenen in Warschau und den introvertierten Szenen auf dem einsamen Waldhof, auf dem die Zeit nicht zu existieren scheint und sich alles auf das Sein zu reduzieren scheint, ist zu groß. Die einst so feinsinnige, kultivierte Mutter Sophia, die ein Leben mit Dienstboten und gepflegten Gesprächen gewöhnt war, kommt mit der Einfachheit und Eintönigkeit im Wald nicht klar. Statt wie ihr Sohn lieben zu lernen, was die Natur um sie herum ihr bietet und seine Regeln zu lernen und zu verstehen, scheint sie in Apathie zu verfallen. Sie versteht sich und ihre Gefühle nicht mehr. Wahrscheinlich ist sie soviel Introspektion nicht gewohnt und doch ist sie ein Mensch der stets nachdenkt und das Denken nicht sein lassen kann. . Sie ist zerrissen zwischen ihrer Mutterliebe und ihrer Irritation über seine ungewöhnliche Sensibilität und über die Stärke ihrer eigenen Gefühle. Bislang gab es auch immer Angestellte die ihr alle lästigen Arbeiten abnahmen, so dass sie sich ganz sich selbst und dem, was einer Frau in ihrer Position oblag, widmen konnte. Dabei wirkt sie bisweilen hart. Anders als z.B. die meisten Trümmerfrauen dargestellt werden, die anpacken, weil es sonst nicht weiterginge, schafft sie durch ihre Gedanken Distanz statt Bewunderung. Die feinsinnige Künstlerin lernt man als bisweilen sehr selbstkonzentriert kennen. Doch Pawel kennt es nicht anders. Erst Jahre später begreifen beide die Bedeutung dessen, was diese Zeit in der Abgeschiedenheit des Waldes für sie bedeutet hat. Während Pawel die Welt so akzeptieren lernt wie sie ist, kämpft Sophia auch nach dem Krieg mit unerfüllten Wünschen und Erwartungen. Trotz teilweise erstaunlicher Weitsicht, ist sie jedoch lange Zeit nicht bereit, sich ihren eigenen Schlussfolgerungen zu beugen. In dem letzten Teil der Geschichte, der mehr aus ihrer Sicht erzählt wird, schafft es die Interpretin gekonnt, den Perspektivwechsel auch stimmlich nachzuvollziehen, und klingt nun nach der vom Leben gezeichneten Mutter.

Dieser Roman hat bisweilen etwas kammerspielartiges, selbst in den Kriegsszenen, wobei mir diese durch die innere und äußere Entwicklung deutlich besser gefallen. Sowohl Pawel, als auch seine Mutter beobachten stets und können das Denken nicht lassen. Doch anders als Sophia ist Pawel ein Träumer. In Kriegszeiten ist dies eventuell gefährlich, aber auch vielleicht, die beste Möglichkeit nicht den Verstand zu verlieren. So ist dieser Roman auch sehr stark von inneren Monologen geprägt. Wer bei diesem Thema actionreiche Szenen auf der Flucht erwartet, ist hier völlig auf dem Holzweg, sehnt er sich nach Action, sollte er sich ein anderes Hörbuch suchen. Hier liegt die Stärke in der Poesie der Beobachtungen und Gedanken zweier Künstlerseelen, die in eine unbarmherzige Zeit hinein geboren wurden und sie dennoch begreifen möchten. So sind ihre Gedanken auch bisweilen poetisch und auch entsprechend verbalisiert. Es ist keine dahinplätschernde seichte Unterhaltung und man sollte auch ein gewisses Sprachniveau besitzen. Schade finde ich, daß man das ungefähre Jahr, in dem die Geschichte jeweils spielt, stets erraten muß und man die Zeitsprünge nicht unmittelbar bemerkt, sondern erst wenn er bereits eine Weile begonnen hat, wenn es z.B. Hinweise auf das Alter, Umzüge oder ähnliches gibt. Ob das in der Buchvorlage auch so ist, weiß ich nicht.

