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Veröffentlicht am 18.06.2024

Entführung aus dem Nobelinternat

Der rote Spatz
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Mit Kindern hat Wirtschaftsspionin Eliza Roth-Schild ja eher nicht so viel zu tun. Ihr neuester Auftragsgeber in Marcel Huwylers "Der rote Spatz", ein Rüstungsindustrieller mit Wohnsitz in Monaco, lässt ...

Mit Kindern hat Wirtschaftsspionin Eliza Roth-Schild ja eher nicht so viel zu tun. Ihr neuester Auftragsgeber in Marcel Huwylers "Der rote Spatz", ein Rüstungsindustrieller mit Wohnsitz in Monaco, lässt sie allerdings als angebliche Mutter auftreten, die Schweizer Nobelinternate unter die Lupe nimmt. Sein Sprössling, so ist er überzeugt, ist ein verweichlichtes Muttersöhnchen, der eine härtere Schule und Distanz zu der liebevollen Mama braucht.

Neue Rolle, aber was tut man nicht alles für Geld, zumal Elizas Taxifahrer als nobler Chauffeur seine Belle Epoque-Phantasien bei der Recherche ausleben kann. Der Auftrag hat allerdings ein Nachspiel, als der Knabe aus dem Internat verschwindet und eine Lösegeldforderung auftaucht. Da sich die Direktoren diverser Internate an die Frau erinnern, die kurz zuvor einen Platz suchte und deren Fahrer sich auf mancher Sicherheitskamera verdächtig herumtrieb, rückt ein Spezialkommando der Polizei an und unterbricht Elizas Schönheitsschlaf.

Das Missverständnis ist schnell geklärt, auch wenn Eliza Erfahrungen mit schwedischen Gardinen macht, auf den die Frau mit dem Hang zum diskreten Luxus auch hätte verzichten können. Nun soll sie, noch so eine ungewohnte Rolle, ihrem Auftraggeber auch im Entführungsfall beistehen. Ihr Mitbewohner Fabio ist unterdessen einem Familiengeheimnis auf der Spur.

In Huwylers Buch spielt weniger der Plot eine Rolle - ich hatte schon bald geahnt, in welche Richtung sich der Fall entwickelt, als die leicht exaltierten Figuren. Vor allem Elizas chauffierender Assistent ist liebenswert-schrullig mit seiner Begeisterung für Undercovermissionen und Verkleidungen. Aber auch Eliza Roth-Schild ist eine Ermittlerin, die sich von den klassischen Polizistinnen, Privatdetektivinnen und anderen weiblichen Ermittlerinnen unterscheidet. Ich habe dieses Duo beim Lesen ins Herz geschossen. "Der rote Spatz" ist eher unterhaltsam als spannend und für Freunde des Nervenkitzels vielleicht nicht ausreichend, wer aber Cozy in Verbindung mit Upper Class-Gesellschaft mag, ist hier gut bedient.

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Veröffentlicht am 17.06.2024

Von Orten der Flucht

Zeit der Zäune
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Dass die Schauspielerin Katja Riemann sich auch als Botschafterin für das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR engagiert, habe ich erst beim Lesen ihres Buchs "Zeit der Zäune" erfahren. Riemann hat für die Recherchen ...

Dass die Schauspielerin Katja Riemann sich auch als Botschafterin für das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR engagiert, habe ich erst beim Lesen ihres Buchs "Zeit der Zäune" erfahren. Riemann hat für die Recherchen Lager und Orte entlang der Balkanroute und am Mittelmeer, in Nordafrika und den berühmten Dschungel von Calais besucht. Herausgekommen ist ein sehr persönliches Buch, das Menschen und Schicksale vorstellt, durchaus Partei ergreift und weniger Analyse als subjektiver Blick ist. Riemann schreibt empathisch, teilweise regelrecht poetisch, ist mehr dem künstlerisch inspirierten storytelling als der klassischen Reportage zugeneigt, wenn sie Lesern berichtet, die in der Regel noch kein Flüchtlingslager von innen gesehen haben.

