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Veröffentlicht am 11.04.2021

Detroit Noir

Der gekaufte Tod
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Mit seinem Buch "Der gekaufte Tod" hat Stephen Mack Jones für mich einen Krimi mit Wow-Effekt geschrieben: Tough und hart, doch zugleich mit Wärme und Menschlichkeit, mit einem interessanten Protagonisten ...

Mit seinem Buch "Der gekaufte Tod" hat Stephen Mack Jones für mich einen Krimi mit Wow-Effekt geschrieben: Tough und hart, doch zugleich mit Wärme und Menschlichkeit, mit einem interessanten Protagonisten und einem Plot, in dem es um Korruption, Machtmissbrauch und den drohenden Untergang einer Stadt geht, ohne zu beschönigen oder zu resignieren. Geschrieben in einem lakonischen Stil, der manchmal von düsterer Poesie durchsetzt ist, ein Krimi Noir, der Schablonen vermeidet und atmosphärisch dicht ist, dazu spannend bis zum Schluss.

In einer Stadt, aus der die wohlhabenden Weißen fliehen und in der sich die Latinos und die Afroamerikaner nicht gegenseitig über den Weg trauen, ist August Octavio Snow ungewöhnlich: Die Mutter stammte aus Mexiko, der Vater ein schwarzer Cop, der aus dem tiefsten Süden stammte und sich den Respekt der Nachbarn in Mexicantown erwarb.

Auch August wurde nach seinem Dienst bei den Marines in Afghanistan Polizist, doch das ist Vergangenheit. Nach seiner Klage gegen seine Entlassung - er ermittelte gegen korrupte Kollegen bei der Polizei und in der Politik - ist er zwölf Millionen Dollar reicher und kehrt nach einem Jahr auf Reisen zurück in seine Geburtsstadt und nach Mexicantown in das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Inzwischen hat er hier nur noch die Gräber seiner Eltern.

Kurz darauf bittet ihn die Großunternehmerin Eleanor Padget, Vorkommnisse in ihrer Bank zu untersuchen. Das lehnt Snow up. Wenige Tage später ist die Frau tot, angeblich Selbstmord. Snow allerdings will nicht daran glauben. Ohne Auftrag oder Polizeimarke ermittelt er auf eigene Faust, versucht, über einen Hacker herauszufinden, ob etwas an der Bank verdächtig ist. Schnell stellt er fest, dass sowohl der CEO der Bank als auch FBI und Polizei nicht glücklich sind über seine Schnüffelei. Snow wird bald klar, dass er in mehr als ein Wespennest gestochen hat - und nicht nur sein Leben ist bald in Gefahr.

Mit einem alten Freund und einem Ex-Soldaten, der noch seine Rolle im zivilen Leben sucht, muss sich Snow gegen Widersacher wehren und das Leben von Eleanore Padgets Tochter schützen. Gewissermaßen als Schwert in Gottes linker Hand, wie es an einer Stelle heißt. Wobei Snow auch im Rechtschaffenheit bemüht ist, das Viertel seiner Kindheit nicht aufgeben und Gangs und Drogen überlassen will. Ein jugendlicher Kleinkrimineller wird zu einem Projekt für ein anderes Leben und auch die mexikanische Familie mit problematischem Aufenthaltstatus beschäftigt den Ex-Polizisten.

Es passt irgendwie, dass der große Showdown diese Detroit noir-Krimis ausgerechnet zwischen den katholischen Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen stattfindet. Die Noche de los muertes, in der die Mexikaner ihrer Toten gedenken, an den Gräbern das Leben feiern, ist hier eine Nacht, in der vieles enden kann.

Stephen Mack Jones nimmt seine Leser mit auf eine tour de force durch Detroit, mit immer wieder neuen Wendungen, mit reichlich Gewalt aber auch einer Perspektive einer gewissen Hoffnung. Und ich hoffe definitiv, mehr von diesem Autor zu lesen.

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Veröffentlicht am 10.04.2021

Ein Täter auf Rachefeldzug?

Die Küstenkommissarin – Der Tote am Leuchtturm (Frida Beck ermittelt 1)
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Konflikte zwischen Umweltschützern und Immobilienhaien, Landkauf und Veränderung des sozialen Gefüges, Geldwäsche und mögliche Stasi-Seilschaften - es ist eine vielfältige und zunächst unübersichtliche ...