Eine Geschichte über das Leben, das uns prägt, mit allen Schicksalsschlägen, daß wir aber lernen müssen uns, und die, die wir lieben so zu akzeptieren, wie wir bzw. sie sind. Ändern kann man nur sich selbst, nicht seine Lieben. Die Schicksalsschläge machen uns auch nicht zu anderen Menschen, das liegt alles schon von Geburt an in uns, aber unsere Teevorlieben könnten zum Beispiel durch ein Überleben im Wald verändert werden oder wir lernen, die Natur zu verstehen, von der uns bislang gar nicht bewußt war, wie sehr wir sie lieben. Eine starke Mutter-Sohn-Beziehung, die durch die Zeit und ihre Entwicklungen dahin mäandert.

Ein schönes Hörbuch, dessen Titel und Klappentext aber etwas anderes erwarten lässt, als man zu hören bekommt. Es bedarf schon einer gewissen Bereitschaft, sich auf eine Geschichte und Gedanken einzulassen, die mehr eine Familiengeschichte, als ein Widerstandsdrama ist.

Veröffentlicht am 04.07.2019

Spannende Abenteuer in Legenden in und um Frankfurt am Main

Die Spürhasen-Bande - Folge 2: Das Rätsel um die verschollene Liebe
0

Die Spürhasen Bande hat nun den magischen Spiegel repariert, mit dem sie durch Zeit und Raum reisen können. Jetzt sprühen sie vor Tatendrang und suchen nach neuen Abenteuern und Geheimnissen, denen sie ...

Die Spürhasen Bande hat nun den magischen Spiegel repariert, mit dem sie durch Zeit und Raum reisen können. Jetzt sprühen sie vor Tatendrang und suchen nach neuen Abenteuern und Geheimnissen, denen sie auf den Grund gehen können. Als sie hören, daß der Eulerich Bartholomäus seiner seit 1983 verschollenen Liebe Gwendolin nachtrauert, beschließen sie herauszufinden, was damals mit der Eulendame passiert ist. Dafür reisen sie mit dem Spiel nach Frankfurt am Main, wo Bartholomäus früher wohnte. Dabei beobachten die tierischen Freunde auch, wie sich Frankfurt im Laufe der Jahrhunderte verändert hat und lassen sich alte Sagen über heute noch markante Gebäude im Stadtbild, tripp der Bach und hipp der Bach (links und rechts des Mains) erzählen.

Neugier macht schlau, vor allem wenn man fragt und zuhört. So stolpern die Freunde in Frankfurt am Main immer wieder auf Hinweise auf alte Frankfurter Legenden und Ausdrucksweisen und historische Begebenheiten wie die Kaiserkrönungen.

Die Spürhasen besuchen erst einmal den Cousin ihres alten Fledermausfreundes, der sie direkt mal mit der Nase auf die erste spannende Legende stößt. So startet ihre Reise durch die Zeit, um dem Ursprung der Sage und noch einiger anderer auf den Grund zu gehen, bis sie genug von Frankfurt gehört und gesehen haben, um sich wieder ihrer eigentlichen Aufgabe zu widmen: Gwendolin zu finden! Die traurige Liebesgeschichte nimmt also keinen allzu großen Raum ein uns ist daher auch für Kinder nicht langweilig, oder gar eklig. Dafür lernen sie was Legenden sind und dürfen auch einigen spannenden Stadtlegenden lauschen. Bei manchem Kind wird es sicher auch Interesse an der eigenen Stadtgeschichte wecken. Der berühmteste Sohn der Stadt, Johann Wolfgang von Goethe wird auch kurz mit Faust zitiert, aber das Hauptaugenmerk liegt wirklich auf der Stadt, was ich wirklich mal ein interessantes neues Konzept finde, da es ja schon einige Zeitreiseabenteuer für Kinder gibt.

Gerade durch die Vertonung mit vielen Stimmen und Geräuschen als Hörspiel ist es auch für Kinder ab 5 Jahren spannend. Sollte etwas noch ein bißchen schwieriger sein, wird es spätestens in der Wiederholung verständlich. Das bestätigen mir meine Nachbarskinder von 8-3 Jahren, die das Hörspiel alle 3 gerne auf der Autofahrt und anschließend hoch – und runter gehört haben. Hierbei gefiel ihnen, daß das Kind Anna auch wirklich von einem Kind und nicht von einem verstellten Erwachsenen übernommen wird. Dabei wirken aber alle Stimmen wirklich authentisch und überzeugend, auch wenn die Sprecher schon jedes tierische Alter überschritten haben.


