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Veröffentlicht am 19.09.2021

Wo das Land grün und weit, die Geheimnisse dunkel und schwer sind

Der Sucher
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Irland – das Land der rauen Küsten, der grünen, satten Weiten und nicht zuletzt der wortkargen, dabei jedoch sehr freundlichen Menschen machen die Insel noch heute zum Traum vieler Auswanderer. Doch dieses ...

Irland – das Land der rauen Küsten, der grünen, satten Weiten und nicht zuletzt der wortkargen, dabei jedoch sehr freundlichen Menschen machen die Insel noch heute zum Traum vieler Auswanderer. Doch dieses scheinbare Paradies zeigt Risse, hat dunkle Seiten und tiefe Abgründe, die Tana French auch in ihrem neuen Kriminalroman kunstvoll offenlegt und die Leserin und den Leser damit auf eine spannungsvolle Reise fernab der bekannten Postkartenmotive mitnimmt.
All diese Bilder, Sehnsüchte und Klischees hat möglicherweise auch Cal Hooper im Kopf als er die grüne Insel als Sitz für seinen Ruhestand wählt, um so der Kriminalität, Gewalt und dem Lärm Chicagos zu entkommen. Sein Plan scheint aufzugehen, Ruhe und Einsamkeit umfangen ihn, durchbrochen nur vom Geplauder seines Nachbarn und dem abendlichen Dorfklatsch bei Bier, Musik und Kartenspiel.
Doch die dunkle Seite des Landlebens sucht sich ihren Weg zu ihm und auch, wenn Cal sich ihr zuerst verschließen will, nimmt der Kriminalbeamte in ihm doch bald ihre Spur auf und demontiert so Stück für Stück die vermeintliche Idylle. Was er zu Tage befördert, lässt nicht nur ihn erschauern, sondern gefährdet den Frieden und das Zusammenleben des gesamten Dorfes. Dass dessen Bewohnerinnen und Bewohner dem nicht untätig zusehen, versteht sich fast von selbst.
Weit und ruhig wie das Land hat Tana French auch ihren neuen Roman angelegt – nur nach und nach erhält der Schrecken Einzug in die Geschichte, wird das Grauen sichtbar unter der alles überdeckenden Schönheit der Natur, den vielen Schichten Geheimnis, Lügen, irischem Torf. Auch, wenn ich mir hin und wieder eine schnellere Gangart gewünscht hätte, fühlen sich Fortgang und Tempo für die Erzählung doch stimmig an. Und schon jetzt empfinde ich nicht nur eine Sehnsucht nach diesem wunderschönen und sehr vielschichtigen Land sondern auch nach einem weiteren Roman dieser großartigen Autorin. Hoffentlich bald!

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Veröffentlicht am 30.08.2021

Die Wahrheit ist schmerzhaft, schonungslos, tut weh

Die Wahrheit der Dinge
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Schuld, Gerechtigkeit, Menschlichkeit – der Roman beschäftigt sich mit den ganz großen Fragen des Lebens und ist für mich dabei die große Überraschung des Jahres. Denn die Geschichte als eine Auseinandersetzung ...

Schuld, Gerechtigkeit, Menschlichkeit – der Roman beschäftigt sich mit den ganz großen Fragen des Lebens und ist für mich dabei die große Überraschung des Jahres. Denn die Geschichte als eine Auseinandersetzung mit Ethik und Moral hat mich in ihrem Scharfsinn, ihrer Dichte und Intensität unvorbereitet getroffen, aufgewühlt, erschüttert.
Aufgewühlt und auf der Suche nach Antworten ist auch Frank Petersen, in seiner Überzeugung der eigenen Unfehlbarkeit plötzlich infrage gestellt und dabei in Auseinandersetzung mit traumatischen Erlebnissen seines Berufslebens und dicht und nah an dem geradezu unermesslichen Leid der Opfer von Rassismus, Rechtsextremismus, Unmenschlichkeit. Die Schilderung dieses Hasses, seiner zerstörerischen Wirkung auf das private wie auch gesellschaftliche Leben und seiner Folgen anhand der Hauptperson Corinna Maier ist dabei schonungslos und wohl für die meisten von uns unbegreiflich. Zumindest ging es mir so. Und ich wurde so traurig beim Lesen.
Zugleich bin ich aber auch sehr froh, diese Geschichte für mich entdeckt zu haben, und vor allem stimmt mich diese ehrliche Auseinandersetzung mit diesem unsere Gesellschaft auch und gerade in der heutigen Zeit spaltenden Thema optimistisch. Ist es denn nicht gerade das personifizierte, namentlich zuordbare Leid, das uns berührt, muss der Schrecken nicht ein Gesicht haben, damit er uns erreicht? Und uns zum Nachdenken bringt, wie wir derartige Taten verhindern und den Menschen eine neue Heimat in unserem Land geben können, welche diese hier finden möchten oder auch so dringend benötigen? Ich denke schon. Und ich bin davon überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit „Die Wahrheit der Dinge“ hierzu beitragen kann. Wenn das nicht doch ein Grund zur Freude ist.