Konflikte zwischen Umweltschützern und Immobilienhaien, Landkauf und Veränderung des sozialen Gefüges, Geldwäsche und mögliche Stasi-Seilschaften - es ist eine vielfältige und zunächst unübersichtliche Gemengelage die sich der Kommissarin Frida Beck bei ihren Ermittlungen an der Ostseeküste Präsentiert. In "Die Küstenkommissarin" stellt Jonas Brandt die Ermittlerin der Kripo Lübeck und ihren Kollegen Denis Yilmaz erstmals vor, wobei das Hauptaugenmerk auch Beck liegt und Yilmaz eher der wohlwollende Sidekick ist.

Unter einer Segelyacht in Dahmeshöved wird die Leiche eines Jugendlichen entdeckt und das Gespann Beck/Yilmaz soll klären - Unfall oder Mord? Der Leiter der Mordkommission ist zögerlich, Beck zum Tatort zu schicken - ein über zugerichteter Junge, das könnte schlimme Erinnerungen bei der Kommissarin triggern, die bei einem ihrem Mann geltenden Mordanschlag auch ihren Sohn verlor und sich seitdem in der Arbeit vergräbt, auch wenn Yilmaz immer wieder versucht, sie zu verkuppeln.

Doch Beck zieht sich stets in die selbstgewählte Isolation zurück. Überhaupt scheint Brandt zu den Autoren zu gehören, die ihrer Protagonistin ein gewaltiges Maß an Schicksal aufbürden. Nicht nur, dass die Ermordung von Mann und Sohn die Rolle als mater dolorosa ausfüllen, ist auch noch Becks Vater an Krebs gestorben, während ihre Mutter sich in den USA einen neuen Lover suchte und die Schwester auf Weltreise selbstverwirklichte. Das ist dann doch ein bißchen dick aufgetragen.

Der tote Jugendliche jedenfalls ist der Sohn eines Immobilienhais, der es sich mit den Menschen in der Nachbarschaft gründlich verdorben hat, indem er ihr Land billig aufkauft und Luxusvillen baute. Vor allem einer der Nachbarn liegt im Streit mit der Familie. Der ältere Bruder des Toten wiederum hat Drogenprobleme und wurde vom Vater vernachlässigt, dafür erpresste er die Stiefmutter, die ein außereheliches Verhältnis hat. Sowohl innerhalb der Familie als auch in der Umgebung mangelt es nicht an möglichen Motiven. Zudem bleibt es nicht bei einem Toten und die Ermittler müssen sich fragen, ob hier ein Täter auf Rachezug ist. Doch Rache wofür?

Als wäre der Fall nicht kompliziert genug, erschwert ein örtlicher Kollege, der schon lange zur Mordkommission wollte, Beck die Arbeit und versucht sie zu sabotieren. Nicht gerade die besten Voraussetzungen also für eine schnelle Aufklärung des Falls, während der Druck auf die Kommissarin zunimmt.

Die Ortsschilderungen zwischen Hafen und Leuchtturm machen Lust auf Wellen, Wind, und Fischbrötchen, auch der Plot hat durchaus seine Reize, aber ich hoffe doch sehr, dass der Autor im nächsten Band seinen Figuren mehr Tiefe gibt. Vieles ist arg plakativ geraten, da wurde meiner Meinung nach Potential verschenkt. Als dann auch noch Mutter und Schwester auftauchen, wirkt das schwierige Verhältnis der Frauen eher karikierend als lebensnah. "Die Küstenkommissarin" ist der Auftakte einer Reihe, bei der ich noch Luft nach oben sehe.

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Veröffentlicht am 08.04.2021

Ein Land im Koma

Der ehemalige Sohn
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Menschen, die jahrelang im Koma lagen, müssen sich, sollten sie aufwachen, an vieles Neue gewöhnen - Technologien haben sich weiterentwickelt, die Gesellschaft hat sich verändert. Nicht so im Fall von ...

Menschen, die jahrelang im Koma lagen, müssen sich, sollten sie aufwachen, an vieles Neue gewöhnen - Technologien haben sich weiterentwickelt, die Gesellschaft hat sich verändert. Nicht so im Fall von Franzisk, dem Protagonisten von Sasha Filipenkos Roman "Der ehemalige Sohn". Das Belarus, in dem Franzisk nach zehn Jahren im Koma als 26-jähriger aufwacht, erinnert eher an die Sowjetrepublik seiner Kindheit. Eine eingefrorene, erstarrte Gesellschaft, ein Land, das selbst komatös erscheint. Die Zeit scheint stehengeblieben.

