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Veröffentlicht am 10.12.2019

Unverblümter Sprachstil skizziert Familienwahrheit

Kampfsterne
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Alexa Hennig von Lange berichtet in ihrem Roman von den alltäglichen Problemen dreier Paare und zugehörigen Kindern. Ulla und Rainer. Rita und Georg. Ella und Bernhard. Dabei werden die Herausforderungen ...

Alexa Hennig von Lange berichtet in ihrem Roman von den alltäglichen Problemen dreier Paare und zugehörigen Kindern. Ulla und Rainer. Rita und Georg. Ella und Bernhard. Dabei werden die Herausforderungen innerhalb der Ehe und Familie genauso thematisiert wie die Fronten, die innerhalb von Freundeskreisen entstehen können. Das Ganze ist zeitlich in die 80er Jahre eingebettet. Als Leser fragte ich mich die ganze Zeit, ob die Autorin aus der Sicht von Lexchen ihre eigene Geschichte erzählt oder wieviel von der Story tatsächlich autobiografisch ist.

Für die Geschichte selbst ist das Setting der 80er aus meiner Sicht nicht unbedingt ausschlaggebend. Die Kinder-hütende und vom Mann abhängige Ehefrau existiert heute noch ganz genauso, leider. Selbst wenn Frauen in Vollzeit arbeiten, ergibt sich doch bezogen auf die Rollenverteilung mehrheitlich ein klassisches Bild. Schön fand ich in diesem Rahmen die feinsinnig herausgearbeiteten Mechanismen, die gestresste Familien ereilen. Die Situation als sich ein Vater mit seinem Knäckebrot hinter einen Baum im Garten zurückzieht, um egoistisch einige ruhige Minuten für sich selbst herauszuschinden, kann bespielhaft verdeutlichen, was ich meine. Es schleicht sich ein innerer Rückzug ein, wo sich die Partner letztlich nicht mehr in gesundem Maße austauschen. Die Liebe bröckelt, droht verloren zu gehen.
Natürlich sind auch die Freundschaft belastende Elemente vorhanden. Neid und unerlaubte Gefühle wiegen hier für mich am schwersten.

Technisch gesehen besteht der Roman fast ausschließlich aus den Gedanken der einzelnen Charaktere. Die Beobachtungen der Nachbarschaft, die damit verbundenen Freuden, aber auch Ängste und Sorgen sind jeweils in der Ich-Perspektive notiert. Obwohl dies eigentlich die Figuren näher an den Leser heranrückt, fühlte ich mich nur zwei Charakteren richtig verbunden, Lexchen als wichtigste Figur des Romans und Johannes. Ihn mochte ich sogar noch ein bisschen mehr, zugegebenermaßen habe ich allerdings auch eine Schwäche für sensible Underdock-Typen. Zu den anderen Charakteren, insbesondere zu den Erwachsenen, empfand ich bis zum Schluss eine gewisse Distanz. Trotzdem hat mir der schnelle Wechsel zwischen den Figuren gut gefallen. Dadurch konnte ich in jeder Situation verschiedene Positionen einnehmen und die verschiedenen Sichtweisen kennen lernen. Wenn man das Ein oder Andere für sich selbst annimmt, regt der Roman auch ein wenig zur Selbstreflektion an. Sprachlich mag ich besonders die „bösen“ Gedanken mit der darin liegenden Ehrlichkeit. Auch in der besten Beziehung wird es Situationen geben wo sich mindestens ein Partner dusselig verhält. Dann darf man wenigstens: „Wie doof ist das denn?“ denken. Man muss es ja nicht jedes Mal aussprechen.

Insgesamt war Kampfsterne für mich unterhaltend und anregend, manchmal erschreckend und ernüchternd. Durch die Aufbereitung konnte ich mich ganz natürlich von der Geschichte mitreißen und mich darin treiben lassen. Eine lohnenswerte Leseerfahrung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.12.2019

Tolle Atmosphäre mit ein paar Längen

Das Geheimnis von Shadowbrook
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Bevor ich meine Bewertung des Romans präsentiere, möchte ich ein paar Worte über dieses wunderschöne und perfekt zum Roman passende Cover verlieren. Das Buch ist überwuchert von Blumenranken, deren Schönheit ...