Es ist eine durchaus selektive Darstellung, denn Riemann stellt Menschen mit künstlerischen Ambitionen vor, Nichtregierungsorganisationen die, ich sag´s mal etwas boshaft, die schönen Dinge im Lager machen, wie Kunst, eine Filmschule in Moria auf Lesbos, Theater und Musik. Da sind Latrinenbau, Lagerlogistik und der administrative Kleinkram, um Tausenden Menschen innerhalb kurzer Zeit Unterkunft, Sanitär, Ernährung usw zu sichern, deutlich weniger sexy, aber letztlich unabkömmlich.

Ähnlich ist es mit der Befindlichkeit, wenn Riemann sich über Darstellungen von Flüchtlingslagern echauffiert, die aus Drohnenaufnahmen über weiße UNHCR-Zeltplanen bestehen und da auch gleich eine "von oben"-Haltung gegenüber den Geflüchteten versteht, die sie nicht als Personen wahrnimmt. Gewiss, das individuelle Schicksal berührt emotional. Aber wenn es darum geht, dass schiere Ausmaß einer Flüchtlingskrise zu zeigen, hat die Drohnenperspektive durchaus etwas für sich.

Riemann geht einerseits nah ran an die Menschen, von denen sie erzählt und deren Spuren sie folgt, streift aber andererseits die problematischeren Dinge nur an der Oberfläche, quasi im Nebensatz. Denn nur, weil sie geflüchtet sind, sind Flüchtlinge ja nicht automatisch die besseren Menschen und neben dem charismatischen und begabten jungen Filmemacher, dem sensiblen Musiker oder der empathischen jungen Lehrerin gibt es wie überall sonst Habgier und nicht ganz so ehrenwerte Motive, Konkurrenz um knappe Ressourcen oder auch kriminelle Energie. Das Geschäft mit den oft aussichtslosen Hoffnungen von Menschen, die sich auf den Weg nach Europa machen, bleibt ebenfalls weitgehend ausgeklammert.

Mit den sprachlichen Ausflügen ins "Denglisch" vermute ich mal, soll ein jüngeres Lesepublikum erreicht werden, im Kontrast zu dann wieder stark akademisch geprägten Sprache kam mir das zu sehr "gewollt" vor. "Zeit der Zäune" konzentriert sich auf die Lager und provisorischen Camps, die Flucht selbst, das Unterwegssein und Ankommen wird allenfalls gestreift. Insofern - ein wichtiges Buch als Plädoyer für Verständnis für Geflüchtete und um sie als Individuen und nicht als Statistik zu zeigen, das aber auch Lücken zur Gesamtthematik aufweist.


Veröffentlicht am 17.06.2024

Grab im Wald

Totholz
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Die eher unorthodoxen Ermittler des Polizeireviers Miesbach am Tegernsee waren mir lange unbekannt geblieben, aber als ich vor zwei Jahren erstmals auf Andreas Föhr und seine Romanbesatzung um Kommissar ...

Die eher unorthodoxen Ermittler des Polizeireviers Miesbach am Tegernsee waren mir lange unbekannt geblieben, aber als ich vor zwei Jahren erstmals auf Andreas Föhr und seine Romanbesatzung um Kommissar Clemens Wallner und den Leonhardt Kreuthner stieß, war mir klar: Davon will ich mehr lesen. Einiges habe ich mittlerweile nachgeholt und als der neue Band "Totholz" erschien, war ich natürlich sofort interessiert.

Auch mit dem mittlerweile elften Band nutzen sich die Miesbacher Ermittler nicht ab - und in der Hörbuchversion kommt mit Sprecher Michael Schwarzmaier der passende bayerische Zungenschlag dazu, der das Hörvergnügen gleich verstärkt.

Wenn ich von unorthodoxen Methoden schreibe, ist vor allem Leo Kreuthner gemeint, der als Jugendlicher von einer Karriere als Autoknacker träumte und auch heute seine besten Freunde im mehr oder weniger kriminellen Milieu hat. Abgesehen von Manfred Wallner, dem 94 Jahre alten Großvater der Kommissars, der vielleicht einen Rollator braucht, aber es an Unternehmungslust mit Jahrzehnte Jüngeren aufnehmen kann.

