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Veröffentlicht am 01.10.2022

Mythos Mogadischu

GSG 9 – Terror im Visier
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Am Anfang stand das tragische Disaster der Geiselnahme israelischer Sportler während der Olympischen Spiele in München samt gescheiterter Befreiungsmission. In diesem Jahr wird nicht nur an die Opfer des ...

Am Anfang stand das tragische Disaster der Geiselnahme israelischer Sportler während der Olympischen Spiele in München samt gescheiterter Befreiungsmission. In diesem Jahr wird nicht nur an die Opfer des Terroranschlags vor 50 Jahren erinnert, es war auch, weit weniger öffentlich, die Geburtsstunde der GSG 9, die nach der Erkenntnis aufgebaut war, dass die deutsche Polizei mit einem Terroranschlag wie in München offenbar hoffnungslos überfordert war.

Der breiten Öffentlichkeit wurde die Spezialeinheit des damaligen Bundesgrenzschutz, die heute zur Bundespolizei gehört, wenige Jahre später im deutschen Herbst ein Begriff: Die Befreiung der Geiseln aus der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Flughafen Mogadischu wurde zum Mythos: Die Männer der GSG 9 waren die Helden in einem Drama, an dessen glücklichen Ausgang keiner mehr zu hoffen wagte - und den es für den von einem RAF-Kommando entführten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer dann auch nicht mehr gab.

Der ARD-Journalist Michael Götschenberg hat für sein Buch "GSG 9 - Terror im Visier" mit Beteiligten an der damaligen Befreiungsaktion gesprochen, mit heutigen Kommandeuren und Mitgliedern der Einheit, die allesamt wie üblich anonym bleiben und nur mit ihrem Spitznamen zitiert werden. Als Experte zum Thema Sicherheit ist er schon lange dran an den Spezialeinheiten und das merkt man - im Guten und im weniger Guten.

Es gibt im Journalismus ja oft diese Abwägung - wie viel Nähe, wie viel Distanz zum Thema und den Akteuren der Recherche? Wie Vertrauen schaffen, ohen Komplize, Ally, Partei zu werden? Nähe kann Zugang schaffen, aber auch den eigenen Blick trüben. Das sorgt in diesem Buch für Licht und Schatten. Ja, Götschenberg kommt an Gesprächspartner heran, die den Kontakt mit Journalisten sonst tunlichst meiden, den Medien gegenüber eher misstrauisch sind. Er erfährt von denen, die dabei waren, wie es war in Mogadischu, in Bad Kleinen, bei den Vorbereitungen auf die dann in letzter Minute abgeblasene Befreiungsaktion des von somalischen Piraten gekaperten Schiffs "Hansa Stavanger". Das ist natürlich eine spannende Lektüre, gerade weil die Menschen hinter der Funktion sichtbar werden, ihre Meinungen und Motivationen.

Klar ist aber auch schon aufgrund der Schreibweise, dass hier einer ziemlich persönlich angetan ist von der GSG 9 und ihren Mitgliedern. Da werden die Korridore der Einheit zur "große Jungs WG", da wird die Faszination an dem schweren Gerät, den Waffen, den körperlichen Höchstleistungen deutlich spürbar. Da wird auch an mancher Stelle zu wenig hinterfragt - dass es bis heute keine Frauen gibt, wird mit Blick auf die unterschiedliche Physis erklärt, nur kurz heißt es mal, es handele sich überwiegend um eine Gruppe weißer Männer.Selbst dort, wo im Zusammenhang mit Extremismusverdacht in anderen Polizeieinheiten und dem Toten- und Elitekult im Zusammenhang mit dem Frankfurter SEK die Rede ist, gibt es keinen verschärften Blick auf die GSG 9 - obwohl bei den Beschreibungen des Standorts ebenfalls von Gedenkwänden mit Bildern der im Einsatz um Leben gekommenen Beamten die Rede war.