Filipenko hat mich als Autor bereits mit seinem Roman "Rote Kreuze" beeindruckt über die Freundschaft zwischen einem jungen alleinerziehenden Vater und einer unter Demenz leidenden alten Frau, die ihre Erinnerungen an die Schrecken des Stalinismus weitergeben will. "Der ehemalige Sohn" stammt zwar aus dem Jahr 2014, ist aber angesichts der Ereignisse in Belarus und der Betrachtungen über das Regime des Langzeitpräsidenten Lukaschenko - der im Buch nicht namentlich genannt wird - hochaktuell.

"Der ehemalige Sohn" erzählt die Geschichte von Franzisk, der von seiner resoluten Großmutter aufgezogen wird und in einer Unterführung in eine Massenpanik gerät. Zehn Jahre liegt er im Koma, die Ärzte haben ihn schon längst aufgegeben, selbst die eigene Mutter ist weitergezogen, hat ausgerechnet den Chefarzt der Klinik geheiratet und eine neue Familie gegründet. Nur die Großmutter kämpft unermüdlich um die lebenserhaltenden Maßnahmen für Franzisk, besucht ihn ständig, spricht zu ihm. Das Wunder erlebt sie nicht mehr: Franzisk erwacht einen Tag nach ihrem Tod aus dem Koma, erholt sich überraschend schnell, auch wenn er anfangs wie als Symbol der Desorientierung ein Gemisch aus Russisch und Weißrussisch spricht.

Ein Schulfreund versucht, ihn up to date zu bringen - doch je mehr er erzählt, desto weniger versteht Franzisk: "Wahrscheinlich war es besser, im Westen aus dem Koma zu erwachen. In einem kleinen Land, wo alles klar und vernünftig war. Wo die Ereignisse der Logik entsprachen und dem jahrhundertelangen Lauf der Dinge. Was Stass erzählte, war nicht annehmbar, nicht begreifbar. Das wollte alles nicht in seinen Kopf hinein."

Im Hof von Franzisks Wohnhaus spielen die Kinder "Proteste zerschlagen". Die Polizei hat selbst dem im Koma liegenden Fingerabdrücke genommen für den Fall, dass er sich an einer Oppostionskundgebung teilgenommen hat.

Eine der eindrücklichsten und so sehr an das aktuelle Belarus erinnernden Szenen schildert die Teilnahme der Freunde an einer Oppositionskundgebung, an den Moment der Hoffnung, dass das Land erwacht ist, dass sich doch etwas geändert hat: "Es würde schrecklich werden, aber nicht hinzugehen war keine Option, es war zu spät für einen Rückzug. Das Volk musste der Staatsmacht um jeden Preis zeigen, dass es unzufrieden war, dass sie nichts mehr gemeinsam hatten und es Zeit für eine Trennung war." Es ist ein Demonstrationszug, der selbst die Führer der Opposition überrascht "in diesen verängstigten, an die Wand gefahrenen, in die Ecke gedrängten Land". Und gewiss - der Traum vom Wandel wird brutal zerschlagen.

Mit viel bitterem Humor hat Filipenko sein Buch geschrieben. Belarus ist ein Opfer seiner Geschichte und seiner geografischen Lage, die Geschichte scheint im Kreis zu verlaufen und von der Geopolitik dominiert zu werden. Die postsowjetische Gesellschaft erinnert noch stark an die Zeiten des Imperiums und jeder, der die Welt der östlichen Seite des "Eisernen Vorhangs" erlebt hatte, erkennt vieles wieder. Statt dessen sind neue Formen von Korruption und Ausnutzung hinzugekommen, wie die Beispiele der blutjungen Frauen mit westlichen "Verehrern" zeigen, ob es sich nun um westliche Sextouristen oder Mitarbeiter westlicher Botschaften handelt.

Für Franzisk, der erleben muss, dass selbst in der eigenen Familie sein Platz weitervergeben wurde und er angesichts der Prinzenrolle des kleinen Halbbruders nur noch der ehemalige Sohn ist, bleibt als einziges Ziel die Auswanderung, zu den deutschen Eltern, die seinerzeit angeblich verstrahlten Kindern aus Tschernobyl in den Sommerferien Erholung boten. Seine Erkenntnis: Ein Koma reicht.