Mit den nicht ganz so legalen Aktivitäten Kreuthners als Schwarzbrenner beginnt auch "Totholz" - denn mit Pippa Trautmann hat sich plötzlich Konkurrenz breitgemacht. Eine Anzeige erübrigt sich aus naheliegenden Gründen, also schreitet Kreuthner zur Selbstjustiz, wobei eine Kanone aus dem 19. Jahrhundert und Manfred Wallner zu einem Auftakt mit Knalleffekt beitragen.

Tatsächlich landet Pippa dank der Bemühungen Kreuthners in Untersuchungshaft und schlägt einen Deal vor: Wenn sie auf freien Fuß gesetzt wird, will sie der Polizei den Ort zeigen, wo ein Jahr zuvor Unbekannte einen Mann im Wald vergruben. Denn da könne es ja wohl nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.

Als tatsächlich ein Toter gefunden wird, hat die Miesbacher Kripo alle Hände voll zu tun - wer ist der Mann, wer hat Interesse an seinem Tod, und was hat das alles mit den 200 000 Euro zu tun, an denen eine Reihe von Menschen Interesse hat? Nahe der Grabstelle gibt es zwei abgelegene Höfe, deren Bewohner sich im Gespräch mit der Polizei eher verschlossen zeigen. Dank Rückblenden ahnt der Leser früher als die Polizei: Hier hat fast jeder etwas zu verbergen.

Einmal mehr geht es in Miesbach drunter und drüber. Der sensible Wallner, dem immer kalt ist, macht sich Sorgen über falschen Umgang, den Opa Manfred pflegen könnte und der dem alten Mann gefährlich werden könnte. Tatsächlich ist Manfred Wallner kaum zu bremsen, als Kreuthner und seine kleinkriminellen Freunde gewissermaßen in Konkurrenz zur Polizei eigene Ermittlungen führen. Denn plötzlich ist Pippa verschwunden und angesichts der Vorgeschichte muss ja nicht alles über die offiziellen Dienstkanäle laufen...

"Totholz" sorgt sowohl für Spannung als auch für Unterhaltung angesichts der kauzigen Charaktere. Bleibt die Frage: Braucht Wallner auf ewig seine Daunenjacke, oder hält ihn endlich mal jemand warm?

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Veröffentlicht am 16.06.2024

Justizkrimi mit aktuellem Plot

Der 1. Patient
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Der nunmehr vierte Justizkrimi von Michael Tsokos (Rechtsmediziner) und Florian Schwiecker (Ex-Strafverteidiger) hat mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz in der Medizin einen aktuellen Aufhänger. Der ...

Der nunmehr vierte Justizkrimi von Michael Tsokos (Rechtsmediziner) und Florian Schwiecker (Ex-Strafverteidiger) hat mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz in der Medizin einen aktuellen Aufhänger. Der Berliner Rechtsanwalt Rocco Eberhardt vertritt in einem aufsehenserregenden Strafprozess eine Ärztin, deren Patient während einer Routineoperation an einem anaphylaktischen Schock starb. Die Staatsanwaltschaft wirft der Medizinerin fahrlässige Tötung vor, Tod aufgrund eines Behandlungsfehlers.

Das besondere an diesem Fall: Das Krankenhaus setzt bei der Erstellung von Operationsplänen auf ein KI-Programm, die Angeklagte selbst hat sich in Talkshows als Fürsprecherin für den KI-Einsatz in der Medizin hervorgetan. Hat letztlich die KI Schuld am Tod des Mannes und eine falsche Empfehlung abgegeben? Wieso ist die in der Anamnese bekanntgewordene Allergie des Patienten nicht berücksichtigt worden?

Der Fall erregt nicht nur öffentliche Aufmerksamkeit, sondern weckt auch den Erfolgshunger einer jungen Boulevardjournalistin, die die Chance sieht, sich einen Namen zu erschreiben und dabei auch die Wut und Verbitterung des 18-Jährigen Sohnes des toten Patienten ausnutzt.

