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Veröffentlicht am 18.03.2023

Liebe, Pflicht und Coming Out

Mr. Loverman
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Barrington, ein fescher Mittsiebiziger und vor Jahrzehnten von der Karibikinsel Antigua, nach Großbritannien eingewandert, hat bereits in der Jugend seine eine, große Liebe gefunden. Und es ist nicht ...

Barrington, ein fescher Mittsiebiziger und vor Jahrzehnten von der Karibikinsel Antigua, nach Großbritannien eingewandert, hat bereits in der Jugend seine eine, große Liebe gefunden. Und es ist nicht Carmel, mit der er seit über 50 Jahren verheiratet ist und mit der er zwei Töchter hat. Denn Morris, die große Konstante in seinem Leben, ist ein Mann - und die karibische Diaspora ist auch fern der Heimat ausgesprochen homophob.In ihrem Buch "Mr Loverman" beschreibt Bernardine Evaristo diese große, lebenslange Liebe, die ein halbes Jahrhundert lang und länger nur im Verborgenen stattfinden darf.

Barry ist nicht der Einzige, der unter der Situation leidet. Carmel, die sich als 16-jährige in Barry verliebte, hadert mit dem Ehemann, der sie, wie sie überzeugt ist, mit anderen Frauen betrügt. Dabei ist sie die erste und einzige Frau, mit der Barry jemals Sex hatte. Mit der Treue zu Morris hat er es trotz aller Liebe in jüngeren Jahren nicht zu genau genommen, zu sehr lockten die Möglichkeiten der Cruising im Park, bis er bei einer homophoben Attacke Angst bekam, sein Doppelleben könne auffliegen.

Es ist eine tragikomische, mitunter melancholische Liebesgeschichte voll großer Gefühle - positiven wie negativen - die Evaristo hier erzählt. So lange schon hofft Morris, dasss Barry sich endlich zu ihm bekennt. Morris´ eigene Ehefrau hat sich scheiden lassen und ist empört nach Antigua zurückgekehrt, als sie die beiden Männer einmal in flagranti überraschte. Die "Schande" empfand sie allerdigs als so groß, dass sie niemals den Grund für die Trennung bekannt gab.

Als Carmel zu ihrem im Sterben liegenden Vater nach Antigua reist, hofft Barry, nun sei vielleicht der Moment gekommen, sie um Scheidung zu bitten. Die beiden Töchter sind schließlich längst erwachsen. Dass er mit Carmel zusammen bleiben würde, bis die Töchter aus dem Haus wären, hatte für Barry stets festgestanden. Er wollte keiner jener abwesenden westindischen Väter sein.

Ohnehin geht Evaristo immer wieder auf die Probleme der karibischen Community ein - abwesende Väter, fehlende männliche Leitbilder, junge Männer, die in Kriminalität, Drogen und Gewalt abzurutschen drohen, aber auch politisch-feministisches Bewusstsein emanzipierter schwarzer Frauen und das Bemühen, nicht Teil der Negativ-Statistik zu werden.

Besser spät als nie? Barry muss sich Gedanken über ein Coming Out machen. Dabei sind nicht alle in seiner Umgebung so ahnungslos, wie er glaubt und hofft. Auch Carmels Sicht auf die verquere Familiensituation wird geschildert, und so bigott-fromm und monsterhaft sie auch von Barry gezeichnet wird, so wird doch deutlich, dass seine Lebenslüge auch sie um ein Leben brachte, das anders hätte verlaufen können. So manches Familiengeheimnis wird im Laufe dieses sowohl unterhaltsamen wie nachdenklichen Romans ans Licht gefördert. Die bei all ihren Fehlern liebenswert-charmanten Charaktere tragen dazu bei, dass man dieses Buch nicht aus der Hand legen will.

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Veröffentlicht am 14.03.2023

Tragödie voller Brachialgewalt

Das dritte Land
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Es gibt Bücher, die überraschen und ziehen ihre Leser von der ersten Seite an in einen Sog. "Das dritte Land" von Carina Sainz Borgo war für mich so ein Buch. Es kommt mit der Wucht einer griechischen ...

Es gibt Bücher, die überraschen und ziehen ihre Leser von der ersten Seite an in einen Sog. "Das dritte Land" von Carina Sainz Borgo war für mich so ein Buch. Es kommt mit der Wucht einer griechischen Tragödie, ist kraftvoll geschrieben, voller Härten und doch auch immer wieder poetisch und voll spröder Schönheit. Etwa wenn die Protagonistin und Ich-Erzählerin Angustias ihre erste Begegnung mit Visitacion hat, der Betreiberin eines illegalen Friedhofs im Niemandsland zwischen Großgrundbesitzer und Guerillagebiet irgendwo in Südamerika: Eine schwarze Madonna, die auf einer Schutthalde gelandet ist.