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Veröffentlicht am 13.08.2021

Ein Leben, das zu einer Suche wird – große Fragen einer großen Erzählerin

Ein erhabenes Königreich
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Das Verhältnis von Religion und Wissenschaft, Ghana und den USA, People of Color und einer von Weißen geprägten Gesellschaft – es sind große, allumfassende Themen, die Yaa Gyasi in den Mittelpunkt ihres ...

Das Verhältnis von Religion und Wissenschaft, Ghana und den USA, People of Color und einer von Weißen geprägten Gesellschaft – es sind große, allumfassende Themen, die Yaa Gyasi in den Mittelpunkt ihres neuen Romans stellt, Themen, die politisch besetzt und emotional aufgeladen sind. Kriegsgebiete für manche, viele. Auch gerade deswegen mag eine sachliche Auseinandersetzung mit diesen oftmals unmöglich erscheinen, zu groß sind die Gräben, die zwischen ihnen bestehen.
Umso größer, vielleicht auch mutiger ist Gyasis Ansatz zu schätzen, ihre Figuren gerade in diesen Fragen auf eine Reise zu schicken, die auch zu einer Suche nach dem Verbindenden, Gemeinsamen im vermeintlich Gegensätzlichen und Unvereinbaren wird. Die Auswirkungen auf ihre Leben sind dabei gravierend, leidvoll, aus Entbehrungen werden Verlust, Trauer. Und auch für mich als Leserin ist es eine emotionale Schwere, die mich durch die Geschichte begleitet, Leichtigkeit und Freude mögen vor allem mit Blick auf den wunderbaren Erzählstil und die in Teilen poetische wie zugleich sezierende, analytische Sprache aufkommen.
Der Glaube an Gott ist das verbindende Element, welches die auseinanderstrebenden Leben der Figuren zumindest eine Zeitlang zusammenzuhalten vermag. Zugleich ist es aber auch die Religion, die insbesondere in Gitsy und Nana Reibung mit dem Vorhandenen erzeugt und mit Blick auf die eigene Gemeinde ihre Sonderposition als Angehörige einer Minderheit – wenn auch zahlenmäßig von einer erheblichen Größe an Mitgliedern – festigt.
Gitsys Konsequenzen aus den erlittenen Verlusten und Traumata sind der Versuch einer Zusammenführung von Religion und Wissenschaft und wiederum die Widmung ihrer Forschung dem Verständnis von Sucht und der Durchbrechung von mit dieser verbundenen Belohnungsstreben. Das ist viel. Zu viel für das Leben einer jungen Frau. Und auch viel für mich als Leserin. Ich fühle mich erschöpft aber zugleich auch bereichert um eine großartige Erzählung und die Auseinandersetzung mit Themen und Fragen, die allzu oft wortlos und unausgesprochen bleiben.

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Veröffentlicht am 18.07.2021

Bis das Blut in den Adern gefriert

Blutkristalle
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Gänsehaut und ein eiskaltes Vergnügen – was gibt es Schöneres an diesem sehr entspannten Sonntag mit viel zu warmen Temperaturen und bei schwül-stickiger Luft!
Das hat Poznanski sich wohl auch gedacht ...

