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Veröffentlicht am 10.08.2024

Die Geschichte eines bewegten Lebens

Nur nachts ist es hell
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Das Cover zeigt ein Paar von hinten unter einem Regenschirm in nasskalter, nächtlicher Straßenszene. Diese wirkt gut beleuchtet, wie der Buchtitel – eher eine Metapher - suggeriert.
Der Stammbaum im ...

Das Cover zeigt ein Paar von hinten unter einem Regenschirm in nasskalter, nächtlicher Straßenszene. Diese wirkt gut beleuchtet, wie der Buchtitel – eher eine Metapher - suggeriert.
Der Stammbaum im Anhang stellt klar, wem die weibliche Hauptfigur ihre Lebensgeschichte beschreibt, eingebettet in geschichtlich wichtige Ereignisse ihrer Zeit. Leider sind ihre Rückblicke nicht chronologisch sortiert. Elisabeth Tichy, geb. Brugger, Ärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wien, erzählt ihrer Enkelin Christina Brugger nicht nur ausgiebig über ihre lebenslangen Geschwisterbeziehungen nicht nur in der dörflichen Hofmühle und über die einschneidenden Vorkommnisse zwischen zwei Weltkriegen mit ihr als Lazarett- bzw. Krankenschwester. Ihr Rückblick beginnt 1973, beschreibt eine Protestkundgebung in Sachen Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches in Österreich. Nicht nur dieses Thema, sondern die Gleichstellung der Frau überhaupt wie z.B. das Wahlrecht, Zulassung zum Medizinstudium etc. beschäftigt sie sehr. Weiterhin gibt es politische und medizin-historische Abschweifungen nicht nur Österreich betreffend, auch über rechtliche Fragen zu Schwangerschaftsabbruch und Abtreibungsmethoden.
Auch menschliche Grundsatzfragen werden angesprochen: Hat jeder die Verantwortung, etwas beizutragen, um Missstände in der Welt zu beseitigen? Oder sollte der Mensch nur auf sich selbst und auf seine unmittelbar Nächsten gut achten? Denn genauer betrachtet, wenn das jeder Einzelne verantwortungsvoll täte, gäbe es ja schon weniger Elend. Aber genug ist es vermutlich nicht. Wie weit erstreckt sich Verantwortung? Und was macht einen Menschen zu dem, was er ist? Was prägt ihn? Der Kopf und das Temperament.
Nicht nur durch den Tod ihres Ehemanns Georg erscheinen Elisabeth die Tage kurz, dunkel und trostlos. Nur nachts war es hell, und in diesen hellen Nächten sickerte allmählich ins Gedächtnis, dass der Krieg vorbei war.
Durch die ungeordneten Retrospektiven wirkt der Roman nicht wie eine abgerundete, harmonische Einheit, auch wenn einzelne Sequenzen sehr informativ sind. Alles wirkt eher wie ein Tagebuch, gefüllt mit unsortierten Erinnerungsfetzen aus einer sehr bewegten Zeit mit interessanten Charakteren.

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Veröffentlicht am 05.08.2024

Gerne mit Familienstammbaum zum besseren Verständnis

Wir sitzen im Dickicht und weinen
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Das Cover gefällt nicht nur in der warmen Farbgebung, sondern die breiten, gewundenen Pinselstränge könnten abstrakt die diversen Frauenbilder entlang dreier Generationen darstellen, die sich in der Gegenwart ...

Das Cover gefällt nicht nur in der warmen Farbgebung, sondern die breiten, gewundenen Pinselstränge könnten abstrakt die diversen Frauenbilder entlang dreier Generationen darstellen, die sich in der Gegenwart im unteren Coverbereich konzentrieren mit all ihren Verstrickungen. Die Mutter-Tochter-Dynamiken dreier Frauengenerationen mit Reflexionen zum 2. Weltkrieg, Judentum bis zur Gegenwart spielen in Österreich und der Schweiz. Thematisiert wird neben unglücklicher Mutterschaft und Kindheit auch das Loslassen des Nachwuchses, verbunden mit Kontrollverlust. Bei den zu kurzen familiären Rückblicken verliert man leicht den Überblick ohne einen Familienstammbaum, ohne Zeitangaben. Die Hauptfiguren Valerie und ihre Mutter Christine wirken neurotisch, emotional unausgeglichen, unsympathisch in ihren realistisch beschriebenen Dialogen. Die toxischen Strukturen zwischen den Frauenschicksalen hätten etwas mehr Tiefgang vertragen. Wie wichtig Kommunikation, Erziehung und Frausein neben der un-/gewollten Mutterschaft ist, zeigen diese drei sich überlappenden Frauengenerationen innerhalb eines Familienstammbaums.

