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Veröffentlicht am 20.04.2022

Die Pyrenäen mit all ihren Stimmen und Sinnen

Singe ich, tanzen die Berge
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Das Buch ist ein Fest – ein Fest der Worte, Bilder, Ideen! Und vor allem ist es ein ganz einzigartiges Kleinod, das Irene Solà in ihrem Schaffensakt der Natur geradezu entrissen hat und nun ihren Lesern ...

Das Buch ist ein Fest – ein Fest der Worte, Bilder, Ideen! Und vor allem ist es ein ganz einzigartiges Kleinod, das Irene Solà in ihrem Schaffensakt der Natur geradezu entrissen hat und nun ihren Lesern und Leserinnen zum Geschenk macht. Ein Geschenk, mit welchen sie diesen so einiges an Hingabe, Bereitschaft und Konzentration abverlangt – und auch das eine oder andere zumutet.
Schier ungewöhnlich sind Ansatz und Erzählperspektiven, welche die junge Autorin für ihre Erzählung wählt, kommt hier doch die Natur selbst mit all ihren menschlichen und nicht-menschlichen und auch „dinglichen“ Bewohnern und Bewohnerinnen zu Wort, um gemeinsam eine große Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte der Pyrenäen selbst, konzentriert und exemplarisch fokussiert auf ein kleines Dorf in eben diesen Bergen.
Alle finden sie hierfür Gehör: die Menschen und ihre Geister, Tiere und Pflanzen und Regen und auch die Pyrenäen selbst. Und all diesen Ich-Erzählern und -Erzählerinnen leiht Solà eine ihnen eigene Stimme, ihre eigene Sicht auf die Welt und die Geschehnisse, die sie umgeben. Gleichberechtigt, ob nun Mann oder Frau, Rehbock oder Pilz.
Das ist viel – viel gewollt, viel erwartet, viel umgesetzt. Und ja, es ist auch ein Vergnügen in der Lektüre, aber auch eine Anstrengung, die auf Seiten der Leserschaft erforderlich ist, um möglichst viel zu verstehen und viel zusammenzufügen. Denn gleich Ketten auf einer Schnur reiht sich mit jeder neuen Perspektive, mit jedem weiteren Kapitel Figur an Figur, Puzzlestück an Puzzlestück – und heraus kommt… Ja, was eigentlich? Kunst? Sicherlich! Eine Geschichte, die zu fesseln versteht? Immer wieder. Ein Experiment? Auch das.
Was die Erzählung für mich vor allem ist: ein Ausdruck der schier unbegrenzten Spiel- und Schaffensräume, welche Sprache bietet und Literatur entstehen lässt. Gefällig sollten diese dabei nicht sein, vielmehr vermag Solà es, ihre eigenen Wege zu beschreiten und Bekanntes und Gewohntes konsequent hinter sich zu lassen – um so in Abgrenzung etwas Neuartiges und sehr Individuelles zu erschaffen.

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Veröffentlicht am 12.04.2022

Afrikanische Mythologie in einer fantastischen Welt

A Song of Wraiths and Ruin. Die Spiele von Solstasia
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Black Girl Magic und Black Boy Joy – die Worte, die Brown selbst für ihren Roman wählt, klingen für unsere europäischen Ohren wohlmöglich erst einmal fremd und geheimnisvoll. Doch zugleich versprechen ...

Black Girl Magic und Black Boy Joy – die Worte, die Brown selbst für ihren Roman wählt, klingen für unsere europäischen Ohren wohlmöglich erst einmal fremd und geheimnisvoll. Doch zugleich versprechen sie ein Lesevergnügen, das sich von Bekanntem und Gewohntem unterscheiden mag und uns in jedem Sinne in ferne Welten entführt.
Afrikanische Fantasy! Diese Genrebezeichnung kam mir sofort in den Sinn, als ich Sonande betreten habe, ein Reich mit seinen eigenen Rechten, Gesetzmäßigkeiten und vor allem erfüllt und regiert von Magie und Geisterwesen, die den unterschiedlichen afrikanischen Mythologien und Märchen entsprungen zu sein scheinen. Und gerade diese Mischung und das Verweben von tradierten afrikanischen Motiven, Philosophien und Glaubenssätzen mit Elementen der fantastischen Literatur sind es, was diesen Roman von Genreerzählungen „weißer Autorinnen und Autoren“ mit europäischen oder US-amerikanischen Wurzeln deutlich unterscheidet – die weiterhin Quelle und Definition des Genres sind.
Und so sind auch die Hauptfiguren von afrikanischer Prägung – für den eurozentristischen Blick zumindest in der äußeren Gestalt leicht auszumachen. Doch was sie letztendlich antreibt, ist das alle Kulturen verbindende und einende Element: Es ist die Liebe zueinander, die Liebe zur Familie und die Liebe für das eigene Volk, die gemeinsame Tradition und Herkunft. Und damit ist neben all den mystischen Elementen, die mich in ihrer Andersartigkeit und Verschiedenheit so begeistert haben, der Roman für mich vor allem eins: eine Liebesgeschichte.
Nnedi Okorafor und Lauren Beukes waren für mich bisher die Autorinnen der afrikanischen Fantasyliteratur, die mir mit beeindruckender Virtuosität immer wieder vor Augen geführt haben, wie eingeschränkt und europäisch gefärbt und ausgerichtet mein Blick auf das Genre, und wohl nicht nur hierauf, ist. Roseanne A. Brown setzt diese Tradition fort, in ihrer ganz eigenen Sprache, mit ihrer ganz eigenen Geschichte. Damit beschenkt sie die Leserinnen und Leser mit mehr als nur wundersamen, fantasievollen Lesestunden, wenn diese das Tor nach Sonande durchschreiten – und damit in vielerlei Hinsicht eine neue Welt betreten.

