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Veröffentlicht am 01.08.2021

Raumfahrer

Raumfahrer
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„Raumfahrer“ heißt der neue Roman von Lukas Rietzschel. Es ist eine Geschichte mit doppeltem Boden: Auf der einen Seite die untergehende DDR, die Wendezeit, und auf der anderen eine Geschichte, die direkt ...

„Raumfahrer“ heißt der neue Roman von Lukas Rietzschel. Es ist eine Geschichte mit doppeltem Boden: Auf der einen Seite die untergehende DDR, die Wendezeit, und auf der anderen eine Geschichte, die direkt zu Zeiten der DDR spielt. Auf der einen Seite die Frage nach der Identität, nach dem Osten, auf der anderen Seite eine Stasi-Geschichte, verknüpft mit dem Künstler Georg Baselitz.

Mein Urteil sei vorweggenommen: So ganz wird Lukas Rietzschel keinem seiner Themen gerecht.

Zunächst begegnet uns in dem Roman Jan, ein junger Pfleger, in Kamenz aufgewachsen, der mit ansehen muss, wie immer mehr Abteilungen seines Krankenhauses geschlossen werden. Von einem Patienten erhält Jan eines Tages einen Schuhkarton mit Dokumenten.

Dann gibt es da noch den Vater eben jenes Patienten, Günter Kern, Fahrlehrer. Von ihm und seinem berühmteren Bruder, dem Maler Georg Baselitz, handeln die Dokumente, die Jan eher widerwillig unter die Lupe nimmt – bis er nach und nach herausfindet, was sie mit ihm zu tun haben. Der Leser erfährt es erst auf den letzten Seiten des Buches.

„Raumfahrer“ ist ein sehr konstruierter Roman, zu dessen Schwäche es gehört, dass Themen, die zeitweise im Fokus stehen, plötzlich zu Nebenschauplätzen werden. Während am Anfang der Neuanfang nach dem Untergang der DDR im Zentrum steht, folgt bald schon die Ablösung durch eine Vater-Sohn- und eine (tatsächlich sehr spannende) Stasi-Geschichte. Eingewoben ist zudem der Blick auf Baselitz‘ Bilder, die „zerstückelten“ Personen wie auch die unnatürlich wirkenden Helden.

Wer nun glaubt, etwas über den Maler Georg Baselitz zu erfahren, wird enttäuscht. Er ist eine Randfigur, mehr nicht. Letztlich aber, so sehr es auch schmerzt, kann man das über alle Figuren des Buches sagen. Sie sind Raumfahrer, abgekapselt von ihrer Umwelt, mit sich selbst beschäftigt.

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Veröffentlicht am 01.05.2021

Hat mich nicht überzeugt

Erzähl mir was Schönes
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Lioba Werrelmanns Buch „Erzähl mir was Schönes“ stellt zwei ganz unterschiedliche Frauen gegenüber: Isabelle, die Forsche ist konservativ und reich – Julia, die Linke, ist dagegen zurückhaltend und arm. ...

Lioba Werrelmanns Buch „Erzähl mir was Schönes“ stellt zwei ganz unterschiedliche Frauen gegenüber: Isabelle, die Forsche ist konservativ und reich – Julia, die Linke, ist dagegen zurückhaltend und arm. Beide verbindet seit ihrer Studienzeit eine Freundschaft. Eine beständige Freundschaft, die auf ihre Art zumindest in den ersten Jahren innig ist. An anderen Stellen fragt man sich dagegen, was die beiden Freudinnen überhaupt noch zusammenhält.

Die zwei ganz und gar unterschiedlichen Freundinnen bescheren dem Leser freilich Dialoge, die einem die Haare zu Berge stehen lassen:

„Aber Isabelle“, ruft Julia aus, „die Todesstrafe ist zutiefst unmenschlich! Niemand hat das Recht, jemand anders zu töten!“
„Aber klar doch, selbstverständlich! Wenn einer einen anderen Menschen umbringt, hat er das Recht zu leben verwirkt.“
„Nein!“, beharrt Julia. „Das Recht auf Leben ist universell und immer gültig! Und die Todesstrafe ist grausam.“

Später heißt es dann:

Sie fragt Isabelle nicht, ob sie mitkommt zur Demo gegen den Paragrafen 218. Isabelle findet den Paragrafen 218 nämlich ganz prima.

Ganz prima? Die allzu plump präsentierten Argumente (wenn man sie überhaupt so nennen will) kann man noch den Figuren des Buches in die Schuhe schieben, nicht aber die allzu plumpe Darstellung des Dialogs.