Das sind für mich die Schwachstellen des sicherlich sehr langwierig und aufwändig recherchierten Buchs. Auch wirkt der Aufriss der Herausforderungen beim Thema innere Sicherheit und die notwendige Werte- und Führungsdiskussion angesichts der diversen Polizeiskandale etwas aufgepfropft, als häten nur noch Buchseiten gefüllt werden müssen.

Veröffentlicht am 28.09.2022

TRauma und Familie

Die Stimme
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Eine Familie und die großen Tragödien, die auch den Alltag und das persönliche Leben beeinflussen, ererbtes und eigenes Trauma das sich durch die Familiengeschichte zieht - in ihrem Roman "Die Stimme" ...

Eine Familie und die großen Tragödien, die auch den Alltag und das persönliche Leben beeinflussen, ererbtes und eigenes Trauma das sich durch die Familiengeschichte zieht - in ihrem Roman "Die Stimme" verbindet die niederländische Autorin Jessica Durlacher die Geschichte einer Familie mit Reflektionen über Gewalt, Terror und das Leben in Angst.

Das beginnt schon am vermeintlich schönsten Tag der Ich-Erzählerin Zelda: Ihr Lebensgefährte Bor, mit dem sie bereits zwei Kinder hat, will sie endlich heiraten und hat bei einem New York-Besuch dafür den Besuch bei einem Rabbi organisiert. Beim Empfang auf der Dachterrasse in Manhattan ist ein Kind plötzlich abgelenkt - etwas steckt in einem Wolkenkratzer, könnte das ein Flugzeug sein? Statt Hochzeitsfeier beginnt die panische Flucht durch Staub ud Trümmerteile. Der 11. September ist der Tag, an dem selbst für die Kleinen ein Stück Kindheit endet.

Jahre später erlebt Zelda mit ihrer Tochter und der Familie des ältesten Sohnes aus ihrer ersten Beziehung in ihrer Wohnung in Tel Aviv die Vereidigung der neuen US-Präsidentin mit, als sie unter den Gästen ein Gesicht sieht, das zu ihrer Vergangenheit in den Niederlanden gehört - und während ihre Erinnerungen einsetzen, erfahren auch die Leser, worum es eigentlich geht in der Geschichte.

Denn nachdem das polnische Au-Pair-Mädchen in die Heimat zurückgekehrt ist, muss sich die Psychologin Zelda auf einmal wesentlich stärker als bisher mit ihrer Mutterrolle auseinandersetzen, Elterntaxi spielen, die Kinder betreuen und sie stellt fest: Bei aller Liebe zu ihren Kindern ist das nicht wirklich ihr Ding. Ehemann Bor ist als Anwalt mit politischen Ambitionen ständig bei der Arbeit und deshaln keine Hilfe. Zeit für eine neue Nanny.

Hier kommt Amal ins Spiel, eine junge, aus Somalia geflohene Frau, die stets lange, verhüllende Gewänder und ein Kopftuch trägt, aber auch ein beträchtliches Charisma hat. Mit dem zehnjährigen hochbegabten Sam teilt Amal Liebe zur Musik. Als Zelda Sam von der Musikschule abholen will, erlebt sie eine Spontanaufführung der beidenund bemerkt Amals Talent und Ausstrahlung. Die Familie meldet Amal beim TV-Wettbewerb "Die Stimme" an und dabei überzeugt Amal nicht nur mit ihrem Auftritt, sondern entscheidet sich zu einer dramatischen Geste, als sie sich das Kopftuch abreißt und ihre Stimme gegen die Unterdrückung von Frauen in ihrer Heimat erhebt.