Bevor ich meine Bewertung des Romans präsentiere, möchte ich ein paar Worte über dieses wunderschöne und perfekt zum Roman passende Cover verlieren. Das Buch ist überwuchert von Blumenranken, deren Schönheit charakteristisch für die Gärten von Shadowbrook, dem Anwesen in Gloucestershire sind, zu dem Clara Waterfield, unsere Pflanzen liebende Protagonistin gerufen wird, um ein Gewächshaus mit exotischen Pflanzen auszustatten. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um einen Papierumschlag handelt, könnte man von Weitem meinen, es handele sich um einen geblümten Leineneinband, herrlich. Geziert wird das Ganze von einem großen, goldenen, geschwungenen S, welches den Titel des Romans in sich trägt. Diese Parallele zu den Briefen und Nachrichten von Mr Fox, Clara’s Auftraggeber, hat mir sehr gut gefallen. Sie rundet den perfekten optischen Gesamteindruck des Romans ab.

Clara Waterfield führte bis zum Tod ihrer Mutter ein sehr einsames Leben ohne echte Kontakte zur Außenwelt. Diese nachvollziehbare, aber aus meiner Sicht übertriebene Vorsichtsmaßnahme sollte die Auswirkungen der schweren Glasknochenkrankheit im Rahmen halten. So fährt Clara erst als Erwachsene zum ersten Mal Bus und lernt sehr spät all die Dinge, die sie aus Büchern kennt, wahrlich zu begreifen. Ihre botanische Begabung führt sie über Kew Gardens in London nach Shadowbrook zu Mr Fox. Dabei wird Clara immer wieder von den mysteriösen Vorkommnissen auf Shadowbrook herausgefordert.

Zu Beginn des Romans war mir Clara viel zu weinerlich, zu jammerhaft, zu pessimistisch und trübselig. Obwohl ich Verständnis für ihr schweres Schicksal hatte, erschien sie mir unsympathisch, sehr Ich-bezogen. Erst als sie durch Besuche von Kew Gardens eine Aufgabe findet, fing ich an sie zu mögen. Es war, als wäre ihr Leben erstmals mit Lebensinhalt gefüllt. Als sie dann in Gloucestershire ankommt, um sich dem Gewächshausprojekt zu widmen, und sich ganz allein mit den Blicken und herablassenden Kommentaren der Dorfbewohner auseinandersetzen muss, kam ich ihr so nahe wie ich es gern mit den Protagonisten in Romane pflege. Von da an erkundet sie ihre eigene Persönlichkeit, findet sich selbst und ihren Platz in der Gesellschaft. Clara entdeckt sogar erste Ansätze von Zuneigung und Liebe zum anderen Geschlecht.

Susan Fletcher präsentiert mit Clara’s Geschichte einen Roman, der seine Leser auf die Probe stellt. Damit möchte ich gar nicht allzu große Kritik üben. Der Roman wartet mit der Entwicklungsgeschichte und Charakterausbildung einer jungen Frau auf. So gibt es wenig Geschwindigkeit in der eigentlichen Handlung. Ein paar Längen sind die Folge. Wenn man empfänglich dafür ist, lässt sich jede Menge Bewegung in Clara‘s Persönlichkeitsentfaltung beobachten. Ganz wunderbar ist dabei die Atmosphäre und die Zeichnung der Umgebung von Shadowbrook, die Susan Fletscher mit ihrer detailliert beschreibenden Sprache erzeugt. Die Wendung im Roman kam für mich ein wenig überraschend, passte trotzdem zur durchgehend ruhigen Erzählweise.

So war ich die ganze Lesezeit hin- und hergerissen zwischen langatmigen Kapiteln, die mich zugegebenermaßen zeitweise schon etwas nervten, dann jedoch wieder mit einer Zartheit oder Zärtlichkeit daherkamen, dass sie einfach nur schön waren, und meiner Neugier, wann nun endlich die Aufklärung der Mysterien beginnt. Meinen Frieden mit dem Roman konnte ich dann in letzten Drittel machen.

Meine Leseempfehlung schränke ich auf geduldige Leser, die auch ohne viel Action zufrieden sein können, ein.

