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Veröffentlicht am 22.09.2025

dystopischer Sprachkunstversuch

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
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BEDRÜCKENDES ZUKUNFTSSZENARIO
Ich hab mich sehr gefreut, dass dieses Exemplar der @muenchner_stadtbibliothek zeitgleich mit der Bekanntgabe der Shortlist für den @buchpreis bei mir ankam.
Era ist 15, ...

BEDRÜCKENDES ZUKUNFTSSZENARIO
Ich hab mich sehr gefreut, dass dieses Exemplar der @muenchner_stadtbibliothek zeitgleich mit der Bekanntgabe der Shortlist für den @buchpreis bei mir ankam.
Era ist 15, geht zur Schule, interessiert sich für aussterbende Vögel und verliebt sich in ihre Mitschülerin Maja. Die sprengt mit ihrer kleinen Schwester samstags Dinge in die Luft. Später dann geht es für Maja um mehr- sie will ihre Privatsphäre um jeden Preis schützen (sie ist als Tochter zweier Mütter,Momfluencerinnen, aufgewachsen).
Dazu planen sie und ihre Mitstreiter einen ganz großen Coup.
Die Geschichte spielt in der Zukunft, die Folgen des Klimawandels sind deutlich sichtbar: Die Hitze regiert den Alltag, die Versorgung mit frischen Lebensmitteln gestaltet sich schwierig, Brände zerstören Häuser. Ein bedrückendes Szenario.
Das Buch wurde mir von vielen Seiten empfohlen und steht ja nun auch auf der Short List. Aber – #unpopularopinion – ich bin null mit der Story warm geworden. Sorry. Und das lang vor allem an der Sprache. Für mich hört sich das alles genau nach dem an, was die Autorin studiert hat: Sprachkunst. Um jeden Preis.
Diese Sprachkunstakzente in der Geschichte und manche Einschübe tragen für mich nichts zur Geschichte und deren Fortgang bei (o.Ä., mobiles Device), die vielen Trennstriche (/) bei alternativer Wortwahl haben mich nach dem vierten Mal echt ziemlich genervt. „Tante“ immer nur als solche zu benennen, obwohl das Verhältnis von Era zu ihr vielleicht das einzig Beständige in der ganzen Geschichte ist, passt für mich echt gar nicht. Genauso wenig wie von „Person“ zu sprechen, wenn Era einem anderen Mädel auf einer Party begegnet. Das ist für mich einfach zu gewollt. Und der Safe? Den schleppt man in der Zukunft immer mit sich rum? Echt?
Um es kurz zu machen- die Wut, die Verzweiflung, der Kampf um Selbstbestimmung und gegen den Verlust der Identität sind durchaus spannende Themen/Bereiche 😉, aber die Sprache hat mich gar nicht abgeholt.
Trotzdem: Der Titel ist sagenhaft, da gibt’s mal nix.
„Da war ich mit Heulen und Hoffen und Kotzen ganz gut ausgelastet.“

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Veröffentlicht am 22.09.2025

poetisch, überraschend, bedrückend

Blinde Geister
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Zu Beginn der Geschichte treffen wir auf Karl und Rita, Olivias Eltern, die in hohem Alter beide stürzen und nebeneinander auf dem Fußboden liegen, abwartend, was passieren wird.
Dann dreht sich aber ...

Zu Beginn der Geschichte treffen wir auf Karl und Rita, Olivias Eltern, die in hohem Alter beide stürzen und nebeneinander auf dem Fußboden liegen, abwartend, was passieren wird.
Dann dreht sich aber viel um Olivia, ihren Aufenthalt in der Psychiatrie, ihre Unfähigkeiten, Bindungen einzugehen, ihr Thema mit Nähe und Vertrauen, ihr Verhältnis zu ihrer Schwester und ihren Eltern und die Zeit mit ihren Eltern im Keller, den ihr Vater mit der Familie auch nach dem Krieg noch immer aufsucht.
Für mich las sich das Buch fast wie eine Sammlung von Kurzgeschichten und Fladhbacks, die miteinander verwoben sind. Ich hatte nach dem Lesen des Klappentexts erwartet, dass der Schwerpunkt mehr auf der Zeit im Keller liegt (die Auswirkungen schwingen ja auch immer mit), aber war dann doch überrascht, wie viele Themen der Roman zusätzlich bedient.
Manchmal fühlte sich der Text durchaus skurril an: Paul legt Brötchen aus der Tiefkühltruhe auf die Brust, die Oma bringt der Enkelin kranke Tiere, Olivia schneidet als Krankenschwester einem Patienten die KZ-Nummer aus dem Arm, ohne die Wunde zu nähen.
Was aber sichtbar wird, ist der Nachhall der Kriegszeit auf den Vater und der Nachhall seines Verhaltens auf seine Familie.
Ein durchaus poetisches Buch, mit dem ich aber – ich will ehrlich sein- über einige Passagen hinweg meine Schwierigkeiten hatte.
„„Bloß nich‘ allein liegen.“ Diese Worte habe ich behalten.“

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Fake Beerdigung als Geschäftsmodell?

Das glückliche Leben
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Éric, ein erfolgreicher Mitarbeiter bei Decathlon France, wird von einer alten Klassenkameradin (Amélie) kontaktiert und für einen regierungsnahen Job rekrutiert. Auf einer Geschäftsreise nach Seoul versäumt ...

Éric, ein erfolgreicher Mitarbeiter bei Decathlon France, wird von einer alten Klassenkameradin (Amélie) kontaktiert und für einen regierungsnahen Job rekrutiert. Auf einer Geschäftsreise nach Seoul versäumt Éric dann ein extrem wichtiges Meeting- aus Gründen. Amélie wartet umsonst.
Während Éric sich daraufhin neu sortiert und ein durchaus erfolgreich im Bereich der „Fake Beerdigungen“ durchstartet, verändert sich auch bei Amélie beruflich und privat einiges.