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Veröffentlicht am 31.03.2022

Eine Schnitzeljagd, die uns den Atem stocken lässt

RABBITS. Spiel um dein Leben
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Ein Hase, der uns auf eine rasante Jagd durch Zeit und Raum schickt und dabei neckisch sein Spiel mit uns treibt – das gibt es in der Tierwelt wohl nur selten. Und in der der Fantasy- und Spannungsliteratur ...

Ein Hase, der uns auf eine rasante Jagd durch Zeit und Raum schickt und dabei neckisch sein Spiel mit uns treibt – das gibt es in der Tierwelt wohl nur selten. Und in der der Fantasy- und Spannungsliteratur sicherlich auch. Und wenn es Meister Lampe dann noch schafft, meine Nacht zum Tag und das Frühlingswochenende zu einem Lesemarathon zu machen, bin ich schwer beeindruckt.
Doch Terry Miles zeigt mit „Rabbits“ nicht nur, dass er es vermag, seine Leserinnen und Leser mit seiner intelligent konstruierten, raffiniert verschachtelten Geschichte an das Buch zu fesseln, er besitzt zudem auch eine ganz besondere Fähigkeit: der Logik und Physik zu misstrauen und seinen eigenen Verstand infrage zu stellen. Denn seine Figuren müssen sich auf ihrer Schnitzeljagd in einer Welt mit ihren scheinbar ganz eigenen Naturgesetzen zurechtfinden, und wenn der Zufall durch eine Kette von Hinweisen abgelöst wird, erhält auch die Uhrzeit 4.44 ihre ganz eigene Bedeutung.
Was dem Spaß dann noch die virtuelle Krone aufsetzt, sind die wunderbar nerdigen Figuren, die Miles für seine Hasenjagd geschaffen hat: äußerst verschroben, extrem cool und jetzt schon kultverdächtig. Und ans Herz wachsen sie den Leserinnen und Lesern zudem – auch, wenn deren Rolle, die sie in dem geheimnisvollen Spiel sowie zueinander einnehmen, teils undurchsichtig und vor allem dem steten Wandel unterworfen ist. Denn: Nichts ist wie es scheint.
Neben all der atemlosen Spannung schafft es „Rabbits“ mit viel Mysteriösem und scheinbar Metaphysischem jedoch auch, Fans von „Akte X“ zu überzeugen, also diejenigen unter uns, welche die Wahrheit hinter dem Offensichtlichen vermuten und sich eben kein Kaninchen für einen Hasen vormachen lassen. Denn wie sagten schon Mulder und Scully so schön: „The truth is out there“. Und bis diese für Rätselraten und zahlreiche Spielrunden als Gewinn und Krönung der Geschichte lockt, erwartet die aufmerksamen Leserinnen und Leser ein tierisches Vergnügen, ein schiere Flut an Kreativität und Fantasie und sicherlich auch die eine oder andere durchwachte Nacht. Und pünktlich um 4.44 Uhr klingelt der Wecker.

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Veröffentlicht am 13.03.2022

Wilhelm Tell als Pageturner – ein ungewöhnliches Lesevergnügen

Tell
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Die Armbrust, der Apfel und ein Kopf, der nicht getroffen werden will – vielleicht sind dies die zentralen Bilder der Sage von Wilhelm Tell, die wohl vielen von uns sofort vor dem geistigen Auge stehen. ...