So sehr man sich bei der nüchternen Sprache der Autorin über Metaphern freut: auch diese wirken manchmal sehr gewollt, manchmal sehr, sehr schräg. Das Herz schlägt Julia „bis zum Halse heraus„, Isabelle wird herausgeholt „aus dem grauen Schlauch„. Allzu nüchtern dagegen können die Landschaftsbeschreibungen sein: „Dieselbe Straße. Eng. So viele Kurven. Wiesen, Kühe, noch mehr Wiesen. Am Horizont die Berge. Plötzlich Dunkel. Der Wald.“

Vielleicht auch, weil mir die Sprache des Buches so gar nicht zugesagt hat, sind mir die Figuren beim Lesen fremd geblieben. Da half auch nicht, dass die Handlung immer wieder durch Rückblenden ganz geschickt unterbrochen ist.

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Veröffentlicht am 25.04.2021

Auf der Suche nach der Herkunft von 80 Millionen Euro...

Wisting und der fensterlose Raum
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Kommissar Wisting ist im zweiten Band der Wisting-Reihe mit einem heiklen Fall betraut: Jørn Lier Horst lässt seinen Kommissar die Herkunft von 80 Millionen Euro untersuchen, die bei einem Politiker gefunden ...

Kommissar Wisting ist im zweiten Band der Wisting-Reihe mit einem heiklen Fall betraut: Jørn Lier Horst lässt seinen Kommissar die Herkunft von 80 Millionen Euro untersuchen, die bei einem Politiker gefunden wurden. Versteckt waren sie – und damit ist der etwas merkwürdige Titel des Kriminalromans „Wisting und der fensterlose Raum“ gelöst – in einem fensterlosen Raum des Ferienhauses.

Dass das Geld nach dem – natürlichen – Tod des Politikers gefunden wird, macht das Ermitteln nicht einfacher. Bald schon wird klar, dass das Geld aus einem Überfall stammt, der schon einige Jahre zurückliegt. Und bald schon stellt sich die Frage, was der Fall mit einem Angler, der am Tag des Überfalls verschwunden ist, zu tun hat.

In die Ermittlungsarbeiten mit einbezogen ist Wistings Tochter Line, eine Journalistin. Ihre Aufgabe ist es, das Umfeld des verstorbenen Spitzenpolitikers unter die Lupe zu nehmen. Dass ihr Vater ein Ermittlungsteam zusammenstellt, führt allerdings dazu, dass das Ermitteln eher langsam vorwärtsgeht. Jeder darf mal eine Spur verfolgen, jeder seine Ergebnisse präsentieren. Anfangs wirkt das Buch dadurch doch ein wenig zäh. Dieser Eindruck verflüchtigt sich allerdings, je weiter die Handlung vorangeht. Dann sorgen auch die häufigen Perspektivwechsel für Spannung, da Ermittlungsschritte unterbrochen werden.

Mir kam der Showdown am Schluss aufgrund der ansonsten eher bedächtigen Ermittlungsschritte fast wie ein Fremdkörper vor. Verwundert hat mich auch, mit welcher Selbstverständlichkeit Personen als Lockvögel verwendet werden, ohne dass ihre mögliche Gefährdung überhaupt diskutiert wird. Ein videoüberwachter Raum scheint jegliche Bedenken zu zerstreuen. Auch dass Wisting über seine Tochter Informationen an die Presse geben lässt, um die Karriere eines Politikers zu beenden, dem Wisting direkt keine Schuld nachweisen kann, überrascht doch. Hier hätte man doch etwas mehr über die Beweggründe Wistings erfahren. Aber es bleiben ja weitere Bände um Kommissar Wisting, die dies nachholen können.

Fazit: Jørn Lier Horsts „Wisting und der fensterlose Raum“ ist ein Krimi, der erst nach und nach an Fahrt gewinnt, dann aber sein Spannungspotenzial voll entfaltet.

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Veröffentlicht am 09.04.2021

Nicht gleich gefesselt

Draussen
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der neue Thriller von Volker Klüpfel und Michael Kobr dann doch gefesselt hat. Das Schriftsteller-Duo um Kommissar Kluftiger beschreitet mit "Draußen" neue Wege.

Handlungsort ist zunächst der Wald. Stephan ...

der neue Thriller von Volker Klüpfel und Michael Kobr dann doch gefesselt hat. Das Schriftsteller-Duo um Kommissar Kluftiger beschreitet mit "Draußen" neue Wege.

Handlungsort ist zunächst der Wald. Stephan lebt in einem Wohnwagen am Waldrand zurückgezogen mit zwei Kindern, als Outdoor-Trainer - ein mäßig erfolgreicher allerdings, denn allzu oft schockt er die Teilnehmer mit seinen Aktionen.

Schon bald wird deutlich, dass der Mann mit den Kindern unterhalb des Radars lebt, im Verborgenen, auf der Flucht. Doch vor wem? Und weshalb bildet Stephan die Kinder zu Kämpfern aus?

