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Veröffentlicht am 14.05.2019

Herrliche Münchauseniade

Die Analphabetin, die rechnen konnte
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In Johannesburg beginnt der Roman von Jonas Jonasson. In Schweden endet er. Dazwischen findet in „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ eine ganz und gar abstruse Abenteuergeschichte statt, die ihresgleichen ...

In Johannesburg beginnt der Roman von Jonas Jonasson. In Schweden endet er. Dazwischen findet in „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ eine ganz und gar abstruse Abenteuergeschichte statt, die ihresgleichen sucht. Hauptperson: Nombeko Mayeki.

Mit ihr begibt man sich als Leser auf eine herrliche Münchhauseniade voller absurder Abenteuer und unwahrscheinlichen Begegnungen. An manchen Stellen wirkt es fast so, als ob das Unwahrscheinliche die Normalität ist. Jonas Jonassons Einfallsreichtum scheint unerschöpflich zu sein.

Das beginnt schon mit Nombeko selbst. Die Latrinentonnenträgerin arbeitet sich in Südafrikas größtem Slum nach und nach vom Latrinenbüro von Soweto hoch, denn sie kann zwar nicht lesen, aber dafür umso besser rechnen. Sie landet als Putzfrau bei einem Ingenieur, hilft mit, Südafrikas erste Atombombe zu bauen. Mit ihr zusammen landet sie schließlich in Schweden. Doch wie wird man eine Atombombe wieder los?

Ihre Klugheit bringt Nombeko immer wieder weiter. Sie schafft es überall, mit den Füßen auf dem Boden zu landen. Das ist der eine Grund, weshalb mir „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ gefiel: man kann die schelmenhaft clevere Nombeko einfach nur liebgewinnen. Der andere Grund ist die Art, wie Jonas Jonasson erzählt: er ist ein Meister der Fabulierkunst. Pointenreich erzählt er, immer mit einem Lächeln im Gesicht, was man im Leben alles so erleben könnte.Wenn es dabei zu den ungewöhnlichsten Begegnungen kommt: umso besser. Dass die Personen, die sonst noch in dem Buch auftauchen, eher stereotyp sind, tut keinen Abbruch. Denn je stereotyper sie sind, umso mehr Ecken und Kanten haben sie. Und die witzig-charmant aufs Korn zu nehmen, das ist Jonas Jonassons Spezialität.

Ich bin eigentlich kein allzu großer Freund von Hörbüchern. Meistens entgeht mir beim Hören im Auto irgend etwas, und ich muss mir ein Kapitel nochmal anhören, was auf dauer etwas nervt. Mit diesem Hörbuch bin ich aber gut zurecht gekommen. Anfangs irritieren die zwei Erzählstränge in Südafrika und in Schweden, aber spätestens wenn sie sich vereinigt haben, kann man den Irrungen und Wirrungen der Geschichte gut und leicht folgen. Ein idealer Roman für ein Hörbuch. Katharina Thalbachs Stimme habe ich dabei sehr genossen – sie liest sehr betont, nicht überhastet, lässt Pausen. Warum auch immer: im Auto kam ihre Stimme nicht so knörzig rüber als im CD-Player, daher wurde es mein Auto-Hörbuch für einige Wochen. Und ja: es waren unterhaltsame Autofahrten.

Veröffentlicht am 01.05.2019

Jetzt also Rupert

Ruperts Tagebuch - Zu nett für diese Welt!
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Rupert ist zu nett für diese Welt. Das sagt sein Vater zumindest immer. Dass es stimmt, kann man jetzt in Jeff Kinneys neuem Comicbuch „Ruperts Tagebuch“ nachlesen. Wer glaubt, es gehe in Ruperts Tagebuch ...

Rupert ist zu nett für diese Welt. Das sagt sein Vater zumindest immer. Dass es stimmt, kann man jetzt in Jeff Kinneys neuem Comicbuch „Ruperts Tagebuch“ nachlesen. Wer glaubt, es gehe in Ruperts Tagebuch nicht um Greg, der irrt.

Erzählt wird eher episodenhaft – zum Beispiel, was Greg von Ruperts Idee hält, wie unerträglich Greg als Lernpartner ist, wie Rupert und Greg einen Superhelden-Comic erschaffen wollen. Der einzige rote Faden ist Greg – denn um ihn geht es in dem Buch, genauer gesagt: darum, wie Rupert Greg sieht. Das ist mitunter sehr, sehr lustig. Besonders, weil Rupert sich immer wieder von Greg über den Tisch ziehen lässt – aber wer würde nicht auch gerne eine Gute-Junge-Auszeichnung bekommen!