Danach ist nichts mehr wie vorher: Es gibt Todesdrohungen gegen Amal, sie muss sich verstecken. Trotz aller Angst um ihre Kinder bieten Zelda und Amal ihr an, in ihrem Gartenhäuschen unterzukommen. Hatten sie anfangs noch gezaudert, ausgerechnet ein muslimisches Kindermädchen anzustellen, ist es für das Paar, beide Kinder von Holocaustüberlebenden, quasi eine Chance, die eigene Familiengeschichte zu durchbrechen: Nun sind sie es, die Schutz anbieten können und nicht auf Schutz angewiesen sind. Nach einer Kindheit, die sie damit verbrachte, ihren Vater nie zu enttäuschen und eine perfekte Tochter zu sein, weil er so viele seiner Angehörigen verloren hatte, in der sie nicht wagte, Fragen zu stellen, kann sie nun der schutzbedürftigen Amal Fragen stellen. Doch was bedeutet das Engagement für die Sicherheit ihrer Kinder, das Leben der Familie?

Durlacher zeichnet Zeldas Dilemma wie mit feinen Strichen, führt ihre Leser durch Zeitsprünge und Überlegungen, vermeidet dabei Schwarz-Weiß-Bilder oder Glorifizierungen. Zugleich liegt beim Lesen immer auch die Ahnung einer Tragödie zwischen den Seiten. Wie die Autorin ohne Brachialbeschreibungen Spannung schürt, neugierig macht und Zeldas Zweifel und Hoffnungen schildert, das macht "Die Stimme" zu einem wunderbaren Leseerlebnis.

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Veröffentlicht am 25.09.2022

Vikki Viktoria ermittelt in eigener Sache

Grüße aus Bad Seltsham
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Plapperlaunig, offenherzig und gerne mal die politische Korrektheit an deibi soan lassen - so haben die Leser*innen von Gloria Grays erstem Band "Zurück nach Übertreibling" die Münchner Transfrau Vikki ...

Plapperlaunig, offenherzig und gerne mal die politische Korrektheit an deibi soan lassen - so haben die Leser*innen von Gloria Grays erstem Band "Zurück nach Übertreibling" die Münchner Transfrau Vikki Victoria kennengelernt, Mit "Grüße aus Bad Seltsham" emittelt die Ich-Erzählerin nun wieder als Hobbydetektivon in eigener Sache, wie immer unterstützt von ihrer Freundin Kati, einer jugendlichen Influencerin und ihrem Ex und besten Freund Wolf, beleseber Antiquitätenhändler und Chef der bayrischen Bikergang "Switch Blades".

Bad Seltsham vor den Toren Münchens ist der Sitz eines Shopping Senders, in dem Vikki seit einiger Zeit arbeitet. Der Finanzier und Chef des Senders, ein Schweizer Millionär, schreibt dem Prduktionsleiter eine WhatsApp, als er Vikki erstmals auf dem Bildschirm siehr: Grandiose Brüste. Ist das jetzt unserer Quotentranse? Gar nicht politisch korrekt. Und als Vikkis Chef Olaf die private Nachricht öffentlich macht, bricht ein Shitstorm los, der auch Vikki erfasst. Vor allem, weil sie sich so gar nicht als Opfer abstempeln lassen will und stattdessen kritisiert, dass eine private Nachricht, wie unpassend auch immer, in die Öffentlichkeit getragen wird. Da bekommt dann auch Vikki so einiges an digitalem Hass zu spüren.

Es wird nicht besser, als Olaf tot mit einem Schraubenzieher im Hals endet und ausgerechnet Vikki die Leiche fndet. Plötzlich gehört sie zum Kreis der Verdächtigen, hatte sie doch durchaus ein Motiv. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo der Polizist ihres Herzens in Australien weilt. Aber zum Glück setzten Wolf und Kati ihre jeweiligen Fähigkeiten ein, um Vikki zu unterstützen, während Mindy, ebenfalls Shopping-Moderatorin und eine alte Bekannte aus Münchner Clubzeiten, Vikki plötzlich sehr rabiat attackiert. Und welche Interessen verfolgt der Rotlichtkönig "Dampfhammer" Erwin, der Vikki ebenfalls Druck macht?

