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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.10.2017

Nachlese halten

Scythe – Die Hüter des Todes
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Das Jahr, in dem "Scythe" von Neal Shusterman spielt, ist nicht mehr zu benennen, denn irgendwann hat man mit der Berechnung aufgehört, nachdem der Supercomputer THUNDERHEAD die Leitung über das Wohlergehen ...

Das Jahr, in dem "Scythe" von Neal Shusterman spielt, ist nicht mehr zu benennen, denn irgendwann hat man mit der Berechnung aufgehört, nachdem der Supercomputer THUNDERHEAD die Leitung über das Wohlergehen der Welt übernommen hat. Hunger, Krieg und Terror sind Vergangenheit, ebenso die Sterblichkeit. Um einer Überbevölkerung entgegenzuwirken, gibt es die Kaste der Scythen, die nach einer strengen Ausbildung samt Abschlussprüfung den Tod zu auserwählten Menschen bringen. Leider verfällt der Sittenkodex in einigen Scythengruppierungen und die Situation eskaliert, als zwei Jugendliche gleichzeitig von einem angesehenen Scythen als Lehrlinge angenommen werden. Es läuft auf einen Wettstreit auf Leben und Tod hinaus.
Zwischen dem normalen Handlungsstrang findet sich als Kapiteltrennung immer eine Seite aus dem Tagebuch eines der beteiligten Scythen. Zuerst haben mich diese trockenen Sequenzen etwas gestört, aber nach und nach wurden sie mir immer wichtiger für das Verständnis der allgemeinen Situation.
"Scythe" ist kein kompliziertes Buch. Es gibt im Prinzip nur den einen Handlungsstrang und es gibt auch wenig zwischen den Zeilen zu lesen. Interessant ist für mich die Vorstellung, wie sich eine Welt darstellt, in der es keinen Tod mehr gibt, keine Krankheit, kein Alter....irgendwie wirkt alles übersättigt und sinnentleert, wenn auch die Menschen dieser perfekten Welt es wahrscheinlich anders sehen. Nur die Scythen beenden diesen paradiesischen Zustand, aber die Wahrscheinlichkeit, ausgesucht zu werden, ist relativ gering.
Mich hat diese Dystopie sehr angesprochen. Einerseits ist der Erzählstil eher spröde, nur vereinzelt gibt es einige spannende Kampfszenen, aber dennoch will man wissen, wie sich die beiden Lehrlinge entwickeln werden und auch ob die Klasse der Scythen zu ihrem ursprünglichen Ehrenkodex zurückfinden kann. Am Ende bleiben keine Fragen offen, aber dennoch ist die Aussicht auf den zweiten Teil der Trilogie verlockend.

Veröffentlicht am 29.10.2017

Detailgetreu

Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel
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Der Autor, Jean-Francois Parot, ist ein ausgesuchter Kenner der Materie, wenn er den Leser ins Paris des 18.Jahrhunderts versetzt, um den jungen Ermittler Nicolas Le Floch bei seinem Kampf gegen das Verbrechen ...

Der Autor, Jean-Francois Parot, ist ein ausgesuchter Kenner der Materie, wenn er den Leser ins Paris des 18.Jahrhunderts versetzt, um den jungen Ermittler Nicolas Le Floch bei seinem Kampf gegen das Verbrechen und für die Ehre des Königs Ludwig XV. zu begleiten. Ursprünglich stammt Le Floch aus der Bretagne, wo er das große Glück hatte, als namenloses Findelkind in guten Verhältnissen aufwachsen zu dürfen, mit einem Adligen als Patenonkel. Dieser schickt ihn mit einem Empfehlungsschreiben zum Polizeipräfekten von Paris, der sich um seine weitere Ausbildung kümmert. Er wird bei Kommissar Lardin einquartiert, wohl auch, weil der Präfekt durch Nicolas ein Auge auf Lardin haben will, dem er dunkle Geschäfte bislang noch nicht nachweisen konnte. Als Lardin spurlos verschwindet, beginnt der berufliche Aufstieg Le Floch, denn trotz seiner Unerfahrenheit deckt er alle Spuren auf und erweist seinem König einen großen Dienst.

Die Handlung an sich ist schon äußerst spannend, doch der malerische Erzählstil von Parot läßt das alte,laute,stinkige Paris, das vor bitterarmen Leuten genauso wimmelt wie von hoffärtigen Neureichen und Adligen, vor den Augen des Lesers bildhaft werden. Am Rande wird immer wieder etwas von der damaligen Lebensweise vermittelt, sei es vom wilden Treiben im Karneval oder von der Esskultur. Hier biegen sich die Tafeln der Reichen von Last der erlesensten Speisen in mehreren Gängen, während die Bettlerinnen verbotenerweise vergammeltes Fleisch aus der Abdeckerei zu Suppe verarbeiten und diese auf der Strasse verkaufen. Es gibt zum Beispiel auch einen Mann, der quasi eine Wandertoilette betreibt, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Nicolas muss sich auch mit den kleinen Leuten gut stellen, denn gerade sie geben unschätzbare Informanten ab.

Dieses Buch ist beides: ein spannender, intelligenter Krimi, aber zugleich auch eine literarische detailgetreue Darstellung des Paris im Jahr 1761. In Frankreich gibt es schon zahlreiche Fortsetzungen von Le Floch, hier müssen wir leider noch bis nächstes Frühjahr warten, ehe der zweite Band herauskommt. Ich bin schon sehr gespannt, denn wie es aussieht, verfolgt der Leser dann nicht nur den Lebensweg von Nicolas, sondern erlebt Frankreichs Geschichte hautnah mit.