Mit „Ruperts Tagebuch“ ist es Jeff Kinney gelungen, Gregs Tagebuch in ähnlicher Manier weiterzuführen, ohne dass es ein reiner Abklatsch ist. Ein wenig gestört hat mich nur, dass es keine richtige fortlaufende Handlung gibt.

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Veröffentlicht am 25.04.2019

Mehr als eine Hommage ans Kino

Das Kino des Lebens
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Mit „Das Kino des Lebens“ hat Jimmy Liao ein Bilderbuch für Erwachsene geschaffen, das mehr als eine Hommage an das Kino ist.

Jimmy Liao geht es vielmehr um die Frage, was Kino vermag. Kann es trösten? ...

Mit „Das Kino des Lebens“ hat Jimmy Liao ein Bilderbuch für Erwachsene geschaffen, das mehr als eine Hommage an das Kino ist.

Jimmy Liao geht es vielmehr um die Frage, was Kino vermag. Kann es trösten? Kann es Einsamkeit bekämpfen? Kann es dabei helfen, das Leben zu meistern? Kann es die Erinnerung an Menschen wachhalten? Kann es das eigene Leben ersetzen? Und nicht zuletzt: Hält es das Happy End für das eigene Leben parat?

Ja und Nein ist Liaos Antwort, die er in eine Geschichte verpackt hat: die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das mit ihrem Vater immer ins Kino geht, wenn sie ihre Mutter vermisst. Allerdings kann ihr das Kino nicht in allen Lebenslagen helfen. Zwar findet das Mädchen als junge Frau im Kino ihre Freunde, aber ein Garant für ewige Liebe ist das nicht.

Auch wenn ihr Leben später immer wieder seinen Bezugspunkt im Kino findet, ist es – wie das Ende eines Kinofilms – nicht vorhersehbar. So sehr man es sich auch herbeiwünscht: ein Happy End ist nicht immer garantiert. Im Kino nicht, und im Leben erst recht nicht. Das weiß Jimmy Liao, dennoch bleibt der Zauber des Kinos in seinem Buch bestehen.

Das liegt auch an den Zeichnungen. Wunderschön sind die Bilder, allen voran der Kinosaal, der immer wieder auf ganz unterschiedliche Art und Weise zum Leben erweckt wird. Von der Intensität der Aussage her reicht „Das Kino des Lebens“ meines Erachtens nicht an andere Bücher von Liao heran, wohl aber, was die Kraft der Bilder angeht.

Veröffentlicht am 24.04.2019

Von der Macht der Fantasie

Der Klang der Farben
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Wie klingen Farben? In seinem Bilderbuch für Erwachsene „Der Klang der Farben“ beschreibt Jimmy Liao, wie ein blindes 15-jähriges Mädchen mit der U-Bahn durch eine Stadt fährt. Was sie nicht sehen kann, ...

Wie klingen Farben? In seinem Bilderbuch für Erwachsene „Der Klang der Farben“ beschreibt Jimmy Liao, wie ein blindes 15-jähriges Mädchen mit der U-Bahn durch eine Stadt fährt. Was sie nicht sehen kann, stellt sie sich vor. Traumbild reiht sich an Traumbild, eines bunter und fantasievoller als das andere.

Bald schon wird deutlich: diese Illusion lässt sich nicht immer aufrechterhalten – das Mädchen wird müde, verfährt sich, stolpert… Unbeirrt hält sie dennoch an ihrer Suche nach dem allersüßesten roten Apfel, nach dem einen Blatt aus Gold fest. Vor allem aber ist es die „Suche nach dem Licht, das in meinem Herzen schimmert“. Diese spannungsgeladene Doppelbödigkeit macht das Buch tatsächlich zu einem Bilderbuch für Erwachsene. Die bezaubernde kindlich-naive Traumwelt rutscht immer wieder ins Melancholische, etwa bei der Erinnerung an die Zeit, als sie noch sehen konnte.