Es ist ein Leben voller Entbehrungen, Krankheiten, Gewalt und Tod, das hier geschildert wird: Angustias war mit ihrem Mann und den Zwillings-Babies unterwegs, in ein anderes Land, in eine bessere Zukunft. Doch als ihre Kinder sterben, sucht sie nach einem Stück Land, an dem sie sie begraben kann, und dort bleibt sie. "So war das Ende der Welt: Ein Haufen Staub aus den Knochen, die wir auf dem Weg zurückließen."

Das Land, um dass es geht, wird nie namentlich genannt, Parallelen zu Venezuela sind unübersehbar, doch der soziale und politische Sprengstoff zerreißt die Gesellschaft auch in anderen Ländern des Kontinents. Gewalt und Verrohung, Hoffnungslosigkeit prägen das Buch. Vollständig depremierend ist es dennoch nicht, denn die Stärke der Frauen, die hier trotz Demütigungen, Gewalterfahrungen und Angst versuchen, die Lebenden und die Toten zu schützen, ist wie ein kleines Flämmchen Hoffnung.

Für Happy Ends allerdings ist das Leben, wie Angustias und Visitacion es kennen, nicht gemacht. "Das dritte Land" zeigt die Stärke der Schwachen, die Beharrlichkeit derjeningen, denen ein eigener Platz, ein eigenes Leben, eine eigene Würde abgesprochen wird. Überlebenswille allein reicht nicht immer aus. Am Ende aber lässt die Autorin inmitten all der beschriebenen Hoffnungslosigkeit die zarte Perspektive einer Zukunft erkennen.

"Das dritte Land" ist ein Roman voller Brachialgewalt, ganz bestimmt keine leichte Kost - aber ein lohnenswertes, lesenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 12.03.2023

Apokalyptischer Roadtrip im Donbas

Internat
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Pascha, die Hauptfigur in Serhij Zhadans Buch "Das Internat", muss sich in einem unerklärten Krieg bewähren, doch von den Kriegshelden eines Ernest Hemingway könnte der Mittdreißiger aus dem ukrainischen ...

Pascha, die Hauptfigur in Serhij Zhadans Buch "Das Internat", muss sich in einem unerklärten Krieg bewähren, doch von den Kriegshelden eines Ernest Hemingway könnte der Mittdreißiger aus dem ukrainischen Donbas nicht weiter entfernt sein: Er ist Lehrer, gilt wegen eines Herzfehlers als Invalide, ost zudem stark kurzsichtig und hat eine Fehlbildung an den Fingern. Nicht die besten Voraussetzungen schon zu normalen Zeiten, doch nun ist es die Zeit nach 2014 und im Osten der Ukraine ist Krieg, ein Krieg, der freilich nicht erklärt wurde und der vor allem für die Menschen im Westen Europas erst acht Jahre später als real angesehen werden wird.

Kriegszeiten sind ungesunde Zeiten, vor allem für jemanden wie Pascha, der sich wegen seines Herzfehlers doch nicht aufregen soll. Und doch bricht er auf aus dem Haus seines Vaters, in dem er nach jeweils gescheiterten Ehen mit seiner Schwester lebt, um den 13-jährigen Neffen aus einem Internat am anderen Ende der Stadt nach Hause zu holen.

Es wird drei Tage dauern, einmal durch die Stadt und wieder zurück zu kommen, eine gefährliche, apokalyptische Reise an eisigen Januartagen, die Pascha verändern wird. Der eher passive, lebensferne Mann ist auf einmal gefordert, erlebt Gewalt, Tod, Verletzungen, Angst und die ewige Unischerheit an jedem Checkpoint, bei jeder Begegnung mit Bewaffneten: In welcher Sprache soll er sprechen, Russisch oder Ukrainisch? Es ist eine Entscheidung, von der womöglich das eigene Überleben abhängt.