"Grüße aus Bad Seltsham" ist eneut überdreht, witzig und unterhaltsam, allerdings nur mäßig spannend. Irgendwie hat mir der Vorgängerband besser gefallen. Hier dauert es eine Weile, bis die Handlung auf Touren kommt. Vikki mit ihrem lauten Nachdenken und ihrem Plauderton ist einmal mehr eine charmante Erzählerin, die Switch Bladers kommen ein wenig spät ins Spiel, um für Action zu sorgen und auch die Beziehung zu dem Polizisten Pascal bleibt diesmal ziemlich blass. Doch, es hat schon was, aber ich hoffe, dass Gloria Gray beim nächsten Mal ein bißchen mehr und früher Gas gibt.

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Veröffentlicht am 23.09.2022

Achtsame Zeitreise in die 1980-er

Achtsam morden im Hier und Jetzt
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Drei Romane lang konnten die Leser von Karsten Dusses achtsam-humorigen Kriminal den Weg des vor einem Burnout stehenden Anwalts Björn Diemel auf seiner Sinn- und Lebenskrise verfolgen. Wie viele Alphamännchen ...

Drei Romane lang konnten die Leser von Karsten Dusses achtsam-humorigen Kriminal den Weg des vor einem Burnout stehenden Anwalts Björn Diemel auf seiner Sinn- und Lebenskrise verfolgen. Wie viele Alphamännchen hatte sich Diemel wenig Gedanken über Achtsamkeit, Meditation oder sein inneres Kind gemacht. Bis ihm Joschka Breitner, Achtsamkeitscoach für gestresste Manager, den Weg zur Selbsterkenntnis wies. Dass ein paar Leichen Diemels Weg säumten und er sich an der Spitze von gleich zwei kriminellen Gruppen wiederfand war gewissermaßen Kollateralschaden.

Achtsam Morden war ein Angriff auf die Lachmuskeln und auch die Folgebände waren durchaus vergnüglich zu lesen. Allerdings haben Romanserien das Problem, dass irgendwann auch mal alle Varianten ausgereizt sind. Folgerichtig geht es in "Achtsam morden im Hier und Jetzt" ganz besonders um Joschka Breitner, genauer, wie er zu dem Achtsamkeitscoach wurde, der er heute ist. Dabei schickt Dusse seine Leser auf eine Zeitreise in die 1980-er Jahre.

Denn Anwalt Diemel findet bei einem seiner Coaching-Termine seinen Therapeuten überl zugerichtet auf. Wer immer dem Coach schlecht gesonnen war, hatte es auf ein Buch abgesehen - so viel erfährt Diemel noch, ehe Breitner in Ohnmacht fällt. Klar, dass Diemel nicht untätig bleiben kann. Er findet denn auch Breitners Tagebuch aus den frühen 1980-er Jahren, in denen dieser seinen Ausbruch aus den bürgerlichen Erwartungen und dem Leistungsdruck zum Bhagwan nach Indien beschreibt. Das Leben im Ashram war die eigentliche Geburt des Joschka Breitner, so wie die Leser der drei vorangegangenen Romane ihn kennen.

Aber auch hier zeigt sich, es kann der Beste nicht achtsam leben, wenn es einem materialistisch-rabiaten Nachbarn nocht gefällt. Oder wenn Geschäftemacherei und Profitdenken den Traum vom besitzlosen aber glücklichen neuen Menschen im Ashram zunichte macht. Beim Versuch, ein übles Komplott aufzudecken, gerät Breitner in große Gefahr und handelt auf eine Art und Weise, die eigentlich seinem Wesen völlig widerspricht. Sein Leben und seine Arbeit als Achtsamkeitscoach sind nach dem Lesen des Buchs jedenfalls in einem ganz neuen Licht zu lesen.

Wer sich noch an die "Bhaggy"-Diskos mit den Sanyassin erinnerte (ganz zu schweigen von elterlichen Ängsten, die Kids könnten dort in die Fänge einer Sekte geraten) dürfte beim Lesen öfters scmunzeln. Und unterhaltsam ganz in der bewährten Art der Vorgänger ist auch dieses Buch. Trotzdem gefällt es mir nicht ganz so gut wie seine Vorgänger, auch wenn der achtsam-ironische Stil Dusses auch hier wieder überzeugt. Das liegt zum einen daran, dass die liebgewonnenen Nebenfiguren aus der Welt des organisierten Verbrechens diesmal kaum eine Rolle spielen. Zum anderen merkt man dem Buch die Schwierigkeiten an, etwas Neues schaffen zu müssen ohne die Gefahr einer Wiederholung. Für Fans dennoch ein Muss.

