Ein schwer verdaulicher Roman!
Ein unheimlich guter MenschDie Szenerie spielt hauptsächlich in Boston. Die Ich-Erzählerin Lillian O’Malley sieht sich seit ihrer Kindheit als Außenseiterin. Sie wirkt aggressiv nicht nur in den sozialen Medien, destruktiv, sehr ...
Die Szenerie spielt hauptsächlich in Boston. Die Ich-Erzählerin Lillian O’Malley sieht sich seit ihrer Kindheit als Außenseiterin. Sie wirkt aggressiv nicht nur in den sozialen Medien, destruktiv, sehr Ich-bezogen. Mit 29 Jahren langjährig im Marketing arbeitend, erzählt sie zwischen ihrer Arbeitswelt und Privatsphäre wechselnd detailliert über ihr Sexleben, kinky und voller Spaß, teilweise im vulgären Schreibstil. Sexuell machen die Typen mit mir alles, was man sich nur vorstellen kann – aber sie binden sich nicht an mich.
Henry Davis, ihr Sexpartner, zeigt gewissen Rassismus und auch Gewalttätigkeit beim Sex, wie auch seine langjährige Freundin Nora bestätigt. Sich verantwortungsvoll und treu zu binden in einer Ehe, liegt ihm wohl nicht am Herzen, wie sich nach seinem Tod herausstellt.
Die dritte Figur Nora mit ihrem öffentlichen Profil schlachtet den Tod ihres Freundes medial aus und profitiert von den vielen neuen Followern. Die Trauer beider Frauen um Henry ist gekünstelt, beide erhoffen sich mehr Aufmerksamkeit in ihrer Ich-Bezogenheit. Lillians Rache- und Schuldgefühle rund um den ausgesprochenen Schadenzauber wirken kindisch, denn solche magischen Fähigkeiten gibt es nicht. Hier wirkt Lillian naiv und unrealistisch.
Gesellschaftskritisch werden die Beziehungen zwischen diesen Personen gesehen. Nora verkauft Henrys Tod und Lillians Sex-Beziehung, um Aufmerksamkeit zu bekommen, um die schlimmsten Traumata wie Trauer online zur Schau zu stellen, um sich als etwas Besonderes und weniger alleine zu fühlen. Und Lillian empfindet genauso. Die schrägen sozialen Verfehlungen aller Beteiligten mit angedeutetem Mobbing, unehrlichem bisexuellem Verhalten, Alkoholismus und so viel Selbstbezogenheit machen den Roman schwer verdaulich. Einige ehrliche Geständnisse der jungen Frauen sorgen für mehr Tiefe und scheinbarer Annäherung. Die Nebenfiguren wie die Therapeutin Dr. Cohen, der Anwalt Hector, die einzige Freundin Jamie oder auch Lillians Mutter erreichen keine befriedigende, vertrauliche Zusammenarbeit mit Lillian.
Eine gut charakterisierte Soziopatin!