Mit Hilfe eines ehemaligen Hacker-Mandanten findet Rocco Eberhardt zudem heraus: Krankenhausakten wurden manipuliert. Ist er einer Verschwörung auf der Spur? Rechtsmediziner Jarmer ist in diesem Fall nur am Rande beteiligt, macht aber schließlich eine Entdeckung, die dem Fall eine ganz neue Perspektive gibt.

Die Twists und turns dieses Justizkrimis überraschen, gleichzeitig wird der Ablauf des Strafprozesses glaubwürdig geschildert und die Atmosphäre eines "Sensationsprozesses" samt der sich dazu entwickelten Medienaufgeregtheit gut dargestellt. Am Ende habe ich über die Lösung des Falls, die ich so nicht kommen sah, gestaunt. Da freue ich mich doch schon jetzt auf den hoffentlich kommenden nächsten Fall.

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Veröffentlicht am 12.06.2024

Wer hat Hass auf Seenotretter?

Tödlich rauscht die Brandung
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Ben Kitto, der Protagonist von Kate Penroses Serie über einen Polizisten auf den Scilly-Inseln, ist eigentlich bereits gut ausgelastet - nicht nur durch den Polizistenjob. Seit ein paar Monaten sorgt Söhnchen ...

Ben Kitto, der Protagonist von Kate Penroses Serie über einen Polizisten auf den Scilly-Inseln, ist eigentlich bereits gut ausgelastet - nicht nur durch den Polizistenjob. Seit ein paar Monaten sorgt Söhnchen Noah für Trubel und kurze Nächte, die Hochzeitsvorbereitungen nähern sich dem Höhepunkt. Trotzdem findet Kitto noch Zeit, sich bei der Seenotrettung zu engagieren - vielleicht auch ein Stück Vergangenheitsbewältigung, schließlich ist sein Vater auf seinem Trawler im Sturm gesunken, als Kitto noch ein Kind war.

Doch ausgerechnet die Seenotretter scheinen im Visier eines Unbekannten zu sein. Nicht nur bekommen mehrere Mitglieder der Gruppe seltsame Botschaften mit Galgenmännchen und Shakespeare-Zitaten. Ein Mitglied, das erst wenige Monate zuvor mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet wurde und Heldenstatus genießt, ist erst verschwunden und wird Tage später tot gefunden. Dann wird eine weitere Retterin vermisst. Irgend jemand, so scheint es, hat einen gewaltigen Hass auf die Seenotretter.

Ein wegen Drogenhandels vorbestrafter junger Mann scheint vielen der naheliegende Verdächtige, doch auch eine Ex-Freundin Kittos könnte ein Motiv haben. Unter den schweigsamen Insulanern ist die Aufklärung nicht einfach, während Kittos Vorgesetzter Druck macht - nicht nur wegen der Ermittlungen. Dass sein halbes Team sich freiwillig bei der Seenotrettung engagiert und so nicht jederzeit kurzfristig für Einsätze zur Verfügung stehen konnte, gefällt ihm gar nicht.

Ein wichtiger Assistent ist auch in diesem Scilly-Roman Kittos ebenso eigenwilliger wie sympathischer Wolfshund Shadow. Wie bereits in den Vorgängerromanen werden die persönlichen Beziehungen und Probleme der Inselbewohner mit dem aktuellen Fall verwoben. Einmal mehr punktet das Buch mit der Beschreibung der rauen Schönheit der Inseln. Dass diesmal auch die wilde See noch mehr als in früheren Bänden eine Rolle spielt, versteht sich angesichts des Themas von selbst.

Auch mit dem mittlerweile 7. Band ist das Potential der Scilly-Serie nicht erschöpft. Wer vorangegangene Bände kennt, wird vertraute Inselbewohner aus Kittos Umfeld wiedertreffen. Es ist aber kein Problem, mit diesem Band einzusteigen. Einmal mehr solide Spannung mit glaubwürdigen, lebensnahen Figuren und schönen Naturschilderungen.

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