Was genau ist in Seoul passiert? Sehen sich die beiden wieder? Warum die Überschrift LYCORIS? Read it!

Ich mochte die wechselnden Erzählperspektiven sehr gerne. Weil immer eine Art Cliffhanger entsteht, hab ich das oft überaus witzige Buch auch in einem Schwups im Zug gelesen.

Érics Verhältnis zu seiner Mutter beschreibt @david.foenkinos ehrlich und unverblümt, auch mit einer gewissen realistischen Härte.

Aus dem Coaching ist mir das Verfassen einer Grabrede als Methode zur Bewusstmachung der eigenen Realität bekannt, aber Érics Business geht hier ja noch ein Stück weiter. Mich würde interessieren, inwiefern dieses Modell wirklich erfolgreich ist.

Ich mochte die Idee, dass sich viele Dinge fügen, wenn man ihnen Zeit und vor allem Beachtung schenkt.

Ob mir der Schluss gefällt, weiss ich noch nicht. Worauf ich aber hätte verzichten können, sind die Fußnoten mit Anmerkungen, die für mich irgendwie nicht zum Stil und dem Ton der Geschichte gepasst haben.

Obwohl ich viel (!) Tee über die Seiten 116/117 geschüttet habe, findet das Buch trotz Wasserschadens einen festen Platz in meinem Regal.
Leseempfehlung für alle, die Lust auf eine schwungvoll zu lesende Geschichte über Veränderungen im Leben haben.

Ihre Unterhaltungen glichen Gesprächen, die man mit einem Kundendienst führt, wenn man sich über ein defektes Gerät beschwert.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

tolles Portrait!

Die Raststätte
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Florian Werner hat mit „Die Raststätte. Eine Liebeserklärung“ ein Buch geschrieben, das einen Ort beleuchtet, der jährlich mehr Besucher zählt als der Kölner Dom.
Der Autor spricht in diesem bebilderten ...

Florian Werner hat mit „Die Raststätte. Eine Liebeserklärung“ ein Buch geschrieben, das einen Ort beleuchtet, der jährlich mehr Besucher zählt als der Kölner Dom.
Der Autor spricht in diesem bebilderten Erzählband mit sehr unterschiedlichen Menschen, denen er allen am selben Ort begegnet- der Autobahnraststätte.
In der Mitte des Büchleins finden sich Fotografien von Christian Werner, die die Atmosphäre an diesem so eigensinnigen Platz herrlich widerspiegeln.

Ich nehme dieses Buch immer wieder mal in die Hand, weil ich die Idee, sich mit den typisch deutschen Raststätten zu beschäftigen, einfach genial finde.
Im Vergleich zu französischen Raststätten, die ja oft unfassbar großzügig, grün und sauber sind, findet man hier schon öfter mal Exemplare, bei denen man sich gut überlegt, ob man noch länger verweilen möchte.
Ein super Buch, das irgendwie eine Mischung aus Sachbuch, Erfahrungsbericht und gut zu lesender, oft witziger Erzählung ist. Dazu noch tolle Fotos- eine absolute Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

viele Nebenpfade

Ungebetene Gäste
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Naomi lebt mit ihrem einjährigen Sohn Uri in Tel Aviv, als ein arabischer Handwerker den Balkon ihrer Wohnung repariert. In einem unachtsamen Moment wirft Uri einen Hammer hinunter, der einen Teenager ...


Naomi lebt mit ihrem einjährigen Sohn Uri in Tel Aviv, als ein arabischer Handwerker den Balkon ihrer Wohnung repariert. In einem unachtsamen Moment wirft Uri einen Hammer hinunter, der einen Teenager tödlich trifft – doch der Verdacht fällt sofort auf den Handwerker. Naomi kennt die Wahrheit, entscheidet sich aber zu schweigen,

auch wenn die Schuldgefühle immer drängender werden. Während des folgenden Prozesses flieht die Familie nach Lagos in Nigeria, doch die Vergangenheit lässt sie nicht los. Dort spitzen sich die Konflikte weiter zu: zwischen den Eltern, den unausgesprochenen Schuldfragen und den kulturellen Unterschieden – bis Naomis Mann Juval in der israelischen Community auf eine alte Jugendliebe trifft, die nun als Psychologin arbeitet.

Das Cover hat mich total neugierig gemacht – clean, modern, außergwöhnlich.
Der Einstieg ist richtig stark: eine Mutter in Tel Aviv, ein unbedachter Moment – und plötzlich eine Schuld, die alles überschattet. Wie sich daraus ein innerer Konflikt und gesellschaftlicher Druck entwickelt, fand ich spürbar und real. Die Entscheidung von Naomi, zu schweigen, obwohl sie die Wahrheit kennt, zieht sich wie ein dunkler Schatten durch die ganze Geschichte.
Der Ortswechsel nach Lagos bringt zwar frische Impulse, fühlte sich aber irgendwann fast zu viel des Guten an – viele neue Figuren, Verwicklungen und psychologische Nebenpfade.
Während ich das psychologische Drama und die kulturellen Themen spannend sind, habe ich mich stellenweise verloren gefühlt und konnte nicht so ganz erkennen, wo die Reise hingehen soll.
Insgesamt packend und tiefgründig, aber für meinen Geschmack gegen Ende etwas zu verzweigt. Trotzdem: Ein Roman, der definitiv zum Nachdenken anregt – über Schuld, Rassismus und die Macht unausgesprochener Wahrheiten.

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