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Veröffentlicht am 22.09.2022

Eine Verwandlung und ihre Folgen

Der letzte weiße Mann
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Der Anfang von Mohsin Hamids neuestem Roman "Der letzte weiße Mann" erinnert an Kafka: Der Protagonist, Anders, wacht eines Morgens auf und findet sich verwandelt. Es ist nicht die allmähliche Metamorphose ...

Der Anfang von Mohsin Hamids neuestem Roman "Der letzte weiße Mann" erinnert an Kafka: Der Protagonist, Anders, wacht eines Morgens auf und findet sich verwandelt. Es ist nicht die allmähliche Metamorphose in ein Insekt, doch das Erlebnis ist nicht weniger einschneidend: Denn Anders ist auf einmal dunkelhäutig. Nicht nur er hat Schwierigkeiten, sich in seinem Spiegelbild zu erkennen. Nachbarn, Kollegen, sein Chef erleben ihn als einen anderen, einen Fremden.

Anders bekommt den unterschwelligen wie auch den offenen Rassismus zu spüren, merkt, wie er selber sich anders verhält, vorsichtiger wird - etwa wenn ihm eine Gruppe weißer Männer entgegenkommt. An seinem Arbeitsplatz, einem Fitnessstudio, scheuen die Kunden plötzlich den unmittelbaren Kontakt. "Wenn mir das passiert wäre, würde ich mich umbringen", sagt Anders´Chef. Famous last words. Denn Anders ist nicht der einzige, der sich verwandelt. Immer mehr vormals Weiße haben plötzlich eine tiefbraune Hautfarbe.

Ändert sich die Identität, wenn sich das Aussehen ändert? Das ist eine Frage, die sich wie ein roter Faden durch den mit 160 Seiten eher kompakten Roman zieht. Auf jeden Fall ändern sich die Reaktion und das gesellschaftliche Klima. Es kommt zu Aggressionen, bewaffnete Männer, darunter wohl auch ehemalige Nachbarn, vertreiben auch Anders aus seinem Haus. Er flieht zu seinem Vater, einem kranken und einsilbigen Mann, der das alles zwar nicht versteht, aber zu Anders steht. In der doppelten Krise - Anders´Verwandlung und der körperliche Verfall des Vaters - finden die beiden zu einer Nähe, die sie viele Jahre nicht hatten.

Zu den wenigen, die den verwandelten Anders interessanter finden als vorher, gehört die Yoga-Lehrerin Oona, die mit ihm auf der High School war. Ihre Mutter hängt hingegen Verschwörungstheorien an und idealisiert das Weißsein - mich erinnert sie an die Anhänger von Donald Trump in den "redneck"-Regionen.

Die Jagd auch Dunkelhäutige wird obsolet, als die Verwandlungen die Mehrheitsverhältnisse umkehren - plötzlich ist fast jeder dunkel. Anders´Vater stirbt als "der letzte weiße Mann". Und doch bleiben die Menschen gespalten in diejenigen, die sich an ihr Weißsein erinnern, teils sehnsüchtig der nächsten Generation davon erzählen, und denen, die ihr Leben lang die Erfahrung gemacht haben, schon allein äußerlich einer Minderheit anzugehören.

"Der letzte weiße Mann" lässt über Identitäten nachdenken, hat stellenweise einen surrealen Humor und stellt Gewissheiten in Frage. Trotzdem hat mich das Buch nicht so stark beeindruckt wie sein Vorgänger "Exit West". Empfehlenswert in einer Zeit, in der Diversität und Identität einen viel höheren Stellenwert bekommen, ist es dennoch.

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