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Veröffentlicht am 04.08.2024

Wissenschaftliche Ausführungen zum Aussterben von Tierarten romanhaft verquickt

Das Wesen des Lebens
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Obsessive Sammler (wie hier nach Eiern), rastlose Wissenschaftler wie z. B. der Naturforscher Georg Wilhelm Steller oder der Professor für Zoologie der Kaiserlichen Alexanders-Universität Alexander von ...

Obsessive Sammler (wie hier nach Eiern), rastlose Wissenschaftler wie z. B. der Naturforscher Georg Wilhelm Steller oder der Professor für Zoologie der Kaiserlichen Alexanders-Universität Alexander von Nordmann, geldgierige Jäger und begeisterte Naturschützer sind in diesem naturhistorisch aufgebauten über drei Jahrhunderte spannenden Roman verewigt.
Im ersten Teil geht es um die vom dänischen Kapitän Vitus Bering geleitete Zweite Kamtschatkaexpedition im Jahre 1741 und um die von Steller entdeckte Seekuh und ihre Mythen.
Der zweite Teil handelt von dem Gouverneur Alaskas Johan Hampus Furuhjelm, 1858 als Verwalter des märchenreichen Tierreichtums für die Russisch-Amerikanische Handelskompanie eingesetzt. Felle von Seeottern, Bibern, Robben und Füchsen, Stoßzähne von Walrossen bringen für ca. 50 Jahre bis zu ihrer Ausrottung im Norden reichlich Gewinne. Der Gouverneur schenkt von Nordmann ein vollständiges Skelett der bereits seit fast 100 Jahren ausgestorbenen Seekuh. Der Ruf von Gelehrten wird lauter hinsichtlich des hohen Artensterbens von Tierarten durch die Gier von Jägern.
Im dritten Teil spielt sich einiges in Helsinki um 1861 an der Kaiserlichen Alexanders-Universität, Anatomisches Institut um den Anatomieprofessor Bonsdorff und seine Skelettsammlung ab. Dort lehrt auch der mit ihm eng befreundete Alexander von Nordmann, Professor für Tier- und Pflanzenwissenschaften. Mit der Zeichnerin Fräulein Hilda Olson kategorisiert er zunächst die Spinnen Finnlands und mehr. Unter dem Mikroskop eröffnet sich das Wesen des Lebens auch zwischen zwei Glasplatten. In seinem Vortrag über die Seekuh stellt auch von Nordmann der finnischen Wissenschaftsgemeinde die Idee des vom Menschen verursachten Artensterbens vor.

Weiterhin geht es im Tierkundemuseum in Helsinki in den 1950er Jahren mit John Grönvall, Restaurator und Vogelschützer auf Aspskär, um ein außergewöhnlich schönes Ei des ausgestorbenen Riesenalks im Eiermuseum Oologicum R. Kreuger mit 50000 Schalen. Das Eiersammeln als Hobby wird schließlich in Finnland verboten. Grönvall erinnert die Wissenschaftler auch daran, die Natur nicht durch Projektionen, Phantasie bei Wissenslücken zu vervollständigen.

Im Naturhistorischen Museum von Helsinki endet 2023 der historische Exkurs über ausgestorbene Tierarten mit Gedankengängen zu deren Erbgut, eingepflanzt in Artverwandtes. Vielleicht ist dann unser Verlust gar nicht endgültig, vielleicht können wir die Fehler der Vergangenheit korrigieren und die Verluste durch Genmanipulation rückgängig machen. Aber selbst diese Auferstehung ist ein Kompromiss, nur ein Zeugnis der wissenschaftlichen Fähigkeiten des Menschen.
BOTSCHAFT: Was einmal tot war, bekommt man leider nicht wieder.
Interessanter Roman zum Nachdenken.