Veröffentlicht am 18.11.2019

Emanzipation im Paris der 30er

Die Zeit des Lichts
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Whitney Scharer erzählt in ihrem Roman vom künstlerischen Leben im Paris der 30er Jahre. Sie berichtet zum einen von den Geldsorgen, die die Künstler seinerzeit plagten, gleichzeitig von ihrem aus heutiger ...

Whitney Scharer erzählt in ihrem Roman vom künstlerischen Leben im Paris der 30er Jahre. Sie berichtet zum einen von den Geldsorgen, die die Künstler seinerzeit plagten, gleichzeitig von ihrem aus heutiger Sicht verschwenderischen Lebensstil in Kaffeehäusern, Bistros, Bars und Theatern. Ihre Aufmerksamkeit gilt dabei hauptsächlich Elizabeth „Lee“ Miller, einer US-amerikanischen Fotografin, Fotojournalistin und surrealistischen Fotokünstlerin. Ihre Entwicklung vom Fotomodell zur Fotografin, sowie ihre gemeinsame Zeit mit Man Ray, stellen den Hauptanteil des Romans dar. Aus der Lifestyle-Perspektive heraus ergänzt der Roman sehr gut Agnès Poirier’s „An den Ufern der Seine“, betrachtet man das Frauenbild dieser Zeit, sehe ich Parallelen zu Pierre Lemaitre‘s „Die Farben des Feuers“.
Unterbrochen wird diese Haupthandlung von Einzelereignissen, die Lee Miller in ihrem späteren Leben als Kriegsfotografin porträtieren. In der ersten Buchhälfte habe ich diese Unterbrechungen als störend empfunden, da ich mich mehrfach orientieren musste, in welcher Zeitebene es nun weitergeht. Im Verlauf konnte ich mich daran gewöhnen. Trotzdem hat mir diese zeitlich spätere, unabhängig vom Hauptstrang erzählbare, aber im Stil einer Dokumentation immer wieder eingeschobene Geschichte nicht so gut gefallen. Die beiden Zeitebenen laufen weder aufeinander zu, noch gibt es einen deutlich genug ausgearbeiteten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen ihnen.
Wenn ich diesen einen Kritikpunkt ausblende, war die Lektüre über die mir bisher unbekannte Lee Miller sehr aufschlussreich und anregend. Der Roman hat mich zu weiterer Recherche animiert. Schön in diesem Zusammenhang ist, dass Whitney Scharer ihre Quellen in einem Literaturverzeichnis preisgibt, womit dem geneigten Leser weitere Vertiefungsmöglichkeiten eröffnet werden.
Fazit: Insgesamt ließ sich „Die Zeit des Lichts“ mit seiner schönen Sprache gut lesen. Besonders mochte ich die im Lesevergnügen automatisch erzeugte Horizonterweiterung, den Wissenszuwachs ohne Mühe. Um den Gesamtzusammenhang nicht aus den Augen zu verlieren, würde ich das Lesen in eher großen Abschnitten empfehlen.

Veröffentlicht am 03.11.2019

Emanzipation auf Jiddisch

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
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Motti Wolkenbruch ist ein junger Mann, der sich sein gesamtes Leben von seiner gluckenden mame hat bevormunden lassen. Durch Tradition und Glaube sind nicht nur Kleidungsstil und Ernährungsregeln für Motti ...

Motti Wolkenbruch ist ein junger Mann, der sich sein gesamtes Leben von seiner gluckenden mame hat bevormunden lassen. Durch Tradition und Glaube sind nicht nur Kleidungsstil und Ernährungsregeln für Motti festgelegt. Durch die Mutter scheint auch seine weitere Entwicklung streng nach Plan verlaufen zu sollen. Die vorgezeichnete Zukunft lässt sich bereits am schweigsamen tate ablesen, der sich andauernd hinter einer Zeitung versteckt. Als die mame nun Motti mit einem Ebenbild von sich selbst verheiraten möchte, entwickelt dieser Störgefühle.

So beginnt Motti sich von seiner mame, aber auch von seiner Kultur zu emanzipieren. Unkoscheres Essen gehört nun genauso zu ihm wie ein urbanes Outfit. Als Leser hat man den Eindruck, Motti mag all das besonders gern, was goisch ist. Vermutlich macht das Verbotene den Reiz aus. Mottis Entwicklungsprozess endet schließlich, wie es der Buchtitel verspricht.