Ich fand es sehr spannend mit den Spürhasen Frankfurt zu erkunden. Meine letzte Führung durch Frankfurt war in meiner Grundschulzeit und ich kann mich nur noch an den Römer erinnern, nicht genug um bei meinen Kindern Eindruck zu schinden. Ganz sicher werden wir diese CD auf der Fahrt zur nächsten Buchmesse hören und nach Schließung der Tore noch die eine oder andere Sehenswürdigkeit bewundern.

Sehr ansprechend ist auch wieder die Aufmachung des Hörspiels. Im beiliegenden Booklet findet man nicht nur die verschiedenen Hörspielsprecher, inklusive Nachwuchstalent Selma, die die kleine Anna spricht, sondern auch die Spürhasen und ihre Freunde mit Bild und kurzer Vorstellung. Eine Doppelseite später findet man dann Bilder mit kurzen Erläuterungen um die Bauwerke und Sagen, die sich die Spürhasen ansehen. Das ist sehr praktisch, da ich mir z.B. den Neuner in der Wetterfahne des Eschenheimer Turms nicht so recht vorstellen konnte. Die Detailvergrößerung macht es aber völlig klar und zeigt auch, was der Wilderer für ein hervorragender Schütze gewesen sein muss.
Die letzte Seite des Booklets ziert die Tracklist und die 7 Wild- und Gartenkräuter die die typische Frankfurter Sauce ausmachen. Wie diese ansonsten zubereitet wird und wozu man sie isst, wird dort nicht verraten! Es ist eine kalte Sahnesauce, die zu kaltem Rindfleisch und Salzkartoffeln gereicht wird. Denn auch das kulinarische Erbe Frankfurts mit seinem Äpplewoin bleibt nicht unerwähnt und es gibt kleine Höreindrücke eines Frankfurterisch babblenden Einwohners. Aber verständlich.

Ein wirklich empfehlenswertes Hörabenteuer, nicht nur für neugierige kleine Hessen. Als nächstes zieht es die Spürhasen übrigens nach Hamburg.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Karsten Schäfer für das Rezensionsexemplar, mit dem ich die Heimatstadt meiner Großmutter mal ganz anders kennenlernen durfte.

Veröffentlicht am 04.07.2019

Ein wunderbarer Anfängerspaß!

Miss Elli legt los (Miss Elli 1)
0

Mieke und ihr jüngerer Bruder Ben sind aufgeweckte neugierige Kinder, die gerne Weltraumforscherin und Astronaut spielen. Darin sind die beiden echt spitze, nur mit dem Schwimmen klappt es bei Ben noch ...

Mieke und ihr jüngerer Bruder Ben sind aufgeweckte neugierige Kinder, die gerne Weltraumforscherin und Astronaut spielen. Darin sind die beiden echt spitze, nur mit dem Schwimmen klappt es bei Ben noch nicht so, er wurde erst heute in der Schule deswegen ausgelacht. Das fühlte sich richtig doof an. Was die Geschwister auch nicht mögen sind „Babysitter“. Mama und Papa arbeiten im Krankenhaus und wenn beide Spät- oder Nachtschicht haben, sollen sie nicht alleine sein. Bislang haben sie noch jede Babysitterin vergrault. Heute soll erstmals die neue Nachbarin Miss Elli kommen und die Kinder sind fest entschlossen, dass auch sie nicht lange bleiben wird. Doch dann müssen die Geschwister feststellen, daß Miss Elli, alles andere als eine langeweilige „Baby“sitterin ist.

Sehr gut gefällt mir, daß diese Geschichte nicht nur fantasievoll ist, sondern auch mit gängigen Klischees und auch mit den Vorurteilen der Kinder spielt. So ist hier das Mädchen mutiger, als der Junge. Die Mutter ist Ärztin, während der Vater Pfleger ist. Beides ehrenwerte Berufe, die klassische Rollenverteilung sieht jedoch die Frau meist als Arzthelferin oder Krankenschwester, während der Mann der erfolgreiche, geachtete Arzt ist. Beide Berufe verdienen Respekt, aber Frauen sollten auch nicht unterschätzt werden. Ben ist auch kein Angsthase als solcher, sondern ein forscher kleiner Kerl, dennoch wird ihm beim Gedanken ans Schwimmen mulmig. Man kann halt nicht alles gleich gut und nicht immer auf Anhieb. Oft hilft eine kleine Unterstützung oder Ermutigung, wie Ben sie hier auf irgendwie magische Weise von Miss Elli erhält. Susanne Fülscher trifft dabei genau den richtigen Ton und erzählt unterhaltsam und mit einem kleinen Augenzwinkern.