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Veröffentlicht am 03.08.2024

Persische Wurzeln von fünf Frauen und ihre Suche nach Identität

Die Perserinnen
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Töchter der hochgestellten iranischen Familie Valiat, Elisabeth mit ihren Töchtern Sima und Shirin sowie ihren Enkelinnen Bita und Niaz, stehen im Mittelpunkt, einst reich, einflussreich und wichtig unter ...

Töchter der hochgestellten iranischen Familie Valiat, Elisabeth mit ihren Töchtern Sima und Shirin sowie ihren Enkelinnen Bita und Niaz, stehen im Mittelpunkt, einst reich, einflussreich und wichtig unter dem Regime des Schahs. Seit 1979 aufgrund der Islamischen Revolution unter Khomeini leben alle Familienmitglieder außer Elisabeth und Niaz im amerikanischen Exil. In Rückblicken geht es um Elizabeths interessantes Leben im Iran, um einstige persische Kultur – leider nur angeritzt. Das gegenwärtige luxuriöse Leben in den USA beleuchten drei Frauen dieser Familie: die exaltierte Shirin, die eher ruhige Sima und deren lesbische, verarmte Tochter Bita. Auch Niaz, bei der Großmutter Elisabeth in Teheran aufgewachsen, kämpft mit Fragen, wer sie in Zukunft sein will mit ihren starken persischen Wurzeln. Geht es bei der verlogenen Elisabeth Valiat als Nachkomme einer mächtigen, uralten Dynastie noch um Tradition und Stolz, interessiert sich Shirin nur noch um Luxus und Belanglosigkeiten im interkulturellen, oberflächlichen Amerika. In der 3. Generation von Bita und Niaz erfolgt jedoch ein bewusstes Umdenken hinsichtlich ihrer eigentlichen Heimat. Die abwechselnd erzählte Familiengeschichte mit Zeitsprüngen und Ortswechseln ist oft verwirrend und bildet kein harmonisches Ganzes. Mehr Informationen über persische Kultur hätten gefallen. Der Kampf um Identität und Anerkennung im Exil, um das Mutter sein, wird nicht klar genug herausgestellt.

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Veröffentlicht am 01.08.2024

Reichlich viel Wut und Rachegefühle verleiht dem Opfer hier Flügel.

Yoko
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Die Farbgebung des Covers ist im Hintergrund in zart gehauchten blau-rosa Tönen gehalten, im schwarzen Buchtitel findet sich im Buchstaben O ein richtungsweisender Schuss. Autor und Genre sind in klarem ...

Die Farbgebung des Covers ist im Hintergrund in zart gehauchten blau-rosa Tönen gehalten, im schwarzen Buchtitel findet sich im Buchstaben O ein richtungsweisender Schuss. Autor und Genre sind in klarem 3d-Aufdruck gehalten – alles sehr geschmackvoll und ausdruckstark auch ohne die übliche Krimifarbe ROT. Im Mittelpunkt steht YOKO, eine junge Metzgerin und spätere Glückskeks-Herstellerin. Als kreativ, liebenswert und tatkräftig wird sie dargestellt, sich um den Vater treu sorgend. Ihre Freundin Marlen im Schrebergartenhaus wohnend, ihre spätere große Liebe, bildet neben dem jungen Türken Azad, dem Taxifahrer Yusuf und Vaters Freund, dem Polizisten, die sympathische, helfende Gruppe im Kontrast zur brutalen chinesischen Mafia. In diesem Spannungsfeld mit kreativen Dialogen, realistisch passend in der Wortwahl, erfolgt Yokos Wandel zur schonungslosen Mörderin. Die Bewältigung ihres Traumas ist glaubhaft beschrieben. Ihre Reaktionen darauf sind zwar etwas extrem und ungewöhnlich, schaffen jedoch einen kreativen Spannungsbogen mit Happy End.
Ein Lesegenuss

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