Zum Brandenburger Wald gesellen sich nach und nach weitere Handlungsorte, unter anderem der Berliner Politikbetrieb und die französische Fremdenlegion. Wie genau die unterschiedlichen Erzählfäden zusammenhängen, bleibt bis zum Schluss spannend.

Allerdings hat mich das Buch auch erst ab der zweiten Hälfte für sich eingenommen. Dadurch, dass man - gerade wegen des Spannungsaufbaus - am Anfang nur sehr wenig über die Personen weiß, alles sehr geheimnisvoll ist, bleiben sie einem enorm fremd. Der verbissene Outdoor-Trainer, die abgeschotteten Kinder: beim Lesen konnte ich nur wenig damit anfangen, auch wenn die Kinder nach und nach doch etwas mehr Kontur bekommen. Erst als der Berliner Politikbetrieb zur Handlung dazustößt, wird die tröge Welt etwas lebendiger - wobei deren Vertreter Wagner alles andere als sympathisch ist. Auf jeden Fall aber ist es eine schillernde Figur, was man von den anderen Protagonisten so nicht sagen kann. Da stört es auch nicht sonderlich, dass man als Leser sich an Wagner und seinen Machenschaften eher reibt.

Was allerdings sehr störend ist, ist die plakative Darstellung der Politik. Intrigen, Ränkespiele, Lobbyismus - aus mehr besteht Politik in "Draußen" nicht. Da wirkt es dann fast schon glaubwürdig, wenn der Roman ins Dystopische abgleitet, als nach einem Unwetter in ganz Deutschland der Strom ausfällt. Spätestens ab diesem Moment wollte ich zumindest unbedingt wissen, wie alles miteinander zusammenhängt.

Da ich kein Freund von langen actiongeladenen Beschreibungen bin, hat mich das Ende des Buches an manchen Stellen doch noch einmal sehr herausgefordert.

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Veröffentlicht am 14.03.2021

Roman über Virginia Woolfs letzten Tage

Ach, Virginia
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Im Alter von 59 Jahren nahm die Schriftstellerin Viriginia Woolf sich das Leben. Michael Kumpfmüller lässt nun in seinem Buch "Ach, Virginia" die letzten Tage der Virginia Woolf lebendig werden. 

Kumpfmüller ...

Im Alter von 59 Jahren nahm die Schriftstellerin Viriginia Woolf sich das Leben. Michael Kumpfmüller lässt nun in seinem Buch "Ach, Virginia" die letzten Tage der Virginia Woolf lebendig werden. 

Kumpfmüller begibt sich dazu in die Gedanken- und Gefühlswelt Woolfs. Er wählt die Innensicht als erzählerisches Mittel, den Bewusstseinsstrom. Er umkreist dabei immer wieder die gleichen Gedanken und Gefühle der Schriftstellerin: ihre Selbstzweifel, die Angst, wahnsinnig zu werden, wieder in eine Anstalt zu müssen, ihr Unvermögen, zu schreiben. 

Wer sich von dem Buch erzählerisch nahegebrachte Informationen über Woolfs Bücher, ihre Erfolge, ihre neuen Ansätze des Erzählens erhofft, wird bitter enttäuscht. All das kommt in dem Buch nicht, allenfalls am Rande, vor. Kumpfmüller zeigt stattdessen eine Virginia Woolf, die - das dürfte es wohl am besten treffen - zutiefst selbstreferenziell ist. 

Deutlich wird dadurch einerseits Woolfs Stolz und Narzissmus, ihre Überheblichkeit im Wissen darüber, dass sie (und nur sie!) eine außerordentliche Schriftstellerin ist. Ebenso tritt aber auch ihre Brüchigkeit und Verletzlichkeit zutage, verbunden mit abgrundtiefen Selbstzweifeln und ebenso abgrundtiefer Angst. Allenfalls verschwommen ist die Wahrnehmung ihrer Umwelt. Der Leser ist mit hineingenommen, wenn sie sich fragt, ob sie gerade etwas laut gesagt hat oder nur gedacht hat, ob die Stimmen, die sie hört, real sind oder nicht. Und ja: der Leser spürt, wie groß ihre Angst sein muss, erneut psychotische Schübe zu haben, wieder in eine Anstalt zu müssen. 

Dieser schmale Grat zwischen Realität und Wahn macht den Leser zum Deuter. Spätestens die subjektive Sicht auf den Ehemann , auf Freundinnen und Freunde lassen den Deuter zum skeptischen Beobachter werden. Bei den vielen vielfältigen Wiederholungen des immer gleichen Themas ist es das, was einen Kumpfmüllers Buch nicht vorzeitig beiseite legen lässt. Man wird als Leser Teil dieser Welt. 

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