Mit "der ehemalige Sohn" hat Filipenko ein Buch geschrieben, das zwar wenig der historischen Hintergründe von Belarus (die in einem Nachwort der Übersetzerin erläutert werden) schildert, aber gewissermaßen Alltag und Seele der Gesellschaft beschreibt. Für Leser, die sich auch für die aktuelle Situation in dem Land interessieren, eine ebenso spannende wie wichtige Lektüre.

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Veröffentlicht am 06.04.2021

Die Queen und der tote Lakai

Tod im Buckingham Palast
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Irgendwie landen in letzter Zeit immer wieder unterhaltsame Krimis auf meinem Bücherstapel, in denen prominente Frauen ermitteln - Angela Merkel in der Uckermark etwa und nun gleich doppelt die Queen: ...

Irgendwie landen in letzter Zeit immer wieder unterhaltsame Krimis auf meinem Bücherstapel, in denen prominente Frauen ermitteln - Angela Merkel in der Uckermark etwa und nun gleich doppelt die Queen: Nach dem "Windsor Komplott" ist bei Bastei-Lübbe nun "Tod im Buckingham Palast" von C.C. Benison erschienen, dessen Original allerdings bereits vor einigen Jahren veröffentlicht wurde. Was nicht nur daran bemerkbarist, dass die Handlung kurz nach dem "anno horribilis" der Scheidungen der Königkinder spielt, sondern auch etwa von Walkman und anderen technischischen Geräten die Rede ist, die der jüngeren Vergangenenheit angehören.

C.C. Benison ist ein Pseudonym des kanadischen Autors Doug Whiteway. So ist es wohl nicht verwunderlich, dass die zweite Protagonistin des Buches, das Hausmädchen Jane Bee, Kanadierin ist. Und auch sonst stößt der Leser auf verschiedene "Canucks", die dank britischer Abstammung nicht nur im Palast Dienst tun, sondern auch erstaunliche Wurzeln in der britischen Gesellschaft haben.

Dass Jane im Auftrag ihrer Majestät unter die Hobby-Schnüffler geht, ist denn auch dem plötzlichen Tod eines anderen Kanadiers zu verdanken. Der Lakai Robin wird nämlich ausgerechnet vor den Privatgemächern der Queen gefunden. One is not amused, obviously. Immerhin haben die unartigen Corgies den Toten nicht angeknabbert.

Robin war ein Freund Janes und obwohl die Palast-Gerüchte von Selbstmord sprechen, will sie nicht an diese Version glauben. Gewiss, Robin neigte zu Depressionen, doch die Queen vermutet, dass er dem Geheimnis eines verschwundenen Tagebuchs auf der Spur war. Im Laufe ihrer Nachforschungen findet Jane, die in diesem Fall die Laufarbeit übernimmt und anschließend in einem Geheimzimmer mit der Queen die Hinweise analysiert, auf manche Frage: Warum hat sich der schwule Robin mit einem anderen Hausmädchen verlobt, das obendrein vom Pressesekretär schwanger ist? Ist er tatsächlich Anwärter auf einen Adelstitel - und wer sonst hätte Interesse, den Titel und die dazugehörige Apanage zu erben? Was weiß der unsympatische Klatschreporter einer Boulevardzeitung, der Jane immer wieder über den Weg läuft? Und welche Rolle spielt Robins Ex-Freund Karim, der dringend Geld braucht, um seine Schwester vor einer Zwangsheirat zu schützen?

Benison spielt mit den transatlantischen Gegensätzen und natürlich auch gleich mit den - für Kanadier unerwünschten - Verallgemeinerungen. Sie sind keine Amerikaner (das sind die Nachbarn südlich der Grenze), eh! Skurril-sympatische und auch einige nicht so sympatische bevölkern den durchaus launig geschriebenen Cozy-Krimi, der mehr unterhaltend als nervenzerrend ist.

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Veröffentlicht am 01.04.2021

Ein Buch, das nachhallt

Der gefrorene Himmel
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Richard Wagamese, der leider bereits 2017 starb, ist beim Blessing Verlag gleich doppelt vertreten: Nachdem im vergangenen Jahr bereits "Das weite Herz des Landes" erschien, kam nun vor kurzem "Der gefrorene ...