Auch Miss Elli sieht nicht aus, wie die Geschwister sich eine ältere Dame vorstellen und sie verhält sich auch nicht so. Sie lässt die Kinder durchaus naschen, allerdings selbst gemachte Gemüsechips und frische Kirschen – denn lecker und gesund geht auch beides.


Sehr schön sind die vielen farbigen fröhlichen Illustrationen, die teilweise großformatig sind, teilweise als mehrere kleinere Illustrationen über die Seiten verstreut sind. Sie lockern das Textbild auf und Bens Kuscheltier ist echt niedlich, aber keineswegs peinlich. Die Schrift entspricht der deutschen Fibelschrift und ist noch recht groß. Allerdings finden meine Töchter die Anglizismen zu viel. Keine meiner Töchter und auch unsere Nachbarin (6) konnten als Anfänger „cool“ lesen. Das Wort ist den Kindern bekannt, aber die Schreibweise überhaupt nicht. Später verwendet auch Miss Elli noch einfache englische Wörter. Bei uns ist der Englischunterricht im 1. Schuljahr fast gar nicht vorhanden und wenn beschränkt er sich auf Sprechen und Singen. Wir finden, daß auch Begriffe wie „wonderful“ „good evening“ und „good night“ in Kinderlautschrift in Klammern erklärt sein sollten, da sie zu Beginn in der Grundschule nicht lesen und schreiben und die englische Schreibweise für Deutsche Lernanfänger nicht offensichtlich ist. Die Begriffe als solche sind nicht so schwer zu verstehen, aber sie alleine ohne Hilfe zu lesen, ist für Grundschüler nicht möglich und nicht alle Kinder fragen nach. Das kann die Lesbarkeit des Textes deutlich erschweren und das Erfolgserlebnis des Kindes unnötig schmälern.

Daher finden wir, daß dieses Buch am Besten gemeinsam von Anfängern und Profis gelesen werden sollte.

Die Geschichte ist fröhlich und magisch und erinnert etwas an eine moderne Mary Poppins und die nicht zu mögen, ist ja eigentlich ausgeschlossen!

Veröffentlicht am 28.06.2019

Ganz stark!

Die Unausstehlichen & ich (Band 1) - Das Leben ist ein Rechenfehler
0

Enni (11) ist ein Heimkind, das schon in verschiedenen Heimen, WGs und auch Pflegefamilien war. Doch mit ihren Wutausbrüchen, bei denen es in ihren Ohren rauscht und sie nur noch rot sieht, bleibt sie ...

Enni (11) ist ein Heimkind, das schon in verschiedenen Heimen, WGs und auch Pflegefamilien war. Doch mit ihren Wutausbrüchen, bei denen es in ihren Ohren rauscht und sie nur noch rot sieht, bleibt sie nirgends lange. Bis sie in eine wirklich nette Pflegefamilie kommt, die sie wie eine Tochter behandelt. Ihr Pflegebruder Noah (12) ist einsame Spitze! Hier will sie nie wieder weg. Doch dann muß der Pflegevater beruflich in die Schweiz, da soll Enni dann doch nicht mit. Noah flippt aus und zieht Enni mit in seinen unüberlegten Plan mit hinein. Da ist Ärger vorprogrammiert und Enni landet in einem piekfeinen Privatinternat für Schüler mit besonderen Bedürfnissen. Eigentlich ist es dort gar nicht schlecht, selbst die Lehrer erkennen ihre mathematische Begabung. Doch Enni will abhauen und Noah finden. Leider gleicht Internat Saaks fast einer Festung und diese zu verlassen wird ihre kniffeligste Knobelaufgabe, bei der sie zwangsläufig Hilfe braucht....