Gänsehaut und ein eiskaltes Vergnügen – was gibt es Schöneres an diesem sehr entspannten Sonntag mit viel zu warmen Temperaturen und bei schwül-stickiger Luft!
Das hat Poznanski sich wohl auch gedacht und mich mit auf einen Ausflug in Kälte und Schnee und eine Gedankenwelt genommen, die mir den Atem stocken und Kälteschauer durch den Körper jagen lässt. Denn das, was Ella erleiden muss, ist wohl der Alptraum vieler: ein Mensch, der in unsere Privatsphäre eindringt, uns auf Schritt und Tritt beobachtet, bedroht und uns durch seine scheinbare Allgegenwärtigkeit jedes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit nimmt. Auch Ella scheint dieser Situation ohnmächtig ausgeliefert zu sein, nichts ahnend, in welcher Gefahr ihr neues Liebesglück und ihr Freund Paul in persona schweben.
Ein Ausflug in die eiskalte Winterlandschaft soll alles verändern. Mit den Augen Wolframs kämpfen wir uns schmale Bergpfade entlang, balancieren über Abgründe, sind auf der Jagd nach dem menschlichen Opfer. Und Poznanski wäre nicht Poznanski, würde sie die Spannung und die Atemlosigkeit dabei nicht bis ins Unermessliche steigern und den Puls der Leserin und des Lesers ordentlich in die Höhe schießen lassen. Und selbstverständlich wartet am Ende auch wieder eine große Überraschung und ein „Twist“ auf uns, der mich begeistert und trotz der Sommerhitze das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Der einzige Wermutstropfen: 75 Seiten sind nicht viel und bieten der Autorin nur begrenzten Raum, ihr wunderbares Netz zu spannen und Fallen mit Raffinesse auszulegen. Aber lieber der Spatz in der Hand… Oder anders ausgedrückt: Hauptsache wieder ein neuer Poznanski!

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Veröffentlicht am 16.07.2021

Zwei außergewöhnliche Frauen, ein Schicksal – und grenzenlose Lesestunden

Schicksal
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Wenn aus Liebe Schicksal und aus Schicksal eine Begegnung wird, die alles verändert: So verschieden Atara und Rachel auf den ersten Blick zu sein scheinen, so viel verbindet sie doch in ihrer Herkunft, ...

Wenn aus Liebe Schicksal und aus Schicksal eine Begegnung wird, die alles verändert: So verschieden Atara und Rachel auf den ersten Blick zu sein scheinen, so viel verbindet sie doch in ihrer Herkunft, ihrer Geschichte und einer gemeinsamen Vergangenheit, die ihrer beider Leben prägt und unwiderruflich ineinander verschränkt.
Atara, erfolgreiche Architektin, Mutter, Ehefrau, selbstbewusst und Rachel, die ehemalige Freiheitskämpferin, ernüchtert und enttäuscht vom Leben, einsam, bereit für den Tod. Die eine für die andere bereits seit ihrer Kindheit präsent, ein Schatten, der sich über ihre Familie gelegt hat, ein Phantom, das nicht zu fassen und dadurch erst recht bedrohlich und allgegenwärtig ist. Die andere für die eine in ihrer Existenz nicht bekannt, ein unerwarteter Einbruch in die eigene wohlgeordnete Gegenwart und zugleich ebenfalls ein Geisterwesen – aus einem vergangenen Leben, das fest verschlossen und gut verwahrt im eigenen Inneren ruht.
Anhand der Begegnung, des Lebens und Liebens der beiden Frauen nicht nur das Schicksal von Generationen sondern auch die Geschichte eines Landes und seiner Menschen zu erfahren, die uns so nahe und eins sind, ist für mich so faszinierend wie lehrreich zugleich. Die Tiefe und Stärke der Emotionen hat mich dabei berührt, zum Teil auch tief erschüttert. Ataras Trauer hatte für mich bereits etwas Körperliches, war ein gewaltiges, dunkles Tier, das zwischen den Zeilen auf mich zugesprungen ist und sich schwer auf meine Brust gelegt hat. Und dort ruhte.
So intensiv, intim, überwältigend „Schicksal“ ist, so außergewöhnlich sind auch die Lesestunden, die Zeruya Shalev uns bereitet. Getragen von einer poetischen, bildreichen Sprache Leid und Freud, Anfang und Ende, Gestern und Heute erfahren zu dürfen, ist für mich ein Erlebnis von großer Seltenheit und Kostbarkeit – das weit über die letzte Zeile hinaus in meinen Gedanken und Gefühlen verweilen wird.

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