Geradezu episch schildert Zhadan Bunkernächte und Militärtransporte, Krankenhäuser, die eher Schlachthäusern ähneln mit völlig übermüdeten Ärzten, die ohne Narkosemittel operieren müssen, von Sterbenden, die sich ans Leben klammern, von Geflüchteten, denen noch die letzten Habseligkeiten gestohlen werden. Das Telefonnetz bricht zusammen, Pascha irrt mit seinem Neffen durch die Apokalyps, auch die Beziehung der beiden erfährt eine entscheidende Veränderung angesichts der gemeinsamen Erlebnisse. Tote Hunde und verängstigte Tauben werden zu Metaphern der Schrecken des Krieges, der nicht nur auf die Menschen beschränkt ist.


In der Hörbuchfassung gibt Frank Arnold diesen Erlebnissen die passende Intonation, mal voller Härte, dann wieder zögerlich oder beinahe schon poetisch - ohne freilich dem Geschehen seinen Schrecken zu nehmen. Dass er als bester Interpret für den Deutschen Hörbuchpreis interpretiert worden ist als Sprecher dieses Hörbuchs, überrascht nicht angesichts der Bandbreite von Emotionen und Stimmungen.

Im vergangenen Jahr hat Serhij Zhadan den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Ein Pazifist ist der Autor, der seit 2014 über den Krieg in seiner Heimat schreibt, in seiner Heimatstadt Charkiv Lesungen in Bunkern und Schützengräben gehalten hat, nicht. Sein Buch aber ist ein großartiges Plädoyer für diejenigen, die Krieg und Gewalt ausgesetzt sind, mit einer bildhaften und ausdruckstarken Sprache. Mich hat "Internat" stark beeindruckt

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Veröffentlicht am 12.03.2023

Wenn die Wut größer ist als die Angst

»Unser Schwert ist Liebe«
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Es gibt Länder, die erstarrt scheinen in einem menschenfeindlichen System, in dem die Angst vor der eisernen Faust der Staatsmacht größer zu sein scheint als der Wunsch, etwas zu ändern. Länder, in denen ...

Es gibt Länder, die erstarrt scheinen in einem menschenfeindlichen System, in dem die Angst vor der eisernen Faust der Staatsmacht größer zu sein scheint als der Wunsch, etwas zu ändern. Länder, in denen die Aufrechten und Mutigen sich sehr einsam und allein fühlen müssen. Der Iran gehörte zweifellos dazu. Seit einige Monaten gibt es aber auch erstaunliche Bilder Mutes, gerade sehr junger Menschen: Mädchen, die als Zeichen des Protestes ihre langen Haare abschneiden, auf der Straße das Kopftuch schwenken, wie zum Hohn gegen die Sittenpolizei und die Mullahs: Seht her, wir haben keine Angst mehr für euch..

Wie hoch der Preis für diesen Mut sein kann, beweisen die Todesurteile gegen Demontrantinnen, die Berichte über Verhaftungen. Dass iranische Sicherheitsbehörden foltern, m fragwürdige Geständnisse zu erzielen, ist schon lange bekannt. Mit ihrem Buch "Unser Schwert ist Liebe" hat Gilda Sahebi die feministische Revolte im Iran beschrieben.

Die Ärztin und Journalistin ist nah dran an ihrem Thema: Sie ist selbst im Iran geboren, kam aber bereits mit drei Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Ihr letzter Besuch im Iran fand im Alter von 14 Jahren statt. Die Situation ihrer Angehörigen und die Lage im Iran kann sie nur aus der Entfernung verfolgen, über soziale Medien und Internet-Recherchen.

Sahebi ist nicht gleichgültig, wenn es um das Schicksal der Frauen im Iran geht, sie ergreift Partei. Das ist sowohl Stärke als auch Schwäche des Buches, denn sie kann sich darin nicht zwischen der Rolle der Aktivistin und der Journalistin entscheiden. Selbst einige der Kapitel in dem Buch sind Reden, die zuvor auf Demonstrationen gehalten wurden.

Für viele Leser
innen ist das Buch so vielleicht lesbarer, leidenschaftlicher, emotionaler. Als Dokument von Menschenrechtsverletzungen und Analyse der Protestbewegung im Iran verliert es allerdings an Glaubwürdigkeit, lässt mich fragen, wo die Recherche von der eigenen Gefühlslage ausgebremst worden sein mag.

Manche Wiederholungen im Text sind der Tatsache geschuldet, dass ältere Texte für das Buch recycelt wurden - sei´s drum. Besonders überzeugend ist das Buch dort, wo Sahebi und andere Exil-Iranerinnen ihren eigenen Blick aus der Ferne auf das Geschehen im Iran reflektieren, auf die Gleichgültigkeit, die sie in Deutschland oft erleben, wenn Gewalt und Menschenrechtsverletzungen der Mehrheitsgesellschaft sehr weit weg erscheinen.