Nach ihrer Ausbruchsaktion muß Enni zum Schulpsychologen, da erzählt sie dann die ganze, wahre ungeschönte Geschichte. Natürlich mit den in Saaks verpönten und strafbewehrten Flüchen und Schimpfwörtern. Aber was soll man schon sagen, wenn das Leben …. Eben! Aber in einem Kinder- und Jugendbuch? Da hilft nur die Zensur und an Stelle jedes unziemlichen Begriffes liest man dann schwärzendes Krickelkrakel, da kann der Leser sich selbst denken, was sie wohl so gesagt haben könnte und seiner Schimpfkreativität freien Lauf lassen. Die Gedanken sind frei... beim Lesen auch! Meine Töchter (12 und fast 10 Jahre alt) fanden das sehr lustig, denn Enni nimmt kein Blatt vor den
Mund. Durch die Ich-Perspektive weiß der Leser immer nur so viel, wie Enni bzw. so viel, wie sie von sich Preis gibt, denn über ihre Eltern spricht sie nicht und wehe wer sie bei dem Namen nennt, den ihr ihre Eltern gaben!

Enni hat viel mitgemacht bisher in ihrem Leben und sich diverse Überlebensstrategien angeeignet, über die die meisten Leser aus behüteten Elternhaus nur staunen können (und die sie hoffentlich nicht anwenden wollen).

Richtig toll finde ich den Inklusionsgedanken in dieser Geschichte. Alle haben ihren Ballast mit sich herum zu tragen, aber niemand möchte deswegen bemitleidet werden, sondern als Mensch für voll genommen werden. So lernt man durch Enni, die fast schon alles gesehen hat, ihre Mitschüler mit ihrem Blick kennen, immer erst die Person mit ihren Besonderheiten, bis auf das Handicap, das erwähnt sie immer so nebenbei. Das finde ich sehr charmant, mal den Focus weg von der Behinderung zu nehmen und sei es „Diätis“ (dieser Begriff, ist doch ein Knaller, oder?).

In einzelnen Kapiteln schildert Enni ihre prägenden Erlebnisse und daher sind sie oft nach der gerade prägenden Person benannt. Das führt zu einer ungewöhnlichen Erzählweise, die sich angenehm abhebt, auch durch die Zensuren. Enni ist so ungewöhnlich, daß die Geschichte zu überraschen mag. Es ist nicht von Anfang an klar, was mit Enni passiert, man weiß nur sie hat Ärger und echt was auf dem Kerbholz und muß nun mit einem Psychodoc sprechen, wer das aber ist, zeigt sich erst nach ein paar Kapiteln, weil diese Erkenntnis bereits etwas über das Ende verrät, aber es ist ja auch eine Fortsetzung mit den Unausstehlichen geplant, da wird Enni wohl kaum von diesen getrennt werden. Dennoch eine wirklich erfrischende Erzählweise.

Da ich beruflich den ganzen Tag mit Dingen zu tun habe die schief gehen und mein Mann Sonderpädagoge ist, war es mir wichtig, mit den Kindern ein Buch zu lesen, in dem Kinder mit besonderen Bedürfnissen zu Wort kommen und die Geschichte aus ihrer Sicht schildern dürfen, denn dann klingt es oft ganz anders. Es geht mir auch um das Vermitteln von Respekt! Auch diesen Kindern gegenüber, aus welchen Gründen auch immer, sie nicht bei ihren Familien leben. Das ist Vanessa Walder, der Autorin von „Das wilde Mäh“ und noch über 80 weiteren Kinder- und Jugendbüchern, ausgezeichnet gelungen. Dabei geht es nicht um pädagogische Phrasen, sondern es wird eine spannende Internatsgeschichte auf Ausbrecherniveau mit besonderen Schülern. Dabei wird es am Ende noch mal besonders spannend und mit einem ganz erhebenden Solidarisierungsende – da bleibt kein Herz unbewegt und das Auge nicht unbedingt trocken.

Die schwarz-weiß Illustrationen von Barbara Korthues treffen die Situationen auf den Punkt. Wir finden es super, daß ein Buch für Kinder ab 10 Jahren illustriert ist und mit mehr als nur Vignetten! Aber meine Kinder finden sie so toll, daß sie sie ganz genau anschauen und jedes Detail finden, das unstimmig ist. Von den Haarfarben auf dem Promo-Lesezeichen, den Größenunterschieden, Hilfsmitteln, die zurückgelassen wurden. Wir hatten da heiße Diskussionen.

Es hat uns ausgezeichnet gefallen und beide Töchter (und die Mutter) warten schon ganz gespannt auf die Fortsetzung dieses außergewöhnlichen Buches für ältere Kinder.