Letztlich ist es die Kraft der Fantasie und die Kraft der Dichtkunst, die Jimmy Liao in „Der Klang der Farben“ besingt. Sie können dem Menschen Halt geben, wenn das Leben selbst diesen Halt nicht mehr bietet. Kein Wunder, dass Liao sein Buch „den Dichtern“ gewidmet hat. Die Flucht aus der Realität freilich kann gelingen. So hat das Mädchen später ihren Schutzengel wieder, der am Anfang des Buches verlustig gegangen ist.

Liao zitiert am Ende des Buches einen Auszug aus dem Gedicht „Die Blinde“ von Rainer Maria Rilke. „Ich bin eine Insel“, sagt die Blinde in diesem Gedicht über sich selbst. Ein Satz, der auch auf das blinde Mädchen von Liao zutrifft. Überhaupt kann man Liaos „Der Klang der Farben“ als Adaption von Rilkes Gedicht lesen. Viele der Motive des Gedichts tauchen in den Zeichnungen auf.

Für mich hat sich „Der Klang der Farben“ nicht so leicht erschlossen wie die anderen Bilderbücher für Erwachsene des taiwanesischen Künstlers, die ich bisher gelesen habe. Fasziniert hat mich schließlich aber, wie Liao Rilkes Gedicht frei in Szene setzt und die Macht der Fantasie thematisiert.

Veröffentlicht am 22.04.2019

Hervorragend aufgearbeitetes Zeitdokument

Paul und der Krieg
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Beim Durchsehen des Nachlasses ihres Vaters stieß Dorothee Haentjes-Holländer auf eine Fülle an Dokumenten über dessen Einsatz im Zweiten Weltkrieg. Entstanden ist daraus das Buch „Paul und der Krieg„, ...

Beim Durchsehen des Nachlasses ihres Vaters stieß Dorothee Haentjes-Holländer auf eine Fülle an Dokumenten über dessen Einsatz im Zweiten Weltkrieg. Entstanden ist daraus das Buch „Paul und der Krieg„, in dem sie die Geschichte von Paul erzählt, der als 15-Jähriger als Flakhelfer eingezogen wird und für den als 17-jähriger Soldat der Krieg dann in amerikanischer Gefangenschaft endet.

Was Paul zwischen 1943 und 1945 erlebt hat, wird allerdings nicht nur erzählt. Dorothee Haentjes-Holländer hat zudem viele sachkundige Informationen ergänzt und zahlreiche Abbildungen machen das Beschriebene anschaulich. So ist ein Buch entstanden, das man auf der einen Seite als Geschichte lesen kann, das man aber auch aufgrund der Vielzahl an zusätzlichen Informationen als Sachbuch zur Hand nehmen kann.

Das, was dem Buch seine besondere Qualität gibt, sind die vielen persönlichen Briefe, die Paul geschrieben hat, allen voran an seinen Bruder. Als Leser bekommt man so einen ungefilterten Eindruck von dem, was einen 15-Jährigen damals beschäftigte, der schneller erwachsen wurde als er sich träumen ließ.

Der Stolz, nicht mehr Schüler zu sein, weicht bald der Ernüchterung. Der jugendliche Flakhelfer hat mit Übermüdung zu kämpfen, mit Läusen und mit Lehrern, die keine Rücksicht nehmen und bei Disziplinlosigkeit für ungerechtfertigten Urlaubsentzug sorgen. Der Leser erhält so einen genauen Blick auf den Alltag des 15-Jährigen bei der Flak und erlebt mit, wie aus dem Flakhelfer in den letzten Kriegsmonaten schließlich noch ein Soldat wird.

Es sind oft die Kleinigkeiten, die Nebensächlichkeiten, die für uns heutige Leser am interessantesten sind: der kurze Bericht eines Kameraden, der ausrastet, weil er den Lagerkoller kriegt, der durchgeboxte Wunsch nach Religionsunterricht (wo sonst alle Lehrer beim Teufel bleiben sollten!), der Versuch sein Schicksal durch freiwilliges Melden für eine Ausbildung selbst in die Hand zu nehmen.

Mit „Paul und der Krieg“ ist ein hervorragend aufgearbeitetes Zeitdokument entstanden, das durch die Perspektive eines eher unpolitischen Jugendlichen und die genaue Beschreibung des Lebensalltags einen guten Einblick in die Herausforderungen, vor denen Jugendliche damals standen, gibt. Ohne dass es eigens gesagt werden muss, wird auf jeder Seite des Buches der Schrecken des Krieges deutlich.