Sehr angenehm ist übrigens das doppelte Glossar am Ende dieses dicken Buches. Erst werden die im Buch erwähnten historischen Persönlichkeiten mit ihren Lebensdaten und -wegen kurz skizziert, dann kommt im zweiten Teil eine Erklärung von Begriffen, die man normalerweise nicht kennt. Sehr praktisch. Besonders gut gefallen hat mir auch die kostenlose Kindle-Edition "Die Welt des Commissaire Le Floch", die noch genauere Erläuterungen zum Werk, zum Autor und erst recht zum damaligen Alltag.

Veröffentlicht am 29.10.2017

Kindermafia

Missbrauchte Seelen
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Der Berliner Hauptkommissar Ralf Ziether musste sich auf eigenen Wunsch nach einem besonders belastenden Fall eine Auszeit nehmen, um mit Hilfe eines Therapeuten das Geschehene zu verarbeiten. Nach einem ...

Der Berliner Hauptkommissar Ralf Ziether musste sich auf eigenen Wunsch nach einem besonders belastenden Fall eine Auszeit nehmen, um mit Hilfe eines Therapeuten das Geschehene zu verarbeiten. Nach einem Vierteljahr fühlt er sich wieder stark genug für einen Wiedereinstieg. Zusammen mit der sympathischen Kollegin Britt Bredehorst soll er dem systematischen Kinderhandel aus dem osteuropäischen Raum auf die Spur kommen. Brisanterweise wird ein Maulwurf in den eigenen Reihen vermutet, so dass äußerste Vorsicht geboten ist.

Die Erzählperspektive wechselt dann laufend zu der eines verschleppten Mädchens beziehungsweise zu einem afrikanischen Sportfunktionär, der sich wegen diffuser Rachegelüste in dem kriminellen Gestrüpp verfangen hat. Auf diese Weise ergeben sich einige Nebenerzählstränge, die spannend das Wüten der deutschen Kolonialmacht in Afrika ausleuchten, oder aber auch schonungslos das entwürdigende Schachern um Stimmen bei der Ausrichtung internationaler Sportwettkämpfe anprangern.

Dieser Krimi ist sehr vielseitig, wobei die Charaktere der beiden Ermittler erfrischend natürlich bleiben. Es werden keine Schrullen in den Vordergrund geschoben, um die Personen künstlich interessant zu machen und ihre Ermittlungsarbeit wird genauso dargestellt, wie sie wahrscheinlich in der Realität tagtäglich vonstatten geht, nämlich akribisch und in kleinsten Erfolgsschritten bis der grosse Durchbruch kommt.

"Missbrauchte Seelen" von Stephan Leenen ist ein Krimi, der einen nicht loslässt, vor allem, weil der skrupellose Umgang der Kindermafia schonungslos beschrieben wird und mit Sicherheit nicht weit von der Realität entfernt ist.

Veröffentlicht am 29.10.2017

Voller Überraschungen

Pepe S. Fuchs - Mumienjäger
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Unser Held, der Motorradfahrende Feldjäger Pepe S. Fuchs, taucht erst relativ spät in dem Krimi auf. Er muss sich noch von seinem letzten Abenteuer erholen und seine gebrochenen Knochen heilen lassen. ...

Unser Held, der Motorradfahrende Feldjäger Pepe S. Fuchs, taucht erst relativ spät in dem Krimi auf. Er muss sich noch von seinem letzten Abenteuer erholen und seine gebrochenen Knochen heilen lassen. Aber der Leser hatte schon mit einem atemberaubenden Flugzeugabschuss in der Nähe von Guernsey zu tun, und ein geheimnisvolles chinesisches Duo liegt in den Startlöchern zu bösen Taten bereit. Auch in Deutschland formiert sich eine schlagkräftige Rockergang und Pepes ewiger Erzfeind, Oberbootsmann Candy Schulze, um in weiteren Handlungssträngen für spannende Action zu sorgen. "Pepe S. Fuchs - Mumienjäger" ist zu einem regelrechten Pageturner geworden. Ich muss sagen, der Autor Steffen Schulze steigert sich von Folge zu Folge. Die Handlung wirkt ausgereifter und realer, wird kunstvoller verwoben. Und ausgerechnet die letzte Seite bietet einen neuen, explosiven Höhepunkt, der leider erst im nächsten Buch seine Fortsetzung finden wird. Hoffentlich wird die Wartezeit nicht zu lange!

Veröffentlicht am 03.10.2017

Eselsmärchen

Pawlowa
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Ein englischer Gelehrter, genannt Mr.B, rettet in Peschawar ein niedliches Eselfohlen, das er wegen seiner langen Beine in Anlehnung an die großartige Tänzerin Pawlowa nennt. Allerdings hat er nun ein ...

Ein englischer Gelehrter, genannt Mr.B, rettet in Peschawar ein niedliches Eselfohlen, das er wegen seiner langen Beine in Anlehnung an die großartige Tänzerin Pawlowa nennt. Allerdings hat er nun ein Transportproblem und so entschließt er sich, den weiten Weg in die Heimat zu Fuß anzutreten. Er trifft auf die unterschiedlichsten Menschen, die ihm helfen. So wird es eine märchenhafte Reise durch verschiedenste Länder mit glücklichem Ausgang.

"Pawlowa" ist ein kleines, handliches Büchlein, das es aber in sich hat. Der schrullige Mr.B und die sanfte Pawlowa erobern das Herz des Lesers im Sturm und lassen ihn in der Lesezeit in eine bunte, heile Welt abtauchen. Ganz besonderes Augenmerk sollte man auf die pointierten Zeichnungen der Illustratorin Sally Ann Lasson lenken. Mit minimalem Federstrich und großem Humor fängt sie Stimmung von Mensch und Esel ein, und wenn man genau hinschaut, vermeint man in Mr. B sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Autor Brian Sewell zu entdecken.