Die aufbegehrenden Gedanken unseres Protagonisten und sein rebellisches Verhalten wirken auf mich wie eine verspätete Pubertät. Dadurch entsteht eine skurrile, ein Dauerschmunzeln verursachende Komödie. Durch den Gegenpol der übertriebenen strengen mame, die teilweise aus der Zeit gefallen scheint und in ihrer eigenen Erwartungshaltung längst nicht fehlerfrei ist, wird die Situationskomik auf die Spitze getrieben.

Gefallen hat mir zudem die von Thomas Meyer verwendete Sprache. Er spielt mit jüdischen und goischen Klischees, ist dabei niemals anmaßend oder unangenehm. Der Text ist gespickt mit ganz vielen jiddischen Worten. Aber keine Angst, wer ein bisschen Platt versteht kommt gut damit zurecht. Außerdem gibt es ein entsprechendes Glossar am Ende des Buches. Die drei Teile des Buches gliedern sich in kurze Kapitel mit witzigen Titeln. Die Titel lassen sich dann auch im Kapiteltext wiederfinden, was ich ziemlich charmant finde.

Eine erfrischende Lektüre, die ich gern weiterempfehle.

Veröffentlicht am 17.10.2019

Mir geht das Herz auf

Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough
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Jacominus Gainsborough, unser Protagonist, dessen Lebensgeschichte hier erzählt wird, ist ein Träumer. Er redet nicht viel, hängt eher seinen Gedanken nach. So werden beginnend mit Jacominus‘ Geburt einzelne ...

Jacominus Gainsborough, unser Protagonist, dessen Lebensgeschichte hier erzählt wird, ist ein Träumer. Er redet nicht viel, hängt eher seinen Gedanken nach. So werden beginnend mit Jacominus‘ Geburt einzelne Stationen seines Lebens thematisiert. Dabei wird über besonders herausfordernde Situationen, beispielsweise als er ein großes Schiff besteigt, und über Alltägliches wie das Herumtollen mit seinen Kindern berichtet. Bis auf eine Besonderheit, die Jacominus Gainsborough seit einem Unfall in seiner Kindheit prägt, führt er ein ganz normales, erfülltes Leben.

Dieses wunderschöne Buch ist aus meiner Sicht sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gemacht. Textpassagen wechseln sich mit doppelseitigen Bildgeschichten ab. Während Kinder innerhalb der wunderschönen, großformatigen Illustrationen auf Entdeckungsreise gehen können, lesen Erwachsene vielleicht intensiver diesen berührenden, philosophischen Text. Die Gesamtstimmung des Buches habe ich, als Erwachsene, ganz schön traurig und etwas trüb empfunden. Erst die „Lebensabrechnung“ hat mir die Augen für die positive Gesamtbilanz in Jacominus‘ Leben geöffnet. Diese Erkenntnis lässt mich nachdenklich auf mein eigenes Leben und meine Zufriedenheit damit blicken.

Sprachlich ist die Lektüre ein Hochgenuss. Neben dem hohen Niveau in Rébecca Dautremer’s Ausdrucksweise, hat mir auch der Wechsel ins Englische sehr gut gefallen. Das ganze Buch erhält dadurch einen noch edleren, fast schon königlichen Touch. Ich freue mich schon darauf, diese Stellen gemeinsam mit meinem 10 Jährigen Kind zu lesen.

Schön dürfte es auch sein mit kleineren Kindern, die im Text genannten Figuren auf den Bildern ausfindig zu machen. Dafür lassen sich die Zeichnungen auf den Vorsatzblättern prima nutzen, vorn für die jungen Charaktere, hinten für die Charaktere im Alter. Herausragend aus der Masse der bebilderten (Kinder-) Bücher ist die vielleicht etwas altmodisch erscheinende, weniger übertrieben bunte Art der Zeichnungen. Sie wirken dadurch natürlicher, ruhiger und sind damit auch thematisch optimal. Sie gehen mir so richtig ans Herz.

Insgesamt brillant, ein Kunstwerk sozusagen, ich kann es nur empfehlen.