Richard Wagamese, der leider bereits 2017 starb, ist beim Blessing Verlag gleich doppelt vertreten: Nachdem im vergangenen Jahr bereits "Das weite Herz des Landes" erschien, kam nun vor kurzem "Der gefrorene Himmel" heraus - und dieses Buch hat mich sprachlich womöglich sogar noch mehr beeindruckt. Wagamese war Ojibwe, ein indigener Schriftsteller, der in seinen Büchern indianische Identität und den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit den First Nations thematisiert. So manches Element aus "Der gefrorene Himmel" findet Parallelen in Wagameses eigener Biografie, der in Heimen und Pflegefamilien aufwuchs und erst als erwachsener Mann zu seinen Ojibwe-Wurzeln fand.

Saul Indian Horse, dem Ich-Erzähler geht es ähnlich: Mit acht Jahren endet er in einem staatlichen Heim unter Leitung von Priestern und Nonnen, wo den Kindern ihr Indianertum mit aller Gewalt ausgetrieben werden soll. Gewalt, Misshandlung und Missbrauch sind an der Tagesordnung, Fluchtversuche werden mit drakonischen Strafen geahndet und das "Indianerfeld" auf dem Schulgelände ist voll mit den namenlosen Gräbern jener Kinder, die sich selbst töteten, um dem Leben im Heim zu entkommen.

Saul findet seine Rettung im Eishockey: Zwar darf er beim Spiel der älteren Jungen, die von einem hockeybegeisterten Priester trainiert werden, nicht mitmachen. Doch er darf die Eisbahn vorbereiten, und bringt sich heimlich Schlittschuhlaufen und Hockeytechniken bei. Der schmächtige 13-jährige ist ein Naturtalent, der eine symbiotische Beziehung zu dem Spiel und zum Eis zu haben scheint, wie sich herausstellt, als er durch den Ausfall eines Spielers plötzlich selbst eine Chance erhält.

Mehr noch: Sein Hockeytalent verschafft Saul die Chance, das Heim zu verlassen und beim Reservatteasm "Moose" zu spielen, dessen Trainer die Vormundschaft für ihn übernimmt. Zum ersten Mal seit der Trennnug von seinen Angehörigen hat Saul wieder so etwas wie eine Familie. Sein Talent und sein Gespüt für das Spiel überzeugt auch Skeptiker. Er ist so gut, dass auch "weiße" Mannschaften Interesse an ihm haben. Doch Saul muss gleich mehrfach erleben: Für das Publikum, die Medien, für die Gegner, selbst für die eigenen Mannschaftskameraden ist er immer nur "der Indianer". Rassismus wird zur ständigen Erfahrung, ebenso Anfeindungen: "Das Eis ist weiß,und die Spieler sind es auch."

In einem Hollywood-Drehbuch würde Saul als einsamer Held alle Widerstände überwinden und triumphieren, Wagamese hingegen zeigt, wie Saul in eine Abwärtsspirale gerät, als Gelegenheitsarbeiter von Job zu Job zieht, ein immer schwereres Alkoholproblem entwickelt und buchstäblich ganz unten ankommen muss, bis er nicht nur seine Sucht, sondern seine Vergangenheit konfrontiert und erkennt, was er erfolgreich verdrängt hat.

Ist in "Das weite Herz des Landes" der junge Ich-Erzähler ein Ojibwe, der von seinem weißen Pflegevater nach bestem Wissen mit den Traditionen seines Volkes bekannt gemacht wird, ist Saul ein Entwurzelter. Doch wenn er auf dem Eis steht, wenn er in der Wildnis unterwegs ist, hat er das Gefühl, das Land spreche zu ihm. Die Lebensgeschichte von Saul ist harte Kost, doch Wagamese schreibt geradezu poetisch, mitunter mythisch. Etwa wenn Saul Visionen von seinem Urgroßvater hat. Dann durchdringt ein Hauch von Schamanismus die Welt dieses lakonischen, stillen Erzählers.

Hatte Schreiben für Wagamese die gleiche therapeutische Wirkung wie Eishockey für Saul? Vielleicht hat auch er Dämonen mit seinen Büchern bezwungen. Die Behandlung der "First Nations" durch die Mehrheitsgesellschaft, für die sich die kanadische Regierung mittlerweile entschuldigt hat, war jedenfalls abscheulich. Wagamese schafft es, ohne Selbstmitleid den Finger in die Wunden zu legen - und verleiht den Opfern und Überlebenden gerade dadurch ihre Würde. Ein beeindruckendes Buch von einem großartigen Autor.

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