Ich vermute, "Unser Schwert ist Liebe" wird vor allem von denjenigen gekauft, die sich für den Protest der Frauen im Iran, oder das Leben von Frauen in streng islamisch geprägten Gesellschaften interessieren. Von Jina Mahsa Amini, der jungen Kurdin, deren Tod - und die staatlichen Lügen über die Todesursache - die Proteste auslösten, haben diese Leser
innen wohl alle schon längst gehört, und auch der Ruf "Frau, Leben, Freiheit" ist ihnen nicht unbekannt. Beides mehrfach zu beschreiben, ist also eigentlich überflüssig.

Lieber hätte ich Antworten auf die Frage erhalten: Warum jetzt? Denn die Unzufriedenheit vor allem junger Menschen ist ja nicht neu. Selfies ohne Kopftuch gibt es seit Jahren. Es gab Protestbewegungen in der Vergangenheit, die aber nicht dieses Ausmaß erreichten. Was ist nun also anders?`Das Internet kann es nicht sein, das existiert ja schon seit geraumer Zeit, ebenso wie Vernetzung über soziale Medien. Hier hätte ich mir dann doch mehr journalistische Analyse und weniger aktivistische Betroffenheit gewünscht. Dennoch ein gut lesbares Buch, das auch den fast 500 bislang bekannten Todesopfern des Protests ein Denkmal setzt.

Veröffentlicht am 11.03.2023

Hilflose Helferin

Über den Fluss
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Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Das muss auch die Ich-Erzählerin in Theresa Pleitners Debütroman "Über den Fluss" erkennen, eine junge Psychologin, die direkt im Anschluss an ihr Studium ...

Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Das muss auch die Ich-Erzählerin in Theresa Pleitners Debütroman "Über den Fluss" erkennen, eine junge Psychologin, die direkt im Anschluss an ihr Studium ihre erste Beschäftigung in einer Unterkunft für Geflüchtete beginnt, mit großem Enthusiasmus.

Sie kommt mit Idealen - boshaft könnte man sagen, sie habe sich von Kindheit an auf eine Karriere als Gutmensch vorbereitet, spielte sie doch mit jenen, die irgendwie anders waren und auch im späteren Leben scheint sie Liebhaberinnen und Liebhaber nach dem Pronzip möglichst großer Diversität ausgesucht haben. Nun aber der Praxisschock - die erfahrene Kollegin erscheint ihr in abgestumpfter Routiniertheit erstarrt, zu wenig Widerstand entfaltend gegen die Strukturen, die Flüchtlinge letztlich vor allem verwalten.

Vor allem anfangs entsteht der Eindruck, die Erzählerin empfinde sich da als irgendwie besser, als eine, die Sand im Getriebe des Asylsystems sein will, die eher verächtlich den Hausmeister schildert, mit etwas mehr Sympathie die überwiegend migrantischen Sicherheitsleute.

Von "Gästen" wird im Lager gesprochen, das klingt netter. Doch auch hier gilt es Abschiebungen durchzusetzen. Ein Aufschub kann allerdings erreicht werden, wenn ein Gast als suizidgefährdet gilt. Im Fall von Herrn Rahim, einem jungen Syrer, engagiert sich die junge Psychologin besonders stark. Sie möchte helfen mit ihren Hinweisen, doch die Helferin muss ihre eigene Hilflosigkeit erkennen. Je weiter das Buch voranschreitet, desto klarer wird, dass es sich um eine Rechtfertigung handelt: Vor sich selbst, aber auch vor denen, die sie moralisch verurteilen könnten.

"Immer meinst du, dass du es besser weißt, willst die Gute sein, aber so funktioniert das nicht an einem Ort wie hier, an dem alle kurz vorm Durchdrehen sind", wirft ihr die Kollegin am Ende vor.

Die Autorin hat selbst als Psychologin in einer Flüchtlingsunterkunft geabeitet - und tatsächlich sind in diesem Buch die Passagen besonders gelungen, in denen das enge Aufeinanderleben von Menschen verschiedener Spracheu und Kulturen mit all ihren bereits vorhandenen Problemen auf engem Raum bechrieben wird. Aber auch die Bürokratie, die Menschen zu Fällen macht - ob sie nun Gäste genannt werden oder nicht - wird eindrücklich beleuchtet, wie auch das Dilemma, das das für jene mit sich bringt, die doch eigentlich nur helfen wollen.

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