Die Armbrust, der Apfel und ein Kopf, der nicht getroffen werden will – vielleicht sind dies die zentralen Bilder der Sage von Wilhelm Tell, die wohl vielen von uns sofort vor dem geistigen Auge stehen. Möglicherweise ist es aber auch der Status als Schweizer Nationalheld, den Tell im Laufe der Jahrhunderte erlangen konnte. Und doch ist die Geschichte deutlich facettenreicher, hat mehr und vor allem mehr Details und Tiefe zu bieten – so ganz besonders in der Neuerzählung von Joachim B. Schmidt.
In kurzen Kapitel, erzählt aus den verschiedenen Perspektiven der einzelnen Figuren, nimmt Schmidt die Leserinnen und Leser mit auf einen rasanten Ritt durch das entbehrungsreiche Leben des Bergbauern, Sohnes, Vaters und Ehemanns Tell. Schlaglichtartig beleuchtet er dabei das Denken und Handeln aller Beteiligten, lässt diese – gleich eines vielstimmigen Chors – mit ihrer jeweils eigenen Stimme zu Wort kommen. Und deren Klang ist nicht nur eingebettet und ein Produkt ihrer Zeit, das authentisch und historisch zugleich anmutet, er ist auch den einzelnen Figuren individuell und ganz eigen und macht sie so lebendig und unverwechselbar für die Leserinnen und Leser.
Dass Tell dabei nicht als der erwartete Sympathieträger erscheint, sondern seinen Mitmenschen rauh, verschlossen und unzugänglich gegenübertritt, erstaunt dabei fast ebenso wie das hohe Tempo und die erfreuliche Dynamik und Lebendigkeit, mit welchem die Leserinnen und Leser durch die Handlung geführt werden. Das Ergebnis ist ein sowohl ungewöhnliches wie auch ungewöhnlich fesselndes Lesevergnügen, ein Pageturner und neues Lieblingsbuch für mich.
Jedoch, und das ist mir noch sehr wichtig: Literatur steht und wirbt für sich selbst – dieser wunderbare Roman ist hierfür das beste Beispiel und ein überzeugender Beweis! Der Vergleich der Erzählung mit einer Unterhaltungsserie eines großen Streamingportals ist daher aus meiner Sicht vollkommen überflüssig und mit Blick auf so einen großen Traditionsverlag wie Diogenes für mich auch sehr überraschend. Aber das ist natürlich meine ganz persönliche Meinung als große Freundin und Liebhaberin von guten Geschichten, begeisterte Leserin – und ja, nun auch glühende Anhängerin des neuen Wilhelm Tells.

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Veröffentlicht am 27.02.2022

Der Traum von Gold und Diamanten

So reich wie der König
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Der Weg aus den Baracken der Armut ist steinig, staubig und mit ungewissem Ausgang – diese Erfahrung muss die junge Sarah machen, die gemeinsam mit ihrer Mutter in den Elendsvierteln Casablancas lebt. ...

Der Weg aus den Baracken der Armut ist steinig, staubig und mit ungewissem Ausgang – diese Erfahrung muss die junge Sarah machen, die gemeinsam mit ihrer Mutter in den Elendsvierteln Casablancas lebt. Ihr einziges Gut: Ihre Herkunft als Französin und ihr Aussehen, das den Männern reihenweise den Kopf verdreht und ihre Geldbeutel öffnet, so dass Sarah zumindest mit Essen und Kleidung immer wieder am Lebensstil der Reichen teilhaben kann.
Doch Sarahs Pläne sind ehrgeizig: Nicht nur will sie den ärmlichen Verhältnissen dauerhaft entfliehen, auch Wohlstand soll es sein – und zwar im ganz großen Stil. Driss, Sohn eines erfolgreichen Unternehmers und als Fassi mit Geburtsrecht auf eine Führungsposition in der Gesellschaft, ist hierfür das Objekt ihrer Begierde und Instrument ihrer Pläne und Berechnungen. Selbst mit autistischen Zügen als Figur gezeichnet, ist er willenloses Opfer von Sarahs Ehrgeiz und unfähig, die Auswirkungen und Folgen einer möglichen Verbindung einzuschätzen.
Die Geschichte selbst ist nicht neu, neu sind dagegen für mich Schauplatz, Zeit und eine Gesellschaft, die aufgrund ihrer kulturellen und damit auch religiösen Zusammensetzung ihre ganz eigenen Schranken, Fallstricke und auch Abgründe bereithält. Dass das System starr und festgeschrieben und damit bei weitem nicht so durchlässig ist, wie Sarah sich erhofft und in kindlicher Naivität erträumt hat, ist dann auch eine Erfahrung, die sie schmerz- und schamvoll erleiden muss. Die Folgen ihrer Fehlberechnungen sind folglich gravierend: Sarah steht im wahrsten Sinne des Wortes an einem Abgrund, Driss droht mit hinabzustürzen.
Das Märchen von Aschenputtel ist es nicht, was die Leserin und den Leser mit „So reich wie der König“ erwartet. Es ist vielmehr der Traum einer jungen Frau vom sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft, welche die „feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdie) in Auftreten und Lebensstil sehr genau zu deuten vermag und jede und jeden brutal an den angestammten Platz verweist. Dass die Geschichte tatsächlich vor der Kulisse Marokkos der 1900er-Jahren spielt, wirkt aus eurozentrischem Blick anachronistisch und erschreckend – und ist für mich auch das, was nach der letzten Seite noch länger in meinen Gedanken bleiben wird.

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